Bruder Karl Nengelken SJ
* 28. Juli 1902
13. Juli 1971

Am 28. Juli 1902 wurde in Essen-Altenessen in die Familie ein Junge geboren, dem man in der Taufe den Namen Karl gab. Er war der jüngste unter vier Brüdern. Ob er verwöhnt wurde? Wohl kaum. Wie seine andern Brüder besuchte er die achtklassige Volksschule. Er muß ein kräftiger Bursche gewesen sein, sonst wäre er nicht tauglich gewesen für das Schlosserhandwerk. Fast selbstverständlich war er auch Mitglied des Jünglingsvereins der Pfarrgemeinde von St. Johann und auch ein eifrig tätiges Mitglied.

Durch die schlechten Ernährungsverhältnisse während des ersten Weltkrieges erkrankte er kurz nach Beendigung seiner Lehrzeit schwer. Die dann folgenden drei Jahre sind von der ernsten Krankheit gekennzeichnet. Seine Mutter pflegt ihren Jüngsten aufopfernd, der in dieser Zeit gelobt, der Gesellschaft Jesu beizutreten, falls er wieder genesen sollte. Was niemand für möglich gehalten, trat ein: er wurde wieder gesund. Diese Entwicklung betrachtete er immer als göttliche Vorsehung. Mit Liebe und Begeisterung war er Ordensbruder.

Im Februar 1928 kam Karl Nengelken, ein junger Mann mit goldig-rotem Haar, nach 's-Heerenberg ins Postulat. Er war im 26. Lebensjahr und machte einen bestimmt entschlossenen Eindruck. Seine Beschäftigung fand er bei Br. Schröer in der Schlosserei, denn er war ja gelernter Schlosser. Nicht nur im Handwerk war er firm, auch im übrigen machte er Eindruck durch die Fähigkeit, sich sowohl in die Gemeinschaft einzufügen und im geistlichen Leben einen festen Grund zu legen. So sah man keine Schwierigkeit, ihn im zweiten Noviziatsjahr nach Valkenburg zu versetzen und ihm dort die große Hausheizung mit der damit verbundenen Schlosserei zu übertragen.

Hier hörte ich zum ersten Mal die sonore Stimme des damaligen Novizenbruders. Es war die Zeit, da die neue Ölheizung montiert wurde. Beraten konnte er wohl nicht viel, aber umso mehr "die Augen de Kost geben!", das heißt genau beobachten. Wir hatten bald gute Beziehungen zueinander, denn wir schnitten uns gegenseitig den "Stiftekopp". Das war eine beinahe gefährliches Konkurrenzunternehmen, weil es das Amt eines alten Bruders war, der nur "radikalen" Haarschnitt kannte. Valkenburg hatte eine große Brüderkommunität, und da ging's so im Gleichschritt des täglichen strammen Dienstes". Es mußte schon etwas Außerordentliches sein, wenn er in der Gemeinschaft besonders erwähnt wurde. Und außerdem galt er ja noch als "junger Bruder".

Jedenfalls hat er in Valkenburg einen einträglichen Anschauungsunterricht gehabt. So erlebte er unter anderem, wie die Unsrigen beim Aufkommen der Ölheizung und der Elektroküche reichlich verfrüht diese Neuerungen anschafften und mehr oder weniger dabei hereinfielen. In späteren Jahren hat er diese Erfahrungen immer im Auge behalten und solange gebremst, bis ausgereifte Konstruktionen verfügbar waren. Wenn die Vorgesetzten seine Ratschläge in den Wind schlagen wollten, konnte er sehr energisch werden und hat uns dadurch vor manchem Schaden bewahrt.

Als er nach Frankfurt kam, wollte man ihn eigentlich gar nicht dort haben. Man schrieb das Jahr 1938. Schnell lebte sich Br. Nengelken ein. In der Hauptsache hatte er die Heizung zu besorgen. Doch wer kann schon aufzählen, was er alles nebenher noch erledigte. Ob Wasserhähne zu dichten waren oder für Tür- und Kofferschlösser zu sorgen war, es kam alles dran, was überhaupt nur etwas mit Blech- und Eisen zusammenhing. Gut hat er sich auch mit der Elektroarbeit vertraut gemacht. So meisterte er manche Schwierigkeit, ohne sich "Meister" zu nennen. Was dieser kleine Mann, der gesundheitlich gar nicht so felsenfest war, an schwerer körperlicher Arbeit leistete, war erstaunlich, ebenfalls was er sich in späteren Jahren an Fertigkeiten aneignete und ausführte.

In den Nachkriegsjahren, wo alles darniederlag und man gezwungenermaßen alles Mögliche selbst in die Hand nehmen mußte, entwickelte er eine erstaunliche Fähigkeit und nahm auch große Aufgaben mutig in die Hand. Trotz seiner vielen Arbeit bewahrte er eine bewundernswerte Ruhe und Heiterkeit, obwohl er manchmal seine Meinung unmißverständlich zum Ausdruck bringen konnte. Dabei war er in der Gemeinschaft ein förderndes Element. Denn es war schon eine schwere Zeit, die Nazizeit. Er wußte da klug zu reden und, wie es damals wirklich nötig war, klug zu schweigen.

Als 1944 Sankt Georgen total zerstört war, siedelte er ins Marienkrankenhaus über. Auch hier richteten die Bomben großen Schaden an. Da war Br. Nengelken den Schwestern eine willkommene Hilfe, indem er Türen und Fenster reparierte und auch sonst allzeit zur Hilfe bereit war. Denn in dieser Notzeit war kaum ein Handwerker zu finden, kaum einer, der für alles eine praktische Hand hatte. Die Schwestern schätzten nicht nur die Arbeitshilfe, sondern auch den vorbildlichen Ordensmann. Durch wechselseitige Besuche blieb diese Verbindung lebendig, und man erinnert sich nach so langer Zeit immer noch an ihn.

Als das Scholastikat 1945 nach Marienstatt übersiedelte, kam auch Br. Nengelken dorthin. Auch hier war man froh, daß man in ihm einen tüchtigen Stellvertreter für den zum Militär eingezogenen Bruder Schlosser hatte. Aber sobald der Wiederaufbau in Sankt Georgen begann, ging's wieder nach Frankfurt. Da er nun einmal "Mädchen für alles" war, hatte man ihm das "Amt des Brüderbidells" übertragen. Es war manchmal köstlich, mit welchem Geschick er diesen manchmal etwas ungemütlichen Auftrag versah und ihn später neidlos wieder abgab.

Waren es praktische Alltagsfragen oder philosophische Grundsatzerörterungen, sicher ist jedenfalls, daß P. Nink mit Br. Nengelken öfter Gespräche führte, bei denen man den Bruder nicht selten spitzbübisch lächeln sah. Dann hatte er dem Professor der Metaphysik seine Weisheit mit dem Lieblingsspruch vorgetragen: "In Indien, da lebte einst ein alter Kakadu. Ein Auge hatte dieser Herr stets wachsam blickend zu. Doch, wenn's ihm mal verleidet war, dem alten Kakadu, dann riß er schnell dies Auge auf und kniff das andere zu. Er war ein großer Philosoph, der alte Kakadu: drum wer in Frieden leben will, drück nur ein Auge zu!"

Die Sache mit den festen Grundlagen hatte es ihm angetan. So erinnert sich P. Nink heute noch an eine andere, allerdings lebensgefährliche Begebenheit. Br. Nengelken hatte die ruinierte Treppe zum alten Heizungskeller hinab (neben der alten Küche) eigenhändig wiederhergerichtet. Und auf dieser selbstgezimmerten Treppe geschah es eines Tages. Er stolperte auf einer der obersten Stufen. Die Bretterkanten der Stufen gaben nach, denn die Eisenhaken hielten nicht. Er stürzte, kam ins Rollen und - entsetzt schaute man weg - dann kam er unter an! Ein anderer hätte dabei mehr als einen Knochenbruch davongetragen. Doch es schien, daß das "Engelken" von Br. Nengelken ihn sanft über die spitzigen Eisenhaken und die harten Bretterkanten der Stufen hinweggetragen hätte.

Mit Begeisterung spielte er Skat. Nach einer Erkrankung, derentwegen er einige Zeit im Marienkrankenhaus war, mußte er eine Diät einhalten und war auch etwas gedrückt, denn auch seine Kräfte hatten nachgelassen, sogar sein Eifer fürs Skat. Das waren schon alarmierende Symptome. So siedelte er im Juli 1963 nach Sentmaring in Münster über.

Ein Mitbruder bemerkte: Br. Nengelken war immer hilfsbereit. Vor allem war ihm eine Übersicht eigen, zuverlässig, sparsam bis zur Kontrolle des Fensterschließens, wenn geheizt wurde. Seine Mitarbeiter verstand er gut anzuleiten, er verlangte aber auch gewissenhafte Arbeit, ohne sie zu überfordern. Sein Ausfall bedeutete schon eine beträchtliche Lücke.

In Münster hatte er sich bald eingelebt. Aber er betrachtete sich noch nicht als Rentner, sondern betätigte sich, soweit er konnte, indem er die Heizung besorgte und zeitweise an der Pforte aushalf. Eine Rentnerbeschäftigung hatte er aber doch: er fütterte auch die Goldfische. All das mußte er dann bald aufgeben, es kam die Zeit seines Leidens, ein sich lange hinziehender Verfall seiner Kräfte. In diesem Zustand bot er ein Bild des Bedauerns.

Die Hitze und die Luftdruckwechsel in der ersten Julihälfte dieses Jahres müssen ihm stark zugesetzt haben, doch konnte der Arzt am 12. Juli nichts Ernstliches feststellen. Als Bruder Derichs ihn am nächsten Morgen gegen fünf Uhr wecken wollte, war Br. Nengelken schon für immer eingeschlafen. Der Tod muß infolge Herzversagens eingetreten sein. Wie so oft auch bei ihm unerwartet. Am Donnerstag, dem 15. Juli ist er auf dem Sentmaringer Friedhof beigesetzt worden.

R.i.p.

Bruder Josef Fix SJ

in: Aus der Provinz, Nr.7, September 1971, S.193f