P. Paul Overhage SJ
1. August 1979 in Münster

Mir fällt zuerst sein Gesicht ein, lebendige, kleine Augen, etwas hängende Backen, eine hohe Stirn, geziert mit einer ewig schiefen Goldrandbrille. Dieses Gesicht war ganz Paul Overhage, ein Kölner im feindlichen Ausland*; denn in Köln, wo er 1906 geboren wurde, hat er nur ganz kurz einmal in seinem Leben gearbeitet. Das Gesicht, stelle ich mir vor, lachte aus allen Fältchen, als es auf seiner Beerdigung regnete, nicht bei der Messe, nicht hinterher, sondern genau beim Grabgang. Er hat sich sicher gefreut, seinen Mitbrüdern auf diese Weise noch etwas Erfrischendes antun zu können.

Sein Gesicht zeigte Scheu, Vorsicht, Rücksicht mit Mitbrüdern und anderen Menschen. Paul Overhage, so habe ich und so haben andere ihn häufig erlebt, brauchte seine Zeit, bis er sich mit jemandem wohlfühlte. Und plötzliche überraschende Begegnungen schätzte er überhaupt nicht, schnelle Entschlüsse liebte er nicht. "Warten wir noch ein bißchen", an diesen Satz erinnere ich mich. Und diese, manchmal schleppend erlebte Langsamkeit war seine Stärke. In der Stirn arbeitete es, bedächtig, genau, akribisch, exakt. "Ich muß nochmal ins Senckenbergmuseum, um alle Artikel nachzuprüfen, die ich zitiert habe", das gehörte zu seinen Standards. Und als er selbst nicht mehr nachprüfen konnte, bat er Mitbrüder, ihm dabei zu helfen. Seine Bücher über die Vorgeschichte des Menschen und des menschlichen Verhaltens sind wertvoll, weil sie genau sind. Paul Overhage hielt sich lieber an Tatsachen als an Vermutungen, und den Tatsachen der menschlichen Vorgeschichte und den Folgen für die Theologie ging er intensiv zu Leibe. "Ich will wissen, wie das war", erzählte er dann in der Rekreation und präsentierte die Geschichte vom Affen, der dem Frieden auf der Wiese nicht traut und sich deshalb am Kopf kratzt, was, wie wir wissen, die Menschen in ähnlichen Situationen heute noch tun.

Sein Gesicht drückte ihn ganz aus, wenn er in der METRO, zu Zeiten, als er noch Minister war, mit dem großen Einkaufswagen durch die Regale wanderte und für jeden Mitbruder etwas aussuchte, was dem gefallen würde. Ein Gebäck, ein Schnaps. Er fand diese Rücksicht wichtig, und wir haben diese kleinen Zeichen der persönlichen Aufmerksamkeit genossen.

Seine Hände und Füße fallen mir ein, wenn ich an ihn denke. Die Füße in immer etwas klobigen Schuhen, zuletzt schlurfend, den Dienst versagend, zusammenbrechend. Aber bis zuletzt auf Wanderschaft. Diese Füße haben ihn von Köln 1926 ins Noviziat getragen und in die Studien nach Valkenburg, sie haben ihn nach Hamburg geschleppt, wo er 1933 Biologie studieren wollte, aber keine Erlaubnis zum Doktorat bekam. Er machte dann seinen Doktor in Geografie, erwanderte sich die Valkenburger Nachbarschaft und erkundete die Schichtung des Bodens im holländisch-deutschen Grenzgebiet. Dann befaßte er sich mit der Männer-MC in Köln, 1944-45. Dann aber dachte man: ein Mann, der in Geografie doktoriert hatte und naturwissenschaftliche Kenntnisse besaß, könnte in Hamburg einen guten Lehrer abgeben und gleichzeitig die Schule, das heutige Ansgar-Kolleg, aufbauen. Davon erzählte er immer wieder: von den Schwierigkeiten, den Wanderungen durch die Stadt, von Behörde zu Behörde, von Firma zu Firma. Aber Paul Overhage hatte kein Staatsexamen, die Hamburger Schulbehörde anerkannte ihn nicht als Lehrer, und er erkannte, daß wissenschaftliche Arbeit seine Stärke war. Nach Koblenz trugen ihn die Füße. "Das Erscheinungsbild des ersten Menschen" erschien 1959. Paul Overhage qualifizierte sich als Zusammenfasser. Er schlug Schneisen in die fast unübersehbare Literatur zur Vorgeschichte der Menschheit, aber er war vorsichtig. Seine Füße machten kein Sprünge, sondern Schrittchen. Deshalb blieben die theologisch-naturwissenschaftlichen Kontroversen im Hintergrund. Er schilderte für die Theologen die Tatsachen und überließ ihnen die Arbeit, die theologischen Konsequenzen zu ziehen. Er lieferte Werkzeug zum Denken. Und dieses Werkzeug war gut.

Jedesmal, wenn ein Fachmann eines seiner Bücher gut besprochen hatte, kam er in die Rekreation, zog heimlich und doch stolz ein Blatt hinter dem Rücken vor und ließ uns lesen, was man in Fachkreisen von ihm hielte.

Seine Füße trugen ihn in den Taunus, jeden Donnerstag, oft den gleichen Weg. Gemeinsam mit P. Möllerfeld machte er meistens diese Wanderungen und erzählte am anderen Tag von den Stationen, den Bäumen, den Wegen und - mit den letzten Jahren zunehmend - den Schwierigkeiten, noch gehen zu können.

Seine Hände bleiben mir in Erinnerung, seine vor Jahren immer kleiner werdende Schrift, seine Anstrengungen, wieder richtig zu schreiben, so daß man es lesen konnte. Sein letztes Buch hat er mit der elektrischen Schreibmaschine geschrieben, weil es ihm leichter fiel. Er lehrte seine Hände, sich auf das Gerät umzustellen. Und er lachte manchmal, wenn die Hände ihm nicht gehorchten. Aber er litt darunter, daß die Parkinsonsche Krankheit ihn so sehr in seiner Bewegungsfreiheit einengte. Manchmal erklärte er uns, wie das alles biologisch zusammenhing, freute sich, daß er alles wußte und sich so auf den Krankheitsprozeß einstellen konnte und litt darunter, daß die körperliche Einengung unaufhaltsam stärker wurde als sein Wille, sie zurückhalten zu können.

An die Stimme erinnere ich mich, eine leise, vorsichtige Stimme. P. Overhage erzählte Geschichten immer mit hintergründigem Humor. In den letzten Jahren mußten wir ganz genau hinhören, um mitzubekommen, was er sagte. In unseren gemeinsamen Sitzungen im Haus wurde er oft ganz still, vermutlich, weil wir lauter waren.

Die Geschichte, wie er begraben werden wolle, bleibt mir sicher in Erinnerung: In einem echten römischen Steinsarkophag wollte er in den Marianengraben bei den Philippinen versenkt werden. Eines Tages, im Lauf der Erdgeschichte, würde sich dann der Graben aufstülpen und es würde ein Berg daraus werden, auf dem dann der Sarkophag stände. Und dann - Paul Overhage schüttelte sich immer vor Lächeln, wenn er daran dachte, - da würden viele Wissenschaftler dicke Doktorarbeiten über den Sarkophag auf dem Berg schreiben, und sie würden, so wünschte er sich, das Rätsel seines Lebens nicht klären können.

R.i.p.

P. Gregor Heussen SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1979 - Oktober, S. 87 f