P. Josef Mohr SJ
* 11. Mai 1906 in Laer (Kreis Bochum)
21. März 1993 in Münster

In den letzten Jahren konnte man im Haus Sentmaring in Münster Tag für Tag folgendes beobachten: P. Mohr trat in den Speisesaal, lächelte, ein kurzer Blick und steuerte geradewegs den Tisch an, an dem er Novizen entdeckte. Dort entspann sich dann regelmäßig eine lebhafte Unterhaltung. Der im gewohnten Umgang eher still, fast gedrückt wirkende P. Mohr war in diesen Gesprächen kaum wiederzuerkennen. Diesen Kontakt zu den Novizen pflegte er ganz bewußt. Wie er mir sagte, wollte er ihnen etwas von seiner Liebe zur Gesellschaft vermitteln. Ob er von Valkenburg oder von seinen seelsorgerlichen Erfahrungen berichtete, stets riß ihn seine Begeisterung fort. Recht lebhaft und anschaulich konnte er erzählen und fand in den Novizen aufmerksame, aber auch kritische Zuhörer, die sich nicht scheuten, ihn zu hinterfragen. Ja, P. Mohr liebte die Gesellschaft und hing an ihr mit ganzem Herzen.

Folgendes mag das bestätigen: Anläßlich seines 65jährigen Ordensjubiläums am 26. April 1992 hatte er sich 'Gedanken und Notizen' zusammengestellt unter dem Thema: 'Was ich der Gesellschaft Jesu verdanke'. Mit P. Magister Meures hatte er bereits vereinbart, diese seine 'Gedanken und Notizen' den Novizen vorzutragen. Aus vielen Gesprächen mit ihm weiß ich, wie wichtig ihm dieses Anliegen war. Er wollte den Novizen etwas von seiner Liebe zur Gesellschaft vermitteln und sie in ihrer Berufung stärken. Diese Notizen hatte er, wie er selber vermerkt, am 6. Mai 1992 'vorläufig' vollendet. Folgende Stichpunkte hatte er sich notiert: Was ich der Gesellschaft verdanke: Die Großen Exerzitien, die Ewigkeitswerte vermitteln - die Konstitutionen - der Name: Gesellschaft Jesu, daraus folgend die 'intima cognitio Christi'- die langen und gründlichen Studien (stellvertretend für alle Professoren nennt er P. A. Brunner, P. G. Closen und P. F. Hürth) - die Ordensgelübde ("... ich bin sehr glücklich, daß ich in der SJ Gelübde ablegen durfte ...") - das Apostolat, in diesem Zusammenhang nannte er einige große Seelsorger, Franz Xaver, Peter Claver, Franz Regis und erwähnte die Zahl der Heiligen (42) und Seligen (138) - die Herz-Jesu-Verehrung - die Verehrung der Gottesmutter Maria - die tägliche hl. Messe - die Bindung an den Papst - die Verfolgungen der Gesellschaft hätten ihm diese noch sympathischer gemacht.

Viele und eingehende Gespräche mit P. Mohr offenbarten, wie sehr er mit und in der Gesellschaft lebte und litt. Ja, er litt buchstäblich unter den Fehlern und Mängeln, die er zu beobachten meinte. Mit welcher Sorge versuchte er, sich der Novizen anzunehmen, die in ihrer Berufung wankten und das Noviziat verlassen wollten. Intensiv betete er für sie, suchte das Gespräch mit ihnen und lud sie zu sich aufs Zimmer ein. Liebe zur Gesellschaft und Sorge um Berufe! Dieses sein Interesse für den Orden zeigte sich in einer Sammlung aller erreichbaren Daten unserer Heiligen und Seligen. Unter ihnen verehrte er seit seiner Jugend den hl. Aloisius von Gonzaga. P. Mohr hatte den Geburtsort des hl. Aloisius einmal aufgesucht und sich alles gründlich angeschaut und erläutern lassen. Mit welcher Begeisterung konnte er davon erzählen. Er fand schier kein Ende beim hl. Aloisius.

Überhaupt hatte P. Mohr ein großes Interesse an der Geschichte. Im Laufe der Zeit hatte er sich ein umfangreiches Wissen geschichtlicher Zusammenhänge und Persönlichkeiten erworben. In Daten und Zahlen blieb er unschlagbar, ob es Gedenktage aus der profanen oder kirchlichen Geschichte waren und nicht weniger die Namens- und Geburtstage seiner Mitbrüder. In diesem Punkte galt er schlichtweg als die Autorität. Er "erinnerte" jeweils den P. Minster an bevorstehende Feste und Gedenktage der Kirche und der Gesellschaft, die seiner Meinung nach auch bei der Hauptmahlzeit gebührend betont werden sollten.

P. Mohr hat einen ausführlichen Lebenslauf hinterlassen: Geboren wurde er am 11. Mai 1906 in Laer, Kreis Bochum, als Ältester von vier weiteren Geschwistern, einem Bruder, der im Krieg gefallen ist, und drei Schwestern, von denen zwei im Kindesalter starben. Aus beruflichen Gründen wechselte die Familie mehrmals den Wohnsitz: Berlin, Münster, um schließlich in Dortmund zu bleiben. In der Dortmunder Antoniuspfarrei durfte P. Mohr bereits als Kind und Heranwachsender seine religiöse Heimat finden. Hier vernahm er schon recht früh den Ruf des Herrn zum Priestertum, zunächst noch unbestimmt und nicht eindeutig. Nach einiger Beratung entschieden sich die Eltern, ihren Ältesten auf ein Gymnasium zu schicken. 120 Jungen hatten sich der Aufnahmeprüfung zu unterziehen. P. Mohr zählte zu denen, die bestanden und die Aufnahme erhielten. Zum Dank ging er mit einem Mitschüler in die nächste Kirche, um den Kreuzweg zu beten.

Der Wunsch, in die Gesellschaft einzutreten, tauchte ebenfalls recht früh auf und nahm in der Obersekunda konkrete Form an. Er las Moritz Menschler 'Die Gesellschaft Jesu' und andere einschlägige Literatur. Im November 1926 nahm P. Mohr als Oberprimaner in 's-Heerenberg an Exerzitien teil, die P. Schilgen gab. Hier fiel die endgültige Entscheidung für den Eintritt nach eingehender Beratung und Prüfung durch den damaligen Novizenmeister P. Heinrich Schmitz und die üblichen vier Examinatoren. Bald danach erhielt er von P. Provinzial Bernhard Bley die Aufnahme. Der Vater sträubte sich zunächst, seine Zustimmung zum Eintritt in den Orden zu geben. Eines Abends jedoch faßte sich P. Mohr ein Herz und sprach seinen Vater in der Küche an und erhielt auch dessen Zusage. Der Weg lag nun offen vor ihm, und er zögerte auch nicht, ihn anzugehen. Am 11. März 1927 bestand er die Reifeprüfung und am 26. April 1927 begann er das Noviziat in Mittelsteine, Grafschaft Glatz/Schlesien, wo der Novizenmeister P. Konstantin Kempf ihn in das Leben eines Jesuiten einführte.

Im Herbst 1929 übersiedelte P. Mohr nach Valkenburg zum Studium der Philosophie. Nach dem Universaexamen 1932 ging er nach Kalksburg/Wien, um am dortigen Kolleg eine Abteilung als Präfekt zu übernehmen, leider nur für ein Jahr. An diese Zeit erinnerte er sich sehr gern. Es folgte ein weiteres Jahr Präfektur im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. 1934 ging es wiederum nach Valkenburg zum Studium der Theologie. Voller Lob und Dankbarkeit erinnerte P. Mohr sich an seine damaligen Professoren und erwähnte namentlich die für ihn wichtigsten.

Schließlich nahte der langersehnte Tag der Priesterweihe, der für seinen Weihejahrgang eigens auf den 24. Juni 1937 gelegt wurde, weil an diesem Tag vor 400 Jahren Ignatius mit seinen ersten Gefährten in Venedig die Priesterweihe empfing. Das Terziat in Münster schloß sich unmittelbar nach Abschluß des Theologiestudiums 1938/39 unter der Leitung von P. Walter Sierp an. Ab Juli 1939 finden wir ihn in Essen, um sich dort unter der Leitung von P. F. Vorspel zum Volksmissionar ausbilden zu lassen. Für diese Aufgabe hatte sich P. Mohr gemeldet. Inzwischen brach der Zweite Weltkrieg aus. P. Mohr kam als Vicarius cooperator nach Vechta (Oldenburg) und im September 1942 in derselben Eigenschaft nach Damme. Die Pfarrseelsorge bereitete ihm viele Freuden; in seinen Erzählungen kam er gerne darauf zurück. In Damme erlebte er das Kriegsende. Im Januar 1946 war er in Rheine tätig, um von dort aus Volksmissionen, religiöse Wochen und Exerzitien zu geben. Im März 1949 stellten sich schwere Störungen mit seiner Stimme ein, die zwar behoben werden konnten, ihm aber die weitere Mitarbeit in den Volksmissionen verwehrten. Ab Oktober 1949 gehörte er zum Christkönigshaus in Dortmund. Von dort aus hielt er Exerzitien und Schwesternvorträge. 1951 nahm er zum letzten Mal an einer Volksmission teil.

Am 1. September 1954 übernahm er die Stelle eines Hausgeistlichen und Krankenseelsorgers im St. Josefshospital in Dortmund-Hörde, etwas später kamen noch das ev. Bethanienkrankenhaus und das Hüttenhospital dazu. 23 Jahre hat P. Mohr voller Hingabe den Kranken gedient, bis ihn gesundheitliche Schwierigkeiten zwangen, die ihm liebgewordene und von den Menschen hochgeschätzte Arbeit aufzugeben. Er ging am 1. Februar 1977 nach Essen, um sich vorrangig seelsorgerlich der Schwerhörigen und der alten Menschen anzunehmen. Schließlich siedelte er am 06. Mai 1980 nach Haus Sentmaring in Münster um.

Wer war P. Mohr und was prägte ihn? Er bewährte sich als ein Mann, der im Sinne unseres Institutes treu zur Kirche stand, bisweilen zwar mit einer umständlichen und auch hartnäckigen Treue. Diese Haltung hatte wohl einiges mit seiner etwas ängstlichen Persönlichkeitsstruktur zu tun, letztlich aber speiste sie sich aus der Dynamik der Formula Instituti. Zeitlebens war und blieb P. Mohr Volksmissionar. Bis ins hohe Alter entwickelte er Pläne und Strategien, wie es anzustellen sei, um den heutigen Menschen die Glaubenswahrheiten nahezubringen. Gewiß, er blieb mehr oder weniger in seinen Vorstellungen und Erwartungen gefangen, aber ein Zeichen dafür, daß das Feuer echten Seeleneifers, des ignatianischen 'iuvare animas', in ihm noch brannte. Das zeigt auch das dankbare Echo auf seine langjährige und überaus segensreiche Tätigkeit als Krankenseelsorger in Dortmund-Hörde. Welches Feuer und welche Beredsamkeit wußte er zu entfalten, wenn es den Novizen gelungen war, ihn ab und zu dahin zu bringen, während der Kommunitätsmesse zu predigen. Mit lebendiger und innerer Anteilnahme feierte er die tägliche heilige Messe, die ihm schlichtweg alles bedeutete, und die er auch an seinem Sterbetag, dem 21. März 1993, feiern durfte, wie er es sich gewünscht hatte. Die liturgischen Texte konnten ihn tief ergreifen, und je ergriffener er wurde, desto stärker erhob sich seine Stimme, und er hatte eine Stimme!

Zeitlebens plagte P. Mohr eine gewisse Neigung zu Schwermut und Skrupulosität. Dieses Kreuz nahm er tapfer auf sich und hat es in der Nachfolge seines Herrn und Meisters getragen. In brüderlicher Aussprache suchte er Hilfe und Ermutigung. Viel Hilfe durfte er im betrachtenden Gebet finden, und wie konnte er beten! In den letzten Jahren begleitete ihn die 'Nachfolge Christi' von Thomas von Kempen. Darin fand er reichliche Nahrung. Mir scheint auf P. Mohr zuzutreffen, was die 32. GK im Dekret 2 sagt: "Wir sind bestrebt, die frohe Botschaft zu verkünden aus einer persönlichen Liebe zu Christus heraus, den wir immer besser zu verstehen suchen, um ihn mehr zu lieben und ihm besser nachfolgen zu können; den wir zu erfahren suchen wie Ignatius; den Sohn Gottes, gesandt zu dienen, zu befreien, der zum Tod verurteilt wurde und von den Toten auferstanden ist. Diese Liebe ist die tiefste Quelle unseres Lebens und Tuns.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1994 - Mai, S. 94ff