P. Josef-Karl Mai SJ
* 16. April 1913 in Breslau     13. Juli 1991 in Münster

Wenn ich etwas über Josef-Karl Mai zu Papier bringe, um ihn im Gedächtnis der Mitbrüder zu halten, dann ist das keine leichte Aufgabe. Er lebte zwar von 1968 bis 1988 in Berlin, zunächst in St. Clemens, dann später im Ignatiushaus Berlin, und nahm verschiedene Tätigkeiten in unserer Großstadt wahr. Innerhalb der Ordensgemeinschaft war er Minister und Ökonom in St. Clemens und brachte bei dieser Gelegenheit seine kaufmännischen Fähigkeiten ein, die er in den vorausliegenden Jahren in Argentinien unter sehr harten Bedingungen erlernen mußte. In Berlin betätigte er sich als Krankenseelsorger in verschiedenen Krankenhäusern, stand als Präses der Marianischen Männerkongregation am Canisius-Kolleg vor und nahm sehr engagiert unermüdlich Aushilfen in verschiedenen Pfarreien wahr und konnte vielen Mitbrüdern als Beichtvater der Priester-Rekollektionen spirituell behilflich sein. Dennoch können wir aus diesen Jahren wenig Persönliches über ihn berichten, da er stets verschlossen war und auf eine eher gemütliche Weise jedem Versuch widerstand, "ihm auf den Leib zu rücken", mit anderen Worten, ihn als Kollegen, Freund und Mitbruder persönlich kennenzulernen. Wenn man sich mit ihm und seinem Leben beschäftigen wollte, dann stocherte man in der Regel wie in einem Nebel herum, um nicht zu sagen, daß er uns geschickt an der Nase herumführte. Das wenige, das er von sich berichtete, läßt sich folgendermaßen festhalten:

Er hing mit besonderer Liebe an seiner schlesischen Heimat, war am 16. April 1913 in Breslau geboren, besuchte dort das humanistische Gymnasium und ließ sich durch die Begegnung mit den dortigen Jesuiten inspirieren, der Gesellschaft Jesu 1932 beizutreten. Als echter Schlesier machte er sein Noviziat in Mittelsteine, studierte trotz der schlimmen Entwicklungen in Deutschland infolge der Nazi-Diktatur in Pullach und war noch einmal ein Jahr als Präfekt in Mariaschein tätig. Dieser wenn auch kurze Aufenthalt in Nord-Böhmen bewirkte immerhin, daß er jedesmal große Aufmerksamkeit zeigte, wenn irgendwelche Nachrichten aus dem Leben der Kirche in der Tschechoslowakei bekannt wurden. Diese tiefverwurzelte Rückbindung an seine schlesische Heimat und an die Kirche in Nord-Böhmen verließ ihn nicht bis in sein hohes Alter und machte ihn erfinderisch in der Suche nach Hilfsmitteln für die Menschen in diesen Teilen Europas, die ihm die erste und zweite Heimat bedeuteten.

Wenn man ihm zuhörte, wurde leicht erkennbar, daß er aber eigentlich sein Herz an Argentinien verloren hatte, wo er seit März 1939 seine nächste Heimat fand. Dort studierte er Theologie und wurde am 20. Dezember 1941 in Buenos Aires zum Priester geweiht. Die ersten Jahre nach der Weihe erlebte er in Córdoba, wo er Sozius des Novizenmeisters war und später die Funktion des Ministers des Hauses ausfüllte. Zweimal war er in Argentinien als Pfarrer sehr erfolgreich tätig, vom April 1948 bis Dezember 1956 in S. Familia in Córdoba und dort wiederum vom März 1960 bis April 1968. Zwischenzeitlich stand er den Mitbrüdern im Jesuitenkolleg in Santa Fe als Lehrer, Ökonom und Spiritual zur Verfügung.

Da es um seine Gesundheit nicht gut stand, mußte er seine Wahlheimat Argentinien 1968 verlassen und kam nach Berlin, um dort die schon erwähnten Tätigkeiten zu übernehmen. Unverkennbar hat P. Mai große Impulse in Argentinien empfangen: Er konnte sich mit den Menschen unkompliziert und spontan unterhalten; in seiner pastoralen Tätigkeit war er von der Theologie geprägt, die er in Argentinien erlernt und hinreichend praktiziert hatte; da er ein Praktiker war, konnten ihm auch die sehr komplizierten Entwicklungen des 2. Vatikanischen Konzils nicht allzuviel anhaben; intellektuellen "Ausflügen" seiner Mitbrüder stand er ziemlich reserviert gegenüber, ließ sich aber von einer mit Humor gewürzten Überzeugung leiten, daß im Hause Gottes "viele merkwürdige Vögel herumfliegen".

Nachdem er in Berlin über zwei Jahrzehnte in seiner nunmehr dritten Heimat Fuß gefaßt hatte, war es für ihn persönlich nicht einfach, dem Wunsch des P. Provinzial zu entsprechen, Berlin gegen die Tätigkeit als Beichtvater in Saarlouis einzutauschen. Den ersten Versuch des P. Provinzial konnte er noch mit einigem Geschick abwenden. Die zweite Anfrage ließ ihn aufhorchen, ob nicht hinter dem Wunsch der Provinzleitung der Wunsch seines Herrn stand, um des Dienstes und der Gesellschaft Jesu willen nach Saarlouis zu gehen. Schweren Herzens zog er um, blieb aber telefonisch und brieflich mit unserer Kommunität weiterhin sehr freundlich verbunden. P. Mai blieb nur zwei Jahre in dieser Stadt und wurde dann von der Krebskrankheit heimgesucht, die es ratsam erscheinen ließ, ihn 1990 nach Münster in das Haus Sentmaring zu versetzen. Dort starb er am 13. Juli 1991.

Wir im Ignatiushaus in Berlin haben eigentlich selten erfahren können, was P. Mai innerlich letztlich bewegte. Er machte nicht viel Aufsehen mit seiner Person, ging seinen Tätigkeiten regelmäßig mit Treue und Konsequenz nach und war sehr bemüht, bei den Aushilfen Spenden zu erbitten, die er treuhänderisch verwaltete und sowohl in die alte Heimat Schlesien als auch in die Pfarrei in Córdoba weitergab. In diesem Punkte erwies er sich als besonders treuer Hausvater für viele Menschen, die nur er kannte, die aber viel davon hatten, daß er wie ein zweiter "St. Nikolaus" für alle Anliegen seine großen Ohren offenhielt.

Wenn wir auch wenig über seine Empfindungen, Gefühle und inneren Vorstellungen erfahren konnten, besonders nahe wurde er uns jedesmal, wenn er ein gutes Essen witterte und sich mit großem Eifer persönlich dafür verwandte, daß nichts davon unnötig übrigblieb. Manches über ihn konnte man erfahren, wenn man ein neues Steak-Haus ausfindig gemacht hatte, um ihn um sein fachmännisches Urteil zu bitten. Nicht zu vergessen ist auch seine besondere Vorliebe für das Theater, noch mehr für die Oper. Regelmäßig machte er Gebrauch von seinen Abonnements in der Berliner Oper und pflegte Opernaufführungen am Fernsehen mit äußerster Anteilnahme zu folgen. So war er bei aller spröden Askese doch in mancher Hinsicht ein liebevoller Genießer schöner Dinge, wenn ich auch nicht den Eindruck verwischen möchte, daß ihm ein gewisses schlechtes Gewissen bei der Exkursion in die schönen Dinge nicht erspart blieb. P. Josef-Karl Mai war ein unaufdringlicher, gemütlicher und pfiffiger Hausgenosse. Viele Menschen danken ihm sein Verweilen in Berlin. Wir hoffen, daß er, der so oft die Heimat wechseln mußte, nunmehr eine gute, wirkliche Heimat bei Gott gefunden hat.

R.i.p.

P. Werner Herbeck SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1992 - Mai, S. 76f