P. Ulrich Schaefer SJ
* 28. Oktober 1915 in Bad Godesberg
26. August 1999 in Münster

Ob P. Schaefer einen Nachruf gewünscht hätte, wenn man ihn gefragt hätte, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht hätte er ein klares "Nein" gesagt. Denn solange ich ihn kenne, hat er sich und seine Gefühle hinter freundlichen, wohlwollenden und korrekten Floskeln verborgen. Es ging ihm um die Sache, nicht um sich.

Ulrich Schaefer wurde am 28.10.1915 in Godesberg geboren. Seine Eltern waren Hermann-Josef Schaefer und Elisabeth geb. Schmickler. Uli, wie er genannt wurde, war der Mittlere von fünf Geschwistern. Vielleicht hat er deshalb schon als Kind gelernt, vermittelnd und ausgleichend zu sein. Er war nie Führender, aber immer ein guter und treuer Kamerad und zuverlässiger Sozius. Die Kindheit muss entbehrungsreich gewesen sein. Zunächst der 1. Weltkrieg mit dem schlimmen "Steckrübenwinter", dann französische Besatzung, in der die Mutter zweimal in der Woche zwei Stunden hin- und zwei Stunden zurücklaufen mußte, um 1/4 Liter Ziegenmilch für die jüngste Schwester, noch ein Baby, zu bekommen. Dies weiß die einzig überlebende Schwester noch heute zu erzählen. Uli muß als Kind Rachitis gehabt haben; denn obwohl Sitzriese, war er nicht groß, er hatte kurze wohl auch verkrümmte Beine. Etwa 1927 verlor der Vater im Zuge der aufkommenden Weltwirtschaftskrise seine Anstellung bei der Deutschen Bank. Uli blieb sein Leben lang sparsam und konnte nicht verstehen, wenn jüngere Mitbrüder großzügig mit Geld umgingen. 1928 machten die Eltern ein Reformhaus auf, das, wie Ulrich gern erzählte, auch heute noch besteht, wenn auch unter einem anderen Besitzer. Die Eltern müssen ihn schon in den Anfangsjahren des Aloisiuskollegs auf dieses geschickt haben. Aus dieser Zeit erzählte er von den Auseinandersetzungen mit der Hitlerjugend, die schließlich das ND-Heim anzündeten. Deshalb ist Ulrich nie Nazisympathisant gewesen, wenn es auch andere Mitbrüder im Scholastikat waren.

Nach dem Abitur 1935 trat er in die Gesellschaft Jesu ein. Der Ausbildungsgang war jedoch alles andere als normal: Das begann mit dem Eintritt. Er wollte, wie üblich mit seiner Abiturientia eine Romreise machen. Der damalige Vizeprovinzial, P. Sierp versuchte ihm das mit einer Begründung auszureden, über die sich Uli noch im Alter lustig machte, nämlich, auf dem Grabstein eines Jesuiten ständen nur drei Daten: Geburts-, Eintritts- und Sterbedatum. Und es wäre schlecht, wenn er mit dem Eintrittsdatum aus der Reihe seiner Altersgenossen fiele. Uli fuhr trotzdem nach Rom. Er hat es nie bereut. Denn es blieb die einzige Romreise seines Lebens. Also trat er nicht am Vortag des Canisiusfestes in 's-Heerenberg ein, sondern erst am 30. April 1935 und hat trotzdem am Fest des hl. Petrus Canisius seine ersten Gelübde abgelegt, allerdings erst 1938, nach 3 Jahren; denn es kam einiges dazwischen: Zunächst mußte im August 1936 das Noviziat wegen Devisenschwierigkeiten von 's-Heerenberg nach Hochelten verlegt werden. Ob Uli sich dabei als begabter Schmuggler erwiesen hat, ist mir nicht bekannt, eher nicht. Ein "verdecktes Überbringen von Hausrat" war jedoch wegen der Schikanen der Nazis nötig und wegen der Menschlichkeit der Zöllner möglich. (Der begabteste "Überbringer" war nach Aussage eines damaligen Mitnovizen der fast auf der Grenze geborene Leo Lennartz, dem das später kaum jemand zugetraut hätte.)

Noch im selben Jahr (1936) wurde er in den Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen. Er kam nach Sachsen und lernte dort zum ersten Mal ein weder katholisch noch christlich geprägtes Milieu kennen. Gern erzählte er, nicht ohne Ironie, dass die höchste religiöse Erhebung seiner dortigen Kameraden das Lied gewesen sei: "Glühwürmchen glimmere, schimmere, führe mich auf allen Wegen, führe mich dem Glück entgegen." Und wenn er dies zitierte, tat er es immer im sächsischen Dialekt, den er als scharfer Beobachter gut nachahmen konnte. Nach sieben Monaten RAD wurde er zum Studium entlassen. Er kam nach Pullach in die Philosophie, hat dort die ersten Gelübde abgelegt, wurde im August 1939 zum Militär eingezogen, war beim Frankreichfeldzug dabei und vor allem in Russland, wo er als Unteroffizier das EK II und die Ostmedaille (im Volksmund "Gefrierfleischorden" genannt) erhielt. Er hat von diesen Auszeichnungen nie Aufhebens gemacht. Im Mai 1942 wurde er auf Grund des berüchtigten Führerbefehls entlassen. Die Versuche, in Sankt Georgen zu studieren, wurden überraschend unterbrochen durch die Aufforderung des Provinzials, sich zum Priester weihen zu lassen. (P. Wilhelm Flosdorf, der diese Entscheidung nach Beratung mit seinen Konsultoren gefällt hatte, hat nach dem Krieg Vorwürfe von Rom einstecken müssen. Dabei ist von den damals Geweihten nur einer nicht Jesuit geblieben, und der ist zu einem strengen Orden gegangen.)

Am 9. November 1942, während alle wichtigen Nazis in München beschäftigt waren, wurde Uli in der Seminarkapelle des Mainzer Bischofs zum Priester geweiht, ohne Theologie studiert zu haben, wie er später gern betonte. Bischof Stohr (sonst kein Freund der Orden) hatte verlangt, dass fast alle Geweihten in der Diözese Mainz tätig sein sollten. Dabei geschah etwas, was sich in P. Schaefers Leben noch einige Male wiederholte: Er bekam eine Aufgabe, in die er nicht, oder nur wenig eingeführt wurde. Er kam zunächst nach Steinheim in die Pfarrei, aus der der spätere Kardinal Volk stammte. Der dortige Pfarrer begrüßte ihn mit wenigen Worten, etwa des Sinnes: Er wisse ja, was zu tun sei. Nur Beichthören durfte er noch nicht. Später, als er das Jurisdiktionsexamen gemacht hatte, kam er nach Darmstadt, St. Elisabeth. Dort erlebte er den Bombenkrieg mit seinen vielen Massenbeerdigungen. Diese müssen ihn schwer belastet haben. Er hat später Beerdigungen zu vermeiden gesucht. In der Zeit, in der ich mit ihm zusammengearbeitet habe, hat er nie jemand beerdigt, auch nicht wenn er mit ihm als Kranken eine herzliche Beziehung hatte. In Darmstadt wurde ihm einmal gemeldet, bei den Leichen auf dem Lastwagen läge auch P. Joh. Baptist Lotz, der aus Darmstadt stammte und dort bei einem Besuch umgekommen sei. Uli besorgte einen Sarg für ihn. Zum Glück war es eine Falschmeldung.

1945 war der Krieg zu Ende, Sankt Georgen teilweise zerstört. P. Johannes Hirschmann, der schon damals manche Kontakte hatte, entdeckte das ehemalige Jesuitenkolleg von Büren als Möglichkeit für die Theologie. So zogen die fälligen und überfälligen Theologen dorthin, Uli von Nov. 1945 - 1949, war dort zeitweise Bidell. Nach dem bestandenen Punkteexamen kam er für ein Jahr nach Sankt Georgen als Sekretär der Hochschule. Im September 1950 wurde er Sozius Magistri in Burg Eringerfeld. Später klagte er, dass er für diese Aufgabe auch zu kurz eingeführt worden sei. Es stand noch das Tertiat aus. Der Provinzial versuchte, von Rom die Genehmigung zu erhalten, die Soziuszeit als Tertiat anzurechnen. Dies wurde zunächst abgelehnt mit der Begründung, so etwas sei nicht gut für das spätere Ordensleben. Erst als der Provinzial schrieb, er kenne ein Beispiel, wo jemand als Sozius Magistri sein Tertiat gemacht hätte, und aus dem sei trotzdem etwas geworden (gemeint war P. Janssens selbst), wurde dies auch für P. Schaefer bewilligt. Er blieb in Eringerfeld und nur zu den Exerzitien (den Großen- und den Abschlußexerzitien) fuhr er nach Münster.

Die Hoffnung des Magisters, P. Schaefer werde den Novizen auch Punkte geben, erfüllte sich nicht ganz. Ich selbst, damals Novize, erinnere mich nur an ein einziges Mal. Dafür bemühte sich Uli um die Einführung in die Anfangsgründe der Rhetorik und besonders um Sprecherziehung der Novizen. Er selbst war kein großer Rhetoriker, seine Art zu predigen war ruhig, natürlich und sachlich, seine Aussprache korrekt, fast Theaterdeutsch, seine Stimme angenehm, kam hervorragend über Lautsprecher, und wirkte noch im Alter bei den Übertragungen im Göttinger Klinikum jung und klar. Besonders den "Schweinsberg" (das Buch eines Theatermannes, der nach dem Krieg den Dominikanern in Walberberg Sprechunterricht erteilte) hat er gründlich studiert und suchte ihn den Novizen zu vermitteln. Ich bin Uli noch heute für seine damalige Mühe dankbar.

Im Dezember 1952 wurde Uli Spiritual für die Alumnen in Sankt Georgen. Wieder fühlte er sich ins Wasser geworfen, ohne schwimmen zu können. Er muß sich bei dieser Aufgabe nicht wohlgefühlt haben. Zumindest hat er später kaum davon erzählt. Im September 1955 wurde er dann Sozius des Provinzials und das für sechseinhalb Jahre. Für Bruder Franken, seit 1932 Provinzbruder, war er der zehnte Sozius und (abgesehen von den zwei Perioden des P. Anton Seggewiß) der erste für längere Zeit. Wieder eine Arbeit im Hintergrund, bei der es auf Zuverlässigkeit ankam. Im April 1962 dann Minister absente Superiore der neu errichteten Residenz in Bremen und Operarius. Das hieß zunächst u.a. Vorträge an der Volkshochschule, Bemühen um ökumenische Zusammenarbeit und Mitarbeit in der Gesellschaft für Brüderlichkeit.

Im Frühjahr 1964 kam etwas hinzu, was dann die gute Zeit seines Lebens wurde: Er wurde Krankenhausseelsorger an den Städtischen Krankenanstalten in Bremen. Er war auch für diese Aufgabe nicht vorbereitet, hat sich aber schnell mit dem evangelischen Pastor von Wrangelin angefreundet, der ihn so gut in die Krankenseelsorge einführte und diese mit ihm in Bremen aufbaute, dass die Freundschaft blieb, auch als Uli schon im Sommer oder Herbst 1967 erneut versetzt wurde, diesmal an das Brüderkrankenhaus in Trier. Später hat Uli den Pastor von Wrangelin im Göttinger Klinikum als Kranken wiedergetroffen, hat ihm im Laufe der Zeit mehrfach die Krankensalbung gespendet und ihn auch in den Tagen vor seinem Sterben begleitet.

Bremen war seine erste Liebe, das Brüderkrankenhaus in Trier wurde seine große Liebe, auch wenn er nur schweren Herzens dort hinging. 12 Jahre blieb er dort. Später hat er immer wieder von Trier erzählt, nahm an den Entwicklungen der dortigen Brüderkommunität Anteil und wartete auf die Nachrichten aus dem Krankenhaus. Das Brüderkrankenhaus war ein nicht allzu großes, überschaubares Haus. Als Uli am 1. Juli 1979 nach Göttingen kam, kam er in eine andere Welt: Das Universitätsklinikum, das sich mit seinen 1460 Betten stolz Krankenhaus der Maximalversorgung nannte, bestand aus 83 Fachabteilungen, über denen ein Direktorium schwebte, das den einzelnen Abteilungen jedoch nicht viel zu sagen hatte. Dazu ein Krankenhaus der Vinzentinerinnen, wo täglich die Hl. Messe zu feiern war, dann auch noch gelegentlich andere Krankenhäuser - einer seiner Vorgänger hatte bei dieser Arbeit zwei Herzinfarkte bekommen. Uli blieb ruhig und gelassen, machte zu jedem seiner Krankenbesuche einige Notizen auf der Karteikarte, blieb auch ruhig und gelassen, wenn bei den evangelischen Kolleginnen und Kollegen Trouble herrschte, mit denen die katholische Seelsorge einen gemeinsamen Andachtsraum und Schlüsselgemeinschaft der Büros hatte. Als er 1992 sein 50-jähriges Priesterjubiläum hatte, feierte er dies im Kreise der Kommunität und der evangelischen Kolleginnen und Kollegen.

Acht Jahre war ich mit Uli in der gleichen Arbeit und Kommunität zusammen. Ich habe ihn stets als unauffälligen, soliden und verlässlichen Partner auch in unangenehmen Situationen erlebt und bin ihm dafür zu Dank verpflichtet. Am 31. August 1993, nach fast 30 Jahren in der Krankenseelsorge, davon 14 Jahre in Göttingen, verließ er diese Stadt, fast 79 Jahre alt. In Koblenz war er noch vier Jahre in der Beichtseelsorge tätig. Seine Sehkraft hatte schon seit längerem nachgelassen, nun ließen auch seine geistigen Kräfte nach. Am 8. September 1997 kam er nach Haus Sentmaring. Man brachte ihn eine Zeit lang nach Telgte in die geriatrische Psychiatrie, die aber den Kräfteverfall nicht aufhalten konnte. So kehrte er nach Haus Sentmaring zurück. Dort schien er auf seine Art glücklich zu sein. Er sang viel im Laufe eine Tages; auch wenn er sonst alles vergaß, Musik war ihm geblieben. Wenn ich ihn dort besuchte, beherrschte er zwar noch einige Floskeln, die ein Gespräch vortäuschten, aber ich hatte den Eindruck, dass er mich nicht mehr erkannte. Am 26. August 1999 ist er in Münster unauffällig gestorben.

R.i.p.

P. Ludwig Kathke SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1999 - Dezember, S.215-18