P. Hans Quecke SJ
* 31. Juli 1928 in Duisburg
5. März 1998 in Münster

Hans Quecke kam in Duisburg am Fest des heiligen Ignatius 1928 auf die Welt. Er war das erste Kind von Johannes Quecke aus Gelsenkirchen im Rheinland und seiner Frau Erna, geborene Frank, aus Memmingen. Er bekam in den folgenden Jahren noch 5 weitere Geschwister, und zwar nur Brüder, keine einzige Schwester. Mit Sicherheit ist er bald getauft worden, aber das Provinzarchiv hat darüber keine Unterlagen. Der sakramental-kirchliche Lebensweg vollzog sich ungefähr in Zehnjahresschritten. Gefirmt wurde er am 3. Mai 1938. Ins Noviziat trat er am 16. September 1949 in Pullach ein. Zum Priester geweiht wurde er am 31. Juli 1957 in Frankfurt. Seine Letzten Gelübde legte er am 2. Februar 1967 in Rom ab, wo er damals schon am Bibelinstitut dozierte. Dann kam die Zeit der Treue zum eingeschlagenen Weg, und es kamen schwere, mühsame Zeiten. Er hielt durch in Rom bis einige Monate vor seinem Tod. Im Sommer 1997 zog er nach Haus Sentmaring um, machte eine kleine Rundreise bei den Familien seiner drei noch lebenden Brüder und bei seinen Freunden, vor allem im Oratorium in Heidelberg, fiel in der Nacht nach seiner Rückkehr hin und brach sich einen Oberschenkelhals. Das ließ sich in Ordnung bringen, aber die Parkinsonsche Krankheit, die doch offenbar schon seit Jahren hinter vielem stand und die den noch nicht Siebzigjährigen fast wie einen Neunzigjährigen hat erscheinen lassen, brach dann wohl ganz durch. Er blieb ans Bett gefesselt, und am Morgen des 5. März 1998 ist er an Herz- und Kreislaufversagen gestorben. Am 10. März wurde er in Münster auf unserem Friedhof beerdigt.

Er war das älteste Kind. Die Familie zog bald nach Berlin, wo sein Vater als Ministerialrat dann, wie er selbst spöttisch zu sagen pflegte, dem Führer die Wege bereitete, damit er Autobahnen bauen konnte. Er hatte nämlich die Prozesse zu führen, die sich vielerorts bei den Autobahnlandenteignungen ergaben. Er war weltläufig und kontaktfroh. Schon mit acht, neun, zehn Jahren mußte sein Stammhalter ihn auf den Dienstreisen begleiten. Der jedoch war, wie es öfter bei ersten Kindern vorkommt, eher schmächtig, scheu und zaghaft, und das vielleicht sogar noch mehr, weil er zugleich so hochgescheit war, schon damals. Ein Erlebnis auf einem mitteldeutschen Kleinstadtbahnhof, das fest in den Anekdotenschatz der Familie einging, muß sich auch ihm tief eingeprägt haben. Sie standen mit zwei Koffern auf dem Bahnsteig. Eine Verspätung wurde angekündigt. "Providentiell," sagte der Vater, "da kann ich noch ein Bier trinken. Wenn der Zug kommt, ehe ich zurück bin, geh mit den Koffern in den Zug, ich krieg ihn schon noch." Natürlich kriegte er ihn nicht, Hänschen hatte die Koffer hochgehievt, war aber dann selber im letzten Augenblick wieder abgesprungen. So rollten die Koffer schon davon, als der Vater die Unterführung heraufgesprungen kam. Hänschen weinte und schrie, der Vater lachte und marschierte zum Bahnhofstelefon, wo er die Rettung der Koffer organisierte und bei der Mutter das Mittagessen umbestellte. Das muß nur eines von vielen Reiseerlebnissen der Frühzeit gewesen sein, und manches von den tagelangen sorgfältigen Reiseplanungen und -ängsten, auch noch des alten Gelehrten in Rom, an denen wir alle beteiligt wurden, wird von daher vielleicht ein wenig verständlich.

Zu Hause muß es in der am Ende achtköpfigen Familie recht kommunikativ zugegangen sein. Die Mutter muß eine geniale Beruhigungskraft gehabt haben, und dazu muß sie auch ein Genie der Haushaltsführung gewesen sein. Denn das Geld war trotz des hohen Beamtenstatus des Vaters für die Mutter eher knapp. Er gab ihr nur eine bestimmte Menge für den Haushalt. Anderes brauchte er zum Beispiel dafür, um ein offenes Haus zu haben und abends oft große Gesellschaften zu versammeln, bei denen auch dem Tranke gut zugesprochen wurde und der Älteste sich irgendwo verloren in der Ecke herumdrückte. Aber er war auch wieder dabei. Er hat uns jedenfalls in späteren römischen Jahren aus den Erfahrungen dieser Berliner Abende so manches über den Umgang mit weißen und roten Weinen und vor allem auch mit edlem Whiskey beibringen können, ehe dann die Ärzte ihm jedes Tröpfchen Alkohol verboten. In dieser Familie ist Hans wie selbstverständlich bedeutendsten Leuten begegnet. Er konnte zum Beispiel einfach so erzählen, wie Romano Guardini sich bei ihnen zu Hause zu benehmen pflegte. Vielleicht erklärt sich aus diesen Jugendjahren auch, warum er, der bis zum Ende so scheue und ängstliche Mensch, doch letztlich nie vor hohen Tieren gekuscht hat, sei es in der Kirche, sei es in der Wissenschaft. Im letzten hatte er keine Menschenfurcht, er konnte unglaublich offen alles beim Namen nennen, und vielleicht hatte er das doch von seinem Vater.

Von der Mutter muß er nicht nur seine sprichwörtliche Sparsamkeit und den Sinn für Abfallwiederverwertung, sondern vor allem die sorgfältige und selbstverständliche Erledigung aller andrängenden Kleinigkeiten gelernt haben. Verbunden mit seiner hohen Intelligenz und seinem großen Gedächtnis ergab das fast wie von selbst den späteren Wissenschaftler. Dazu war die Mutter fromm, und die ganze Familie war in diesem seltsamen Berlin der dreißiger Jahre eine der kleinen katholischen Inseln.

Hans war in der Großfamilie der erste Enkel. Das machte ihn zum Lieblingsenkel der Großmutter. Wenn er fliehen mußte, dann zu ihr. Sie hatte ihn so gern, daß er sich bei ihr alles erlauben konnte, was sonst verboten war. Sein Bruder Albrecht meint, da habe er wohl gelernt, was er dann später bis zum letzten Tag praktiziert habe: sich so seine kleinen Freiheiten zu nehmen, etwa kein Kollar anzuziehen, wenn der Papst ins Bibelinstitut kam, oder sich ungeniert eine doppelte Portion Sahne auf den Teller zu ziehen, wenn alle anderen sich zierten. Er nahm nie jemandem was weg und stand niemandem je im Licht, aber er hatte Sinn für die kleinen Genüsse. Man muß ihn gesehen haben, wie er mit Andacht einen Apfel schälte. Der Vorgeschmack war dann wohl noch größer als der Genuß beim Essen. Irgendwann muß in dieser Frühe seines Lebens auch die Liebe zu den Katzen entstanden sein, die er noch in seinen letzten Lebensjahren bei seinen nachmittäglichen Spaziergängen durch das vor Hitze glühende Rom immer wieder zu begrüßen wußte.

Doch zurück zur Familie, der langsam jede Normalität entschwand. Der jüngste Bruder Christoph war schwer behindert. Er hat nie zu sprechen gelernt. Der Krieg kam. Es ist mir nicht gelungen, zu rekonstruieren, wo Hans überall war, zusammen mit der Familie, die aus dem zerbombten Berlin plötzlich im Spessart ins Jagdhaus des Fürsten Löwenstein geriet, später in München, wohin der Vater offenbar mit seinem aus Berlin wegverlegten Ministerium geraten war, aber später oder zwischendurch auch fern der Familie in der Kinderlandverschickung und als Luftwaffenhelfer. Es gibt Hinweise, daß er zeitweise irgendwo in den Beskiden (westliche Waldkarpaten) und in Tschechien war, aber es wird auch vom Saargebiet gesprochen. Er selbst hat von diesen Jahren nie viel erzählt. Alles endete in den letzten Tagen des Krieges damit, daß sein Vater in München in einem höheren Gremium geäußert haben muß, München dürfe nicht verteidigt, sondern müsse den Amerikanern kampflos überlassen werden. Am nächsten Tag wurde er zu Haus von einem SS-Kommando abgeholt und erschossen. Die Mutter saß mit ihren sechs Kindern auf der Straße, und zwar als Frau eines Volksverräters. Eine Rente hat ihr ein Familienfreund erst nach Jahrzehnten erkämpfen können - dann allerdings eine gute.

Ihre Rettung war genau dieser alte Freund ihres Mannes, Dr. Kopf in Freiburg, später einer der führenden Leute der Altbadener Bewegung. Er hatte seine Frau außerhalb von Freiburg vor den Bomben in Sicherheit gebracht, während er selbst in Freiburg blieb und arbeitete. Doch ausgerechnet an ihrem Zufluchtsort kam sie im Herbst 1944 durch eine Bombe ums Leben. Er stellte Frau Quecke als seine Haushälterin an, durchaus wissend, daß sie ihre sechs Buben mit sich bringen würde. So gelangte Hans in den Breisgau. Diese sympathische Ecke wurde bis zum Lebensende das geographische Zentrum, um das seine Seele kreiste. Dort lebte seine Mutter. Erst im Altersheim war sie dann woanders, bei Bonn. Sie ist erst in den achtziger Jahren gestorben. Sie hielt unendlich viel auf ihn. Aber er mußte deshalb auch Jahr für Jahr an den drei Hochfesten zu ihr kommen. Selbstverständlich finanzierte sie die Reisen und noch vieles darüber hinaus. Vermutlich hat sie dem ewigen Zauderer oft einen Schubs gegeben, damit er wieder ein Stück vorwärts ging. Er pflegte immer von der Mommy zu sprechen.

Aber als die Mutter damals mit den vielen Kindern nach Freiburg kam, war Schmalhans Küchenmeister. An die Fortführung des Gymnasiums war, als gegen Ende 1945 das Leben wieder anlief, für den Ältesten nicht zu denken. Er wurde mit 17 Jahren Buchhandelsgehilfenlehrling bei Herder. Dort müssen er wie seine Umgebung herrliche Erfahrungen gemacht haben. Wenn er aus der Maschine kommende Bücherstapel daraufhin durchsehen mußte, ob irgendwo ein Fehlexemplar war, mit einem schlecht gedruckten oder doppelt eingebundenen oder auch fehlenden Bogen, dann tat er das mit solcher Sorgfalt, daß er zehnmal so lang wie die andern brauchte und daß man den Eindruck hatte, er habe jedes Buch auch gleich gelesen. Nach einem Jahr etwa resignierte die Lehrherrschaft. Man gab ihm das consilium abeundi und half selbst mit, daß der sympathische, aber für diesen Beruf absolut untaugliche Kleine einen freien Platz im bischöflichen Kleinen Seminar bekam, von wo aus er zunächst einmal das Abitur machen konnte.

Das war von der Zielsetzung des Seminars her gar keine Fehlentscheidung, denn sofort anschließend begann er 1947 an der Universität Freiburg das Theologiestudium. Damals muß er noch einmal einen Wachstumsschub gehabt haben, und aus dem "Kleinen" wurde die lange, hagere Gestalt, als die wir ihn kennen. Aus den 4 Semestern im Priesterseminar hat er viele Freundschaften bis zum Ende gepflegt. So gehörte zu seinem Jahrgang der spätere Bischof Klaus Hemmerle, der ihm die Primizpredigt gehalten hat. Der Kurs traf sich durch viele Jahrzehnte jährlich in den Tagen nach Pfingsten, und Hans Quecke war fast immer da. Vielleicht sollte ich gerade an dieser Stelle sagen, daß er menschliche Bindungen in großer Treue pflegte. Er ließ die Freunde aus früheren Epochen seines Lebens nicht hinter sich zurück. Er suchte immer wieder die Begegnung. Er schrieb viele Briefe.

Zu den Freundschaften, die damals im Freiburger Priesterseminar entstanden, gehört zum Beispiel auch die mit Pfarrer Gerhard Beck, der bis zuletzt mehrmals im Jahr nach Rom kam und in dessen idyllischem Pfarrhaus in Kuhbach bei Lahr Hans immer wieder auf der Durchreise abstieg. Es gibt wenig Gemeinden, wo ein so schöner Gottesdienst gefeiert wird, und wenig Pfarrhäuser, wo so gepflegt und kennerhaft gegessen wird, wie in Kuhbach. Doch Hans kam einfach zu einem Freund, und das andere genoß er als Zugabe. Das nur als Beispiel. Es gäbe aus späteren Zeiten ganz andere Freundschaften zu nennen, etwa die zur evangelischen Arzt- und Alttestamentlerfamilie Albertz, erst in Heidelberg, dann in Siegen, schließlich in Münster - auch die Freude darauf, manchmal die beiden Albertzens treffen zu können, hat ihm geholfen, sich am Ende zum Umzug nach Münster zu entschließen.

Die vier Semester in Freiburg waren zugleich eine Zeit der Entscheidung. Hans wollte Priester werden. Aber ihm wurde immer klarer, daß er für den Seelsorgsdienst nicht geeignet war. Schließlich glaubte er, daß vielleicht der Jesuitenorden mit seinen weiträumigen Möglichkeiten für ihn, den unpraktischen Intellektuellen, noch am ehesten in Frage käme. Die Evidenz verdichtete sich, und seine Freunde haben offenbar ähnlich gedacht. So trat er 1949 in Pullach ins Noviziat ein - wohl weil er sich immer noch als Berliner fühlte, in die damalige Ostprovinz. Von 1951-1954 machte er, weiterhin in Pullach, trotz seiner schon geleisteten 4 Semester die volle dreijährige Philosophie. Dann allerdings wurde er ohne Interstiz sofort Theologe in Frankfurt. Nach dem Lizentiat 1958 begann er seine Spezialstudien. Damals sollte er als Patrologe nach Sankt Georgen zurückkehren. Die Patres Alois Grillmeier und Heinrich Bacht hatten ihn schätzen gelernt und wollten ihn unbedingt haben. Beide waren daran interessiert, einen jungen Mann mit Ausbildung im Bereich des alten christlichen Orients zu haben, vor allem einen, der, anders als sie selbst, auch die Sprachen beherrschte, P. Bacht wegen seines Interesses am frühen Mönchtum, P. Grillmeier wegen seiner christologischen Arbeiten. Von 1958 bis 1960 studierte er in Löwen Orientalistik, 1960 fuhr er damit in Heidelberg fort. 1963 unterbrach er für das Terziat, das er in Drongen (Nordbelgische Provinz) machte.

Was in jenen Jahren auf Oberenebene vor sich ging, ist irgendwie dunkel. Entweder wollte man ihn in Frankfurt nicht mehr, oder das Bibelinstitut, dessen Koptologe, P. Simon, einen Nachfolger suchte, hatte ihn entdeckt und wirksam die Hände nach ihm ausgestreckt. Vielleicht kam auch beides zusammen. Zu Sankt Georgen hatte er - seine beiden alten Mäzene, dazu P. Bruno Schnekenburger und mich ausgenommen - von da an auf jeden Fall ein eher gebrochenes Verhältnis. Er kam nur vorbei, wenn es unbedingt nötig war. Und in Rom befand er sich dann am Anfang keineswegs aus Begeisterung für das schöne Italien und die alten Ruinen. Der Spaß daran kam erst viel später, als seine Krankheiten durchbrachen und er sich schonen mußte. Da entwickelte er sich zum Antikenkenner und zum exquisiten Cicerone. Nach dem Terziat war jedenfalls klar, daß er in Rom das Koptische übernehmen sollte. So ließ er das Syrische, Armenische und Georgische in seinen Studien zurücktreten, obwohl er zeitlebens auch in diesen Bereichen hochkompetent blieb und diese Sprachen ebenfalls lange gelehrt hat. Doch 1964-1965 in Heidelberg stürzte er sich, um im Koptischen wirklich zuständig zu sein, vor allem auch noch auf das alte Ägyptisch. Den Doktor hatte er schon in Löwen gemacht. Er kam 1965 hochqualifiziert an das Päpstliche Bibelinstitut nach Rom, wo er bis zu seiner Emeritierung kurz vor seinem Tod 32 Jahre lang im gleichen Zimmer wohnte und an der altorientalistischen Fakultät tätig war.

So gab es nun Hans Quecke, den Wissenschaftler. Er hatte vor allem die ewige und nicht leichte Last des Sprachenlehrers. Denn die orientalistische Fakultät des Bibelinstituts hatte nie viele eigene Studenten. Sie liefert vor allem den Studenten der bibelwissenschaftlichen Fakultät des Instituts die Sprachkenntnisse, die sie brauchen. In den Orchideenfächern, die Hans vertrat, hatte man immer nur zwischen einem und zehn Schülern. Aber der Unterricht war entsprechend persönlich, und oft kamen Studenten von weither, manchmal auch schon gemachte Leute, um sich nur gerade bei einigen der raren Spezialisten dort weiterzubilden. So hatte Hans eine Zeitlang in einigen Sprachen nur eine einzige Schülerin, Barbara Ehlers, die spätere Frau von Kurt Aland, die heute dessen Erbe angetreten hat und Leiterin des international einmaligen Instituts für neutestamentliche Textforschung in Münster ist. Der oft sehr auf das Individuum ausgerichtete Sprachunterricht füllte einen großen Teil seiner Zeit. Hinzu kam die Mitarbeit an den vielen Veröffentlichungen der orientalistischen Fakultät. In der Zeitschrift "Orientalia", die das Institut herausgab, veröffentlichte sein Vorgänger Simon Jahr für Jahr eine vollständige "Koptische Bibliographie". Hans half ihm von Anfang an. Das war eine unendliche Kleinarbeit.

Nach dem Tod von Simon hat Hans, der diese Bibliographie hätte weiterführen müssen, sie nach zwei bis drei Jahren Zaudern an jemanden außerhalb Roms weitergegeben, wohl wissend, daß das im Endeffekt auf ihren Untergang hinauslief. Er hielt sich einfach nicht für fähig, diese uferlose Sammelarbeit zu leisten. Inzwischen gibt es einen Ersatz dafür, aber nicht mehr am Päpstlichen Bibelinstitut. Ich glaube, daß er richtig entschieden hat. Aber es war eine Sache, die ihn mehrere Jahre zutiefst innerlich beschäftigte. Das heißt auch nicht, daß er sich aus der Mitarbeit an der sehr breiten wissenschaftlichen Veröffentlichungstätigkeit des Päpstlichen Bibelinstituts zurückgezogen hätte. Eher umgekehrt. Er geriet immer tiefer hinein. In den letzten Jahren seines Lebens war durch den Ordensaustritt des Ägyptologen des Instituts überhaupt niemand für dieses wichtige Fach da. Hans hat sich an seine Heidelberger Studien erinnert, mit großer Selbstverständlichkeit einen Großteil der ägyptologischen Redaktionsarbeit der Zeitschrift "Orientalia" übernommen und sie so gemeistert wie kaum einer vor ihm.

All das fraß einen großen Teil seiner Zeit auf und war völlig unspektakulär. Er tat es in Treue. Doch es gelang ihm zugleich, sich so viel Zeit und Kraft zu sichern, daß er auch wissenschaftlich weiterarbeiten konnte und im Bereich der Koptologie am Ende international einer der bedeutendsten Fachleute war. In einer Akademie zu seiner Emeritierung am 16. Mai 1997, an der auch P. Kolvenbach teilnahm, hat sein Kollege von der römischen Staatsuniversität "Sapienza", Professor Orlandi, sein Lebenswerk gewürdigt, und demnächst wird in der Zeitschrift "Orientalia" eine ausführlichere Darstellung durch den Münsteraner Koptologen Martin Krause erfolgen. Hier kann ich nur ganz weniges andeuten.

Seine Doktorarbeit erschien 1970 im Druck: "Untersuchungen zum koptischen Stundengebet". Sie war bahnbrechend, doch in seinen Augen nur ein Anfang. Er wollte an dem ihm auch existentiell so wichtigen Thema stets noch weiterarbeiten. Doch das war ihm nicht mehr vergönnt. Sonst sind, neben den gut 65 Artikeln und den zum Teil umfangreichen Besprechungen, vor allem zwei Werke in Buchform zu nennen, die ihm beide gewissermaßen zugeflogen sind. Einmal die textkritische Ausgabe einer Handschrift des saidischen Markus-, Lukas- und Johannesevangeliums. Das Saidische ist einer der beiden Hauptzweige des alten Koptischen. Die Bibelhandschriften sind für die neutestamentliche Textkritik sehr wichtig, waren aber noch gar nicht wirklich wissenschaftlich erfaßt. Der Bruder eines spanischen Mitbruders am Institut hatte sein Geld in alten Handschriften aus Ägypten angelegt und suchte jemanden zum Veröffentlichen. So kam der Auftrag an Hans Quecke, der den hohen Wert dieser Evangelienhandschrift erkannte und sie vorbildlich und mit einem Apparat, der vergleichendes Material enthält, 1972 bis 1984 in drei Bänden herausbrachte und damit für die Textkritik zur Verfügung stellte. Das andere bedeutende Werk ist die Veröffentlichung der Briefe des Mönchvaters Pachomius in griechisch und koptisch (1975). Die Geschichte, wie er an die Handschrift kam, zeigt Hans Quecke in Reinkultur.

In den Sommerferien saß er in der Chester-Beatty-Library in Dublin und untersuchte irgendeine Handschrift. Da kam eine Studentin zu ihm mit einem Pappkarton voll koptischer Fragmente und sagte ihm ratlos: Das seien angeblich alte liturgische Texte, und ihr Professor habe sie ihr zur Bearbeitung empfohlen. Aber sie komme damit nicht zurecht. Ob er ihr helfen könne. Er sah die alten Stücke nur einige Augenblicke an, und schon blitzte es ihm auf. Von Liturgie keine Rede. Wohl aber kam ihm aus seinem Theologiestudium das Seminar bei P. Bacht über die nur lateinisch in der Übersetzung des Hieronymus erhaltenen Briefe des Pachomius in den Sinn. Er realisierte: Jetzt halte ich den Originaltext in der Hand. Nach kurzen Tests bestätigte sich die Intuition. Ein Telefonanruf an P. Bacht: Ich habe die Briefe gefunden! Bald kam der Verzicht der Studentin, die nur an Liturgie interessiert war und der Sache auch nicht gewachsen gewesen wäre. Und dann die mühsame Arbeit der Entzifferung und Veröffentlichung. Es gibt wohl wenig Menschen, die über Jahrzehnte hinweg Fragmente eines einmal gelesenen Textes in einer anderen Sprache erkannt hätten. Hans Quecke gelang das auf Anhieb, und so hat er uns ein ganz wichtiges Dokument der Frühzeit des Ordenslebens erschlossen. Die Übersetzung des heiligen Hieronymus war, wie schon Pater Bacht vermutete, zwar wirklich eine Übersetzung, aber zugleich doch sehr stark vom Übersetzer selbst eingefärbt.

Das Bild von Hans Quecke, dem Wissenschaftler, wäre nicht vollständig ohne zwei andere Tatsachen. Einmal seine treuen und regelmäßigen Kongreßbesuche, vor allem bei den Tagungen der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Hier fand der persönliche Austausch zwischen den wenigen Spezialisten des Faches statt, und das normale Bild in den Kongreßpausen war ein Kreis von Kollegen und Studenten, die ihn umstanden und mit ihm diskutierten oder auch ihm einfach lauschten. Zum andern die Weise, wie er, wenn er nicht gerade wie damals in Dublin irgendwo in der Welt in einer Bibliothek an Handschriften saß und wenn die Pflichtbesuche bei Mutter und Freunden absolviert waren, die lange römische Sommerpause verbrachte, in der man in Rom wegen der Hitze nicht arbeiten konnte.

Er hatte praktisch ein Studio in Heidelberg. Während er in Heidelberg studierte, hatte er dort einige Gefährten aus den Freiburger Studienjahren wiedergetroffen. Sie hatten dort ein Oratorium gegründet und boten ihm an, bei und mit ihnen zu wohnen. So hatte er dort sein festes Zimmer, und es blieb dann sein Zimmer auch während all der folgenden Jahrzehnte, bis zum Umzug nach Münster. Er hatte dort, wohl auch mit tatkräftiger Hilfe seiner Mutter, eine für seine wissenschaftliche Arbeit exakt zugeschnittene Handbibliothek. So konnte er im immer mehr zusammenwachsenden Freundeskreis auch in den Sommermonaten seine Forschungen weitertreiben, ja, es kam hier mehr zustande als in Rom, da all die anderen römischen Verpflichtungen wegfielen. Er war dem Heidelberger Oratorium, dessen zum Teil recht schwierige Geschichte er in all ihren Phasen miterlebte, zutiefst dankbar. Das kam in Gesprächen mit ihm immer wieder heraus. Und er litt sehr darunter, daß er es nach einiger Zeit nicht mehr schaffte, seinen Freunden in ihrer Pfarrseelsorge wenigstens an Sonntagen zu helfen.

Aber er schaffte es nicht mehr. Hans hatte Priester werden wollen und wurde es. Aber vielleicht waren die Abenteuer seiner Primiz schon symbolisch. Er war in Frankfurt geweiht worden. Am Samstag darauf fuhr er nach genauem Fahrplanstudium mit einem Freund nach Freiburg, wo in der Pfarrei seiner Mutter abends zur festen Zeit der Empfang mit Triumphbogen und Blasorchester der Feuerwehr stattfinden sollte. Nur: In Heidelberg stiegen sie aus Versehen nicht in den Zug nach Karlsruhe, sondern in den nach Stuttgart. In Stuttgart gelang es nicht, übers Telefon eine Nachricht zu geben, weil alles schon auf dem Festplatz war. Die beiden kamen schließlich um 11 Uhr nachts in Freiburg an. Der Pfarrer war so wütend, daß er ihnen nicht die Tür aufmachte. Er war strenger Altbadener und konnte einfach nicht begreifen, wie jemand in einen Zug nach Württemberg stieg. Sie mußten in ein Hotel. Am nächsten Morgen hielt Hemmerle zwar eine rührend schöne Predigt, aber bei Hans gingen Präfation und Ite missa est daneben. Er hat niemals mehr in seinem Leben ein Amt gesungen. Und so ähnlich muß diese hochspezialisierte Wissenschaft, in die Hans sich ganz hineingab, ein Zug gewesen sein, der nicht dahin fuhr, wo man liturgisch und seelsorglich tätig sein kann. Es ist wohl ein Problem, das auch andere so spezialisierte Wissenschaftler in der Gesellschaft Jesu, und gerade auch in den römischen Institutionen, haben.

Aber bei Hans war die Sache nochmals komplizierter. Er kam aus einem liturgisch bewegten und sensibilisierten Milieu. Durch seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten war er tief in die frühchristliche und ostkirchliche Liturgie hineingeraten und schätzte vieles dort wesentlich höher ein als das, was er in Kirche und Orden erlebte, sowohl vor dem Konzil als auch nach der von ihm in vielem sehr kritisch beurteilten Liturgiereform. Vor Konzelebration und Meßboxen schauderte ihn abgrundtief. Dazu hatte er aus der Welt, die er studierte, ein hohes Bild von dem Zusammenhang zwischen priesterlichem Dienst und Gemeinde. Kurz: Es fiel ihm immer schwerer, täglich zu zelebrieren, ohne doch eigentlich als Priester tätig zu sein. Er hat am Ende kaum noch zelebriert. Er ist in die Messe gegangen, aber ad modum laicorum. Lange ging er in die Basilika zu den Zwölf Aposteln, direkt neben dem Institut. Später ging er längere Zeit nach Sankt Peter.

In den letzten Jahren fühlte er sich in den Gottesdiensten in S. Prassede, nicht weit von S. Maria Maggiore, am wohlsten. Das ganze war für ihn eine Frage der theologischen Ehrlichkeit. Aber er litt zugleich daran. Voll gab er sich dagegen dem Stundengebet hin, das er als genuine Laiensache betrachtete. Durch viele Jahre betete er ein orientalisches Stundengebet, das wesentlich länger war als unseres. Am Ende kehrte er zum römischen Brevier zurück. Wenn ich in den letzten Jahren nach Rom kam, hatte er oft exegetische Fragen zu einzelnen Bibeltexten, auf die er im Brevier gestoßen war, speziell auch zu deren Übersetzung. So kam ich dahinter, daß er jetzt wieder bei unserem Brevier war. Das Bibelinstitut ist mit diesem religiösen Lebensstil außerordentlich behutsam und tolerant umgegangen, und er war den Mitbrüdern dort dankbar dafür.

Er war sich auch völlig bewußt, daß er durch sein körperliches und seelisches Befinden für die andern immer mehr zu einer Randfigur und einer Last wurde. Damit komme ich zu dem, was sein Leben am Ende vor allem prägte: seine immer mehr anschwellenden Krankheiten. Er war in jungen Jahren ein zäher Bursche, ein leidenschaftlicher Wanderer und Radfahrer. Doch Anfang der siebziger Jahre wurde alles anders. Ich weiß nicht, mit was es begann. Aber irgendwann sagten ihm die Ärzte, er solle beim Essen und beim Trinken aufpassen. Mit dem Alkohol war es bald völlig vorbei. Er fror immer mehr. Am Ende ging er in der Sommersonne Roms im Wintermantel und mit der Pelzmütze spazieren. Die Augen machten Probleme. Er mußte sich mehrfach an ihnen operieren lassen, und am Ende sah er kaum noch etwas - schrecklich für jemanden, der mit Manuskripten arbeiten muß. Ende 1984, nach dem Tod von Mommy, kam es zu einem psychosomatischen Zusammenbruch. Die Depressionen nahmen immer mehr zu. Das Jahr 1986 verbrachte er ganz in Heidelberg. In der dortigen Nervenklinik riß er aus, als er merkte, daß er sich zu einem reinen Betreuungsfall entwickeln würde. Dann fuhr er eine Zeit lang jede Woche nach Frankfurt zu P. Ulrich Niemann. Eines Tages erklärte er diesem, er könne ihm auch nicht helfen, und fuhr nach Rom zurück. Als wir P. Niemann zur Rede stellten, lachte der und sagte: "Geheilt ist er nicht, das geht nicht mehr. Aber daß er sich von mir losgerissen hat, war der erste Freiheitsakt seit langer Zeit, und ein wenig besser wird es ihm jetzt schon gehen."

In der Tat kam er in Rom wieder etwas besser zurecht, obwohl sich körperlich alles immer mehr verschlimmerte. Der alte Bridge- und Doppelkopfzirkel hatte sich zwar aufgelöst, aber er fand eigentlich jetzt erst so richtig Freude an Rom und seinen Reichtümern. Er entdeckte auch das Fernsehen. Besonders gern sah er Tierfilme. Er hatte mehr Zeit für die andern. Niemals fehlte er, wenn die Kommunität oder die deutschsprachige Gruppe im Institut zusammenkam oder etwas unternahm. Und stets konnte man mit Fragen zu ihm kommen. Er ließ dann alles liegen und ging den Dingen bis ins letzte Detail nach, um dem Frager zu helfen. Und nicht nur in seinem Fachbereich. Seine Wissenswelt war unglaublich umfassend. Und das alles in einem immer zerbrechlicheren und hilfloseren Körper. Es war ein Bild des Jammers, wenn er beim Frühstück auch nur die Hand ausstreckte, um zu einem Brötchen zu greifen. Das war reine Zeitlupe. Nichts machte mehr mit. Doch er hat nie eigentlich geklagt. Und er hat nie bitter über andere geredet. Er stand neben sich selbst und konnte das, was mit ihm vorging, fast wissenschaftlich-objektiv beschreiben. Oft saß er, wenn wir Deutschen am Sonntagabend auf dem Zimmer von Werner Mayer beisammen waren, auch nur einfach dabei. Er hatte nicht mehr die Kraft, mitzureden. Aber umso genauer hörte er zu. Am nächsten Morgen konnte er dann plötzlich auf dem Gang auf irgendeine Bemerkung vom vergangenen Abend zurückkommen.

Im ganzen wurde es immer schwieriger. Er war sich darüber im klaren, daß er bald Pflege brauchen würde. Doch es war wieder ein Prozeß von mehreren Jahren, bis er sich dazu durchringen konnte, seinem Provinzial zu sagen, er möchte jetzt nach Münster. Ich habe noch miterlebt, wie glücklich und dankbar er für die Hilfe war, die ihm verschiedenste Mitbrüder beim Umzug gaben, und vor allem auch für die Aufnahme und Hilfe, die er in Münster fand. "Ich meine, daß ich es gut getroffen habe," schrieb er mir aus Münster am 29. Juli 1997 im letzten Brief, den ich von ihm bekam. Nach seinem Sturz wurde er immer behinderter und konnte oft kaum noch reagieren. Als er dann starb, war sein Leib wirklich am Ende, und man hatte es durch Jahre miterleben können, wie es dazu kam. Doch ich glaube, seine Seele war auch reif und bereit, zum "Vater der Lichter" (Jak 1,17) zu gehen, von dem er im gleichen letzten Brief schrieb und dem er auf eine ganz eigene und sehr ungewöhnliche Weise sein ganzes Leben lang gedient hatte.

R.i.p.

P. Norbert Lohfink SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1999 - Mai, S. 88-95