P. Erhard Reinbrecht SJ
* 21. November 1919 in Hamburg
17. Januar 1993 in Münster

P. Erhard Reinbrecht stammt aus Hamburg, wo er auch als Ordensmann über viele Jahre gewirkt hat. Geboren wurde er in der Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges, und in der St.-Ansgar-Kirche, dem 'Kleinen Michel', wurde er getauft. Seine Kindheit erlebte er in den schweren zwanziger Jahren. Seine Jugendzeit fiel in die ersten Jahre des Nationalsozialismus, dem er mit geistiger Wachheit begegnete. Alle, die ihn kannten, schätzten an ihm zeitlebens seine Aufgeschlossenheit für alle Bereiche des Lebens und seine echte, tiefe Frömmigkeit.

Nach dem Abitur studierte P. Reinbrecht Medizin bis zum Physikum. Diese Zeit wirkte in späteren Jahren in der Weise nach, daß er sich immer wieder Gedanken über eine gesunde Lebensweise machte.

Am 7. Mai 1946 trat er mit 26 Jahren in die Gesellschaft Jesu ein. Das Noviziat machte er in Eringerfeld und ging von 1948 bis 1950 zum Philosophiestudium nach Pullach bei München. Schon in den Jahren des Noviziates war sein Wunsch lebendig, einmal nach Japan zu gehen, um dort zu arbeiten. Dieser Wunsch wurde wohl auch zunächst von den Provinziälen unterstützt. Es mag dies auch mit ein Grund gewesen sein, daß P. Reinbrecht zum Theologiestudium von 1950 bis 1954 nach Milltown Park in Irland geschickt wurde. Von dort schrieb er an P. Provinzial über seine Situation und sein Befinden. Er widmete sich mit großem Eifer dem Studium, so daß sich der Provinzial P. Deitmer genötigt sah, als P. Reinbrecht einmal schrieb, daß "der Kopf meist etwas angespannt" sei, ihn zu ermahnen, beim Studium "vernünftig" zu sein. Es machte sich hier schon eine eigentümliche Sicht der Dinge bemerkbar. P. Reinbrecht rechtfertigt sich aber und schrieb dem Provinzial, als er ihm darüber berichtet, daß er sich normal und heiter fühlt und daß ihm die Theologie gefällt: "Besteht doch schon philosophisch gesehen in der Betrachtung der letzten Ursachen und der göttlichen Dinge die Glückseligkeit des Menschen." Er meinte damals, daß das Studium noch effektiver sein könnte, wenn die Vorlesungen nicht wären, die einen nur vom zusammenhängenden Studium abhielten, und daß sie ruhig auf die Hälfte gekürzt werden könnten. Trotzdem hatte er schon im ersten Jahr der Theologie alle apostolischen Väter auf Latein und z.T. in Griechisch gelesen, so auch, worauf er eigens hinwies von Augustinus 'De Trinitate'.

Als 1951 P. Nikolaus Junk zum Provinzial ernannt wurde, bat er diesen, seinen Wunsch, in der japanischen Mission arbeiten zu können, zu bestätigen und zu erneuern. Als für einige Monate ein Deutsch-Brasilianer nach Milltown Park kam, der 3 Jahre lang in Japan war, ließ er sich von diesem ins Japanische so einführen, daß er sich dann selbst helfen konnte. Der Provinzial schien unterdessen aber doch zur Überzeugung gekommen zu sein, daß P. Reinbrecht für Japan nicht geeignet sei, denn er kündigte ihm 1953 an, daß er nach der Priesterweihe zur Aushilfsarbeit zunächst nach Hamburg gehen solle. Am 31. Juli 1953 empfing P. Reinbrecht in Dublin in Irland die Priesterweihe und blieb auch das letzte Jahr der Theologie in Irland. Das Terziat hätte er ursprünglich gern in Japan gemacht, dann sah er eine Möglichkeit, es in Irland zu machen, aber er wurde nach Münster geschickt. P. Reinbrecht nahm dies aus seiner bleibenden religiösen Grundhaltung an. Drei weitere deutsche Mitbrüder machten mit ihm das Terziat. Insgesamt waren sie allerdings 26 Terziarier. Instruktor war P. Otto Pies.

P. Reinbrecht fühlte sich in dieser Zeit ziemlich in Anspruch genommen. Er schrieb, daß er einer der am meisten beschäftigten Patres sei. Er war Zeremoniar, er war für den Tischdienst und die Meßtafel zuständig, er verteilte die Aushilfen, hatte Telefondienst, hörte Beichte, bereitete Benediktionen und Ansprachen vor: In dieser Zeit wurde endgültig klar, daß er nicht nach Japan gehen würde. Darüber war P. Reinbrecht sehr traurig, aber er war in der ihm eigenen frommen Weise bereit, dies anzunehmen. Er schrieb: "Die geringste Arbeit im Gehorsam unternommen, ist viel kostbarer als die schönste, die man sich selbst aussucht. Denn mehr als unsere Arbeit, die wir leisten könnten, will Gott ja unseren Willen haben, den wir Ihm am vollkommensten eben im Gehorsam wieder zurückgeben."

Nach dem Terziat wurde er zunächst nach Koblenz versetzt, um sich dort in die Seelsorge einzuarbeiten. Dieser Schritt in die Seelsorgsarbeit fiel ihm nicht leicht, da er sehr an seinen dogmatischen Studien hing und einige Mitbrüder in ihm schon einen zukünftigen Dogmatikprofessor gesehen hatten. Ihn schreckte der Gedanke, nun 40 Jahre lang Beichtvater sein zu sollen. P. Reinbrecht tröstete sich mit dem Pauluswort: "Ich kann alles in dem, der mich stärkt." So ging er in den ersten Julitagen 1955 nach Koblenz. Hier war er dann doch nicht 40 Jahre, sondern nur fünf. Er arbeitete als Beichtvater in unserer Kirche und machte Seelsorgsaushilfen. 1960 wurde er nach Hamburg versetzt, um das Amt des Ministers und Ökonomen im Haus am Schlump zu übernehmen. An Seelsorgsarbeiten übernahm er Aushilfen und hielt vor allem für Schwestern Rekollektionen. Diese Zeit dauerte ca. 3 Jahre.

1963 legte er die Letzten Gelübde ab und wurde nach Trier versetzt. In Trier war er wieder Beichtvater und arbeitete bei der MC mit. Seine ruhige, zurückhaltende Art sicherte ihm die Sympathien aller. Die meisten in der Kommunität waren 60 Jahre und älter und taten sich mit dem Vaticanum Il. und den so anderen Zeitläufen schwer. P. Fritz Abel, der damals auch in Trier war, war heilfroh, in P. Reinbrecht einen klugen und aufgeschlossenen Mitbruder bei sich zu haben. Still und ruhig machte P. Reinbrecht hier seine Arbeit, d.h. jeden Tag in der Woche vier Stunden Beichtstuhl, was 50% der angebotenen Beichtzeit war.

1966 begann der wichtigste Abschnitt seiner seelsorglichen Tätigkeit. Er wurde als Ersatz von P. Paul Best zum Rektor und Hausgeistlichen des Marienkrankenhauses in Hamburg ernannt und gehörte zur Kommunität der St.-Ansgar-Schule. Es war ihm ein großes Anliegen, am Kommunitätsleben regelmäßig teilzunehmen. Täglich kam er vom Marienkrankenhaus zur Rekreation in unsere Residenz. Immer war er im Gespräch ein liebevoller und humorvoller Mitbruder. Über seine Arbeit im Marienkrankenhaus wird nur Gutes berichtet. Als gebürtigem Hamburger fiel ihm die Seelsorge dort natürlich leicht.

Es waren die Anfänge der Parkinsonschen Krankheit, die ihn nach sieben Jahren Krankenhausarbeit 1973 zur Übersiedlung in das Bischof-Ketteler-Haus, einem Alten-und Pflegeheim des Caritasverbandes in Hamburg, zwang. Er übernahm hier den Dienst des Hausgeistlichen. Der Abschied vom Krankenhaus fiel ihm schwer. Beim Packen kam aber kein Wort der Klage über seine Lippen, nur ein trauriger Blick auf jedes Buch, das er zurücklassen mußte. 1981 war die Krankheit so weit fortgeschritten, daß er häufig wankte und schwankte, hin und wieder umfiel und manchmal seiner Sprache nicht mächtig war. P. Reinbrecht trug diese Situation in bewundernswerter Weise. Er klagte nie und wollte gern die Arbeiten leisten, die ihm übertragen waren, aber er schaffte sie nicht mehr.

Es folgten nun lange Krankenhaus- und Kuraufenthalte, aber es konnte ihm kaum geholfen werden, und er war mehr und mehr auf Hilfe angewiesen. So siedelte er am 13. Dezember 1983. in unser Alten- und Pflegeheim nach Münster über. Die letzten neun Jahre verbrachte er in Haus Sentmaring. Trotz aller seiner Anstrengungen war er immer mehr in allen Dingen auf Hilfe angewiesen. Doch hat er sich nicht isoliert. Er liebte es, in der Gemeinschaft zu sein. Als er gar nicht mehr allein gehen konnte, ließ er sich im Rollstuhl zu allen gemeinschaftlichen Veranstaltungen fahren. Er versäumte keine Kommunitätsmesse, keine Andacht, keine Rekreation, keine Fusio; bei allen Veranstaltungen blieb er bis zum Schluß. Dank des Engagements und der Hilfe der Novizen, des Pflegepersonals und besonders der Zivildienstleistenden konnte er gelegentlich im Rollstuhl einen Ausflug 'in die Welt' unternehmen, zum Wochenmarkt in der Nähe, zum Zoo, zu einem Kino oder sogar zum Karnevalszug. Für alle Hilfe und für jeden Besuch war er immer sehr dankbar. Niemals hat einer in Münster von ihm auch nur ein Wort der Klage gehört. Sein langes und schweres Leiden unter der Parkinson-Krankheit hat er in tiefem Glauben als Gottes Willen angenommen und mit beispielhafter Geduld getragen. Als zuletzt eine Lungenentzündung dazukam, gab er seine Seele am Sonntag, den 17. Januar 1993 in die Hände seines Schöpfers zurück.

R.i.p.

P. Josef Ullrich SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1995 - Juli, 126ff