Bruder Max Schlickum SJ
22. Februar 1979 in Münster

"Wenn Du älter wirst, iß einmal weniger, trinke zweimal mehr, schlafe dreimal mehr, lache viermal mehr, bete zehnmal mehr!" So steht es auf dem Festprogramm zum 90. Geburtstag am 25. Juli 1970. Und weiter: "Das ist die große Kunst auf Erden: mit frohem Herzen alt zu werden!"

Im 99. Lebensjahr stand er, als er gegenüber Mitbrüdern meinte, er wolle noch 100 werden; lange genug habe es ja gedauert, und er habe sich auch angestrengt. Leicht gebückt ging er, vom Alter etwas verkrümmt, mit blanken Augen und einem Gesicht, aus dem der Schalk blitzte. Bis in die letzten Wochen verließen ihn seine Weisheiten und Sprüchlein nicht. "Unser Onkel Max war ein echtes Sonntagskind, an einem Sonntag geboren", so schreibt seine Nichte, Frau Gabriele Caspers, in einem längeren Brief über sein Leben.

Mit Bruder Schlickum ging der Senior der Deutschen Assistenz von uns, ein Mann, der viel gesehen, viel gehört und viele Gegenden durchwandert hatte. Wenn es von den alten Patriarchen heißt, dass sie "alt und lebenssatt zu den Vätern versammelt wurden", dann gilt dies auch für ihn. Geboren wurde er am 25. Juli 1880 in Düsseldorf. Über seine Kindheit und Schulzeit liegt im Provinzialat schriftlich nichts vor. Ein Foto, datiert am 7. Mai 1892, zeigt ihn als Erstkommunikanten im dunklen Anzug mit weißer "Fliege", lässig gestützt auf einem Salonstuhl, das linke Bein um das rechte geschlagen. Die Taschenuhrkette hängt in kleinem Schwung unter dem Jackett hervor, in der behandschuhten Rechten trägt er das Gebet- und Gesangbuch.

Ein anderes Foto erinnert an den schneidigen Infanteristen des Hessischen Infanterie-Regiments 116: ein schlanker, junger Mann mit aufgezwirbeltem Schnurrbart, die Pickelhaube mit wallender schwarzer Helmzier, die rechte Hand ist im offengetragenen langen Mantel vergraben, die Linke hält die weißen Handschuhe. Dieser fesche Soldat des Kaisers, 1900 in Gießen in Garnison, wird 1901-1902 zum Lehr-Infanterie-Batallion Potsdam abkommandiert.

"Da er Gartenarchitekt werden wollte", so schreibt seine Nichte, "mußte er zunächst eine Lehre absolvieren. Danach vollendete er seine Ausbildung an der Gartenbauschule in Geisenheim. Anschließend unternahm er mit gleichgesinnten Kolpingbrüdern eine Studienreise nach Rom. Der Höhepunkt war für ihn die Audienz beim Hl. Vater. Wieder heimgekehrt, machte er sich selbständig als Gartenbauarchitekt. Es ist bekannt, daß er täglich die Hl. Messe besuchte. Schon mit 20 Jahren hat er den Wunsch geäußert, ins Kloster zu gehen. Da jedoch sein Geschäft gut florierte, war es für seine Eltern und Angehörigen zunächst ein ordentlicher Schock, als er heimlich alles verkaufte und auflöste und eine Pilgerfahrt nach Palästina antrat. Brieflich teilte er seinen Eltern mit, daß er danach in den Orden einträte. Er stammte zwar aus einem strenggläubigen Elternhaus, doch damit hatte keiner gerechnet." Wieder haben wir ein Foto, aufgenommen am 24. 12. 1912 auf dem Dach des deutschen Hospizes in Jerusalem von dem Archäologen Dr. Weigand aus München. Leicht lehnt sich der Mann mit "steifem Hut" und "Vatermörderkragen" an die Brüstungsmauer, im Hintergrund die Hl. Stadt. Das lächelnde Gesicht ziert ein schmaler, ungemein putzender Schnurrbart. Der Anzug ist modisch, die Beinkleider gutsitzend. Spielerisch halten die Hände den Regenschirm-Spazierstock. Der ganze Mann ein Kandidat der SJ, der ernst nachte mit der Regel, die das Erfahren und Durchforschen diverser Gegenden zur Pflicht macht. Nach dieser Reise trat er am 13. April 1913 in 's-Heerenberg in die Gesellschaft Jesu ein.

"Unsere Großmutter hat es häufig erzählt", so berichtet seine Nichte weiter, "daß keines ihrer Kinder sich so auf die Erste Hl. Kammunion vorbereitet habe wie ihr Sohn Max. Aus Erzählungen unserer Mutter weiß ich, daß man ihn im Kloster das Priesterstudium angeboten hat. Das hat er abgelehnt, er wollte als einfacher Bruder dienen. Dienen sah er als seine vornehmste Aufgabe an. Mit Freude diente er bis ins hohe Alter bei der Hl. Messe. Unser Onkel war glücklich, seinem Orden und damit Gott zu dienen. Sein Briefkontakt mit den Angehörigen war immer sehr rege. In all seinen Briefen spiegelte sich seine innere Zufriedenheit. Herzlich war immer seine Anteilnahme an allem, was seine Verwandten betraf. Mit seinem innigen Verhältnis zu Gott hatte er immer etwas zu vermitteln, und so waren wir alle überzeugt, die Gemeinschaft des Ordenslebens hat ihn erfüllt und glücklich gemacht."

Br. Schlickum war nicht nur ein Erzähler; er schrieb auch. So haben wir einen Kriegsbericht über die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, den er 1964 verfaßte und 1968 noch einmal überarbeitete. Diese Seiten zeigen, wo er stand: sein Leben, seine Sehnsucht war der Orden. Das war sein Ziel! Trotzdem sah er es als seine Pflicht an, dem Kaiser und Vaterland zu dienen. Anhand alter Aufzeichnungen berichtet er mit viel Sinn für Humor:

"Fronterlebnisse im Ersten Weltkrieg 1914-1918"
"Bis jetzt habe ich wenig oder garnichts über meine Erlebnisse während des 1. Weltkrieges gesprochen. Aber die Dankbarkeit gegen Gott, der mich in vielen Kriegsgefahren so gnädig beschützt hat, und die Dankbarkeit gegen meinen Orden veranlaßt mich, einen Teil meiner Erlebnisse während des 1. Weltkrieges niederzuschreiben.

Sorglos und wohlbehütet lebten wir Novizen - 49 Scholastiker und 22 Brüder im Bonifatiushaus in 's-Heerenberg. Am 31. Juli 1914 feierten wir den Festtag unseres Ordensstifters. Gegen Mittag kamen einige unserer Volksmissionare aus Deutschland zurück und brachten alarmierende Nachrichten mit: Kriegsgefahr! Es gibt Krieg! Da mein Militärpaß in Düsseldorf war, fuhr ich am anderen Tage nach meiner Heimatstadt. Überall sah man aufgeregte, aber begeisterte Menschen. Aber die übertriebene Furcht vor Spionen und Verrätern war beängstigend groß. Im Übereifer wurden manche Unternehmungen, die einen fremdländischen Namen trugen, geschädigt. In der übergroßen Begeisterung der Augusttage sah man den Krieg als eine gerechte Sache an. Die Soldaten waren der Überzeugung, Weihnachten wieder in der Heimat zu sein. Lt. militärischer Anordnung meldete ich mich am 5. Mobilmachungstag als Landwehrmann bei der vorgesetzten Behörde. Ich wurde dem Reserve-Infanterie-Regiment 39 zugeteilt. Beim Abschied im elterlichen Hause sagte ich meinem Vater im vollen Ernst: 'Ich glaube bestimmt, daß wir alle gut wiederkommen!' Worauf mein Vater sagte: 'Und ich glaube, daß Deutschland siegen wird!' Wir marschierten mit blumengeschmückten Gewehren unter den jubelnden Zurufen der begeisterten Menge zum Bahnhof. In den mit Bänken versehenen Güterwagen nahmen wir Platz. Die Reise ging aber nur bis Wesel, wo wir Ortsunterkunft bezogen.

Als wir einmal in Reih und Glied angetreten waren, meinte mein Nebenmann (er kannte mich nicht): 'Den Krieg sind die Jesuiten schuld!'

Es folgen einige Wochen militärischer Übungen, worauf am 8. September der Transport an die Westfront begann. Fahrrichtung: Koblenz-Metz. Auf den Haltestationen gab es viele, zuviele Liebesgaben, Blumen, Wäsche, Lebensmittel. Auf die Außenseite der Waggons hatten Soldaten mit Kreide allerlei Sprüche geschrieben: 'Bei schlechtem Wetter findet der Krieg im Saale statt!' 'Kriegserklärungen werden noch angenommen!' 'Ein Waggon bayrischer Löwen!' 'Viel Feind, viel Ehr!' 'Immer feste druff!'

Je näher wir an die Front kamen und schon den Geschützdonner hörten, wurde das Singen der kriegsbegeisterten Soldaten bedeutend schwächer. Einmal fuhr auch ein entgegenkommender Lazarettzug vorbei. Es waren Güterwagen. Der Boden mit Stroh bedeckt. Darauf lagen die Verwundeten, allen Erschütterungen ausgesetzt.

Nun begann für uns der eigentliche Krieg. In nächster Nähe des Gegners wurden Schützengräben ausgehoben, kleine Gefechtsunternehmungen ausgeführt und gefallene Kameraden beerdigt, die nur flüchtig mit Erde bedeckt waren, so daß hier und da ein Bein oder Arm aus der Erde herausragte. Auch ein Scheingefecht wurde ausgeführt, um den Gegner aus seiner Stellung herauszulocken. Er ließ sich aber darauf nicht ein. In der ersten Zeit sah man noch Franzosen mit roten Hosen, ein gutes Ziel für den Schützen, ebenso die hellen und blinkenden Teile an der deutschen Uniform.

An einer Landstraße stand am Rande ein etwa 1 m hoher dicker Baumstumpf. Auf demselben befand sich eine drehbare Muttergottesstatue. Es wurde gesagt, wenn die Franzosen vorbeikamen, drehten sie die Statue immer mit dem Gesicht dahin, wohin sie gingen. Und so machten die deutschen Soldaten es auch!

Es geschah einmal bei einer größeren Regenperiode, daß unsere und auch die französischen Schützengräben voll Wasser standen. Freund und Feind kletterten heraus, und es begann sich eine Freundschaft anzubahnen. Die Feldküche fuhr bis an die Stellung heran. Gemeinsam wurde der Drahtverhau hergestellt. Der Franzose hielt den Pfahl und der Deutsche schlug ihn ein. Ein Dritter machte eine fotografische Aufnahme. Nach einiger Zeit bekamen wir einen Tagesbefehl: 'Alles in die Gräben'.

Kurz vor Allerheiligen 1914 bekam ich eine gute Nachricht von meinem Novizenmeister P. J. B. Müller. Ich durfte die Devotionsgelübde ablegen. Da war ich sehr froh.

Am Allerheiligentage hatte ich Gelegenheit, einer Hl. Messe beizuwohnen. In dieser Messe legte ich still für mich vor unserem Herrgott und dem ganzen himmlischen Hofe meine Gelübde ab. Mein Herz war so froh und mit Dank erfüllt gegen den gütigen Gott. Nun war ich doch ein wirklicher Jesuitenbruder! Immer alleinstehend, so vielen Gefahren an Leib und Seele ausgesetzt, seltener Kirchenbesuch und Kommunion, das ist doch schwer. Da hat mir neben dem Rosenkranz ein Gebet immer wieder sehr großen Trost, Kraft und Freude gegeben, das war der Psalm 22: 'Der Herr ist mein Hirte, mir mangelt nichts... und muß ich auch wandeln mitten im Todesschatten...'

Nun ging es mit neuem Mut und Gottvertrauen in den Schlachtenlärm, in den auch so schweren Stellungskampf hinein. Die Westfront war bereits erstarrt. Da konnte man oft den Spruch hören: 'Im Osten kämpft das tapfere Heer, im Westen steht die Feuerwehr!'

Für uns Jesuiten schlug am 19. April 1917 eine frohe Stunde. Das 'Jesuitengesetz' war nach 44 Jahren endlich, mitten im Krieg, gefallen! Die Verbannung aus dem deutschen Vaterland war beendigt. Nun konnten wir wieder frei in der Heimat zur größeren Ehre Gottes arbeiten. Durch P. Superior August Bea erhielt ich diese frohe Nachricht aus Aachen....

Auch im Schützengraben kam zuweilen der Humor zu seinem Recht. Witz und Humor helfen über manche schwierige Situation hinweg! Ob man Humor hat, zeigt sich erst in ernsten Situationen...

Es war am 1. April 1916. In einem Frontabschnitt in der Champagne. Da der Gegner einen Angriff vorbereitete, wurde allgemeiner Alarm gegeben. Was geschah? Die Soldaten blieben ruhig in ihren Unterständen mit der Bemerkung, daß heute der 1. April sei! Es bedurfte energischen Zuredens, um die Vaterlandsverteidiger an ihre Pflicht zu erinnern.

Humor hatte mein lieber Kamerad K. aus Köln. Eine Granate schlug in den Unterstand ein, zum Glück ohne zu zünden, also ein Blindgänger. Da meinte mein Kölner zu seinem Nachbar: 'Du, Piter, dat is aber eine unruhige Wohnung!'... Als wir in den Vogesen durch Bayern abgelöst wurden, brachten diese zu unseres Erstaunen mehrere Fässer Bier mit, welche im vordersten Graben verschwanden. Na', dann Prost! ...

Im Steckrübenwinter 1916, und zwar im Oktober, war mein Regiment in der Champagne. Es folgte eine Schlacht an der Somme vom 19.10. bis 26.11.1916. Nach diesem gewaltigen Ringen zogen sich die Stellungskämpfe noch hin bis zum 15.3.1917. Es folgten bis zum 31. Juli 1917 die gewaltigen Flandern-Schlachten. Nun muß ich etwas weiter ausholen. Meine Division lag als Reserve in Erwartung eines großen Angriffs der Engländer. Der Morgen des 31. Juli, der Festtag des hl. Ignatius, war gekommen. Ein Tag, der jedem Jesuiten teuer ist, aber doppelt teuer den Soldatensöhnen des Soldatenheiligen. Ich hatte Gelegenheit, in der Pfarrkirche dem Gottesdienst beizuwohnen und meinen Herrn und Schöpfer in mein armes Herz aufzunehmen. Als ich zum Quartier zurückkehrte, waren meine Kameraden schon mit Sturmgepäck angetreten. Es war Alarm! Von Ypern war der Gegner vollständig durchgebrochen. Die vierte Ypernschlacht hatte begonnen. Unsere Division sollte die alte Stellung wieder erobern. Auf dem Vormarsch kamen wir an einer Stelle vorbei, wo hunderte Särge aufgestapelt waren. "Da hat man aber gut vorgesorgt" war die allgemeine Meinung. Allerdings war dieser Anblick nicht gerade ermutigend.

Gegen Mittag gehen wir mit aufgepflanztem Bajonett ausgeschwärmt und gestaffelt durch die stark zerschossenen Batteriestellungen und das aufgewühlte Gelände vor, bis wir Feuer bekommen. Mit dem Fernglas, das mir gute Dienste tat, hatte ich den "Tommie" bald entdeckt. Vor uns lag ein Maschinengewehr. Ich sagte zu meinen Leuten: "Das holen wir uns!" In einigen kurzen Sprüngen waren wir heran. Ein Dutzend Engländer hielten die Hände hoch und ergaben sich. Trotzdem wollte noch einer von meiner Gruppe einen dieser Wehrlosen, welche auch die Waffen abgelegt hatten, mit dem Bajonett erstechen. Ich hielt ihn mit Erfolg zurück. Nun verband ich noch einen verwundeten Engländer. Dieser steckte sich ganz seelenvergnügt eine Zigarette an und wollte auch mir eine geben, um sich für den Samariterdienst dankbar zu erweisen. Da habe ich doch gestaunt über die Ruhe dieses Engländers! Wir waren doch im dichten Kugelregen. Dann stürmten wir wieder unaufhaltsam weiter durch das flache Gelände, das von Granaten Loch an Loch zerwühlt war. Gegen 6 Uhr abends erhielt ich meine erste Verwundung am linken Oberschenkel. Zum Glück wich die Schlagader aus. Mein erster Gedanke war: Jetzt kannst du nicht mehr kämpfen, mein zweiter: Nun hast du einen Heimatschuß; mein dritter: Ob ich hier noch herauskomme? Während ich meine Wunde in einem Granatloch verband, kam der Befehl für die erste Linie, etwas zurückzugehen. Das war mir unmöglich. Gegen 8 Uhr bekam ich einen schweren, ausgeflogenen Granatsplitter am rechten Ellenbogen, etwa 25 cm lang, 3-5 cm breit. Er baumelte nach beiden Seiten, so daß ich ihn mit dem Taschenmesser herausschneiden mußte. Auffallend war, daß der Knochen nicht verletzt wurde.

Nun lag ich die ganze Nacht allein zwischen Freund und Feind. Die beiderseitige starke Artillerietätigkeit und der einsetzende Regen sorgten dafür, daß ich keine Langeweile bekam. Um 4 Uhr früh verlegten die Engländer das Feuer auf unsere rückwärtige Stellung. Das sah nach einem Angriff aus. Ich kroch über den aufgeweichten Boden auf Händen und Füßen zurück, immer deutsche Worte rufend, um nicht als englische Patrouille angeschossen zu werden. Nach 600 Meter Kriecherei kam ich zu Kameraden meiner Kompagnie, welche mich zum Hauptverbandsplatz schafften. Endlich in weißen Kissen liegend, dankte ich Gott und meinen hl. Patronen für den wunderbaren Schutz. Der Lazarettzug fuhr über Aachen, Köln bis Bad Godesberg, wo ich in einem Reservelazarett Aufnahme fand. Als meine Heilung gute Fortschritte machte und ich wieder gehen konnte, wurde ich auf meinen Wunsch nach Düsseldorf verlegt, wo ich vom Krankenhaus oft zur nahegelegenen Residenz in der Augustastraße ging, um mich da nützlich zu machen. P. Superior Schwarz nahm mich da liebevoll auf und war sehr besorgt um meine Gesundung.

Mein Novizenmeister P. J. B. Müller hatte uns einmal gesagt: "Der hl. Ignatius spielt an seinem Fest gern dem einen oder anderen einen Streich". Daran mußte ich öfters denken, denn er hatte mir einen guten Streich gespielt! Innigen Dank, hl. Vater Ignatius! Auch hier mußte ich mir sagen, daß man überall zur größeren Ehre Gottes beten, arbeiten und leiden kann.

Als dann am 29. März 1918 an der Westfront die große 'Kaiserschlacht' begann, kam auch ich wieder zu meinem alten Truppenteil. Im Sommer erkrankten sehr viele Soldaten an der spanischen Grippe. Auch ich wurde schwerkrank und kam mit hohem Fieber in eine als Lazarett eingerichtete katholische Kirche. Bald war ich jedoch wieder im Kriegslärm. Bei der Abwehrschlacht zwischen Cambrai und St. Quentin vom 19. 9. bis zum 9. 10. 1918 bekam ich eine Gaserkrankung. Unsere Artillerie beschoß den Gegner mit Gas. Zum Glück war es nicht das fürchterliche Gelbkreuz. Dieses Gas kam durch die Windänderung wieder zu uns zurück. Die ganze Gruppe, die ich gerade zum vorderen Graben führte, mußte ins Feldlazarett. Nach einigen Wochen meldete ich mich freiwillig zur Kompagnie zurück. An meinem Namenstag, dem 12. Oktober, konnte ich in Urlaub fahren. Auf dem mehrstündigen Weg zum Bahnhof erfuhr ich, daß eine allgemeine Urlaubssperre eingetreten sei. Ich erreichte aber noch meinen Zug - es war der letzte, der in die Heimat fuhr...

Der Krieg ist schrecklich. Wer das nicht mitgemacht hat, kann sich da nicht hineindenken. Wer siegt? Der Stärkere? Der im Recht ist? Auch nach dem Krieg leiden beide Teile noch lange, Sieger und Besiegte. - In den so schweren Jahren des Kriegslebens war uns das Gebet der zurückgebliebenen Mitbrüder eine fühlbare Hilfe und ein großer Trost. Ich hatte immer viel Gottvertrauen. Den Schutz und die Hilfe Gottes konnte ich manchmal mit Händen greifen. Es war jedesmal ein Festtag, wenn man nach langer Zeit wieder der Hl. Messe beiwohnen und die Hl. Kommunion empfangen konnte. Briefe und Liebesgaben aus dem Kloster und von Angehörigen lösten immer große Freude aus. Im Felde habe ich nur einmal einen meiner Mitbrüder gesehen. Eine brüderliche Aussprache habe ich oft vermißt. -

Obschon durch das 'Jesuitengesetz' aus dem Deutschen Reich verbannt, kam ich bei Kriegsausbruch freiwillig aus Holland nach Deutschland zur Verteidigung meines Vaterlandes. Ich hatte das Glück, lebend, aber gesundheitlich schwer geschädigt, aus dem mörderischen Krieg heimzukehren. Ich erhielt, wie jeder meiner Kameraden, 50.- RM Entlassungsgeld und 15.- RM Marschgeld. Für meine 20% Invalidität bekam ich 2000.- RM Entschädigung...

Weil Jesuit, erlebte ich 1941 nochmals eine Verbannung, und zwar diesmal durch die NSDAP. Die meisten unserer Niederlassungen wurden plötzlich überrumpelt, allen Eigentums verlustig erklärt, unter Mitnahme von etwas Wäsche ausgewiesen, mit Aufenthaltsverbot in Rheinland und Westfalen."

 

Für den nunmehr 38jährigen, der aus dem Krieg zwei schwere Verwundungen (Querschläger Oberschenkel, Granatsplitter im Unterarm) und die Folgen einer Gasvergiftung mitbrachte, begann nun ein Wanderleben. 1919 ist er Gärtner und Buchbinder in Valkenburg. Von dort zieht er 1921 als Gärtner nach Waldesruh. 1923 ist er Sakristan in Valkenburg. Dann schließt sich ein langer Aufenthalt in Bonn an: von 1925-1941 ist er Buchbinder, Sakristan und Gärtner. Er erinnerte sich noch oft an seinen damaligen Obern, der jedes Jahr zu seinem Geburtstag mit dem ulkigen Spruch kam: "Solang die Welt sich dreht um ihre Achse, solang soll leben unser Maxe!" Von 1941 - 1947 lebte er in der Verbannung in Steyr/Österreich, wo er als Sakristan wirkt. Ab August 1948 ist er Sakristan und Buchbinder in Köln. Dieser erste Kölner Aufenthalt endet bereits 1949, wo er als Sakristan, Gärtner und Pförtner nach Dortmund wechselt. 1965 ist er wieder Gärtner in Köln. Dort bleibt er auch nach der Ablösung im Jahre 1968 durch Br. Jacobs.

Br. Schlickum war bis ins hohe Alter ein sehr beweglicher, sich für alles interessierender Mann, ein Liebhaber des Kölner Karnevals und mancher Schwänke. Mitbrüder erinnern sich gut, wie er mit Br. Altensell zum Karneval auszog. Immer wieder schlug sein ausgeprägter Sinn für Humor durch. Der 93jährige verfaßte noch ein Lobgedicht auf "Das Lachen". Ja, er war ein guter Beobachter und ein tiefer Sinnierer: "Lachende Menschen sind Wohltäter. Sie erheitern die Umgebung und machen daraus eine Art Sport. Wie herrlich hat Gott den Menschen begabt mit der Gabe des Lachens. Es gibt sogar ein Land des Lächelns: China! Seelenruhe ist des Lachens Quelle. Kein Morgenrot ist schöner, kein blühendes Feld, kein Mondaufgang, kein darunter silbern ruhender See - als eines Menschen Antlitz, über welches die Lichter reiner, heiterer, herzlichster Freude huschen! Ein bewußt freundliches Lächeln ist wie ein Strahl aus einer besseren Welt, es ist ein Zuruf an den Nebenmenschen: Du gefällst mir, ich möchte Dir gern näher kommen! Im herzlichen Lachen spiegelt sich eine Welt, von der die Schwarzseher keine Ahnung haben... Übrigens: der kürzeste Weg von Mensch zu Mensch ist das Lächeln. Das Lächeln tut nicht weh, ist nicht boshaft, sondern schließt in das gemeinsame, befreiende und versöhnende Lachen ein. Es strahlt eine Heiterkeit aus, die aus dem Herzen kommt. Es bekennt sich zum Allgemeinen - Menschlichen.

Glücklich, wer über sich selber lachen kann; er wird immer etwas haben, was ihn belustigt. Er kann sich ja mal fragen: Was heißt lächeln? Antwort: Lächeln ist die eleganteste Art, jemandem die Zähne zu zeigen! Das Lachen braucht nicht kommandiert zu werden, es quillt wie ein unaufhaltsamer Quell des Übermutes hinter vorgehaltenen Händen und Taschentüchern hervor."

Fast war er ein Philosoph, wie er so nachdachte, beobachtete, lächelnd Wahrheiten aussprach: "Alle Gründe sprechen für ein Lächeln. Der Humor lächelt. Und dieses Lächeln ist wie ein Schwimmgürtel auf dem Strom des Lebens. Verschönt auch minder ansprechende Züge, erweckt Vertrauen und drückt eine geneigte, zufriedene und freundliche Verfassung aus. Einmal Lachen ist besser, als dreimal Medizin nehmen. Fröhlichkeit und Mäßigkeit sind die beiden besten Ärzte!

Lächeln ist der beste Reisebegleiter. Kein Tier, nur der Mensch kann lachen und weinen. Letzteres sogar aus Freude oder Schmerz. (Tränen sind die stärkste Waffe der Frau. Sie sind auch die stärkste Wasserkraft der Welt. Kommt uns das so lächerlich vor?) Es gibt sehr viel, worüber ebenso gut gelacht, wie ebenso schlecht genörgelt werden kann. Ein einziges Lachen kann alles verderben oder alle retten. Ebenso kann ein Lächeln viel verhüllen oder auch enthüllen. Wenn das Herz nicht mitlacht, so ist das Lachen des Gesichtes nur eine Grimasse. Das Lachen kann man auch ernstnehmen, man braucht sich dabei nicht gleich "tot zu lachen". Stimmt die alte aszetische Weisheit, der Teufel fürchtet das Lachen, dann müssen gute Witze eine scharfe Waffe sein! 'Lach', danz', sing', vergiß din Ping', steht in Düsseldorf an der alten Lambertuskirche."

Doch auch die Versform konnte er handhaben:

    "Man sagt, das Turnen ist gesund,
    und Schwimmen stärkt die Glieder,
    wer auf dem Pferd gut reiten kann,
    der tut das immer wieder.

    Doch meine ich, man könnte das,
    auch viel bequemer machen,
    nach dem Rezept: 'Der beste Sport,
    das ist und bleibt - das Lachen!

    Beim Lachen bleibt der Mensch gesund,
    braucht nicht dabei zu schwitzen.
    Und lachen kann man überall,
    im Liegen, Steh'n und Sitzen.

    Doch wer nicht lacht und sich nicht freut,
    was soll man mit dem machen?
    Der lauf' sich müd' und schlaf' sich munter,
    sonst hat er nichts zum Lachen.

    Wie mancher muß durch seinen Sport
    zu früh ins Jenseits hinken,
    beim Lachen bricht kein Mensch ein Bein,
    und keiner tut ertrinken."

Lächelnd hat wohl der liebe Gott seinen Maxe beim Wort genommen: Mit 90 Jahren war er noch ungeheuer aktiv und leistungsfähig. Wenige Monate vor seinem 95. Geburtstag war er zu Exerzitien in Hochelten. Bei einem Spaziergang kam er zu einem "Trimm-Dich-Pfad" und das Schild "Trimm-Dich-fit für jedermann" tat es ihm an. Bei einer der Übungen stürzte er. Ein Schlüsselbein- und Rippenbruch brachten ihn ins Krankenhaus und zur Erholung nach Sentmaring. In alter Frische konnte er dann seinen 95. Geburtstag feiern. P. Tophinke hatte ihn am Morgen des Geburtstages mit der Nachricht überrascht, daß seine Verwandten kämen.

1976 siedelte er endgültig nach Haus Sentmaring über, wo er im Kreise der alten Mitbrüder und des Jungvolkes im Noviziat seine letzten Jahre verbrachte. Anfang Februar 1979 traf ihn ein Schlaganfall, der Vorbote des nahen Todes. Am 22. Februar verstarb er in aller Stille.

Das Lächeln und Sichfreuenkönnen war die eine Quelle der Kraft dieses Lebens. Die andere war die Liebe zum Gebet und zur Betrachtung. In seinen Aufzeichnungen findet sich: "Wir leben in einer aufregenden Zeit. Welt, Kirche und Orden durchschreiten eine Periode großer Schwierigkeiten, alles ist in Bewegung, überall kriselt es. Viel ist darüber beraten und geschrieben worden. Haben wir auch schon mit dem himmlischen Vater darüber gesprochen? Eine Tagung, ein Kongreß folgt dem anderen. Es wird alles schön aufgeschrieben, registriert und dann folgt wieder eine neue Besprechung. Ich glaube, es wird zu wenig gebetet". Das Geistliche Leben der Gesellschaft, das geistliche Wohl seiner Mitbrüder lagen ihm stets nahe. Er betete um junge Mitbrüder, er sorgte sich um diejenigen, die schon länger im Orden waren. So schreibt er am 26. 11. 1961 an P. Sozius: "Zu Beginn des nächsten Jahres beginnt ja wieder ein Brüder-Terziat und damit verbunden 30tägige Exerzitien. Es scheint, daß sich noch wenige oder keine älteren Brüder für letztere gemeldet haben. Vielleicht ist es auch zu wenig bekannt, daß ältere Brüder an dem Exerzitienkurs teilnehmen können. Jetzt wo denselben diese Möglichkeit gegeben ist, sollten sie doch auch freudig zugreifen. Ob ein entsprechender Hinweis in unserem "Blättchen" nicht von guter Wirkung wäre?

Ich erinnere mich noch gern der schönen, gnadenreichen Tage, die ich im vorigen Jahr in Eringerfeld zubringen durfte. R.P. Rektor Seggewiß hatte es uns doch leichtgemacht. Er war wie der Vater unter seinen Kindern".

Br. Schlickum war auch ein großer Marienverehrer. Auf einem Blatt hatte er sich alle Feste notiert, wie sie noch im ganz alten liturgischen Kalender standen - 33 insgesamt. Im hohen Alter, als er fast 90 war, nahm er noch einma1 an einer Pilgerfahrt nach Rom teil. Er war der älteste Teilnehmer.

Br. Schlickum war nicht nur ein großer Wanderer vor dem Herrn, er interessierte sich auch für die Geschichte des Ordens, für lebende und verstorbene Mitbrüder, für das, was Jesuiten einst geschaffen hatten. So schrieb er 1964 einen Artikel: "Von Jesuitenmissionaren in Europa eingeführte Pflanzen". Wer von uns weiß schon, daß die Camelia, eine der schönsten Pflanzen des Fernen Ostens, durch einen Jesuitenbruder nach England geschickt wurde? Br. Camel war ein eifriger Missionar und sehr erfolgreicher Naturforscher. Wer wüßte schon auf Anhieb, daß P. Cobo (1582-1657), Missionar in Peru, aus Südamerika die chininhaltige Vanille und die Chinarinde nach Spanien und Rom brachte? Die Chinarinde, auch Jesuitenpulver, Jesuitenrinde, Gräfinnenpulver genannt, ist seit über 250 Jahren das Heilmittel gegen Malaria. Der berühmte italienische Arzt Ramazzini meinte, die Entdeckung des Jesuitenpulvers habe in der Geschichte der Arzneikunde eine ähnliche Bedeutung wie die Erfindung des Schießpulvers in der Geschichte des Kriegswesens. Auch P. Anton Sepp von Seppenburg S.J. wird nicht vergessen, der die Passionsblume und die Mimosa pudica ("schamhafte Sinnpflanze", "Rühr-mich-nicht-an") von Peru brachte.

Ein Nachruf auf Br. Schlickum soll mit seinen eigenen Worten schließen: "Und was sagt der Prophet? Alles hat seine Zeit! Das Weinen und das Lachen, das Klagen und das Tanzen, das Sammeln und das Zerstreuen. Es darf gelacht werden!"

Er starb zum Fest Cathedra Petri, einem Erinnerungstag des Heiligen, der ihm lieb und teuer war. Von ihm hatte er einst gesagt: "Jesus lächelte sicherlich, als der ungläubige Petrus auf dem See Genezareth nasse Füsse bekam!" Sicherlich hat der Himmel gelächelt, als Br. Schlickum zum Ewigen Hochzeitsmahl einzog. Hat er doch selbst vermutet: "Und auf der Hochzeit zu Kana, wie wird der Heiland gelächelt und sich gefreut haben, als er sah, wie den Aposteln der feine Tropfen so gut schmeckte!"

R.i.p.

P. Sozius

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1979 - April, S. 21-28