P. Josef Albert Otto SJ
24. Mai 1981 in Münster

Als ich P. Otto in den Abendstunden des 24. Mai in Münster die Augen schloß, war einer der letzten Zeugen einer langen und bewegten missionarischen Epoche in Deutschland tot. Er hat den Aufbau und die Begeisterung der zwanziger Jahre miterlebt, die Verfolgungen in der Nazizeit, das Ende im zweiten Weltkrieg, den Neubeginn und die Blüte in den fünfziger Jahren, die innere Krise der Mission im Zusammenhang mit dem II. Vat. Konzil und den tiefen Wandel im nachkonziliaren Missionsverständnis. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß P. Otto zwei Generationen lang missionarische Geschichte miterlitten und persönlich mitgestaltet hat.

Von Geburt war P. Otto Niedersachse. Am 15. April 1901 als drittes und jüngstes Kind des Lehrers Karl Otto und seiner Frau Maria in Gelle geboren, erlebte er zusammen mit seinem Bruder Alfons und seiner Schwester Gertrud eine unbeschwerte Kindheit. Das erste Schuljahr machte er bei seinem Vater in Celle. Da Celle jedoch Diasporastadt war, ließ sich der Vater 1907 nach Hildesheim versetzen, um seine Kinder auf katholische höhere Schulen schicken zu können. Josef besuchte dort von 1912 bis 1920 das Bischöfl. Gymnasium Josefinum. Er war ein begabter Schüler und machte den Abschluß mit dem besten Abitur seiner Klasse.

Die meisten Jahre seiner Jugend fielen in eine harte Zeit. 1914 starb der Vater. Der älteste Bruder meldete sich freiwillig in den Krieg. Die Schwester kam ins Internat nach Duderstadt. Der 13jährige Josef blieb allein bei der Mutter in Hildesheim. Die Familie war auseinandergerissen. Das Vermögen ging verloren. Es folgten Jahre voll Sorgen, Not und Entbehrung. Sie haben den jungen Josef Otto tief geprägt. Ein harter Zug kam in sein Leben. Auch die Berufswahl fiel in diese Zeit. Wie seine Schwester berichtet, wollte Josef schon von Kindheit an Priester werden. In Hildesheim zog ihn das Beispiel seiner geistlichen Lehrer an. Als 1917 das Jesuitenverbot aufgehoben wurde, kam er eines Tages nach Hause und verkündete seiner Mutter: Ich werde Jesuit.

Was ihn am Orden zunächst anzog, war dessen wissenschaftliche Tätigkeit. Josef selbst war ein begeisterter Naturliebhaber. Oft war er schon am frühen Morgen unterwegs, um den Sonnenaufgang zu erleben. Gern streifte er allein durch die Natur, beobachtete Tiere und Pflanzen. In der Schule waren Botanik und Zoologie seine Lieblingsfächer. Er lernte die Schriften von P. Wasmann kennen und las sie mit größtem Interesse. Vor allem faszinierte ihn dessen Auseinandersetzung mit Ernst Haeckel über die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glaube. Über seine Schwester ließ er sich bei P. Hermann Muckermann, der im Internat in Duderstadt Exerzitien gab, erkundigen, ob er im Orden auch seinen naturwissenschaftlichen Neigungen nachgehen könne. Als die Antwort grundsätzlich positiv ausfiel, stand sein Entschluß endgültig fest. Mit seiner Mutter besprach er auf vielen gemeinsamen Spaziergängen seine Zukunftspläne, nicht ohne sich vorher vergewissert zu haben, daß seine Schwester nach seinem Weggang für die Mutter sorgen würde. Zeitlebens blieb er seiner Mutter in herzlicher Dankbarkeit zugetan. Noch 1954 schrieb er ihr zum 80. Geburtstag aus Bonn: "Mein Dank an Dich für alle 80 Jahre! Denn die Jahre nach 1920 waren für Dich ja auch Jahre des Betens für mich. Und Dein Beten hat sicher viel zu all dem beigetragen, was Gott mir in diesen Jahren - 34 Jahren gab."

Am 10. April 1920 trat Josef Otto ins Noviziat in 's-Heerenberg ein, wo ihn P. Johann B. Müller als Novizenmeister formte. Nach einem kurzen Juniorat kam er 1922 in die Philosophie nach Valkenburg. Dort lernte er den schon lange verehrten P. Wasmann persönlich kenne. Er wurde sein Famulus und durfte seine Ameisen füttern. Die naturwissenschaftliche Laufbahn schien vorgezeichnet. Aber in Valkenburg gab es noch einen anderen Mitbruder, der auf Frater Otto großen Einfluß ausübte. Das war der Scholastikerminister P. Bernhard Arens. Er war bis 1916 Schriftsteller der "Katholischen Missionen" in Valkenburg gewesen und sollte 1925 die Redaktion der inzwischen nach Bonn umgezogenen Zeitschrift erneut übernehmen. Um die Zukunft der Redaktion zu sichern, fing man damals an, Scholastiker im Interstiz zur Mitarbeit an die Zeitschrift zu schicken. P. Arens gewann Frater Otto für diese Arbeit, und so gingen beide 1925 nacheinander nach Bonn.

In der Bonner Residenz traf der 24jährige Otto eine illustre Gesellschaft an. Zur KM-Redaktion gehörten damals neben P. Arens die PP. Lehmacher, Schurhammer und Väth. Auch P. Huonder und P. Schütz arbeiteten noch mit. Unter den übrigen Bewohnern des Hauses waren die PP. Bruders, Krose, Metzler, Wiesmann und Hermann Muckermann. Der tägliche Umgang mit diesen Koryphäen muß für den jungen Scholastiker ein großer Ansporn gewesen sein. Schon bald zeigte sich die ganze Spannweite seiner schriftstellerischen Begabung. Der erste große Artikel, den er 1926 in zwei Folgen in der KM veröffentlichte, war eine kritische Auseinandersetzung mit dem Buch eines Amerikaners über "Die steigende Flut der farbigen Völker". In der Jugendbuchreihe "Aus fernen Landen", die von der KM-Redaktion herausgegeben wurde, schrieb er die spannenden Bändchen "Der Fischer von Karange" (in einer späteren Auflage: "Die Karawane des Todes") und "Die Flucht aus dem Lamakloster" (später: "Das Geheimnis des Wu-tai-schan"). In einer Volksschriftenreihe veröffentlichte er die Broschüre "Ignatius von Loyola. Bilder der Gotteinsamkeit und Menschenliebe eines Heiligen" und in einer Missionsschriftenreihe das Heft "Junge Sehnsucht" über den hl. Aloysius und die Weltmission. 1927 schickte ihn P. Arens zum internationalen Akademiker-Missionskongreß nach Posen in Polen. 1928 wirkte er mit bei der Zusammenstellung der Missionsliteratur für die "Katholische Sonderschau" im Rahmen der "Presse", der großen internationalen Presseausstellung in Köln. Bei der Redaktion kümmerte er sich außerdem um die Missionsbibliothek und das Missionsmuseum mit seinen wertvollen Sammlungen.

Nach diesem fruchtbaren Interstiz studierte er 1928-1932 Theologie in Valkenburg und empfing dort am 27. August 1931 die Priesterweihe. 1932 kam er wieder nach Bonn und wurde nun ständiges Mitglied der KM-Redaktion. Neben seiner Arbeit an der Zeitschrift studierte er an der Bonner Universität Religionswissenschaft und Chinesisch. 1934/35 machte er bei P. Heinrich Schmitz in Münster das Terziat. 1935-1937 hörte er an der Gregoriana in Rom Missionswissenschaft. Der akademische Lehrer, der ihn dort am meisten beeindruckte, war Pierre Charles S.J., von dem er die missionstheologische "Implantationstheorie" übernahm. Die Frucht seiner römischen Studien war das Werk "Gründung der neuen Jesuitenmission durch General Pater Johann Philipp Roothaan" (Herder, Freiburg 1939). Das Buch war als Doktorarbeit für die Nostrifikation des Valkenburger theologischen Doktors bei Prof. Schmidlin an der Universität Münster gedacht. Aber die Hochschulpolitik der Nazizeit ließ dies nicht mehr zu.

Ende 1937 kehrte P. Otto nach Bonn zurück und wurde Anfang 1938 als Nachfolger von P. Heinen zum Schriftsteller der KM ernannt. Aber die neue Tätigkeit - zusammen mit den PP. Lehmann, Lutterbeck und Wiget - war nur von kurzer Dauer. Das Propagandaministerium in Berlin begann die KM abzuwürgen. Eine Beanstandung folgte der anderen. Man warf der Zeitschrift vor, "gegen die Weltanschauung des Nationalsozialismus Front zu machen". Einzelne Artikel wurden als "Beschimpfung der gottgläubigen Volksgenossen" und als "Sabotage am Werk des Führers" gebrandmarkt. P. Otto fuhr nach Berlin. Vergeblich. Im Sommer 1938 wurde die KM wegen "Hochverrats" verboten. Das Verbot war von Dr. Goebbels persönlich unterzeichnet. Das Septemberheft war das letzte Heft. P. Otto mußte die Redaktion schließen.

Im Januar 1939 ging P. Otto erneut nach Rom, um mit P. Monnens, dem Dekan der missiologischen Fakultät der Gregoriana, eine Geschichte der neuen Gesellschaft Jesu herauszugeben. Das Werk blieb unvollendet, weil der Krieg ausbrach. Nach Bonn zurückgekehrt, widmete sich P. Otto nun vor allem der Seelsorge. 1940 übernahm er von P. Kettenmeyer die Seelsorge im Herz-Jesu-Hospital. An den Wochenenden fuhr er an die Ahr, wo er die "unteren Dörfer" (Brück und Pützfeld) der Pfarrei Kesseling betreute. 1941, kurz bevor die Gestapo das Bonner Haus schloß und die Patres nach Frankfurt verbannte, zog er in das Herz-Jesu-Hospital um und konnte so in Bonn bleiben. Als Ende 1944 eine Luftmine das Krankenhaus unbrauchbar machte, zog er mit den letzten Schwestern nach Olpe, wo er bis zum Ignatiusfest 1945 blieb. Manch zündende Predigt, ja manche einprägsame Formulierung, ist seinen Zuhörern von damals in Erinnerung geblieben.

Neben der Seelsorge widmete sich P. Otto auch weiterhin der Schriftstellerei. Es erschienen die Bücher "Kirche im Wachsen" (Freiburg 1940), "Tausend Jahre deutsche Missionare in aller Welt" (Kolmar 1942) und "Pioniere des Gottesreiches" (Hamburg 1947). Eine Großtat P. Ottos in dieser wirren Zeit war die Rettung der Redaktionsbibliothek, die damals schon 20.000 Bände zählte und als die beste Missionsbibliothek Deutschlands galt. Sie wurde nach und nach in das Haus eines befreundeten Bonner Arztes geschafft und dort im Keller verborgen. Als der Arzt denunziert wurde, führte er die Gestapoleute vor ein Regal frommer Bücher in einer Dachkammer, die er als Missionsbibliothek bezeichnete. Enttäuscht zogen die Gestapoleute wieder ab. P. Otto hat diese Geschichte oft mit sichtlichem Vergnügen erzählt. Wie sehr ihm die Bibliothek am Herzen lag, geht aus einem Brief hervor, in dem er am 1. Januar 1945 - kurz nach der Evakuierung aus Bonn - schrieb: "Nun habe ich noch eine große Sorge. Die Missionsbibliothek steht noch in Bonn. Bisher war nichts passiert. Ob sie aber den letzten Angriff überstanden hat? Ich habe auch hier den hl. Joseph zum Schutzpatron der Bibliothek gemacht, denn sie ist ja das wichtigste Instrument für den Wiederaufbau der KM... Es beten viele dafür. Ich denke und hoffe: Gott wird sie schützen."

Mit Kriegsende war der Weg frei für das Wiedererscheinen der KM. Ah Sommer 1945 begann P. Otto ganz allein Redaktion und Bibliothek wieder aufzubauen. Auch in den Neubau der zerstörten Bonner Residenz flossen seine Ideen mit ein. Unter heute kaum vorstellbaren Schwierigkeiten brachte er schließlich im Sommer 1947 das erste Nachkriegsheft der KM in einer Auflage von 20 000 Exemplaren heraus. Ab 1949 konnte die Zeitschrift wieder regelmäßig erscheinen, zunächst viermal im Jahr und ab 1950 mit 6 Heften im Jahr. P. Otto hat die neue KM fest auf zwei Beine gestellt: auf den Verlag Herder und auf die Päpstlichen Missionswerke in Aachen und Münster.

Er erreichte in den fünfziger Jahren, daß die KM Mitgliedsgabe des Priestermissionsbundes und Alternativangebot zur Mitgliederzeitschrift des Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung (heute Missio) wurde. Wie sehr die neue KM geschätzt wurde, zeigte die ständig steigende Auflage. Als P. Otto die Schriftleitung 1968 niederlegte, hatte sie den Höchststand von fast 90 000 Exemplaren erreicht. Zum äußeren Aufbau kam der innere Aufbau der Redaktion. Die alten Mitarbeiter waren nicht mehr zu haben. Und neue Mitarbeiter mit dem entsprechenden Wissen und schriftstellerischer Begabung zu finden, war schwer. Da die KM ein Opus commune der drei deutschen Provinzen war (und ist), waren alle deutschen Provinziäle zuständig. Das machte die Suche nach geeigneten Mitarbeitern zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit. Unter den vielen Briefen, die P. Otto in dieser Sache schrieb, war manch geharnischter Brief - auch an Pater General nach Rom. Als er dann jüngere Mitarbeiter bekam, lag ihm deren gründliche Ausbildung, vor allem in Rom, sehr am Herzen. Die Zusammenarbeit in der Redaktion war allerdings ganz von seiner Autorität bestimmt.

P. Otto benutzte die KM von Anfang an als Sprachrohr, um trotz aller Schwierigkeiten im eigenen Land die deutschen Katholiken an ihre weltweite missionarische Verantwortung zu mahnen. Er schrieb wahrhaft aufrüttelnde Artikel. Als der Funke zündete und das Missionswerk wieder wuchs, begleitete es P. Otto als wacher und kritischer Beobachter. Er nahm Stellung zu brennenden Finanzproblemen der Mission, zur Zersplitterung der Missionshilfe, zum Rückgang der missionarischen Berufe, zum Verhältnis von Mission und Entwicklungshilfe, von Mission und Dialog, von Mission und Ökumene. Die These "Deutschland - Missionsland", die P. Ivo Zeiger 1948 aufstellte, beunruhigte ihn. Nicht, daß er die neue missionarische Situation in Deutschland nicht gesehen hätte. Aber er fürchtete die falschen Konsequenzen, als ob man zuerst in Deutschland "missionieren" müsse, bevor man sich der übrigen Welt zuwenden könne. Alle diese Fragen beschäftigten ihn sehr existentiell. Das Entstehen seiner Artikel trieb ihn wochenlang um und verfolgte ihn bis in den Schlaf hinein.

Allen Äußerungen zur missionarischen Tagesaktualität lag eine bestimmte Missionstheologie zugrunde, die P. Otto in seiner kleinen Schrift "Warum Mission?" (Kevelaer 1957) kurz und bündig zusammenfaßte. Es war eine inkarnatorische Missionstheologie. Einer der entscheidenden Sätze in dieser Schrift lautet: "Die Judewerdung Gottes im personalen Christus, dem Jesus von Nazareth, muß sich irgendwie noch vollenden in der Chinesewerdung, Japanerwerdung, Inderwerdung, ... Völkerwerdung Gottes im mystischen Christus" der Kirche (S.10). Von daher sah P. Otto auch einen wesentlichen Unterschied zwischen "Christenland" in Europa und "Missionsland" in Afrika und Asien. Im "Christenland" ist diese Fortsetzung der Menschwerdung im Wesentlichen schon geschehen. Im "Missionsland" ist sie noch im vollen Gang. Und das gab nach P. Otto der "äußeren" Mission vor der "inneren" Mission eine besondere Würde und Dringlichkeit.

Neben den Grundsatzartikeln schrieb P. Otto viele Berichte über die Situation der Kirche draußen in den "Missionsländern". Aufgrund einer Arbeitsteilung in der Redaktion war er für Vorderindien und den chinesischen Raum zuständig. Er war selbst nie in einem der Länder, über die er schrieb. Das war damals schon finanziell gar nicht möglich. Seine Berichte entstanden aus einem umfangreichen Zettelkasten. Er las viel und informierte sich laufend durch Gespräche mit Besuchern und Missionaren von draußen. Eine Chinesin nannte ihn einmal scherzhaft einen "Karl May". Aber seine Berichte trafen, wie Kenner der jeweiligen Situation immer wieder bestätigten, haargenau zu und wurden auch draußen "in den Missionen" gern gelesen.

Zusätzlich zu seiner Redaktionsarbeit entfaltete P. Otto eine rege Vortragstätigkeit, vor allem vor Priestern und Theologiestudenten. Bei wichtigen missionarischen Gremien wirkte er beratend mit, insbesondere beim Deutschen Katholischen Missionsrat, dessen Vergabe-Ausschuß er angehörte. An der Gestaltung des grossen missionarischen Katholikentages in Fulda 1954 war er maßgeblich beteiligt. Über einen deutschen Bischof, den er beriet, nahm er Einfluß auf das Missionsdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils. Auch seine Liebe zur Missionswissenschaft rostete nicht. Er war Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission des Internationalen Instituts für Missionswissenschaftliche Forschungen und von 1952 bis 1972 Mitherausgeber der "Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft" in Münster. Schon 1941 weist ihn der Katalog als Professor für Missionswissenschaft in Valkenburg aus. Nach dem Krieg hat er in Büren und St. Georgen missionswissenschaftliche Vorlesungen gehalten. Zur 400jährigen Wiederkehr des Todestages des hl. Franz Xaver schrieb er nochmal ein kleines Büchlein mit dem Titel "Das heilige Abenteuer" (Aachen 1952). Von Gremien und Sitzungen hielt er nicht viel. Was für ihn zählte, war die solide Arbeit am Schreibtisch. Er bedauerte sehr, daß die Tradition der KM-Redaktion, sich neben der Zeitschrift noch schriftstellerisch zu betätigen, von seinen Mitarbeitern nach dem Krieg nicht mehr im alten Umfang wiederaufgenommen wurde.

Bei dieser Arbeitsfülle - und wohl auch unter dem Einfluß seines Naturells und der Erziehung im Orden - ist es nicht zu verwundern, daß P. Otto kaum ein "Privatleben" kannte. Er ging fast nie aus. Er pflegte - jedenfalls im Orden - keine Freundschaft. Seinen Besuchern bot er nie etwas an. Seinen Urlaub verbrachte er - solange er konnte - meist zusammen mit seiner Schwester jedes Jahr zur gleichen Zeit im Harz. Auch sonst führte er ein sehr geregeltes Leben. Seine Tagesordnung - der Spaziergang am Rhein mit eingeschlossen - hatte etwas Starres, fast Mechanisches an sich. Unordnung mochte er nicht leiden. Mit gewissen Menschlichkeiten von Mitarbeitern, die seinem Idealbild nicht entsprachen, tat er sich schwer. Persönliche Gefühle zeigte er kaum. Nur wenn ihn eine Sache gepackt hatte, was nicht selten geschah, dann konnte er stundenlang voll Begeisterung darüber dozieren und seinen Gesprächspartner dabei fast völlig vergessen. Dieser Überschwang zeigte sich auch im Stil seiner Artikel und Briefe. Die vielen Frage- und Ausrufezeichen sollten deutlich machen, wie sehr ihn die Sache bewegte und bedrängte. Wenn es aber gelang, ihn in ein Gespräch zu ziehen, dann konnte er sehr witzig und schlagfertig sein und auch manches aus seinen Erlebnissen erzählen.

Es gab jedoch noch eine andere Seite an P. Otto, die vielen verborgen blieb. Wenn man so will, dann war diese Seite sein eigentliches "Privatleben". Und hier zeigte sich sehr viel Menschlichkeit, ja Fähigkeit zur Freundschaft. Seit den Kriegsjahren, wo ihn die Umstände dazu führten, ist P. Otto Seelsorger geblieben. Er behielt auch nach 1945 die tägliche Messe für die Schwestern und die Krankenhausseelsorge im Bonner Herz-Jesu-Hospital bei - 25 Jahre lang, bis er 1970 nicht mehr konnte. 1946/47 betreute er ein junges Mädchen, eine Mystikerin, bis zu ihrem schmerzhaften Tod. Diese Erfahrung und ein vertieftes Studium des entsprechenden Schrifttums versetzte ihn in die Lage, später auch anderen Hilfe und Klärung auf diesem Weg zu geben. In zwei Bonner Schwesterngemeinschaften wurde er zum außerordentlichen Beichtvater bestellt. Asiaten, die sich in Bonn aufhielten, konnte man jederzeit für Glaubensgespräche zu ihm schicken. Einen Chinesen hat er auf die Taufe vorbereitet und auch persönlich getauft. Ein japanischer Arzt nannte ihn seinen "geistigen Lehrer". Wenn ihm bei seiner Seelsorgstätigkeit menschliche Not begegnete, scheute er weder Zeit noch Mühe und nützte alle Beziehungen aus, die er hatte, um wirksam zu helfen. Mit Recht reagierte P. Otto empfindlich, wenn jemand seine Seelsorgserfahrung nicht ernst genug nahm. "Seine 'Seelenführung'", so heißt es in einem Brief, "war unaufdringlich. Nie versuchte er, Vorschriften zu machen. Er verstand es, darauf zu horchen, was Gott wohl mit diesem Menschen vornette. Ich habe ihn immer nur als einen bescheidenen, demütigen Priester erfahren, der ganz im Dienst dessen aufging, der ihn in die Nachfolge berufen hatte und den er aus ganzem Herzen liebte."

Ein Gebiet, auf dem P. Otto seinen weltmissionarischen Elan und seine seelsorglichen Fähigkeiten zugleich einsetzen konnte, war die Sorge um missionarische Berufe. Er lehnte den "Import" asiatischer Mädchen in deutsche Klöster vehement ab und stritt dagegen in Wort und Schrift, bis die deutschen Bischöfe eine Regelung erließen. Aber ebenso unermüdlich setzte er sich jahrzehntelang für die Weckung und Pflege missionarischer Berufe in Deutschland ein. Noch in seinem letzten Artikel, den er in der KM schrieb, fragte er eindringlich: "Warum haben wir so viel Geld, aber so wenig Berufe für die Missionen?" Er beriet persönlich junge Menschen, die Missionar oder Missionsschwester werden wollten, oft Jahre hindurch, um ihnen zu helfen, den richtigen Weg zu finden. Er war insbesondere der Gemeinschaft der Missionsdominikanerinnen von Salisbury in Rhodesien (heute Simbabwe) zugetan, die 1947 aus ihrem deutschen Haus in Strahlfeld drei Schwestern ins Aloysiuskolleg nach Bad Godesberg schickten. Eine Begegnung mit der Generaloberin in Bad Godesberg und ein Gespräch mit Frau Dr. Laurentius in Bonn, die die Arbeit der Schwestern von einem längeren Aufenthalt in Rhodesien her persönlich kannte, begründeten eine lebenslange Freundschaft zu den Schwestern. Er beriet sie bei wichtigen Entscheidungen und half ihnen bei der Neugestaltung ihrer Regeln. Er legte großen Wert darauf, daß die jungen Schwestern eine gute Berufsausbildung erhielten. Er mahnte dazu, afrikanische Schwestern aufzunehmen. Er sorgte dafür daß von den deutschen Hilfswerken die nötigen Gelder kamen.

Er wirkte mit bei der Gründung des Heilpädagogischen Kinderdorfes in Bielefeld, das er u.a. auch als zweiten Heimatstützpunkt für die Schwestern verstand. Schließlich veranlaßte er, daß zwei junge Schwestern nach Deutschland kamen und in den fünfziger und sechziger Jahren drei längere "Werbereisen" für missionarische Berufe durch Schulen und Gemeinden machten. Dabei wurden mindestens 150 Mädchen für die Gemeinschaft der Missionsdominikanerinnen gewonnen und wahrscheinlich ebenso viele für andere Orden und Kongregationen. Eine der beiden Schwestern schreibt zu diesen "Fischzügen": "Wenngleich ich auch alles selber in die Hand nahm, so war doch P. Otto immer der Wegweiser und der Helfer und der Aufmunterer im Hintergrund. Es ist unglaublich, wie er das alles bis ins Kleinste verfolgt hat. Ich konnte jederzeit Ratschläge von ihm haben bezüglich der diversen 'Fischlein', konnte sie auch zu ihm schicken - zur 'Weiterbearbeitung'! Unsere Gemeinschaft und viele einzelne von uns sind ihm sehr viel Dank schuldig." - Und eine andere Schwester schrieb: "Ich habe oft gesagt: Der Pater Otto würde für unsere Gemeinschaft barfuß bis zum Nordpol gehen." Man wird kaum ermessen können, was P. Otto hier an Zeit und Kraft investiert hat. Tausende von Briefseiten gingen hin und her. Stundenlang saß er im Sprechzimmer. Noch in den letzten Jahren wurde er sehr lebendig und vergaß alle seine Beschwerden, wenn er Besuch von "seinen" Dominikanerinnen bekam. 1969 faßte er sogar den Plan, eine Reise nach Salisbury zu unternehmen. Es wäre seine erste Reise in ein "Missionsland" gewesen. Er studierte schon mit gewohnter Gründlichkeit den Stadtplan von Salisbury. Da traf ihn mitten in die Vorbereitungen hinein die Krankheit, die fortan solche Reisen unmöglich machte.

Es ist überhaupt erstaunlich, daß P. Otto dies alles so lange durchgehalten hat. Seine Gesundheit war ja nie besonders stabil. Schon im Interstiz verschaffte ihm P. Arens regelmäßig ein stärkendes "Extra-Frühstück", damit er den Anforderungen gewachsen war. Bei der Priesterweihe in Valkenburg saß Frater Otto, während die übrigen Kandidaten ausgestreckt auf dem Boden lagen, an der Seite auf einem Stuhl. Am Ende des Krieges holte er sich eine Gelbsucht. Unter der Fülle der Arbeitslast hatte er mehrfach mit Herz- und Magenbeschwerden zu tun. Auch die Augen machten ihm zunehmend Schwierigkeiten. Wie sehr er all die Jahre auch psychisch unter Druck stand, verriet er 1970 nach dem ersten Schlaganfall seiner Schwester in einem Brief: "Das Gehen geht langsam besser. Aber Dr. Peiss hat recht: Zeit, Zeit, Zeit. Die habe ich ja jetzt. Das nächste Heft brauche ich ja nicht mehr fertig zu machen. Jetzt spüre ich erst, wie selbst im Urlaub dieser Druck 'das nächste Heft' mir immer im Nacken saß, und das über 20 Jahre." Seine Schwester erinnert sich auch, daß P. Otto von Jugend an - trotz seiner großen Begabung - immer das Gefühl hatte: "Ich schaff' es nicht." Vermutlich war das auch der Grund dafür, daß er alles, was er unternahm, von langer Hand und minutiös vorbereiten mußte.

Ende 1968 übergab P. Otto die Redaktionsgeschäfte an P. Ludwig Wiedenmann, behielt aber die grundsätzliche Verantwortung als Herausgeber der Zeitschrift und die Sorge für die Missionsbibliothek bei. Er las auch weiterhin die eingehenden Manuskripte und nahm an den Redaktionskonferenzen teil, bis er kurz vor seiner letzten Krankheit nicht mehr konnte. Er mischte sich nie in die redaktionelle Verantwortung seines Nachfolgers ein, stand aber mit seiner großen Erfahrung stets für einen guten Rat zur Verfügung. Zu seinem 70. Geburtstag 1971 erhielt er auf Betreiben von P. Listl noch das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse für seinen besonderen Beitrag zur Erweiterung des geistigen Horizonts und zur Stärkung der internationalen Solidarität in der Bundesrepublik Deutschland. Er nahm diese Ehrung gelassen hin. 1973 konnte er zu seiner großen Freude zusammen mit Redaktion und Verlag das 100jährige Bestehen der KM feiern.

An Pfingsten 1971 hatte P. Otto auf Wunsch seiner Oberen einen kurzen Lebenslauf verfaßt, der mit den Worten schloß: "Der Rest liegt in Gottes Händen..." Gott ließ ihm noch zehn stille, aber beschwerliche Jahre. Wie beschwerlich sie wurden, kündigte sich schon 1970 an, als P. Otto nach einem leichten Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen an der linken Körperseite zweimal ins Krankenhaus mußte. Bereits im Sommer 1971 kam er ein drittes Mal ins Krankenhaus. Anschließend verbrachte er ein knappes Jahr in Münster, Haus Sentmaring, wo er sich wieder ganz gut erholte. Im Herbst 1972 zurück in Bonn, führte er ein ziemlich zurückgezogenes Leben. Er war nicht mehr zu bewegen, die hl. Messe öffentlich zu lesen. Jeden Tag machte er seinen gewohnten Nachmittags-Spaziergang am Rhein, aber Begleitung wünschte er nicht. Zu Hause hörte er gern klassische Musik und gönnte sich manche Unterhaltung am Fernsehen. Das Weltgeschehen verfolgte er - nicht selten etwas leichtgläubig - durch eine ausgiebige Zeitungslektüre. In der Kommunität wurde er zunehmend schweigsamer. Alles Laute, alles Aufdringliche und Pathetische ging ihm auf die Nerven. Kritik am Orden, vor allem an den vergangenen Formen des Ordens, etwa an der Ausbildung in Valkenburg, konnte er nur schwer ertragen. Umgekehrt machte er anderen Mitbrüdern gelegentlich mit seiner besonderen Art des Humors zu schaffen. Die einzigen Reisen, zu denen er sich noch aufraffte, waren die jährlichen Pfingstfahrten zu seiner Schwester nach Hannover und Peine.

Zu seinem 60. Ordensjubiläum im April 1980 machte die KM-Redaktion zusammen mit P. Otto noch einen Ausflug in seine alte Studienheimat, ins ehemalige Ignatiuskolleg in Valkenburg. Dort schritt er die Wege von früher ab, ging über Treppen und Gänge, besah sich Säle und Zimmer, in denen er seine Ordensjugend verbracht hatte, und besuchte den grabsteinlosen Friedhof. Im selben Jahr verließen ihn die Kräfte immer mehr. Er mußte erneut ins Krankenhaus. Da er nach seiner Entlassung pflegebedürftig war, zog er am 8. Februar 1981 schweren Herzens nach Münster um - in der Hoffnung, nach einigen Wochen oder Monaten wieder nach Bonn zurückkehren zu können, so wie schon einmal 10 Jahre zuvor. Aber diesmal gab es keine Besserung mehr. Den endgültigen Verfall seiner Kräfte ertrug P. Otto mit großer Geduld. Er wollte sich nichts anmerken lassen. Aber wenn man ihn ansprach, kamen ihm die Tränen. Er war sich seiner zunehmenden Ohnmacht voll bewußt. Bald nach seinem 80. Geburtstag wurde er nach einem neuerlichen Gehirnschlag ein letztes Mal ins Krankenhaus gebracht. Zwei Wochen später, in den Abendstunden des 24. Mai, vollendete er sein Leben.

P. Otto hat seinen Dienst in der Gesellschaft Jesu und an der Weltmission aus einem tiefen Glauben heraus getan. Bei allen Anforderungen, die er an sich und seine Mitarbeiter stellte, war er im Grunde ein gütiger und fröhlicher Mensch. Sein Lebensstil war äußerst einfach und bescheiden. Ein Missionar schrieb zu seinem Tod: "Mit Trauer höre ich vom Hinscheiden des P. Otto. Er war einer der ersten Jesuiten, die ich überhaupt kennenlernte in meiner Jugend. Er hat mich stets als Persönlichkeit und von seinem ansteckenden Missionsgeist her tief beeindruckt. Hoffen wir, daß er von seiner ewigen Heimat aus viele neue Arbeiter in den Weinberg der Mission einbringt." Und in einem Brief, den P. Otto selbst in den letzten Jahren geschrieben hat, ist zu lesen: "Es wird einmal so unendlich schön und licht, daß wir das Dunkel die paar Jahre aushalten wollen, geduldig und gern (!). Ja, manchmal stehe ich auch vor der Tür und schaue durchs Schlüsselloch, wie ich es als Kind so oft am Weihnachtsabend getan. Ob nicht doch einmal drüben das Licht aufgeht? Und so warte auch ich... vergessen Sie nicht, IHN auch schon einmal für mich um Barmherzigkeit zu bitten. Gnade, Barmherzigkeit ist alles!"

R.i.p.

P. Ludwig Wiedenmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1982 - Februar, S. 10-17