P. Ernst Schellhoff SJ
* 31. März 1914    14. Oktober 2001
Eintritt 1933 - Priesterweihe 1942 - Letzte Gelübde 1949

"Ach, wäre ich doch schon als Säugling gestorben! Dann wäre mir vieles erspart geblieben!" Diesen Seufzer - es sei dahingestellt, wie "ernst" er gemeint war - führte Ernst Schellhoff immer im Munde. Vielleicht wäre ihm tatsächlich einiges erspart geblieben. Aber uns, die wir ihn gekannt und "genossen" haben, wäre mit Gewissheit einiges entgangen: seine ansteckende Heiterkeit und Fröhlichkeit, seine Herzlichkeit und Freigebigkeit, nicht zuletzt sein Einsatz und sein Engagement für die Arbeiten unseres Ordens.

Ernst wurde am 31. März 1914 in Iserlohn ("der Perle des Sauerlandes" - wie er zu betonen pflegte) geboren. Sein Elternhaus war handwerklich-bürgerlich geprägt. Der Vater war Metzgermeister. Die Mutter war eine vielseitig interessierte, belesene, praktizierende Lutheranerin. Die beiden Söhne waren also Sprösslinge einer Mischehe. Während seiner Gymnasialzeit wurde Ernst begleitet von Dr. Johannes Müller, der priesterlicher Religionslehrer am Iserlohner Gymnasium war. Durch ihn kam er zum Bund Neudeutschland und in Verbindung zu den im Bund tätigen Jesuiten. So war es nicht verwunderlich, dass er sich für den Orden interessierte und nach dem Abitur 1933 um Aufnahme in die Gesellschaft Jesu bat. Seine Entscheidung führte, wie sein Neffe schreibt, "zu teilweise leidvollen Diskrepanzen zwischen seiner Mutter und ihm. Den Entschluss, Priester zu werden, hat sie toleriert; sein Eintritt in den Orden der Gegenreformation bereitete ihr lange echten Kummer." Doch ließ sie sich - besonders in der Begegnung mit dem damaligen Rektor von 's-Heerenberg, dem liebenswürdigen P. Siepe - überzeugen, dass ihr Sohn den richtigen Weg gewählt habe. Der Neffe schreibt wiederum: "Von diesem Zeitpunkt an verband ihn eine innige ungetrübte Geborgenheit auch innerhalb seiner kleinen 'Schellhoff-Sippe' bis zu seinem für uns alle doch zu frühen Hinscheiden."

Von seinem ersten Novizenmeister P. Heinrich Schmitz sprach Ernst immer mit großem Respekt. Er war beeindruckt von der Klarheit und Geradlinigkeit dieses Mannes. Bei seinem Nachfolger P. Wilhelm Flosdorf lebten die Novizen - wie Ernst immer wieder erzählte - nicht mehr "in der Furcht des Herrn". Nach einem Jahr "Humaniora" in 's-Heerenberg folgte das dreijährige Philosophiestudium in Pullach, im Anschluss daran das Studium der Theologie in Valkenburg. Wegen des Krieges sollte er im Frühjahr 1941 vor seiner Einberufung zum Militärdienst in Münster zum Priester geweiht werden. Obwohl "omnia parata" waren, lehnte der Bischof von Münster kurzfristig die Weihe ab - ein "Trauma", das Ernst sein Leben lang nicht verkraftete. Der folgende Militärdienst führte ihn dann bis auf die Krim, von wo er im Dezember 1941 als Entlassener die Heimreise antrat. So konnte er am 19. März 1942 in Limburg zum Priester geweiht werden.

Der weitere Weg im Orden ist gekennzeichnet durch die Kriegs- und Nachkriegszeit, deshalb durch viele "Stationen": Krankenhausseelsorge in Köln, Kaplan im Trutz im Frankfurt, Beendigung des Theologiestudiums in Pullach, Terziat in Münster, wieder Kaplan im Trutz. 1951 folgten dann viele Jahre als Volksmissionar in den Residenzen Essen, Dortmund und Köln. Ernst war mit Leib und Seele Volksmissionar; er bedauerte es sehr, dass diese Arbeit aufgegeben wurde.

In Köln wurde er im November 1966 mit der Aufgabe des Missionsprokurators für Japan betraut. Das war für ihn zunächst eine große Umstellung nach den langen Jahren als Volksmissionar. Doch fand er bald seinen eigenen Stil. Unermüdlich warb er in seinen Rundbriefen, aber auch in Missionspredigten und Missionstagen für die Mitbrüder (nicht nur) in Japan, von denen er viele noch aus seiner Ausbildungszeit kannte. Auf seinen Japan-Reisen besuchte er immer wieder alle aus Deutschland stammenden Jesuiten und vermittelte ihnen das Bewusstsein, dass sie in der Heimat und in der Heimatprovinz nicht vergessen seien. Nicht nur die deutschen Mitbrüder in Japan schätzten Ernst als unermüdlichen und verständnisvollen Helfer und Freund. Besonders die jungen japanischen Mitbrüder, die in Deutschland (und Europa) studierten, fanden in ihm einen sorgenden und großzügigen Helfer - gemäß einer seiner ständigen Redewendungen: "Patet porta, sed magis patent corda." Gastfreundschaft war für ihn eine Selbstverständlichkeit. So schreibt P. Matsumotu, der jetzige japanische Provinzial, anlässlich seines Todes: "Seit seiner Tätigkeit an der Missionsprokur in Köln und wohl auch als Ergebnis seiner Besuche hier fühlte er sich als zu unserer Provinz gehörig und hatte immer ein offenes Herz für unsere Anliegen und die Mitbrüder hier ... Viele unserer Werke verdanken ihm und seinem Wohlwollen ihr Wachstum, wenn nicht gar ihre Entstehung. Auch wenn er nicht hier in Japan gearbeitet hat, haben wir in ihm einen wirklichen Japan-Missionar kennen und schätzen gelernt."

Auf einen anderen Punkt geht ein weiterer Brief aus Japan ein: "Hier wird er nicht nur in der Eiche von Kibe (zu Ehren von Ernst wurde in Kibe, dem Heimatort eines Jesuiten-Märtyrers der alten Jesuitenmission, eine Eiche gepflanzt) weiterleben, sondern sicher auch in den Herzen vieler Mitbrüder, zu denen er immer einen engen Kontakt pflegte: kein Namens- oder Geburtstag, kein Jubiläum verging, zu dem nicht ein Gruß von E. Sch. kam - etwas, was heute manche vermissen." Nach einem Besuch in Japan schrieb Ernst in einem Heft "Aus dem Land der aufgehenden Sonne": "Wenn ich an Japan zurückdenke, bekomme ich immer etwas Heimweh. Japan ist mir ein wenig Heimat geworden, und ich verstehe, dass unsere Missionare dieses Land und dieses Volk von Herzen lieben und sie ihm in der Liebe Christi dienen wollen." Darum empfand er die Einladung der japanischen Provinz zu seinem Goldenen Priesterjubiläum 1992 als eine große Ehre. Darum war für ihn auch die Verlegung der Missionsprokur nach Nürnberg eine bedauerliche Entscheidung - nicht aus dem Grund, dass sein 20-jähriges Engagement umsonst gewesen sei, sondern weil für ihn der eigentliche Missionsgedanke in den Hintergrund getreten war.

Als sein Nachfolger in der Missionsprokur möchte ich an dieser Stelle auf Erfahrungen mit Ernst zu sprechen kommen, die für mich sehr wohltuend waren, die aber auch sein Wesen kennzeichnen. In den elf Jahren, in denen wir "nebeneinander" in Köln wohnten und arbeiteten, hat er sich nie in meinen Arbeitsbereich, den er ja bestens kannte, eingemischt, obwohl er sicher in manchen Punkten anderer Meinung war. Immer konnte ich ihn um Rat fragen, und er gab bereitwillig Ratschläge - ohne jedoch zu belehren oder zu bevormunden. Immer freute er sich ehrlichen Herzens mit, wenn ein Projekt geglückt war. Von Neid war nie etwas zu spüren. Sicher kam das auch daher, dass er ein zufriedener Mensch war, der bereit war, sich an dem Ort einzubringen, der ihm zugewiesen wurde. Das Geheimnis der Zufriedenheit eines Menschen hängt wohl damit zusammen. So wuchs im Lauf der Jahre zwischen uns Verbundenheit, ja eine wirkliche Freundschaft. Dafür gilt ihm mein persönlicher Dank.

1986 bekam Ernst die nächste Aufgabe: Er wurde "Vicepostulator in causa Eberschweiler"; das bedeutete: der Seligsprechungsprozess für P. Wilhelm Eberschweiler musste weitergeführt werden, und im Eberschweiler-Bund warteten viele leidgeprüfte Menschen auf einen verständnisvollen Seelsorger. In ungezählten Briefen ging er auf die Sorgen und Nöte dieser Leute ein und spendete ihnen Trost und Hilfe. Immer wieder lud er die Verehrer und Verehrerinnen von P. Eberschweiler zu Gedenk-Gottesdiensten ein: in die Jesuitenkirche in Trier, wo sich sein Grab befindet, und in die Pfarrkirche St. Sebastian in Püttlingen, also in die Taufkirche.

Neben dieser Tätigkeit im Eberschweiler-Bund wirkte Ernst noch sechs Jahre als Referent im Referat "Seelsorge für alte Menschen" im Erzbistum Köln. Es verging keine Woche, in der er nicht zwei oder drei sorgfältig ausgearbeitete Vorträge in Alten-Kreisen von Pfarreien hielt - neben vielen Einkehrtagen und Exerzitien für alte Menschen. Der damalige Referatsleiter, Prälat Ludwig Schöller, schrieb anlässlich seines Todes: "Ich habe Pater Schellhoff in sehr guter Erinnerung. Der Gesellschaft Jesu hat er in Jahrzehnten treu gedient und auch in unserem Kölner Erzbistum einen guten priesterlichen Dienst, vor allem an den alten Menschen, getan. Den Priestern und Laien in der Hauptabteilung Seelsorge war er stets ein guter Freund."

Als unser Kölner Haus in der Stolzestraße aufgegeben wurde, ging Ernst schweren Herzens nach Münster in unser Seniorenheim. Doch bald war er auch hier wieder der frohe und lebendige Mitbruder, der die Kommunität aufmunterte. Bis zuletzt war er geistig interessiert und verfolgte das Zeitgeschehen; er las viel und pflegte weiter die Kontakte zu den Menschen, die ihm in seinen verschiedenen Aufgabenbereichen begegnet waren. Niemand rechnete damit, dass er so schnell und so plötzlich sterben sollte. Am Sonntag, dem 14. Oktober 2001, ging er heim in Gottes Frieden. Die vielen Bekannten und Freunde, die zusammen mit seinen Verwandten zum Begräbnis gekommen waren, zeigten, wie sehr Ernst geschätzt und geliebt war.

P. Ernst Schellhoff wurde auf dem Ordensfriedhof von Haus Sentmaring
in Münster beigesetzt.

R.i.p.

P. Alois Koch SJ

Jesuiten-Nachrufe 2002, S. 33ff