P. Ludwig Maurmann SJ
11. November 1959 in Münster

Pater Ludwig Maurmann wurde am 31. Mai 1910 in Dortmund geboren, wo sein Vater, Dr. Ernst Maurmann, am damaligen Königlichen Gymnasium Studienrat war. Seine Versetzung nach Arnsberg sollte dem kleinen, schwächlichen Ludwig sehr zu statten kommen. Schon von Anfang an mußte er zum Erlernen von Lesen und Schreiben eine Brille benutzen, was ihm und den Eltern nicht selten einen kleinen Verdruß bereitete. Er zeigte jedoch im Lernen schnelles Verstehen, klares Auffassen und gutes Behalten. So erwarb er sich sichere Kenntnisse, zunächst in der Volksschule und dann am humanistischen Gymnasium, an dem er, kaum 18jährig, ein gutes Abitur machte. Inzwischen war er auch körperlich etwas stärker geworden; zeitweise stand er unter ärztlicher Kontrolle, weil seine Lunge angegriffen erschien. Die gesunde Waldluft des Luftkurortes Arnsberg und seiner Umgebung, in der er gern auch allein wanderte, tat ihm gut und die großen gemeinsamen Sommerferien von "Neudeutschland' auf Norderney brachten ihm nicht nur Abwechslung, sondern auch Stärkung.

Ludwig lernte Neudeutschland früh kennen, wuchs hinein und wurde Führer der Arnsberger Gruppe, die unser P. Grauvogel, als Gaukaplan für Westfalen, von Münster her regelmäßig und gern besuchte; bei Maurmanns fühlte er sich dann zu Hause. So machte Ludwig auch Exerzitien für Neudeutsche mit und gewann damit eine sichere Grundlage für seine Berufswahl. Von Zeit zu Zeit trafen in der Familie auch Nachrichten von Jesuiten ein, von Onkel Bernhard Bley und dessen jüngerem Bruder Alfred Bley, jetzt in der südbrasilianischen Provinz. Deren Schwester Frau Agnes Maurmann war eine glaubensstarke und opferwillige Mutter. Sie hatte vor ihrer Heirat Gott gebeten, ihr Söhne zu schenken und Priester werden zu lassen, wenn möglich, Jesuiten. Sie hatte versprochen, dafür täglich ein Vaterunser und ein Gegrüßet seist du, Maria, zu beten mit der Anrufung: Seliger Petrus Canisius, bitte für uns! In der Tat wurde sie Mutter von vier Söhnen, von denen die drei älteren Priester der Gesellschaft Jesu wurden.

Ludwig Maurmann fuhr am 18. April 1928 ins Bonifatiushaus bei Emmerich und begann dort das Noviziat. Es erwartete ihn eine ernste Aufgabe, die er unter Leitung des nicht nachsichtigen Novizenmeisters Heinrich Schmitz zu lösen hatte. Ludwig trug schwer an wechselnden Stimmungen und Verstimmungen sowie Mangel an Überlegung und Durchhalten. Es handelte sich weithin um ein väterliches Erbe, zu dem auch leichtere Art, Gäbe für Musik und Gesang sowie Sinn für Geselligkeit gehörte.

Die philosophischen Studien in Valkenburg (1930-1933) sollten ihn ganz in Beschlag nehmen und ihm wirklich Freude machen; bisweilen hinderten ihn freilich, wie auch vorübergehend im Noviziate, Schwäche und Ermüdung. Das zeigte sich auch auf der ersten Disputatio menstrua seines Jahrganges, für die er zum Defendens bestimmt wurde. Als er gegen Ende der Thesenzeit des zweiten Jahres an einer Blinddarmentzündung erkrankte, ließ Rektor Brust vier Professoren bitten, ihn sogleich zu prüfen, was mit gutem Erfolg geschah, und schickte ihn anschließend zur Operation nach Aachen, die auch sogleich glücklich durchgeführt wurde. In jenen Jahren hatte P. Bröhl die Prüfungsergebnisse zu registrieren und stellte fest, daß Frater Maurmann beim Abschlußexamen seines Jahrganges die meisten Punkte erhalten habe.

Dagegen lagen seiner Art die Aufgaben eines sorgsamen Präfekten im Aloisiuskolleg Godesberg weniger. Deshalb erschien seine Hilfe doch für den Unterricht der Juniores im Bonifatiushause fruchtbarer. So siedelte er dorthin über, nicht ahnend, daß er später doch wieder dafür im gemeinsamen Juniorat der deutschen Provinzen bestimmt werden sollte.

Zunächst ging er freilich im Sommer 1935 leichten Herzens wieder nach Valkenburg in die Theologie, dem Priestertum entgegen. Es wurden wohl die ruhigsten und glücklichsten Jahre seines Lebens. Er war geistig und religiös herangereift, die wissenschaftlichen Probleme interessierten ihn, er schätzte die Professoren sehr und freute sich über die reichen Hilfsmittel für das Studium. P. Closen nahm sich seiner besonders an, zeigte ihm moderne Probleme der Exegese, führte ihn ein und besprach mit ihm gemeinsame Arbeiten für die Zukunft; leider sollte er vor der Zeit sterben. P. Maurmann besorgte die 2. Auflage seines Werkes: "Wege in die hl. Schrift. Theologische Betrachtungen über religiöse Grundideen des Alten Bundes." Aber auch in der Theologie fehlte das Kreuz nicht. Wiederholt erlitt er überraschende Ohnmachtsanfälle, deren Ursache unbekannt war. Handelte es sich vielleicht um Epilepsie? Durfte er zum Priester geweiht werden? Verschiedene ärztliche Untersuchungen klärten die Ursache nicht vollständig auf, schlossen aber Epilepsie sicher aus. So konnte er am 27. August 1938 im Ignatiuskolleg zum Priester geweiht werden.

Nach dem Tertiat in Pullach begann im Herbst 1941 das Fachstudium an der Universität Freiburg/B. Der Auftrag war von den Oberen, wie es scheint, nicht genau umschrieben und wurde von P. Maurmann besonders auf griechische Sprache und Kultur, ihre Entwicklung und Geschichte eingestellt. Für das Neue Testament arbeitete er im exegetischen Seminar unter Prof. Alfred Wikenhauser. Auch sollte die alte assyrische und ägyptische Kultur ihn interessieren und zum Fachgebiet werden, wofür er später auch die Juniores zu gewinnen suchte. Sie dankten ihm 1949 mit lautem Beifall auf der Nikolausjause in Pullach im Kehrreim: "Oh Pharao, oh Maurmann, oh 12. Dynastie!" Inzwischen forderte der Zweite Weltkrieg immer weitere Opfer. Auch P. Maurmann wurde 1941 zum Militärdienst eingezogen. Schon in der ersten Ausbildung sollte ihm eine nächtliche Übung, in der bei strömendem Regen ein dichtes Waldgebüsch zu durchqueren war, zum Verhängnis werden. Ganz durchnäßt zog er sich eine schwere Erkältung zu; anhaltendes hohes Fieber kündete Unheil an; Nierenentzündung wurde festgestellt. Auf die Nachricht von der Todesgefahr fuhr P. Provinzial Wulf sogleich zum süddeutschen Militärlazarett, was P. Maurmann seinem Obern und geschätzten Lehrer stets in Dankbarkeit hoch angerechnet hat. Als Todeskandidat wurde er eines Abends aus dem Krankensaal ins Sterbezimmer gebracht. Er überstand aber auch diese Prüfung; die vereiterte Niere wurde entfernt, aber die Gesamtkonstitution blieb dauernd geschädigt.

Noch einen weiteren Kriegsverlust sollte er erleiden. In Freiburg wohnte er mit unserem P. Georg Hahn, der für weitere Bände "Werkbuch der Kirchengeschichte" Material sammelte und bearbeitete, bei Schwestern, die ein Altersheim leiteten. Dieses wurde 1944 bei einem nächtlichen Fliegerangriff getroffen und in Brand gesetzt. P. Maurmann berichtete darüber: "P. Hahn und ich haben es für unsere Pflicht gehalten, erst die Menschen und dann unsere Sachen zu retten; die Menschen haben wir gerettet, unsere Sachen haben wir verloren." Beiden fehlte später, was sie erarbeitet hatten. P. Hahn hat nichts mehr veröffentlicht und P. Maurmann kam nicht rechtzeitig zum Abschluß. Zudem blieb er durch seinen Kriegsschaden, für dessen Erleichterung ihm die Behörden jährlich eine Kur bewilligten, ständig behindert.

Gern übernahm er auch seelsorgliche Arbeiten, bis er 1948 nach Pullach für das dort untergebrachte gemeinsame Juniorat der deutschen Provinzen bestimmt wurde und mit ihm 1950 auf die Rottmannshöhe und 1953 nach Tisis übersiedelte. "Gegenüber den Fratres war er immer aufgeschlossen und zuvorkommend", wird aus ihrer Mitte berichtet. Alle haben ihn hochgeschätzt wegen seiner Bildung und seiner feinen Art. Wohl alle meinten, daß er im Juniorat doziere, weil er zu krank für größere Arbeiten sei. Als das Juniorat in seiner bisherigen Form aufgelöst wurde, kam P. Maurmann Ende 1957 nach Göttingen, wo er schöne und ihm zusagende seelsorgliche Arbeit fand, wie er später schrieb. Stets anfälliger und schwächer, siedelte er im nächsten Jahre nach Haus Sentmaring in Münster über, um noch die Sorge für Neudeutschland zu übernehmen. Herzschwäche zwang ihn aber viel zur Ruhe und auch ins Krankenhaus. Er starb plötzlich wohl an einem Herzinfarkt am 11. November 1959 in Haus Sentmaring. Zu seinem und seiner nächsten Mitbrüder Bedauern hat er kaum erfüllt, was seine geistige Begabung zu versprechen schien. Vielfache Schwäche stellte es immer wieder in Frage.

Manches Eigenartige in seinem Leben wird so verständlich. Reich begabt mußte er sich von Jugend an gegen Schwierigkeiten behaupten. Dabei überschaute er nicht, was er seinen Kräften zutrauen konnte. Wegen seiner labilen Gesundheit konnte er seine Anlagen nicht konsequent und konzentriert ausbilden und einsetzen. Es fehlte ihm die innere Ausgeglichenheit, das gesunde. Urteil und die Kraft zur Selbstentscheidung. So kam es oft zu Spannungen und Mißverständnissen, für ihn und die andern schmerzlich. Im Ganzen ist es erstaunlich, was er bei seiner physischen und psychischen Schwäche aus sich herausgeholt hat. Er hat darunter gelitten, daß er sich nicht immer in der Gewalt hatte. Er hing an der Gesellschaft und war allen dankbar, die ihm gut waren. Sein Drang nach Geselligkeit war eine der Ursachen seines unruhigen Lebens. Nach seiner letzten Krankheit erklärte der Arzt, daß P. Maurmann nur mehr in ganz bescheidenem Maße seelsorgliche Arbeiten übernehmen könne. Vor diesem "geruhsamen" Leben hat ihn der Herrgott bewahrt. Er holte ihn plötzlich bei einem Besuch bei seinen Mitbrüdern am 11. November 1959 aus diesem Leben heim in die ewige Vollendung.

R.i.p.

P. Bernhard Altefrohne SJ

Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu,
1962/Nr. 124, S. 492-495