P. Alfonso Pereira SJ
* 25. Januar 1917 in Hamburg
21. November 1991 in Berlin

Der Verfasser dieses Nekrologes ist fast in allem auf die Hilfe nicht gerade sehr mitteilsamer Mitbrüder angewiesen. So bleibt der rückschauende Lebensbericht in den Einzelheiten oft lückenhaft, in den Urteilen subjektiv und im Endergebnis der ordnenden Kraft des jeweiligen Lesers überlassen. Woher ich den Mut nehme, trotz allem einen Nachruf für einen Mitbruder zu schreiben, den ich nur wenig kannte? P. Provinzial Höfer hat mich darum gebeten.

Eigentlich habe ich zu P. Alfonso Pereira zuerst über seinen Bruder Clemente Kontakt gewonnen, in dessen schattenwerfendem Glanz er wohl immer gestanden hat, obwohl er ihm an geistiger Weite und intellektuellem Format ohne Zweifel überlegen war. Clemente war mein Mitnovize und hat sich meiner bei den ersten Noviziatsschritten sorglich angenommen; Alfonso trat drei Jahre später in den Orden ein, schon nicht mehr in 's-Heerenberg, das wir durch den materiellen Druck der Nationalsozialisten hatten aufgeben müssen, sondern in der zu 's-Heerenberg gehörenden Villa Hochelten, flußabwärts hoch über dem Rhein, 1937 am 12. April. Ich meine mich zu erinnern, daß ich ihn anläßlich eines Besuches bei seinem Bruder vor dem Eintritt flüchtig kennengelernt habe, wie andere der Geschwister. Neun Geschwister waren die Pereira, und eine so große Zahl erweckt immer Aufmerksamkeit und auch Sympathie. Und so blieb es: ich mochte beide und so ist es bei beiden bis zu ihrem Tode geblieben.

Von seiner Familie erfuhr ich nur wenig, und die zwei gegebenen mitbrüderlichen schriftlichen Hilfen helfen nicht viel, so daß ich wohl sagen darf, daß beide, Clemente wie Alfonso, trotz aller Kommunikationsfreude im Persönlichen eher verschlossen waren. Die Familie beobachtete Alfonso allerdings mit wacher Aufmerksamkeit, besonders, was den Gesundheitszustand seines Vaters und seiner Brüder, vorab Clemente betraf. Als dessen sehr langsam, aber unaufhaltsam fortschreitende Krankheit deutlich offenbar wurde, sagte er mir, schon lange bevor sich bei ihm erste Symptome eines ähnlichen Schicksals zeigten, bei seinen häufigen Besuchen in Regensburg, er zweifle nicht, daß ihn ein ähnliches Geschick treffen werde. Vielleicht belastete ihn seine Ahnung stärker, als daß er sich ihrer hätte erwehren können und ließ ihn für manche abweisend erscheinen. Obwohl ich ihn häufig als Gast hatte, habe ich nichts davon bemerkt.

In der schlimmsten Phase des 1. Weltkrieges, 1917, geboren zu werden, bedeutete für die kinderreiche Familie in all ihren Gliedern eine Zeit größer und immer größer werdenden Entbehrungen. Kinderreich war die Familie damals schon. P. Alfonso war der dritte unter vier Buben. Die Mutter starb bei der Geburt des vierten Kindes. Alfonso war eineinhalb Jahre. Der Vater heiratete wieder und hatte mit seiner zweiten Frau noch fünf Kinder. Offenbar - und auch nach der eigenen Aussage Alfonsos - ließ das Leben aus dem Glauben alle Schwierigkeiten überwinden. Die Kinder und auch Alfonso liebten die zweite Mutter wie ihre eigene leibliche. Über Spannungen mit den Halbgeschwistern habe ich nie etwas erfahren. Die materielle Lage der sehr großen Familie scheint den Gesamtverhältnissen entsprechend einigermaßen gesichert gewesen zu sein. Der Vater war Export-Import-Kaufmann, portugiesischer Nationalität in Hamburg. Clemente und Alfonso blieben Portugiesen.

Unter seinen nachgelassenen Papieren hat sich die Kopie seines in säuberlicher Handschrift verfaßten Antrages auf Zulassung zur Reifeprüfung Ostern 1937 an der Hindenburg-Oberrealschule in Hamburg gefunden. Nationales Pathos war wohl damals gewünscht. Alfonso schreibt folgendes:

"Der Oberprimaner der Hindenburg-Oberrealschule Alfonso Pereira bittet um Zulassung zur Reifeprüfung Ostern 1937. Ich bin am 25. Januar 1917 in Hamburg geboren, Von Ostern 1923 bis Ostern 1925 wurde ich zusammen mit meinem älteren Bruder von meiner Mutter unterrichtet. Ich kam dann in die 6. Klasse der Volksschule Ritterstraße. Von Ostern 1928 bis Ostern 1934 besuchte ich die katholische höhere Knabenschule in Hamburg. Dann wurde ich in die Obersekunda der Hindenburg-Oberrealschule aufgenommen. Ich kann wohl sagen, dass ich in diesen 3 Jahren diese Schule als Gemeinschaft kennengelernt habe. Besonderes Interesse habe ich eigentlich nicht für irgendein Schulfach gehabt, jedoch habe ich mich bemüht, in allen Fächern nach Kräften mitzuarbeiten. Meine größte Begabung liegt wohl auf dem Gebiete der Mathematik. An der Politik, dem Zeitgeschehen und auch religiösen Tagesfragen habe ich immer lebhaften Anteil genommen.

Ich verdanke meinen Eltern eine gute, im katholischen Geiste gehaltene Erziehung. Als drittes von 9 Kindern hatte ich frühzeitig Gelegenheit, mich auf andere einzustellen und alle Ecken und Kanten abzustoßen, was mir für meine spätere Tätigkeit wohl von Nutzen sein wird. Seit 1931 gehöre ich dem katholischen Schülerbunde "Neudeutschland" an, der meine Erziehung mit beeinflusst hat. Das Ziel des Bundes ist die neue Lebensgestaltung in Christus, der Weg dazu: Sinn und Wille zur gesunden Jugendbewegung und innerlich echtem Katholischsein im Dienste der ganzen Gemeinschaft unseres Volkes. In diesem Bunde hatte ich Gelegenheit, auf Heimabend, Fahrt und Lager, wahre Gemeinschaft zu erleben und Heimat und Vaterland kennenzulernen. Gerne erinnere ich mich noch der Fahrten, die mich in Hamburgs nähere Umgebung, in verschiedene Teile Norddeutschlands und in den letzten Jahren auch nach Mitteldeutschland, ins Rheinland und nach Bayern führten. So lernte ich Land und Leute eines großen Teiles Deutschlands kennen.

Im Laufe der letzten Jahre kam es mir immer mehr zur Erkenntnis, dass unserer heutigen Zeit die Verbindung zur Natur und Übernatur besonders fehlt, hierin schien mir das Hauptübel unserer Zeit zu liegen. Hier wollte ich helfen, und so habe ich mich entschlossen, Priester zu werden; auf die nächsten Gründe einzugehen, erübrigt sich hier wohl. Ich will mitwirken an der Wiederherstellung des Einklanges zwischen Natur und Gottesordnung zum wahren Wohle der Menschen. Ich bin mir dabei aber vollkommen bewusst, daß man das Sittengesetz nicht predigen kann, ohne unablässig für seine natürlichen Voraussetzungen zu sorgen, daß es überhaupt erfüllt werden kann, denn das übernatürliche Leben setzt das natürliche voraus. Nach dem Abitur werde ich Theologie studieren und mir einen Überblick über die religiöse Lage schaffen, und dann will ich arbeiten für eine religiöse und sittliche Erneuerung der Menschlichkeit im Dienste der Wahrheit. Ich hatte schon frühzeitig Interesse für die Biologie, besonders für die Vererbungslehre und Eugenik. Da ich früher gute Erfolge in diesem Fach gehabt hatte, habe ich mich unter den wahlfreien schriftlichen naturwissenschaftlichen Arbeiten für die biologische entschieden.

Hamburg, 29. XI. 36
Alfonso Pereira"

Wenige Wochen später trat er in die Gesellschaft Jesu ein. Und damit begann für ihn auch eine der in dieser Gesellschaft nicht gerade unüblichen Destinations-Odysseen. "Am 1. Januar 1939", schreibt P. Erich Lennartz an den Verfasser, "sollten drei Novizen per Schiff ab Genua nach Japan reisen. Die beiden Deutschen erhielten aber keine Ausreisegenehmigung von seiten der NS-Regierung. P. Alfonso reiste als Portugiese allein nach Rom. Von dort kam er aber nicht weiter. Aus mir heute unbekannten Gründen." (Der dritte war übrigens der in der Philosophie ausgetretene Ferdinand Wallbrecher). Mit seinem Novizenmeister, P. Wilhelm Flosdorf, verstand er sich offenbar besonders gut, konnte er es sich sogar leisten, als dieser Jahre später Provinzial war, ihn bei Gelegenheit eines Scholastikats-Goûter feinsinnig-hintergründig zu verspotten. Sein Noviziat konnte er in Hochelten äußerlich ungestört 1937-1939 persolvieren. Der Krieg hatte noch nicht begonnen, als er nach Pullach kam und im Berchmanskolleg die Philosophie begann und sie in drei Jahren (1937-1939) ordnungsgemäß durchlief. Meine Unterlagen enthalten darüber nichts, ebensowenig über das einjährige Interstiz (November 1942 bis Oktober 1943) in Köln, Volksgartenstraße, als Sekretär des P. Provinzial Flosdorf. Gewiß spielte er dabei, wie auch in der Süddeutschen Provinz der Schweizer P. Ramsberger, als neutraler Ausländer die Rolle eines gegen Gestapoübergriffe einigermaßen gesicherten Nachrichten- und Briefüberbringers.

Die lückenhaften Angaben aus dem Provinzarchiv für Alfonsos Theologiestudium verwirren mich ein wenig. Es beginnt 1942 bis November 1942, also vor dem Interstiz, wird wahrgenommen in Bonn, Frankfurt, Tübingen, Marienstatt; in welchen Schüben, mit welchen Unterbrechungen, konnte ich nicht erfahren. Die letzten beiden Jahre, drei und vier, machte er in Büren, mit mir jahrgangsgleich. P. Karl Wehner war in Münster 1950/52 sein Tertiariermeister.

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Den zeitlichen Ablauf seiner Tätigkeit im Orden zu rekonstruieren und deren Orte herauszufinden, ist mir nicht gelungen. So möge der gemeinsame Bericht von P. Wilhelm Schunk und P. Franz-Erich Hähn aus Bonn (dieser war jahrelang mit ihm zusammen im gleichen Haus: Köln, Stolzestraße la und weitgehend in der gleichen Aufgabe (Schülerwochen) engagiert), wegen seiner relativen Ausführlichkeit hier folgen:

"P. Alfonso Pereira war in vieler Hinsicht ein erstaunlicher Mensch. Mit seinem Bruder Clemente gemeinsam hatte er, daß er Jesuit, Jugendseelsorger, Schriftsteller und ein trefflicher Organisator mit Kaufmannsgeschick war - und doch sehr verschieden. Clemente war der charismatische - Alfonso der intellektuelle Typ. Nachdem Alfonso ab 1942 als Sekretär des P. Provinzial Flosdorf in der Volksgartenstraße in Köln war, finden wir ihn ab 1948 in den von seinem Bruder erfundenen Schülerwochen - zudem leitete er Exerzitienkurse. Gleichzeitig war er als Schriftsteller bemüht, aktuelle Fragen in seiner Schriftenreihe "Entscheidung" - im Niveau etwa der Artikel der "Stimmen der Zeit" anzubieten und zu besprechen. Schon länger beschäftigte ihn die Idee, ein Jugendgebetbuch - er nannte es "Jugend vor Gott" - zu schaffen. Es erlebte viele Auflagen und erreichte schließlich eine Gesamtauflagenhöhe von 1,2 Mio. Wer sein Zimmer in der Stolzestraße gesehen hat, wird bestätigen, daß es mit den modernsten Hilfsmitteln ausgestattet war - ein Beleg für sein kaufmännisches Geschick und sein Organisationstalent. Es gab kaum eine in sein Aufgabengebiet fallende Tagung, die er nicht besucht hätte. Zudem war er lange Jahre in der Nachfolge des P. Jansen Cron Leiter der Gesellschaft katholischer Publizisten. Das alles hatte im Gefolge eine ausgedehnte Korrespondenz und zeugt von einer enormen Schaffenskraft. War es ein Zeichen seines Selbstbewußtseins oder Vertrauens? Vor Beginn seines Vortrages pflegte er mit den Jugendlichen ein Lied zu singen. Obwohl nicht musikalisch - stimmte er es an - natürlich falsch - und vertraute, daß die Jungen und Mädchen schon bald im richtigen Gleis wären. -

Wer ihn näher kannte und doch nicht zu oft mit ihm zusammen war, litt nicht so sehr, wie manche andere - vor allem seine Oberen - unter seiner ausgeprägten "Kritikfreudigkeit" ... Irgendwer meinte einmal, er sei der nicht zimperliche "Starkritiker vom Dienst". Vielleicht war das auch ein Grund dafür, daß er sich in Friesenhagen im Siegerland bei ihm bekannten Schwestern eine Nebenstelle aufbaute - wo er lediglich zu zelebrieren und hin und wieder einen seelsorglichen Dienst zu leisten hatte. Dort konnte er über viele Jahre - zwischen den Kursen - in gesunder Luft ruhiger und konzentrierter arbeiten - bis auch hier, bedingt durch verschiedene Umstände - ein Rück- bzw. Umzug nach Köln geraten schien.

Rückschauend hatte das auch offensichtlich mit seiner verminderten Belastbarkeit zu tun - bedingt durch seinen geschwächten körperlichen Zustand.

Es war für ihn sehr schwer einzusehen, daß er nicht mehr in der Lage war, die Leitung eines Exerzitienhauses physisch und psychisch zu verkraften, wie aus dem Echo erkennbar wurde. P. Schunk und P. Hähn"

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Dieser Bericht bedarf einiger Ergänzungen. P. Bernhard Gluth, der zehn Jahre (1960-70) mit ihm im Team der Schülerwöchner gearbeitet hat, stellt ihm für diese Arbeit ein gutes Zeugnis aus: "Ich erlebte ihn als sehr ausgeglichenen Charakter, es gab nie Spannungen, aber er wußte, was er wollte. In den Schulen habe ich nie eine Kritik über ihn gehört. Die Referate bei Eltern und Lehrern haben wir ihm gern zugeschoben, er hatte eine sachlich-überlegene Art zu referieren. An besondere Erlebnisse kann ich mich nicht erinnern - was für seine Gelassenheit spricht". "Bemerkenswertes habe ich nicht in Erinnerung", schreibt auch Br. Wellner, der sein Vorgänger als Provinzialssekretär war, lange mit ihm zusammen in Köln/Stolzestraße lebte und später als Minister in Berlin-Kladow die Entwicklung seiner Krankheit bis zum Tode verfolgte.

Seine Schriften "Christliche Entscheidung", Kevelaer 1958, "Der wunderbare Lauf des Lebens", Kevelaer 1968, "Missel du Chrétien", Paderborn 1960 und vor allem sein Gebetbuch "Jugend vor Gott", Kevelaer 1955 machten ihn weit bekannt und brachten viel Geld, über dessen Abrechnung Br. Wellner als Finanzverwalter der Provinz eine leicht divergierende Meinung hatte.

Ein schwerer Auffahrunfall am 11. Oktober 1962 auf der Autobahn bei Idstein im Taunus, in den er schuldlos verwickelt war, brachte ihn tagelang um sein Bewußtsein und für das weitere Leben um seine volle Leistungsfähigkeit. Trotz der geduldigen Fürsorge einer Ordensschwester erholte er sich nur sehr langsam. Die letzten anderthalb Jahre verbrachte er, die Realität immer weniger wahrnehmend, in unserem Altenheim in Berlin-Kladow. Dort starb er am 21. November 1991 an Herzversagen. Begraben ist er in Münster, Haus Sentmaring, in der Nähe seines Bruders Clemente.

R.i.p.

P. Karl Erlinghagen SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1992 - März, S.39-43