P. Alois Schadt SJ
9. Dezember 1986 in Münster

Als Alois Schadt am 05. März 1915 in Pflaumheim bei Aschaffenburg geboren wurde, war sein Vater im Krieg. Nach der Heimkehr war er der Dorfschmied, der die Pferde beschlug und die Landmaschinen reparierte. In notvoller Zeit mußte er acht Kinder durchbringen, sieben eigene und ein angenommenes. Als Alois elf Jahre alt war, starb die Mutter durch einen Unfall. Das angenommene Kind, ein Mädchen von siebzehn Jahren, führte von da an den Haushalt.

Der Ortspfarrer gab Alois Unterricht, und so konnte er in Wiesbaden in die zweite Klasse des Gymnasiums aufgenommen werden. Er wohnte bei seinem Onkel bis zum Abitur und mußte sich die Kost durch fleißige Arbeit in der Backstube verdienen. Das Abiturzeugnis vom 2. März 1934 weist ein 'Sehr gut' in Religion, Geschichte und Leibesübungen aus.

In Sankt Georgen, der Limburger Priester-Ausbildungsstätte, studierte Alois ein Semester Philosophie. Am 19. September 1934 erschien er im Noviziat 's-Heerenberg als 'Herbstling' und wurde von den im Frühjahr Eingetretenen wohlwollend kritisch empfangen. Er war zu sehr geprägt durch die harte Kindheit, zu weit gereift, um bei den kindlichen Späßen der Mitnovizen voll mitzutun, aber durchaus kein Spaßverderber. Alois hatte wohl klarer als die Mitnovizen als Ziel der langen Ausbildung vor Augen, nicht ein gelehrter Jesuit, sondern ein Seelsorger zu werden. Ruhig und gesammelt ging er seinen Weg. Die drei Jahre der Philosophie in Pullach wurden unterbrochen durch Hitler's Arbeitsdienst. Die 1939 begonnene Theologie endete bald durch den Kriegsdienst in Frankreich und Rußland. Als Unteroffizier einer Maschinengewehr-Abteilung wurde er am 19. Januar 1942 durch den Führer-Geheimbefehl aus der Wehrmacht entlassen.

Nach einem halben Jahr Theologie-Studium in Sankt Georgen wurde Alois Schadt am 26. Juli 1942 in Mainz zum Priester geweiht. Von November 1942 bis Oktober 1946 war er Kaplan an St. Kilian in Mainz-Kostheim. Er war am Ziel seiner Wünsche, Seelsorger in einer großen, aufgeschlossenen Gemeinde.

Pfarrer urteilen in der Regel eher kühl über ihre Kapläne, aber Pfarrer Vormwald schrieb am 1. September 1946 in die Pfarrchronik: "Kostheim verliert in Kaplan Schadt sehr viel. Er war ein Seelsorger in des Wortes bester Bedeutung: unermüdlich, selbstlos, zielbewußt, gesuchter Beichtvater und Beter. Brennend von Liebe zu den Armen, erschüttert von der vielseitigen allgemeinen und religiösen Not. Ein begeisterter Anwalt der Jugend, die ihn auch ganz besonders ins Herz geschlossen hatte..."

Frau Rita Noll schreibt ergänzend: "Er verstand es, die Gruppenstunden vom Evangelium her sehr lebhaft zu gestalten ... Kostheim hatte viele arme Menschen und kinderreiche Familien, die in Baracken untergebracht waren. P. Schadt liebte die Ärmsten der Armen und verstand es, auch uns für die Hilfe an jenen Menschen zu begeistern. Ab 1942 hatte Mainz viele Angriffe. Wenn Bomben fielen, war P. Schadt immer einer der ersten, die Hilfe leisteten, im blauen Anzug und mit Helm. Er war unser aller Vorbild, für die Jugendlichen und auch für die Erwachsenen. Wir hatten in ihm einen Beichtvater, wie wir bis dahin noch keinen gekannt hatten. Er prägte die Pfarrei und sein Name wurde nie vergessen. Bis zu seinem Tod gaben ihm die Kostheimer viele Zeichen der Verbundenheit".

1948-1949 holte P. Schadt in Büren das fehlende Theologie-Studium nach. Anschließend machte er das Terziat in Drongen. Dann strebte er wieder zur Seelsorge: Spiritual, Priestererzieher sein, Menschen heranbilden, die dann selbst wieder viele zu Christus führen können, das schien ihm Seelsorge in konzentrierter Form. Er las eifrig Johannes vom Kreuz und andere Gottesfreunde.

Unvergeßlich sein verdutztes Gesicht, als der Provinzial ihm aufgetragen hatte, in Marburg Germanistik zu studieren. "Ach so, Studienrat sollen Sie werden," sagten wir ihm. Schulalltag, Aufsätze korrigieren, für Disziplin sorgen, das sah nicht nach großartiger Seelsorge aus. Aber gerade dieser im Gehorsam übernommene Auftrag hat gezeigt, welche Energien in P. Schadt steckten und daß ein Mann wie er immer Seelsorger ist.

Nach dem Staatsexamen am 24. Februar 1956 und einem Referendarjahr war er von 1957-1961 Studienrat in Godesberg; von März 1961 an Superior des Immakulata-Kollegs und Oberstudiendirektor des Mauritiusgymnasiums in Büren. 1964 errichtete er ein neues Internat, da das alte nicht mehr den Forderungen einer zeitgemäßen Erziehung entsprach. Hätte er nicht ein so großes Vertrauen zum hl. Josef und einen so unerschütterlichen Optimismus gehabt, wäre dieses Unternehmen wohl nicht geglückt. So aber erhielt er ganz plötzlich finanzielle Unterstützung, welche er nur auf die Hilfe des hl. Josef zurückführte.
Dem Gymnasium gliederte er einen neusprachlichen Zweig und ein Aufbaugymnasium an.

P. Schadt schreibt in seinem Lebenslauf: "Da der Orden seine in Büren eingesetzten Kräfte reduzieren mußte, übernahm ich im Sommer 1968 nach einer Intervention des Schulkollegiums in Münster und des H.H. Kardinals Dr. Lorenz Jaeger von Paderborn beim Ordensgeneral in Rom auch die Leitung des Internates." Hinter dieser Notiz verbirgt sich eine Unmenge Arbeit verbunden mit Ärger und Kummer. Alles hing an ihm.

P. Schadt ist es zu verdanken, wenn Schule und Internat in den zwanzig Jahren seiner Tätigkeit immer mehr an Ansehen gewannen. Es war ein Zeichen des Dankes, daß man seine Pensionierung um ein Jahr hinausschob. Neben der Arbeit in Schule und Internat leistete P. Schadt ein volles Maß an 'direkter' Seelsorgsarbeit für das Bürener Volk in der Jesuitenkirche und durch Aushilfen.

Ein tiefer Einschnitt in seinem Leben war das schreckliche Unglück von 1975. Ein hohes, ausgehängtes Eisentor, das er öffnen wollte, fiel über ihn und verletzte ihn so schwer, daß er monatelang im Krankenhaus lag. Frau Inge Spannenberg-Trutschler, deren Sohn Schüler in Büren war, schreibt: "In dieser seiner langen Leidenszeit lernte ich einen Menschen kennen, wie er mir nie zuvor und auch nie mehr danach jemals begegnet ist. Von den vielen Priestern, die meinen Weg kreuzten, war er einer von den wenigen, welche den Namen 'Priester' zu Recht tragen. Er war in seiner Art ein Heiliger. Im Krankenhaus, grau im Gesicht von furchtbaren Schmerzen, klagte er nie. Im Gegenteil: damals begann er behutsam, der 'konvertierten Heidin' Inge Trutschler vom Sinn des Leidens zu erzählen, von Gottes Liebe und daß die unsterbliche Seele das Einzige ist, das zählt. Er ertrug gleichmütig, gelassen meinen Spott mit der ihm eigenen Zähigkeit ... Er lehrte mich, daß man Leid von anderen bewußt auf sich nehmen und dies für andere tragen kann... "

Eine ganz große Überraschung war für mich das kleine Buch von P. Schadt mit dem Titel: 'Das Werk der unendlichen Liebe'. Er beschreibt darin eine 1918 von der Kirche bestätigte, schon weltweit verbreitete religiöse Gemeinschaft von Priestern und Laien. Auf Seite 15 steht: "Das Werk der Liebe ist etwas höchst Einfaches: Eine geistige Gemeinschaft von Menschen, die das Zentralgeheimnis des katholischen Glaubens, die Botschaft von dem Gott, der die unendliche Liebe ist, in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen, die sich von diesem Geheimnis formen lassen und dadurch auch die Welt mitzuformen suchen. Um ganz weltweit, ganz universal sein und wirken zu können, verzichtet es darauf, seinen Mitgliedern besondere Formen der Lebensgestaltung vorzuschreiben". Von den 7600 weiblichen Mitgliedern leben 400 in Deutschland. P. Schadt hat sie trotz seiner Arbeitsüberlastung durch Rundbriefe, Einkehrtage und Exerzitien zwanzig Jahre hindurch gefördert.

Die Schwestern berichten: "In seinen Rundbriefen haben wir P. Schadt's Geistigkeit kennengelernt, als Mensch erlebten wir ihn in besonderer Weise bei der Fahrt der Dienerinnen ins französische Bethanien von St. Jean de Blanc, nahe Orleans.
Er konnte herzlich lachen und mitsingen. P. Schadt war ein frommer Priester, aber auch ein echter Mensch, aufgeschlossen für alles Neue und für jede Portion Frohsinn.

Daß seine Oberen schließlich die mit so viel Hingabe aufgebaute Schule in Laienhände übergaben, war für P. Schadt ein großer Schmerz. Vielleicht hat er den frühen Zusammenbruch seiner Kräfte mitbeschleunigt. Immer aber wußte er sich in Gottes Willen.
Am 31. Juli 1981 wurde P. Schadt in den Ruhestand versetzt und erlitt am 18. Februar 1982 einen leichten Gehirnschlag. Am 15. Mai 1984 zog er nach Münster um, immer noch hoffend, er könne sich in der Seelsorge irgendwie nützlich machen. Gebet und Opfer waren sein letzter Dienst für das Gottesreich.
Am 9. Dezember 1986 rief Gott P. Schadt zu sich. Er starb infolge eines weiteren Schlaganfalls im Clemenshospital in Münster. 20 Jahre lebte und wirkte P. Alois Schadt als Lehrer und Seelsorger in Büren. Sein selbstloser Einsatz und seine menschliche Güte bleiben allen, die ihm begegnen durften, in dankbarer Erinnerung.

R.i.p.

P. Eduard Syndicus SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1987 - April, S. 40ff