P. Adolf Rodewyk SJ
9. November 1989 in Münster

(Ansprache beim Requiem am 14. 11. 1989 in Haus Sentmaring)
In dieser Abschiedsstunde wollen wir uns sein Leben noch einmal vor Augen führen. Glücklicherweise hat P. Rodewyk selbst einige Aufzeichnungen über seine Jugend- und Ordenszeit hinterlassen, die für diese Rückschau auf sein Leben sehr wertvoll sind. So schreibt er an seinem achtzigsten Geburtstag über seine Eltern.

"Ich bin in eine heile Familie hineingeboren. Meine Mutter war eine tiefreligiöse und innerlich sehr ausgeglichene Frau. Von ihr lernte ich die ersten Gebete. Sie nahm mich zuerst mit in die Kirche. Wenn sie kniete, stand ich neben ihr auf dem Bänkchen und schaute umher. Da drehte sie mich liebevoll zurecht und zeigte mit dem Finger nach vorn auf das Tabernakel und sagte mir, dort sei die Hauptsache, dort wohne der liebe Gott." Die Mutter erzog uns ganz hin auf den Vater, lehrte uns ihn lieben und uns seiner Fürsorge anvertraun. Eines Tages, als ich das eben fassen konnte, sprach sie von dem Vater im Himmel, der mich noch mehr liebhabe, und zu dem wir dann zusammen beteten." Über seinen Vater schreibt er: "Vater war eine vollausgereifte und ausgeglichene Persönlichkeit. Er war die vollendete Selbstbeherrschung. Er hatte eine kernige Frömmigkeit und war im religiösen wie im beruflichen Leben die Pflichttreue selbst. Von ihm ging eine Woge des Wohlwollens aus, in, der ich mich geborgen fühlte. An Vater hatte ich ein Vorbild und eine Stütze, wie ich sie gerade bei meinem sensiblen Charakter brauchte."

P. Rodewyk war Rheinländer. Er wurde in Mülheim geboren, einer kleinen Ortschaft bei Köln, die damals am 4. Dezember 1894 noch nicht zu Köln eingemeindet war. Getauft wurde er auf den Namen Adolf Johannes Maria Karl. Mit fünf Geschwistern ist er aufgewachsen, von denen allerdings nur drei großgeworden sind. Seine Eltern führten eine sehr glückliche Ehe, in der sich die etwas schwere ostfriesische Art des Vaters, der aus Emden stammte, mit der heiteren rheinischen Art der Mutter, die aus Viersen stammte, harmonisch verband. Seine Mutter war eine Schwester unseres P. Konrad Kirch, den die Valkenburger auch heute noch als Historiker und Archivar unserer Ordensprovinz zu schätzen wissen. Bekannt sind seine Lebensbeschreibungen der Heiligen, die P. Kirch in 11 kleinen Bänden unter dem Titel 'Helden des Christentums' publiziert hat. P. Rodewyk hat bei der Herausgabe dieser Bändchen seinem Onkel geholfen und hat in den Jahren 1953 bis 1954 eine Neuausgabe in zwei großen Bänden herausgebracht, die in der Bonifatius-Druckerei in Paderborn verlegt worden sind. Der Vater von P. Rodewyk war in Mülheim Direktor einer Filiale der Reichsbank, die er selbst eröffnet hat. Da der Vater mehrfach versetzt wurde, gab es für Adolf mancherlei Schulprobleme. Mehrere Jahre wohnte die Familie in Bochum und dann in Duisburg, wo Adolf im Jahre 1914 am Königlichen Gymnasium in den ersten Mobilmachungstagen des 1. Weltkrieges das Abitur machte.

P. Rodewyk hat häufig erzählt, daß seine Absicht, Priester zu werden, schon in frühester Jugend feststand. Er schreibt in seinen Lebenserinnerungen: "Der Wunsch, Priester zu werden, kann ich bis ins vierte Lebensjahr zurückverfolgen." Eine andere Frage, die aber auch mit seinem Beruf zusammenhängt, hatte eine längere Entwicklung zu bestehen, die Frage nämlich, ob er Weltpriester oder Ordenspriester werden soll, und wenn Ordenspriester, die Frage nach der Wahl des Ordens. Da hat sich P. Rodewyk längere Zeit mit dem Gedanken getragen, bei den Dominikanern einzutreten. Er schreibt darüber so: "Das hing mit einem Diktat zusammen, das wir damals über den heiligen Dominikus in der Schule gemacht hatten. Von da an zog ich an seinem Fest jedes Jahr meinen Sonntagsanzug an, las später seine Lebensbeschreibungen, wurde auf den Rosenkranz aufmerksam, den ich dann von der Obertertia täglich zu beten begann."

Wie es dazu kam, daß er dann doch bei den Jesuiten eintrat, hängt mit seinem besten Schulfreund Leo Ueding zusammen. Ueding war zwar ein Jahr älter, aber sie hatten beide denselben Schulweg, trafen sich jeden Morgen in der hl. Messe und waren auch nachmittags viel zusammen. Beide nahmen als Sekundaner auch an Schülerexerzitien beim Jesuitenpater Anton Danscher in Aalbeck teil. Am Ende dieser Exerzitien faßten beide den Entschluß, Dominikaner zu werden, obschon es Leo Ueding ursprünglich zu den Benediktinern hinzog. Fast ein Jahr nach diesen Exerzitien war in Leo Ueding die Absicht gereift, nicht Dominikaner, sondern Jesuit zu werden. Auch Adolf entschloß sich nach einigem hin und her dazu, und so sind beide in die Gesellschaft Jesu eingetreten. Ueding wurde später ein geschätzter Professor für Kirchengeschichte.

Gleich nach dem Abitur meldete sich Adolf, wie damals fast alle Studenten, als Kriegsfreiwilliger, wurde aber vorerst zurückgestellt. So konnte er die Universitätsstudien beginnen, zumal sein Vater anfangs darauf drängte. Er ging nach Bonn, um Theologie zu studieren. Da die Konvikte als Lazarette belegt waren, konnte Adolf privat in der Stadt wohnen, gehörte aber offiziell zum Leoninum. Einer Familientradition folgend, wurde er auch KVer, also Mitglied dieser katholischen Studentenvereinigung. Die Zeit in Bonn erlebte Adolf als sehr schöne Zeit, die leider nur kurz währte, denn bereits Anfang Dezember 1914 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und bald einer neugebildeten Flakformation zugeteilt. Den Krieg überlebt er als Leutnant an der Westfront, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse. In seinem Militärgepäck führte er stets ein griechisches Neues Testament mit sich. Während seiner Militärzeit verstärkte sich seine Absicht, in die Gesellschaft Jesu einzutreten. Seinen Urlaub 1917 benutzte er dazu, bei P. Provinzial Ludwig Kösters vorzusprechen und erhielt die Aufnahme in den Orden.

Am 16. Dezember 1918 begann er in 's-Herrenberg das Noviziat. Sein Novizenmeister war P. Johann Baptist Müller, ein Schweizer aus dem Thurgau, der damals bereits 68 Jahre alt war. Es folgten die Studienjahre in Valkenburg. Nur das dritte Jahr der Philosophie verbrachte er in Innsbruck. Die Priesterweihe durfte er wegen seiner Studien vor dem Eintritt bereits nach dem 2. Jahr Theologie empfangen. Das geschah am 27. August 1925 in der großen Kapelle des Ignatiushauses zu Valkenburg durch Laurentius Schrejnen, den Bischof von Roermond. Zehn Tage später erfolgte die Heimatprimiz in St. Josef in Duisburg.

Gleich nach dem Tertiat kam er zur eigenen größten Überraschung als Superior nach Koblenz. Die Tätigkeit an der alten großen Jesuitenkollegskirche machte ihm viel Freude. Aus den Predigten dort sind seine ersten schriftstellerischen Arbeiten hervorgegangen, nämlich ein Bändchen über pastorale Aspekte der Ehe und ein weiteres über Geld und Eigentum. Viele kleine und größere Publikationen folgten. Seine Artikel in den Zeitschriften 'Geist und Leben', 'Mann in der Kirche', 'der Männerseelsorger', 'Chrysologus', 'Gebetsapostolat' und 'Seelsorge' wurden viel beachtet, ebenso seine Heiligenleben zum 'Proprium Sanctorum' und seine Festschrift zum 350jährigen Jubiläum des Kollegs in Büren. Seine beiden Hauptwerke 1963 und 1966 galten der dämonischen Besessenheit. Durch seine Beurteilung dieses Phänomens geriet er in zum Teil unqualifiziertes und turbulentes Kreuzfeuer der Kritik. Aber seine Loyalität dem kirchlichen Lehramt gegenüber, seine ausgeprägte Gabe, die Geister zu unterscheiden, seine jahrelangen pastoralen Erfahrungen und sein fachliches Wissen stützten seine Kompetenz.

Seit 1957 war ihm auch die Herausgabe der 'Mitteilungen aus den deutschen Provinzen' übertragen worden. Bis zum Schluß dieser Serie erschienen jährlich zwei Hefte, die für die Geschichte der deutschen Jesuiten von größtem Wert sind. Außer diesen Tätigkeiten nach außen war P. Rodewyk ein bewährter Hausoberer für die eigenen Mitbrüder. Wegen seiner hilfsbereiten, fürsorglichen und offenen Art wurde ihm häufig das Obernamt anvertraut. So kam er 1932 als Rektor an das Aloisiuskolleg nach Bad Godesberg und 1954 an das Hamburger Kolleg. 1938 leitete er die Niederlassung in Bonn und 1960 die Residenz in Frankfurt. Während seiner Amtszeit dort erfolgte die Übersiedlung vom Trutz zur Elsheimer Straße.

P. Rodewyk war nicht nur als Hausoberer und Schriftsteller tätig, er wurde auch zu manch anderen Arbeiten herangezogen. Er war Religionslehrer im Immakulata in Büren (1948) und gab von Essen aus Priesterkonferenzen (1946). Schon 1938 holte P. Provinzial Theodor Wulf ihn als seinen Sozius nach Köln. Diese Destination mißglückte allerdings, aber das lag wohl weniger an Pater Rodewyk. Jedenfalls war P. Wulf sehr zufrieden, daß er ihn schon Ostern 1939 nach Trier schicken konnte. Dort hatte P. Delegat Bley ihn erbeten als Novizenmeister und Rektor für die Barmherzigen Brüder in Trier. Während der ganzen Zeit des 2. Weltkrieges übte er dieses Amt aus.

P. Rodewyk war überall wegen seines zuverlässigen und geraden Wesens geschätzt. Er genoß bei vielen als Berater und als Freund hohes Ansehen. Davon zeugt auch seine umfangreiche Korrespondenz, die eine Würdigung seiner hohen Qualitäten impliziert. Nach seiner Amtszeit im Trutz lebte er noch fast 20 Jahre in Frankfurt St. Georgen, wo er viele pastorale Dienste leistete und auch als Lektor für Latein und Hebräisch tätig war. Er gehörte zum charakteristischen Erscheinungsbild des St. Georgener Alltags.

Erst mit über neunzig Jahren siedelte er am 26. Mai 1987 nach Münster über, wo er still und ergeben und in vornehmer Höflichkeit seine letzte Lebenszeit verbrachte, bis zu seinem Hinübergang in die Ewigkeit am frühen Morgen des 9. November 1989. Als Wahlspruch für sein Primizbildchen hatte er seinerzeit einen einzigen Satz ausgewählt, nämlich den Satz "Jesus dein bin ich". Und als Wahlspruch zu seinem goldenen Priesterjubiläum 1975 hatte er das bekannte Wort aus dem Römerbrief des hl. Paulus gewählt "Aus ihm, durch ihn und für ihn ist alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit".

In der Auswahl dieser knappen Sätze zeigt sich seine Hingabe an Gott und seine Freundschaft mit Jesus. Diese Bindung an Gott war das Fundament seiner inneren Sicherheit und seiner Ausstrahlungskraft. Wir dürfen hoffen, daß diese Bindung seines irdischen Lebens an Gott gewandelt wird in die glückliche Gemeinschaft mit Gott. Darum bitten wir nun in dieser Eucharistiefeier, in der wir ihn der barmherzigen Liebe Gottes anempfehlen.

R.i.p.

P. Otto Syré SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1990-Januar, S.13ff