P. Jakob Müller SJ
4.11.1981 in Münster

Im Oktober 1979 lernte ich P. Müller im Haus Sentmaring kennen und der erste Eindruck, den ich damals von ihm gewann, hat sich bei mir während der ganzen Zeit bis zu seinem Tode gehalten und vertieft: Ein froher, gewissenhafter und selbstloser Mensch. Er verstand es, den schlichten, aber tiefen Reichtum seiner Persönlichkeit zu verbergen. Sein Primizspruch verdeutlicht, was er anstrebte: "Nur eines erbitte ich vom Herrn, danach verlangt mich: Im Haus des Herrn zu wohnen alle Tage meines Lebens" (Ps 27,4). Diesen Vers liebte P. Müller, und wo es sich ergab, kam er gern darauf zurück.

"Im Haus des Herrn zu wohnen alle Tage meines Lebens..." Dieses 'Wohnen' begann mit seiner Geburt am 3. Juli 1891 in Prüm in der Eifel. Die Familie Müller hatte 7 Kinder. In der Taufe erhielt unser Mitbruder die Namen Jakob, Joseph, Karl, Maria. Nach Abschluß des Gymnasiums zu Prüm trat er als Priesteramtskandidat in die Diözese Trier ein. Hier im Trierer Dom empfing er am 7. August 1915 die Priesterweihe und erhielt sofort danach die Kaplanstelle in Differten/Saar zugewiesen. Über sein dortiges Wirken ließ sich nichts Genaueres feststellen. Alles deutete jedoch darauf hin, daß der Gedanke an den Eintritt in den Orden ihn recht bald beschäftigt haben muß. Es erscheint nicht abwegig, rückblickend darauf zu schließen, daß die treibende Kraft dazu sein Verlangen nach engerer Verbindung mit dem Herrn gewesen ist. P. Müller strebte nämlich mit aller Kraft nach der größtmöglichen Ähnlichkeit mit seinem Herrn. Sein Vater allerdings widersetzte sich zunächst sehr entschieden einem Eintritt in den Orden. Es soll sogar zu einem zeitweiligen Bruch zwischen beiden gekommen sein.

Nachdem alle Hindernisse ausgeräumt waren, begann P. Müller am 21. Februar 1915 in 's-Heerenberg das Noviziat, das damals unter der bewährten Leitung von P. Johann Bapt. Müller stand. Im Anschluß daran ergänzte er im Valkenburger Kolleg seine philosophischen und theologischen Studien (1920-23). Gegenüber den zum Teil tiefschürfenden und subtilen Gedankengängen der Philosophie und Theologie dürfte er wohl eher ehrfürchtige Distanz bewahrt haben. Dagegen zeigt er sich um so mehr an der unmittelbaren Seelsorge interessiert. Nach Abschluß der Studien erhielt er die Versetzung nach Dortmund. Hier stellte P. Müller alle verfügbare Kraft und Zeit in den Dienst der Jungen des vor kurzem (1919) gegründeten Bundes Neudeutschland. Eine ganze Reihe von Priesterberufen gingen aus der von ihm betreuten Gruppe hervor. Jugendarbeit war wohl seine 'heimliche Liebe'. Gelegentlich deutete er an, er sei in der glücklichen Lage gewesen, daß Neigung und Gehorsam bei ihm deckungsgleich waren. Darin mag wohl ein Grund dafür liegen, daß er so gewinnend auf die Jungen wirkte. Sie spürten die innere Einheit seines Wesens und darum hatten sie ihn einfach gern. Immer fand er Zeit für seine Jungen, wann es auch sein mochte. Seiner großen Augen wegen wurde er oft im Scherz "Spiegeleier-Müller" genannt.

Von 1928-31 hatte er wiederum mit jungen Menschen zu tun: Er wurde Socius des Novizenmeisters P. Heinrich Schmitz in 's-Heerenberg. Wie alles in seinem Leben versah er auch dieses Amt mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit, die ihn allerdings hier und da auch kleinlich erscheinen ließ. Man sagt, seinem prüfenden Blick sei nichts entgangen. So wird berichtet: Eines Tages schlug einem Novizen das Gewissen, er habe schon lange keine 'Culpa' bei Tisch gesagt, finde aber keine 'einschlägige Materie' bei sich. Als ob P. Müller diese Gedanken erraten hätte, rief er den Betreffenden zu sich und mahnte ihn, wieder einmal 'Culpa' zu sagen; zugleich überreichte er ihm eine Liste mit Fehlern, die er bei ihm festgestellt hatte. An sich bestand der Brauch, ein als Socius Magistri verbrachtes Jahr als Terziat anzurechnen. Wie überrascht war dagegen P. Müller, als dieser Brauch für ihn nicht galt. So lebte er das Jahr 1931/32 im Terziat zu Münster, das damals unter der Leitung von P. Walter Sierp stand.

Dann kehrte er wiederum nach Dortmund zurück als Leiter der Jungen-MC. Nach Ablegung der Letzten Gelübde am 2. Februar 1933 in Dortmund blieb er dort als Minister. 1949 übersiedelte er nach Trier als Minister und Operarius und 1953 mit den gleichen Aufgaben nach Essen. 1959-65 wurde er in Trier Spiritual der Barmherzigen Brüder und Krankenseelsorger in deren Krankenhaus. Im Anschluß daran übernahm er noch für kurze Zeit den Posten eines Hausgeistlichen im St. Josefsheim in Köln. Schließlich machten Alter und Krankheit eine Übersiedlung ins Altenheim im Haus Sentmaring in Münster erforderlich. Ohne große Umstände fand er sich mit dieser neuen Situation ab und ging frohgemut an diese für ihn ungewohnte Aufgabe. 'Orat pro Societate' (Betet für die Gesellschaft) stand von nun an im Katalog hinter seinem Namen. Er fühlte sich dadurch in keiner Weise "abgeschrieben", im Gegenteil: Er wußte, die Gesellschaft braucht mich und hat mir deshalb diese Aufgabe zugewiesen.

In seinem recht bescheidenen Nachlaß fanden sich zwei handgeschriebene DIN-A-5-Blätter, auf denen einige Grundsätze standen, die sein Novizenmeister P. J. B. Müller seinen Novizen einzuprägen suchte. Einer davon lautete: "Man muß beim Heiland das Beten lernen, damit man, wenn man nichts anderes mehr tun kann, wenigstens noch beten kann". Wie sehr P. Jakob Müller gerade diesen Grundsatz beherzigt und gelebt hat, weisen seine im Haus Sentmaring verbrachten Jahre. Sie zeigen, wie stark die Persönlichkeit seines Novizenmeisters für ihn prägend blieb bis ans Lebensende. 13 Jahre lebte er in Münster, Senior des Altenheimes in doppeltem Sinn: dem Alter und der Verweildauer nach. Im Sinne des erwähnten Grundsatzes füllte er diese 13 Jahre durch ständiges Gebet und Opfer, und das auf eine Weise, die so selbstverständlich wie nur irgend etwas erschien. "Man muß beim Heiland das Beten lernen". Ja, er lernte das Beten beim Herrn in der Feier der Hl. Messe. Mit welcher Sorgfalt bereitete er sich täglich darauf vor! Die abgegriffenen Lesungsbüchlein sprechen für sich wie auch seine gewissenhaft geführten Intentionsbücher. Beim Herrn selbst lernte er immer mehr von sich abzusehen und für alle offen zu sein. Jeder mochte ihn gut leiden. Stets hatte er einen freundlichen Gruß und ein gutes Wort für den, der ihm gerade begegnete. Dieses sein stilles, lauteres und bescheidenes Wesen überzeugte und ließ auf eine tiefe Gottverbundenheit schließen.

Wie P. Müller lebte, so gelangte er auch zur Vollendung. Wenige Tage vor seinem Heimgang nahmen seine Kräfte spürbar ab; trotzdem hielt er an der gewohnten Tagesordnung fest, so gut er nur konnte. Noch am letzten Tag, dem 4. November 1981, nahm er an der Rekreation nach dem Mittagstisch teil. Wie gewohnt bereitete er Altar und Meßbuch für die Feier der Hl. Messe vor, kehrte danach auf sein Zimmer zurück, um ein wenig zu ruhen bis zum Beginn der Eucharistiefeier. Er bat noch, nach ihm zu schauen, wenn es Zeit wäre, da er vor Schwäche oft einschlief. Als die Schwester dann gegen 17 Uhr nach ihm schauen wollte, war er gerade still und ohne Todeskampf hinübergegangen, um von nun an der Feier der himmlischen Liturgie teilzunehmen.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1981 - Dezember, S. 140 f