P. Clemente Pereira SJ
* 23. März 1911 in Hamburg
21. Januar 1990 in Münster

Eigenartig - wenn ich an P. Clemente Pereira denke, kommt mir zunächst sein Gang in den Sinn: er war emsig und in keiner Weise klerikal. Das Schreiten lag ihm nicht. Auch nicht das Pathos. Alles an ihm war nüchtern und eher halblaut. Seine Haare lagen glatt gescheitelt am Kopf. Sein Gesicht war alles andere als interessant. Er war nicht schlank, er war nicht dick. Alles an ihm war unauffällig. Er war die Verkörperung der regulae modestiae.

In einem war er ein typischer Hamburger: er wirkte wenig "kirchlich". Andere Räume und Situationen haben ihn bestimmt und geprägt: die neuheidnische Hansestadt, kaufmännisches Denken in Verbindung mit humanistisch-elitärer Bildung, schließlich die Hölle von Dachau. Nicht unerwähnt bleiben darf die Familie, in der er aufwuchs; gerade in der Diaspora kommt ihr eine besondere Bedeutung zu.

Er wirkte wie ein Büromensch. Tempus instanter operando redimens - das hatte dieser gelernte Import- und Exportkaufmann vorzüglich verstanden. Arbeitsorganisation betrieb er mit einfachsten Mitteln. Die elektrische Schreibmaschine war so geschickt in seinem Schreibtisch eingebaut, daß sie mit einem Griff versenkt werden konnte. Der eintretende Besucher erfuhr zunächst einen prüfenden, fast mißtrauischen Blick, der einem warmen Lächeln wich, einer Ermutigung, von ihm und seiner Zeit Gebrauch zu machen ... aber bitte auch nur so lange als nötig - die Post will noch beantwortet werden. Und oft eilte er abends durch den Redoutenpark zum Briefkasten, verband die Erholung des Weges mit dem Dienst für jene, die auf Antwort warteten. Kein Zufall war es, daß seine sechsmal im Jahr erscheinenden Anregungen für das religiös-aszetische Leben "Briefe an Dich" hießen. Mit ihnen hielt er Kontakt mit Hunderttausenden von Schülern, Eltern und Lehrern, denen er bei den "Religiösen Schülerwochen" begegnet war.

Er war gleichermaßen ein begabter Sprecher und leicht formulierender Schriftsteller. Beides aber auf seine ganz eigene Weise. Von ihm stammen keine Werke für die Ewigkeit. Aber für heute (heute vielleicht schon für gestern?) schrieb und sprach er nüchtern und präzise. Er fesselte und gewann: er sprach völlig frei - das beeindruckte jeden; er ging von den Fragen und Problemen seiner Zuhörer aus und unmittelbar (ohne ins Grundsätzliche abzuschweifen) auf sie ein - jeder konnte ihm folgen; sein Wort klang ehrlich und zugleich freundlich-verbindlich - es fand Zustimmung und Aufnahme bei seinen Lesern und Zuhörern. Voller Absicht erschienen seine meisten Schriften im Taschenformat: sie waren nicht für die Bibliothek bestimmt. Auf 100 Seiten schreibt er z. B. 1954 als Anwalt der "zwischen 13 und 17" ein "Wort an die Eltern" und nimmt auf je zwei bis drei Seiten Stellung zu insgesamt dreißig Fragen und Klagen junger Menschen, oft eingeleitet und belegt mit einem Zitat aus ihren Briefen. Bekannt und umstritten wie kein zweites Heft (über 700.000 Auflage) ist sein "offenes Wort an reifende Jungen": "Wer sagt uns die Wahrheit?"

Sich mitzuteilen wurde schon früh seine Leidenschaft, sozusagen sein einziges Hobby. Als Untertertianer arbeitete er an einer Schülerzeitung mit, und als Bester und Ältester (und Katholik!) hielt er an der traditionsreichen Gelehrtenschule des Johanneum die Abschiedsrede seiner Abiturienta. Zunächst hatte er das Gymasium mit der Mittleren Reife verlassen, um auf Wunsch des Vaters die kaufmännische Lehre zu machen und nach gehöriger Einarbeitung das bedeutende Import-Export-Geschäft zu übernehmen. Als Ältestem von sieben Söhnen und zwei Töchtern stand ihm dieses Erbe zu, und es kann auch kein Zweifel bestehen, daß er zu Erfolg und Ansehen gekommen wäre. Doch nach Gottes Willen wollte er es bereits sehr früh anders, und nach der Gehorsamstat der Lehrzeit kehrte er auf das Gymnasium zurück. Am 14. September 1933 begann er unter Leitung von P. Heinrich Schmitz das Noviziat, ging 1935 nach Pullach und begann, ohne Interstiz, 1938 in Valkenburg die Theologie, natürlich im Cursus Maior, da er ja immer fleißig im Arbeitszimmer gesessen hatte.

Nach der Priesterweihe am 26. Oktober 1940 studierte Clemente zunächst weiter bis zur Aufhebung des Valkenburger Kollegs. Sein Charisma, das sehr bald auch sein Schicksal werden sollte, wird deutlich, als er dann als Kaplan in Trier-West Dienst tut. Er sucht den Kontakt zu den höheren Schülern. Nachdem sie als Flakhelfer in die Trier umgebenden Stellungen eingezogen werden, folgt er ihnen und setzt das Gespräch mit ihnen unter den Augen der Lehrer und Offiziere fort - in jener unnachahmlichen Weise, die man dem eher unauffällig wirkenden Menschen gar nicht zutrauen würde. Er gewann auf viele jener Schülersoldaten einen so starken Einfluß (welche Wohltat muß für sie seine unpathetische Art gewesen sein!), daß die Nazis ihn bald als gefährlich ("Wehrkraftzersetzung") einstuften. Dem Verhör folgte die Hausdurchsuchung. Die Gestapo-Beamten finden seinen Bericht an das Ordinariat über seine Tätigkeit unter der Jugend, darin die Prognose, der Einfluß der Hitler-Jugend auf die jungen Menschen nehme ab - damit ist er reif für die Verhaftung (Aschermittwoch 1944). Sechs Wochen später, bei der Entlassung aus dem Gefängnis, präsentierte ihm die Gestapo den roten Schutzhaftbefehl. Eben erst hat er sein Lebenswerk - das Milieu Schule - begonnen, schon muß er mit KZ-Haft in Dachau bezahlen. Ziemlich genau ein Jahr lebt er dort im Priesterblock, bis er während des Todesmarsches der Dachauer Häftlinge durch eine tollkühne Rettungsaktion von P. Otto Pies und zwei Scholastikern befreit wird.

Nach dem Terziat 1947 in Münster bei P. Wehner gaben ihm die Oberen für seine neue Idee eine Chance, und er konnte nach Bad Godesberg ins Aloisiuskolleg übersiedeln. Mitten im "religiösen Frühling" der Nachkriegszeit griff er auf seine Erfahrungen des religiösen Vakuums im aufgeklärten Bürgertum Hamburgs und besonders in den Gymnasien zurück, die damals wie heute für Ideologien besonders anfällig erschienen. Clemente wollte mit dem Geist der Exerzitien dieses religiöse Vakuum der Schüler und Schulen durch die Religiösen Schülerwochen dort auffüllen, wo es besonders deutlich und wohl auch wirksam war: im Milieu der Schule. Deswegen ging er in die Klassen und Aulen der Gymnasien, normalerweise eine Woche lang, hielt Vorträge und Sprechstunden, leitete die jungen Menschen zum Gebet an, ermöglichte als einer der ersten Beichtgespräche, hielt in den Schulen die Gottesdienste: er wollte das ganze Milieu Schule wirklich und erfahrbar mit dem Geist Christi durchdringen.

Der ökumenische Charakter dieser Mission lag dem aus der Diaspora kommenden Seelsorger sehr am Herzen, so daß sich recht bald die Schülerwochen an alle Christen wendeten. Für die ersten zwanzig Nachkriegsjahre wurden sie im deutschsprachigen Raum neben Religionsunterricht und kirchlichen Jugendgruppen (MC, ND, Pfadfinder) die wichtigste seelsorgliche Initiative außerhalb des Kirchenraumes. In einem Tätigkeitsbericht aus dem Jahr 1961 nennt Clemente folgende Zahlen: "In jedem Jahr sind wir in etwa 90 Schulen. Über 36.000 Schüler und Schülerinnen können so jährlich erfaßt werden." Er ist sich über die Bedeutung der Nacharbeit im klaren. Dieses Ziel erreichte er durch Erneuerungstage, Exerzitien und Ferienakademien, ebenso durch seine schon erwähnten Schriften und "Brief an Dich". Sein Bruder Alfonso, der 1937 in die Gesellschaft Jesu eintrat, hat seine Arbeit wirkungsvoll unterstützt, vor allem durch den Gebetbuch-Bestseller "Jugend vor Gott" und die Schriftenreihe "Entscheidung", die weltanschaulich bedeutsame Fragen für Oberstufenschüler behandelte.

Clemente wirkte vorwiegend außerhalb von kirchlichen Räumen. Er war ein echter Hanseat; seine Sprache verriet den gebildeten und kultivierten Hamburger. Seine Meßansprachen und seine Art, die heilige Messe zu feiern, wirkten im herkömmlichen Sinn keineswegs fromm. Wer so "weltlich" redete und sich gab, mußte wohl auf seine besondere Weise aus Gott leben. Wie fromm er war, wie sehr er aus dem Geist gelebt hat, bleibt sein Geheimnis; wir erkennen es an seinem Werk, an den vielen guten Früchten. Obwohl er über religiöses Leben, geistliche Berufung und Lebensfragen (Sexualaufklärung!) sehr persönlich schreibt, bringt er sich selbst nie ins Spiel, abgesehen von dem jeweiligen Vorwort seiner Schriften, in dem er immer mit Angabe der Adresse zum Kontakt einlädt. Im Text selbst aber zeigt schon die Wahl der Satzprädikate seine Zurückhaltung: fast immer vermeidet er die ICH-Form, wählt aber, wo es geht, das DU, umfaßt alle Leser durch das WIR oder bleibt in der nüchternen Form der 3. Person. Mitten in der Welt blieb Clemente ein Verborgener. Er ging zu den Menschen hin, er war wahrhaft entgegenkommend; er wußte um den Einzelnen, er war sich im klaren über die Macht des Milieus. Sein Mut zu neuen Wegen, in die Flakstellung und die Schulen, machen ihn zu einem Vorbild für unseren geistlichen Weg, zu einem Fürsprecher in unseren Anliegen.

Sein Ende war grausam und bitter. Die Alzheimersche Krankheit ergriff ihn und nahm ihm seine Schnelligkeit der Gedanken, seinen geschickten Umgang mit den alltäglichen Dingen, seine Freundlichkeit gegenüber den Menschen, die zuletzt seinen Mitbrüdern im Aloisiuskolleg als Kollegsminister gegolten hatte. Seit 1984 verborgen in der Pflegeabteilung von Haus Sentmaring, gelegentlich seine Umgebung erkennend, schwache Zeichen freundlichen Erkennens und Grüßen, bis ihn die Umnachtung wieder verschlang ... in der Nacht zum 21. Januar 1990 hörte sein Herz auf zu schlagen.

R.i.p.

P. Hans Weyer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1990 - Oktober, S. 136ff