P. Yujiro Okazaki (Paul Nebel, Jap.)
2. August 1976 in Münster.

Geboren wurde P. Nebel am 29. März 1896 in Phalsbourg/Lothringen, das heute zu Frankreich gehört, damals aber deutsches Gebiet war. Sein Leben verlief bis 1915 in gewohnten Bahnen. Ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er eingezogen und nach Palästina gesandt, wo er die meiste Zeit in Bethlehem Dienst tat.

P. Nebel trat 1919 zu 's Heerenberg in die Gesellschaft ein, studierte Philosophie in Valkenburg (1921-22) und Stonyhurst (1923-24) und kehrte für die Theologie nach Valkenburg zurück (1924-28). Die Priesterweihe empfing er dort am 28. August 1927. Nach dem Terziat in Amiens (1928-29) landete er in Japan am 3. Oktober 1929. Von 1929-1946 war er in Kure, Yonago und Nagatsuka eifrig in der Seelsorge tätig. P. Nebels Name wird jedoch für immer verbunden sein mit Tsuwano, wo er von 1946-1973 als Missionar wirkte, Vor allem aber mit Unserer Lieben Frau der Märtyrer von Otome Toge.

P. Nebels Gesundheit war niemals besonders gut. Seine Nerven hatten gelitten durch die schweren Erlebnisse im Ersten Weltkrieg bei Kriegsende in Afrika. Das Erlebnis des Atombombenangriffs auf Hiroshima machte alles noch schlimmer. Aber trotz dieser Schwierigkeiten - auch das Japanisch, das er sprach, war nicht gut - war sein Leben in Tsuwano ein großes Ringen für den Vater im Himmel und Unsere Liebe Frau von Otome Toge. Die kleine hölzerne Kapelle, die er an den Berg baute, umgeben von Kirschbäumen, erlebt jedes Jahr viele Tausende Besucher. Die jährliche Pilgerfahrt zu Unserer Lieben Frau von Otome Toge am 3. Mai war ein Höhepunkt in P. Nebels Leben. Die Beteiligung an dieser Wallfahrt wächst Jahr um Jahr und ist jetzt das große Ereignis in Tsuwano und in der Kirche von Japan.

Für P. Nebel, der 1962 Yujiro Okazaki und japanischer Staatsangehöriger wurde, war Unsere Liebe Frau von Otome Toge das Wichtigste in dieser Welt.

Am Vortag seiner Abreise von Tsuwano nach Deutschland, im Jahre 1973, gingen wir zusammen zu den Märtyrer-Gräbern. Der alte bärtige Yujiro konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Er umarmte mich und wiederholte mehrmals: "Bitte, sorge gut für Otome Toge. Sie werden noch mehr tun, als ich konnte". Die Stadtbevölkerung bereitete ihm einen bewegten Abschied, und sein abgetragenes Birett fand einen Ehrenplatz im Stadtmuseum.

Die Nachricht von seinem Sterben in Haus Sentmaring in Münster am 2. August setzte ganz Tsuwano in Bewegung. Eine Gedächtnisfeier wurde auf den 10. August angesetzt, bei der die Stadtverwaltung tätigen Anteil an der Vorbereitung nahm.

Mehr als 20 Priester, unter ihnen der Vertreter des Bischofs und des Provinzials, P. Nakai, konzelebrierten das Requiem. Ein Trauergottesdienst folgte vor einem ausgezeichneten Bild des guten alten Okazaki mit Ansprachen des Bürgermeisters von Tsuwano und Mitgliedern des Stadtrates. Telegramme wurden verlesen und Räucherstäbchen dargebracht. Zum Abschluß des Tages ging eine Prozession von Mitbrüdern, Christen des Bezirks und Bürgern von Tsuwano den Weg hinaus zu den Märtyrer-Gräbern, das Bild von P. Nebel wurde vorausgetragen. Dort sollte er seine Ruhestätte finden, ein treuer Diener Unserer Lieben Frau, ein lächelnder Träumer mit einem Traum, der schließlich Wirklichkeit wurde.

P. Alexander Horvath (Jap)
(Aus Newsletter Province of Japan, übersetzt von P. Fritz Fuhrmann)

in: Mitteilungen aus der Provinz, Nr. 5, September 1976, S. 89

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Bei der Begräbnismesse in Münster am 5. August hielt P. Hans Hellweg (Jap) die folgende Predigt:

"Heute nehmen wir Abschied von unserem guten Mitbruder und Mitmissionar Pater Paul Nebel; oder, wie er lieber genannt wurde, P. Yujiro Okazaki, mit dem Namen, den er in seiner Adoptivheimat Japan angenommen hatte.

Im Jahre 1931 wurde er nach Japan gesandt, in den Missionsbezirk Hiroshima, der unter der Leitung des verstorbenen Bischof Ross stand. Nach kürzerem Aufenthalt in Hiroshima und anderen Stationen wurde ihm die Missionsstation in Tsuwano anvertraut, einer kleineren Stadt an der Westküste der Hauptinsel des Landes. Vor ein paar Jahren wurde er krankheitshalber von seinen Oberen nach Deutschland zurückgeschickt. Die Trennung von seiner Adoptivheimat und seiner Gemeinde ist ihm ein ganz schweres Opfer gewesen. Er wäre gern dort geblieben und in japanischer Erde beigesetzt worden, um dort zu sein, wo er so viel gearbeitet und gebetet hatte. Noch in den letzten Briefen, die er vor kurzem an seinen Provinzial in Japan schrieb, sprach er die Bitte aus, doch wieder nach Japan zurückkehren zu können, wobei er zugleich seine Ergebenheit in Gottes Willen und den Willen seiner Oberen aussprach.

P. Nebel war ein Missionar ganz besonderer Prägung und ganz besonderer Berufung, voll von Liebe zu seinem Adoptivvolk. Seine eigentliche Berufung wurde sichtbar als er nach Tsuwano berufen wurde. In diese ziemlich abgelegene Gegend waren im letzten Jahrhundert Altchristen aus Nagasaki verbannt worden. Sie wurden vergeblich hart bedrängt, ihrem Glauben abzusagen. Die Chronik berichtet, daß in dieser Bedrängnis die Gottesmutter einigen dieser Christen erschienen sei, um sie zu stärken. P. Nebel ging den Quellen nach und kam auf den Gedanken, dort eine Marienkapelle zu errichten. Mit großer Ausdauer und der Unterstützung der Christen in Japan sowohl wie in seiner deutschen Heimat wurde der Plan zur Wirklichkeit. Jetzt steht die kleine Marienkapelle am Otome-Paß (Jungfrauenpaß).

Bald begannen Pilger das kleine Heiligtum zu besuchen, zunächst aus dem engeren Missionsbezirk, und bald aus dem ganzen Land; zunächst nur Christen, bald auch viele Nichtchristen. Wer immer heute nach Tsuwano kommt, als Sommerfrischler oder Ausflügler, wird auch zu diesem Kapellchen geführt. Das ganze Städtchen ist stolz darauf. Tausende haben diese Wallfahrt gemacht, und die Zahl wächst von Jahr zu Jahr. Wenn eben möglich, führte er die Pilger und Besucher selbst. Er erklärte ihnen mit großer Begeisterung die Geschichte und den Sinn von Otome-Toge und verteilte Schriften über diese Geschichte und über das Christentum.

Tausende sind auf diese Weise mit dem Christentum in Verbindung gekommen. Und wenn an diesem Wallfahrtsort je ein Wunder geschehen ist, dann ist das Größte wohl das: daß man auf ihn hörte und ihn verstand, obwohl seine Meisterschaft der schweren japanischen Sprache sicher nicht vollkommen war. Die Zuhörer mögen nicht immer die Worte verstanden haben, aber die Liebe, der Eifer, die Hingabe, die aus den Worten und dem Herzen sprachen, fanden eine Brücke zu den Leuten. Wie viele auf diese Weise Christus nähergebracht wurden, können wir nicht abschätzen.

Vor einigen Jahren wurde P. Nebel krank. Es wurde notwendig für seine Oberen, ihn von seinem geliebten Tsuwano abzuberufen und in die alte Heimat zu schicken. Das war für ihn ein sehr schweres Opfer, das er im Gehorsam brachte. Er fühlte sich wie ein Verbannter; aber er opferte diese Verbannung auf für sein Werk, stets mit dem einen großen Wunsch, wieder nach Tsuwano zurückkehren zu können. Aber auch in dieser "Verbannung" arbeitete er weiter an seinem Werk: schreibend an einer Geschichte der Gottesmutter von Otome-Toge, eine Arbeit, die nur unterbrochen wurde durch Handarbeit im Garten, und sein Kreuz aufopfernd für sein Werk in Tsuwano.

Schauen wir auf das Leben unseres verstorbenen Mitbruders und Missionars zurück, so wird sein Leben eine Predigt für uns alle: Es war ein Leben glühender Hingabe an seinen Beruf und seine besondere Aufgabe, ein Leben restlosen Einsatzes und absoluter Treue. - Jetzt ist er heimgekehrt in sein Otomo-Toge. Und ich bin überzeugt, daß seine Fürbitte das Werk weitertragen und fruchtbar machen wird. Ich bin überzeugt, daß er beten wird für seinen Nachfolger, für alle die Pilger, daß viele, die ihn nie gekannt haben, durch seine Hingabe und Fürbitte zu Maria und durch sie zu Christus geführt werden. Ich bin überzeugt, daß er unsere Fürbitte und unser Gebet nicht braucht, wohl aber daß wir mit Vertrauen zu ihm beten können; daß wir ihn bitten können, uns von droben zu vermitteln seinen Eifer, sein Sendungsbewußtsein, seinen Opfergeist durch seine Fürbitte durch Maria bei Jesus. Er wird uns helfen können, daß wir alle auf dem Platz, auf den Gott uns stellt, in der Mission und in der Heimat, uns aufopfern für Gottes Sache mit der gleichen Hingabe und Liebe. Und mit dem Versprechen, wie er unser Bestes zu tun und zu opfern, wollen wir Abschied von ihm nehmen, in der Sprache seines geliebten Japan: P. Nebel, Arigat (Wir danken dir), Sayonara (Auf wiedersehn)!

R.i.p.

in: Mitteilungen aus der Provinz, Nr. 6, Oktober 1976,S. 97f