P. Leo Oster SJ
5. Februar 1985 in Münster

P. Leonhard Hubert Aloys Maria Oster stammte aus Aachen, wo er am 23. Januar 1899 als viertes Kind der Eheleute Alois Oster und Maria geb. Monheim geboren wurde; vier weitere Kinder folgten noch nach ihm. Der Vater hatte eine Weinhandlung, hatte aber wenigstens ebensoviel Interesse für seinen 'Nebenberuf'. Er war nämlich Schatzmeister und seit 1911 Präsident des 'Kindheit-Jesu-Vereins', der später in 'Päpstliches Werk der heiligen Kindheit' umbenannt wurde. Beide Ämter hatte er von seinem Vater übernommen, der den 'Kindheit-Jesu-Verein' gegründet hatte. Außerdem hatte der Vater auch die Prokura für die 'Aachener Immobilien AG', die damals die Vermögensbelange der Deutschen Jesuitenprovinz vertrat. Diese Aufgabe brachte es mit sich, daß P. Oster von klein auf Jesuiten im Elternhaus als Gäste erlebte. Darüber hinaus gehörte der älteste Bruder seines Vaters der Belgischen Provinz der Gesellschaft Jesu an und ein Onkel seiner Mutter, P. Edmund Monheim, gehörte zur Deutschen Provinz. In seinem Lebenslauf bemerkt P. Oster dazu: "So ist es nicht zu verwundern, daß schon früh in mir der Gedanke ans Priestertum aufkeimte, jedenfalls schon in den ersten Schuljahren, so daß meine Eltern vor dem Übergang auf die Sexta nur durch den Direktor des Realgymnasiums bewogen wurden, mich trotz dieser Berufspläne nicht auf das humanistische Gymnasium zu schicken".

1917 machte er das Abitur unter Befreiung vom mündlichen Examen und ging, obwohl er fest entschlossen war, Jesuit zu werden, nicht sofort ins Noviziat, weil er in den nächsten Wochen mit der Einberufung zum Militär rechnen mußte. Er belegte ein Semester in München Philosophie, studierte nicht viel und wurde am 14. Juli 1917 zum Militär einberufen. Am Tage zuvor erhielt er vom Provinzial P. Ludwig Kösters die Aufnahme in die Gesellschaft.

Das Kriegsgeschehen führte ihn auf den Balkan. Am 18. Oktober 1918 geriet er in serbische Kriegsgefangenschaft, die so hart war, daß nur die Hälfte der Kameraden überlebte. Im September 1919 entlassen, wurde der Allerheiligentag als Eintrittstag festgelegt, als ein Lungenspitzenkatarrh eine Verzögerung von einem Jahr nach sich zog. Schließlich, am 30. Oktober 1920 begann P. Oster in 's-Heerenberg das Noviziat unter der Leitung von P. Johann Baptist Müller. Von den 120 Novizen bestand die Hälfte aus Kriegsteilnehmern. Da die Folgen der schweren Kriegsgefangenschaft noch nicht ganz überwunden waren, überanstrengte P. Oster in den großen Exerzitien seinen Kopf, so daß die folgende Studienzeit dadurch beeinträchtigt wurde. Er erlebte - eine Seltenheit übrigens - in den zwei Noviziatsjahren gleich vier Novizenmeister: P. Johann Baptist Müller, P. Bernhard Bley, P. Walter Sierp und P. Paul Sträter, jeder ein halbes Jahr. Im Herbst 1922 begann P. Oster das Studium der Philosophie in Valkenburg, ging aber zum dritten Jahr nach Innsbruck.

1925-27 war er Präfekt der Vorschüler im Kolleg Kalksburg bei Wien. Danach folgten drei Jahre Studium der Theologie in Innsbruck und das vierte Jahr in Valkenburg. Die Priesterweihe empfing er am 6. April 1930 in Innsbruck. Nach einer halbjährigen Vertretung bei den Marianischen Kongregationen in Köln wurde P. Oster im Herbst 1931 Subregens in Frankfurt St. Georgen. Daran schloß sich 1933-34 das Terziat in Münster an. Von 1934-39 sehen wir ihn als Minister in Köln und danach in Münster im Haus Sentmaring.

Da wegen des Krieges kein Terziat durchgeführt werden konnte, wurden im Hause Sentmaring auf Anregung von P. Anton Freiburg Exerzitienkurse für Priester und Wehrpflichtige gehalten. Bis zur Auflösung des Hauses konnten so 83 Kurse gehalten werden, davon etwa ein Viertel für Priester mit durchschnittlich 10-15 Teilnehmern und der Rest für Rekruten mit durchschnittlich 40-50 Teilnehmern. Anfang 1941 begannen die ersten Hausdurchsuchungen im Hause Sentmaring durch die Gestapo. Nach der Verhaftung von P. Albert Maring waren die Mitbrüder auf alles gefaßt und nicht zu Unrecht.

Am 12. Juli 1941 erfolgte die Auflösung des Hauses durch die Gestapo und die Beschlagnahme des ganzen Inventars, einschließlich der Kultgegenstände. P. Oster weilte zum Zeitpunkt der Beschlagnahme nicht im Hause, weil er in Vechta einen Einkehrtag zu halten hatte. Erst am 14. Juli konnte er seine Kleider und Wäsche abholen. Zugleich erhielt er Aufenthaltsverbot für die Provinzen Rheinland und Westfalen. P. Oster kam ins Oldenburger Land und wirkte in Neuscharrel und Cloppenburg, deren Pfarrer im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war.

Dort verblieb P. Oster bis 1946 und war zugleich der Obere der im Oldenburger Land lebenden Mitbrüder. Die nächste Station seines Wirkens fand P. Oster in Hannover. Hier blieb er bis 1950. Über diese Zeit schreibt er: "Die schönste Tätigkeit meines ganzen Priesterlebens": Priesterseelsorge, Konvertiten- und Schwesternseelsorge. Die folgenden Stationen waren Koblenz, Trier und Hamburg, Beim Schlump. Als seine Kräfte spürbar nachließen, erwies sich eine Übersiedlung nach Münster Haus Sentmaring als unumgänglich. Am 3. Februar 1983 traf er ein. Nur mit Mühe vermochte er sich in sein Schicksal zu ergeben, denn er wollte um keinen Preis zu den Kranken oder Alten gehören.

In seinem Nachlaß fand sich ein Zettel folgenden Inhalts: "Nostras etiam rebelles ad Te compelle propitius voluntates" = Lenke unseren Willen, auch wenn er sich auflehnt, und dränge ihn zu Dir hin. Diese Bitte kennzeichnet P. Oster treffend: ein gutes, aber zuweilen auch recht ungeduldiges Herz, das ihm und anderen zeitlebens zu schaffen machte.

Die zwei letzten Lebensjahre im Hause Sentmaring wurden für ihn zum Weg der Läuterung und der Bereitung auf die letzte und entscheidende Begegnung mit dem Herrn. Für einen tatenfreudigen Menschen wie P. Oster wahrhaftig keine Kleinigkeit zu erfahren, wie ihm nach und nach alles entglitt - trotz aller Energie und allem sich dagegen Sträubens. So legte er allergrößten Wert auf die Feier der heiligen Messe. Mit Aufbietung aller Kräfte schleppte er sich fast bis zum letzten Tag in die Hauskapelle zur Konzelebration. Er war und blieb ein durch und durch priesterlich und seelsorglich ausgerichteter Mensch. Immer durfte er Seelsorger sein und wie gern kam er in seinen Gesprächen darauf zurück. Auf sein Primizandenken ließ er ein Wort des hl. Johannes Chrysostomus drucken: "Die Sorge an den Seelen ist der Inbegriff priesterlichen Lebens". Und dazu ein Wort Papst Gregor des Großen: "Betet, Gläubige, für uns Priester, damit wir segensreich wirken." Die Erfüllung dieser Bitte war P. Oster beschieden; davon zeugen unter anderem auch die vielen Briefe, die er bis in seine letzten Tage erhielt.

Auch von hier aus wird es verständlich, warum ihm die Übersiedlung ins Altenheim in Münster so schwer fiel. Aber er wich diesem für ihn vielleicht schwersten Verzicht nicht aus, sondern stellte sich echt und männlich dem Ruf des Herrn. Der Herr führte ihn den Weg des reinen Glaubens, der durch sein Dunkel die radikale Entäußerung bewirkt. Wie dankbar zeigte er sich dann für ein klärendes Gespräch. So geläutert war P. Oster bereit, dem endgültigen Ruf des Herrn zu folgen. In welcher Gesinnung er das vollzog, mag ein Satz zeigen, den er im Sommer 1984 einer Schwester schrieb: "Nun stehen wir beide vor der großen Freude, wenn Gott uns ruft. Wann und wie, wollen wir Ihm überlassen. Er hält uns fest." Für ihn kam dieser Augenblick in der Frühe des 5. Februar 1985. Auf dem von ihm hinterlassenen Entwurf für sein Totenbildchen steht ein Wort aus dem zweiten Hochgebet: "Wir danken Dir, daß Du uns berufen hast, vor Dir zu stehen und Dir zu dienen." - In der Tat, ein erfülltes und reich gesegnetes Leben als Jesuit und Priester.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1985 - Juli, S, 87f