Ulrich Pohl SJ

P. Ulrich Pohl SJ
* 4. August 1944 in Stendal
15. Januar 1992 in Dresden

Über das Leben von P. Ulrich Pohl möchte ich das Wort stellen: "Als Diener Christi soll man uns betrachten und als Verwalter der Geheimnisse Gottes. Von Verwaltern aber verlangt man, daß sie sich treu erweisen" (1 Kor 4,1f.).

"Freunde im Herrn", so lautet wiederholt eine Bezeichnung für unsere Gesellschaft. Inwieweit sich wirklich Freunde im zwischenmenschlichen Bereich finden, bleibt dabei immer eine besondere Gabe des Herrn. Es sollte unser Wunsch sein, solche Freunde zu werden, die nicht nur miteinander arbeiten, sondern auch miteinander leben.

Ich darf in Dankbarkeit sagen, daß ich in Ulrich Pohl einen solchen Freund hatte. Wir waren zusammen im Noviziat, er war schon ein Jahr früher eingetreten, und wir blieben in unserer Ausbildungszeit in Erfurt zusammen. Solche kleinen Kommunitäten, wie wir sie in der DDR hatten, konnten sehr schnell zusammenwachsen. Das war die Chance für unsere Freundschaft, die später trotz recht verschiedener Aufgaben und Orte durchhielt. Wir haben, wie es in jeder guten Freundschaft gilt, voneinander gelernt, wenn auch in unterschiedlicher Weise.

Ulrich Pohl wurde am 4. August 1944 in Stendal geboren und hat die zehnklassige Oberschule besucht. Seine Kindheit war nicht leicht. Seinen Vater hatte er schon früh verloren, und seine Mutter stand mit ihren drei Söhnen allein. Die schwierigen Verhältnisse der Nachkriegszeit haben ihn geprägt, und so ganz konnte er diese Erfahrungen nie verlieren.

Nach der Schulzeit entschloß sich Ulrich, zum Norbertuswerk zu gehen, einer Schule in Magdeburg, wo man ein kirchlich anerkanntes Abitur ablegen konnte. Wer diese Einrichtung besuchte, mußte in etwa entschlossen sein, einen geistlichen Beruf zu ergreifen, denn dieser Abschluß zählte nicht im sozialistischen Bildungswesen.

Ulrich Pohl wollte Jesuit zu werden. So trat er nach erfolgreichem Abitur am 6. September 1965 in das Noviziat in Erfurt ein. Hier bin ich ihm begegnet. Er war ein sehr schüchterner, vielleicht auch ein wenig ängstlicher Novize. Seine Stimme war sehr schwach, nicht so kräftig wie die eines Volksmissionars und sein Auftreten war zaghaft. Über lange Jahre hat er unter ärztlicher Anleitung an sich gearbeitet. Seine stimmliche und psychische Verfassung hat sich dadurch im Laufe der Zeit wesentlich gebessert. So war er am Ende seiner Studien soweit, daß er die ihm gestellten Aufgaben gut bewältigen konnte.

Nach der Philosophie war ein Interstiz eingeschoben worden. In der Pfarrei Apolda hat er sich gut bewährt, und viele haben ihn als einen eifrigen und treuen Praktikanten geschätzt. In dieser Zeit der Praxis ist sein Selbstbewußtsein gewachsen und der Wunsch, in der Gesellschaft Jesu Priester zu werden, weiter gereift.

Am 24. April 1976 empfing er durch Bischof Hugo Aufderbeck in Erfurt die Priesterweihe. Unmittelbar danach begann er das Terziat, welches er im Dezember 1976 abschloß. Damals wollte der Magdeburger Bischof Braun einige Jesuiten in sein Bistum ziehen. Ein neues Pfarrhaus, an der Elbe gelegen, dazu eine recht gut wiederhergestellte Kirche (St. Petri) sollten den Mitbrüdern als Niederlassung und Pfarrstelle dienen.

Ulrich Pohl wurde zunächst Kaplan in Magdeburg an der Bischofskirche St. Sebastian, wohnte aber im neuerbauten Pfarrhaus der Petrigemeinde, an dem noch viel zu machen war. Er hatte auf diese Weise eigentlich zwei Stellen: seine Kaplansstelle in St. Sebastian und das neue Pfarrhaus an St. Petri, dessen Ausbau er weiterführte. Vor allem die Bauarbeiten, eine Kirchenheizung und die Einrichtung des Neubaues, haben ihn sehr gefordert: Schon an dieser seiner ersten Stelle hat sich Uli in steter Hilfsbereitschaft und verläßlichem Dienst ganz eingesetzt.

Nach vier Jahren Kaplanszeit in Magdeburg wurde er kirchlicher Assistent der GCL in der Region Dresden. Das blieb er bis zu seinem frühen und plötzlichen Tod. Vor allem durch seine persönlichen Kontakte, seine Gespräche und die Begleitung der Gruppen hat er versucht, die GCL zu prägen und zu führen. Sein besonderes Anliegen galt der Nachwuchsförderung. Unter seiner Leitung sind eine ganze Reihe neuer Jugendgruppen entstanden. Er konnte seine persönliche Eigenart, sein verständnisvolles, menschlich einfaches Wesen, seine Treue und Verläßlichkeit in dieser Arbeit voll zur Geltung bringen. In diesen Jahren pflegte er sehr intensiv die Kontakte zur GCL in Augsburg.

Die Impulse, die von dort für die Erneuerung der Exerzitienarbeit ausgingen, kamen dadurch auch in der Exerzitienarbeit der DDR zum Tragen. Vor allem, was die Einzelbegleitung bei Exerzitien angeht, lernten vor allem die jüngeren Patres durch diese Verbindungen. Zusätzlich zu seinen Aufgaben in der GCL war er Minister in unserem Hause in Dresden-Strehlen. Es war unter den DDR-Bedingungen keineswegs einfach, ein altes Gebäude instand zu halten. Aber nie ist Ulrich den anstehenden Reparaturarbeiten und den aufreibenden Sorgen um Material und Handwerker ausgewichen. Das Haus war bei ihm in guten Händen. Er tat das Notwendige und wollte es nicht eventuellen Nachfolgern überlassen. Diese ständige Sorge um das Haus hat ihn ebenfalls sehr in Anspruch genommen. Sein Eifer und seine Einsatzbereitschaft führten ihn oft bis an die Grenzen seiner physischen Kräfte.

Eine leidige Grippe, die besonders das Herz und den Kreislauf angriff (diese waren bei ihm nie besonders stabil), hatte ihn im letzten Jahr schon vor Weihnachten ergriffen. Dennoch übernahm er seine regelmäßige Aushilfe in Apolda und kehrte mit einer schweren Grippe nach Dresden zurück. Nach wohl zu kurzer Zeit der Genesung und Erholung hat er sich wieder voll gefordert. Besonders nahmen ihn die Renovation und Einrichtung der oberen Etage unseres Hauses in Anspruch.

Ein Herzinfarkt setzte seinem rastlosen Einsatz ein jähes Ende.

Einen Freund, einen Mitbruder, einen Jesuiten fand ich in ihm, besonders in seiner unwandelbaren Treue, seinem ganzen Einsatz und in seiner tiefen Menschlichkeit.

R.i.p.

P. Christian Geisler SJ

Aus der Norddeutschen Provinz SJ, 2/1992 - März