Bruder Karl Neumann SJ
6. April 1983 in Münster

Br. Karl Neumann besuchte in seiner Heimatstadt Dresden die Volksschule und hat dann eine Lehre bei der Post begonnen. Er war und blieb immer seiner Heimatstadt sehr verbunden und sie hat ihn auch stark geprägt, die Kunststadt Dresden, das "Elb-Florenz". Vor allem waren das die in der Hofkirche aufgeführten großen Messen und Konzerte, die ihm sehr gefielen und wohl auch seine Frömmigkeit prägten. Später erzählte er gern und mit Begeisterung von den Gottesdiensten in dieser Kirche und dem großen Dirigenten Pempauer. Als einmal während seiner Lehrlingszeit an einem Werktag wieder eine große Messe aufgeführt wurde und Karl gern dabei sein wollte, schmuggelte er sich aus dem Berufsschulunterricht unter dem Vorwand heraus, sein Vater wolle ihm einen Anzug kaufen, und dann eilte er zur Hofkirche, die bis auf den letzten Platz besetzt war, und lauschte andächtig den Darbietungen. Auch die feierlichen Zeremonien hatten es ihm angetan, und so konnte es nicht ausbleiben, daß er sich eines Tages bei den Jesuiten, die seit 1921 wieder in Dresden tätig waren, meldete.

Ein Gespräch "vor Ort", auf der Arbeitsstelle bei der Post, mit dem von Karl sehr geschätzten und bis ins Alter hochverehrten P. Zorell, hatte zur Konsequenz, daß Karl Neumann am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt anno 1926 ins Noviziat nach Tisis fuhr - Sachsen gehörte damals zur Südprovinz und in Tisis waren schon zwei Landsleute, nämlich P. Georg von Sachsen und Br. Kockel. Die Fahrt ging über München, wo sich der kunstverständige Karl die Stadt ein wenig ansah, und Innsbruck nach Feldkirch. Am Bahnhof wollte Karl seine letzten Groschen in zwei Glas Bier umsetzen, um von der Welt Abschied zu feiern, aber am Bahnhof stand schon Br. Walker mit einem Leiterwagen und es ging sofort weiter ins Noviziat. Als sich die schweren Eichentüren hinter ihm schlossen, dachte Karl, "das ist also der Abschied von der Welt!"

Karl Neumann liebte keine Halbheiten und so wollte er auch das Noviziat gut machen und ganzer Ordensmann werden; aber da gab es eine Schwierigkeit: seine Konnovizen waren Oberdeutsche, Österreicher und Schweizer, die eine ihm "fremde Sprache" redeten. So ging Br. Neumann eines Tages zum Magister P. Otto Danneffel und klagte ihm sein Leid. Darauf der Magister: "Carissime, haben Sie Heimweh?" Der Bruder: "Ne, Heimweh habe ich keins, aber verstehen tu ich nichts!" Der Magister: "Wenn Sie kein Heimweh haben, dann ist es gut, warten Sie noch 14 Tage, dann verstehen Sie alles." Und so kam es auch und es wurden für Br. Karl Neumann zwei schöne Jahre brüderlicher Gemeinschaft mit diesen "Ausländern" "in der Fremde". Während dieser Zeit wurden die Grenzen der deutschen Provinzen neu geregelt und es entstand die Ostdeutsche Vizeprovinz, die bald selbständig werden sollte. Am Ende des Noviziats erschien der Provinzial der Westdeutschen Provinz, P. Lauer, in Tisis und Br. Neumann erhielt Saarlouis als neue Destination. Januar 1929 bis März 1934 war sein Aufenthalt in Saarlouis und er konnte auch die übrigen Häuser der Provinz besuchen und die Mitbrüder kennenlernen und er war sehr glücklich darüber, daß er in dieser Zeit mit sehr guten Mitbrüdern zusammen sein konnte.

März 1934 versetzte ihn der neue Provinzial der neuen Ostprovinz, P. Bley, nach Heiligenlinde, um an der dortigen Wallfahrtskirche Küster und Fremdenführer zu sein. Es war eine schöne Zeit für Br. Neumann, da er bei dieser Aufgabe auch apostolisch wirken konnte. Viele Pilger und Touristen, in Gruppen und einzeln, hat er durch die Kirche geführt; und er merkte bald, ob bei seinen Zuhörern echtes Interesse da war oder nicht. Falls sie interessiert waren, dann zeigte er auch noch die Kostbarkeiten aus der Schatzkammer, sonst war er mit der Erklärung der Kirche bald fertig und sagte, das übrige können Sie sich ja selbst ansehen, und verschwand. Die Frucht seiner Führungen ist ein kleines, von ihm verfaßtes Büchlein, das in mehreren Auflagen erschienen ist: "Der Wallfahrtsort Heiligenlinde in der Diözese Ermland", erschienen in Braunsberg, 82 Seiten mit einigen Fotos.

Diese schöne und segensreiche Tätigkeit wurde durch die Einberufung zum Militärdienst beendet. Januar 1942 mußte er trotz mehrerer vorherigen uk-Stellungen nun doch zum Militär. Ein Held ist er nicht geworden, eher glich er einem Soldaten Schwejk. Nach einer kurzen "Gastrolle" im Süden Rußlands kam er Februar 1943 mit gebrochenem Fußgelenk in die Heimat und blieb hier bis September 1944, da mußte er wieder an die Front, diesmal ging es Richtung Westen; aber immer, wenn es brenzlig wurde, sagte der Major: "Neumann, hier wird es gefährlich, gehen Sie zum Troß!" Am 16. Januar 1945 geriet er mit den meisten seiner Truppe in englische Kriegsgefangenschaft und blieb bis zu seiner Entlassung am 19.12.1945 in einem Lager bei Ostende.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Münster rief ihn P. Provinzial Hapig nach Oebisfelde, wo mit seiner Hilfe in kurzer Zeit ein Krankenhaus mit 30 Betten eingerichtet wurde, anschließend wurde ein Kinderheim ausgebaut; kaum war es fertig, ging es weiter mit der Errichtung eines Lehrlingsheims im Pfarrhaus, und bei all dem war Br. Neumann entscheidend mitbeteiligt, sowohl beim Besorgen von Erlaubnissen als auch der Baumaterialien und vielem anderen und bei den Arbeiten hat er selbst tüchtig zugegriffen. April 1951 zog Br. Neumann in die neueröffnete Residenz nach Magdeburg. Schon vorher hat er von Oebisfelde aus bei der Einrichtung eines Knabenkonviktes tüchtig mitgeholfen. Unermüdlich war er mit dem Fahrrad unterwegs und schleppte alles Notwendige heran. "Eine Klingel brauchte er nicht, denn man hörte sein Rad schon von weitem klappern!" Auch das Pastoralseminar Huysburg war sein Betätigungsfeld. Als es dort nicht weiterging, bat das Bischöfliche Kommissariat um Br. Neumann als Hilfe. Neumann kam, und es ging voran!

Bischof Aufderbeck schätzte Br. Neumann sehr, er hat ihn öfter besucht und zu des Bruders Goldenem Jubiläum, bei dem sich der Bischof durch seinen Generalvikar vertreten ließ, hat er ihm Folgendes als Glückwunsch geschrieben, das eine gute Charakteristik unseres Bruders gibt: "... Soweit ich mich erinnere, habe ich Sie Anfang der 50er Jahre näher kennengelernt bei Ihrer aktiven Mitarbeit auf der Huysburg. Wer die Huysburg im damaligen Zustand kannte und wußte, welche Aufgaben kurzfristig auf das Haus zukamen, weiß, wieviel Arbeit getan werden mußte, um die Räume einigermaßen wohnlich zu machen. In unermüdlicher Arbeit haben Sie Hand angelegt. Sie waren der entscheidende Baumeister... Was wäre die Gesellschaft ohne den Br. Neumann? Sie sind ein praktischer und tüchtiger Mann, der viele Fähigkeiten besitzt und die innere Kraft hat, überall zuzupacken, wo Sie gebraucht werden. Wichtiger und kennzeichnender für Sie als die handwerklichen und organisatorischen Fähigkeiten ist jedoch Ihre innere Einstellung. Sie wissen, wem Sie dienen und wem Ihr Herz gehört. Sie sind mitten unter Ihren Brüdern im Namen Jesu - als echter, wahrer Israelit gleich Jesuit - der mitten unter ihnen ist wie Einer, der dient. ... Ich erinnere mich nicht, Sie jemals brummend oder unfreundlich erlebt zu haben. Ich kann mir zwar vorstellen, daß Sie auch mal auf den Tisch schlagen können - aber warum auch nicht - das mindert nicht Ihren Einsatz und Ihre Haltung. Es gibt auch große Heilige der Kirche, bei denen es öfter geblitzt und gedonnert hat. ... In der Reihe der Gratulanten möchte ich nicht fehlen. So möchte ich auf diesem Wege meine herzlichen Glück- und Segenswünsche aussprechen und für alles danken, was Sie für die Kirche Gottes in unserem Lande getan haben..."

1959 kam Br. Neumann nach Erfurt-Hochheim, wo im September 1958 das Noviziat der Regio Germaniae Mediae eröffnet wurde. Auch hier zu jeder Arbeit bereit und geschickt, war er bald unentbehrlich: Haus und Garten, Tür und Telefon, Einkaufen und Heizen, um all das war er besorgt. "ad omnia" lautet im Katalog die Kurzformel für diesen endlosen Dienst, der bei ihm um 5 Uhr früh begann - einen Wecker brauchte er bis zu seinem letzten Arbeitstag nicht - und gegen 21 Uhr endete.

Mit der Zeit nahmen seine Kräfte ab, es ging ihm alles langsamer von der Hand und mit größeren Lasten tat er sich schwer. So kam es öfter vor, daß ihm Kinder des Ortes die volle Einkaufstasche abnahmen und ins Pfarrhaus brachten. Bruder Neumann stellte etwas dar. An allen Orten seiner Wirksamkeit kannte man ihn und schätzte man ihn.

Am 11. August 1980 erlitt er auf dem Weg zur hl. Messe in der Kapelle einen Schlaganfall und mußte ins Krankenhaus gebracht werden, wo er liebevolle Pflege fand und bald war er nicht der medizinisch, wohl aber der menschlich "interessante Fall" im Krankenhaus; als er schon längere Zeit fort war, haben Ärzte und Pflegepersonal immer wieder nach ihn gefragt, sie hatte ihn alle gern, obwohl er viel Pflege brauchte, nichts tat und kaum etwas sagte, strahlte er doch etwas aus.

Am 4. Februar 1981 fand er Aufnahme im Altenheim für unsere Mitbrüder in Münster, Haus Sentmaring. In stiller Ergebung hat er sein Leiden getragen: er, der stets Rührige, war nun an den Rollstuhl gefesselt, der stets Tätige auf die Pflege anderer angewiesen. Am 6. April 1983, am Mittwoch in der Osterwoche, ist er an Lungenentzündung gestorben; wir dürfen auch sagen: rief ihn der Herr in seine österliche Freude.

Was er zu seinem Goldenen Ordensjubiläum als Dankeswort sagte, möge nun auch am Schluß seines Lebensberichtes stehen: "... 50 Jahre Ordensleben sind eine lange Zeit. Gott hat mich viele Situationen und Menschen erleben lassen. Stellvertretend für alle, an die ich dankbar denke, möchte ich Pater Zorell nennen, der mir zu Beginn meines Ordenslebens sehr und in feiner Weise geholfen hat. In allen Jahren ist mir deutlich geworden, daß man Gott immer dienen kann und daß es nie an Aufgaben und Gelegenheiten fehlt. So kann ich aus eigener Erfahrung sagen, daß Gottes Wege immer begehbar sind. Ich sehe mich nicht enttäuscht. So danke ich Ihnen sehr herzlich und bitte Sie, mit mir Gott zu danken."

Auf unserem Friedhof im Park des Hauses Sentmaring in Münster fand Bruder Karl Neumann neben vielen Mitbrüdern seine letzte Ruhestätte.

R.i.p.

P. Anton Zug SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1983 - Juli, S. 53f