Bruder Heinrich Schulte SJ
* 3. Juni 1907 in Letmathe
15. Februar 1996 in Münster

Wer an Heinrich zurückdenkt, der 'sieht' einen Mann mit all den Zeichen einer großen, durch nichts zu erschütternden Freude am Leben. Ich habe ihn 1964 in Büren kennen- und liebengelernt. Da war er ein Mann von 57 Jahren, der viel erlebt hatte und erkennbar von dem Willen geprägt war, seine Pflicht treu, sachgerecht und fröhlich zu tun, darüber aber den Blick und die Entscheidung für das je Größere nicht aus dem Auge zu verlieren.

Er liebte das Gespräch über Vergangenes, über Sorgen und Probleme des Tages im Kolleg, aber auch jenseits der Mauern, und über die Zukunft. Hing es damit zusammen, daß er zumeist bei der Arbeit allein war? Seine von der 'Sssauerländischen' Herkunft geprägte Sprache wurde zu einem umfassenden Erlebnis durch eine Mimik und eine Augensprache, die aus seinen Erzählungen Bekenntnisse eines mit dem Leben hochzufriedenen Menschen werden ließen. Es war ein Vergnügen, ihn beim Erzählen zu erleben - Zuhören ist nur ein Teil davon - wobei er sich ungewollt, ganz spontan und mit gewinnender Naivität als guter Beobachter mit klugem Urteil erwies. Kein Wunder, daß Heinrich so viele Freunde im Hause hatte, aber auch, und vielleicht noch mehr, wo es ums Singen und Wandern ging. Während die einen den nützlichen und fleißigen, gutwilligen, friedlichen und leicht lenkbaren Mitbruder schätzten, verehrten ihn viele andere wegen seiner im Glauben gereiften Menschlichkeit.

Von großem Interesse und für ihn kennzeichnend war die Auswahl dessen, was er aus vergangenen Jahren erzählte. Es waren für ihn die katholische Familie mit den vier Geschwistern, die kleine Stadt Letmathe und das katholische Umland sehr wichtig. Da an ein Studium nicht zu denken war, wurde er Schlosser. Aber er erzählte nicht sehr viel davon. Es scheint, daß dieses überschaubare Milieu, das ihn zwar prägte und ihn recht früh so intelligent und selbständig im Entscheiden und Handeln werden ließ, doch auch wieder zu eng gewesen war, so daß er darüber hinauswuchs und mit gerade 22 Jahren die Weite, wenn auch nicht das Weite suchte.

Am 10. Juni 1929 verließ er mit seinem Freund, dem Schreiner August Hartmann, seine Heimat. Er ging als Kolpingbruder auf die Reise, wanderte nach der großen Tradition der Handwerker, scheint aber unterwegs nirgendwo Fuß gefaßt zu haben. Hing es mit der Schwierigkeit zusammen, Arbeit zu finden? Schon sieben Wochen später, am 29. Juli treffen sie in München ein: letzte Hoffnung oder heimlicher Magnet? Für die erste Deutung spricht, wie überglücklich er war, als er sofort Arbeit in seinem Beruf fand. Sein Kolpingbruder und Wandergeselle hatte in München kein Glück, blieb aber Heinrich in treuer Freundschaft verbunden.

Nur zwei Jahre lebte und arbeitete er in München. Aber aus seinen Erzählungen konnte man den Eindruck gewinnen, er habe dort einen beträchtlichen Teil seines Lebens verbracht. Das spricht für die Magnettheorie. 1992 hat er diese Zeit in der Ansprache anläßlich seines 60-jährigen Ordensjubiläums sehr prägnant charakterisiert: "Ein neues Leben begann für mich im Kolping. Das Münchner Zentralgesellenhaus lag im Zentrum der Stadt. Die geistige Atmosphäre war sehr gut. Viele neue Gesichter, und bald kannte ich schon einige. Alles zugereiste Kolpingbrüder. Ich spürte: Hier ist dein Zuhause. Großartig so etwas, und ich fühlte mich unter den Kolpingbrüdern, als ob ich schon lange hier gewesen wäre. Man konnte auch im Gesellenhaus essen. Die Küche wurde von Ordensschwestern geleitet, und das Essen war gut und sehr preiswert... Die Lage von Kolping war großartig. Direkt im Zentrum und doch ruhig. Die Neuhauser Straße, die Bürgersaalkirche, die herrliche Michaelskirche, vom Jesuitenorden betreut. Das alles war für mich neu. Sie nahmen mich in ihrer Schönheit ganz gefangen. Die ersten Sonntage und auch an den Abenden der Wochentage war ich dort zu finden. Eine neue Welt." Die unheile und unheilige Welt der Großstadt vermag ihm nichts anzuhaben, sie kann ihn auch nicht beeindrucken. Den Halt findet er in der Gemeinschaft Gleichgesinnter, Freude an und in den Schönheiten der Kirchen, und das meint nicht nur den äußeren Glanz bayerischer Renaissance und des Barock. Die Vorlieben des späteren Jesuiten sind hier bereits deutlich zu erkennen: Arbeit, Gemeinschaft und Gebet.

Aus diesen Bekenntnissen einer 'schönen Seele im Kolpinglook' sollte man aber nicht den Eindruck gewinnen, diese drei Maximen hätten ihn für anderes blind gemacht. Heinrich sprach zwar darüber wenig, doch aus seiner Vorliebe für Musik und Wandern bis ins hohe Alter darf man getrost Entsprechendes für seine Münchner Zeit vermuten. Wovon er oft und nachdenklich beeindruckt sprach: er hat an den Auftritten der Parteimatadore teilgenommen und Hitlers dämonische Macht bewunderte und verabscheute er gleichermaßen. Dort erlebte er P. Rupert Mayer, wenn er als Schwarzrock mit höchsten Tapferkeitsauszeichnungen im Saal nach vorn humpelte und die Nazis vor das Dilemma stellte: Müssen wir diesen Pfaffen mit seinen unverschämten Angriffen auf unseren Führer eine passende Antwort erteilen? Heinrich war von dieser Kämpfernatur ungeheuer beeindruckt. Zu seinem Weg in die Gesellschaft kam es aber auf eine andere Weise - und sie offenbart uns etwas von Heinrichs heimlicher, nie gestillter Sehnsucht: wie gern wäre er Priester geworden!

1931 begegnete er einem gut bekannten Kolpingbruder, der ihm mitteilte, er ginge nach Fürstenried. "Fürstenried war eine Schule für Spätberufene," erzählt er mit 85 Jahren. "Ich wußte sofort, was er meinte und erwiderte sofort: 'Da kannst du wohl lachen!' Darauf entgegnete Clemens gleich: 'Geh doch auch mit!' 'Meinst du?' 'Ja, sicher!' sagte er, 'wir treffen uns mit einigen, welche das vorhaben.' [...] So haben wir beide angefangen, Latein zu pauken." Da die Mittel zum Studium fehlten, "habe ich nun versucht, im Gebet Klarheit über das alles zu bekommen. [...] Beim ruhigen Beten und Überlegen schlug das Pendel doch dahin aus, woran ich schon in früher Jugend dachte, als Ordensbruder in einen Orden einzutreten. So habe ich dann im Kolping mit P. Haups SJ gesprochen, und auch er hielt diesen Weg für mich als das Beste. So trat ich dann am 16. Dezember 1932 in den Jesuitenorden ein." Wer vermag die Kämpfe nachzuempfinden, die diesem Entschluß vorangingen! Und die Sehnsucht "schon in früher Jugend" war Kennzeichen einer starken geistlichen Berufung, und die Bescheidung mit dem Stand des Bruders zugleich Ausdruck der Hindernisse zum Priestertum, die ihm damals unüberwindlich erschienen.

Die ersten Stationen eines Ordenslebens sind uns allen wohlvertraut: Noviziat in 's-Heerenberg, Gelübde am 1. Weihnachtstag 1934 in Valkenburg, wo man ihn gleich als Schlosser und Kraftfahrer behielt - bis zur Besetzung durch die SS. Vom September 1942 bis März 1943 kam er zunächst einmal im Dortmunder Haus unter; es folgte sein Gastspiel bei der Wehrmacht. Es dauerte ein halbes Jahr, und auch dort war er sehr beliebt und geachtet. In einem der zahlreichen Gedichte über ihn aus Bürener Freundeshand lesen wir, wie erfolgreich er dort war:

"Als Landesschütz' in Reih' und Glied / kloppte er Griffe, sang manch' Lied. / Beim Scharfschießen waren alle paff (= onomatopoetischer Ausdruck für großes Erstaunen: hängt wohl mit den Wirkungen des Schießens zusammen: sie waren alle wie erschossen, sie vermochten nichts mehr zu sagen. d.Verf.), / als er zweimal ins Schwarze traf. Feldwebel rief: 'Nochmal die 12!' Doch nein, nun war's ne glatte 11. / Man den Titel ihm verlieh: / - Bester Schütz' der Kompanie - / [...] März 43 rief ihn her / der U.V.D.: 'Schulte, zum Spieß!' / Bei den Vorgesetzten hieß es: Schulte zu entlassen sei / aus Soldatenkumpanei."

Nach der Entlassung im März 1943 erlebte er in St. Georgen die letzten Kriegsjahre und den Beginn des Wiederaufbaus. Über die Gründe seiner Versetzung 1948 nach Büren weiß sein Dichter zu berichten:
"Der Bruder Barbian war in Büren, / konnt' als Schlosser reparieren. / Im Haus, im Keller rundherum / gibt es ja stets viel zu tun. / Doch sieht man sich die Fenster an / am Kolleg, sind Gitter dran. / Das störte ihn ganz ungemein. / Er mocht' nicht hinter Gittern sein! / Er dacht' an die Gefangenschaft, / die er beim Ami mitgemacht. / Hitler-Erlaß: 'Wehrunwürdigkeit' / hatte Bruder Barbian niemals erreicht. / Nun wieder Gitter! Er wurd' fast krank. / Ein Tausch war möglich. Gott sei Dank! / Er zog nach Frankfurt - und von dort / kam Bruder Schulte in den Ort ..."

1948 bis 1984 - man kann es sich leicht merken. Von jetzt an ist die Kollegsgeschichte ohne ihn undenkbar, seine Arbeiten verraten den Wandel eines Hauses, in dem Theologen wohnen und studieren, in lebendiger und spannungsreicher Nachbarschaft mit den Internen, mit dem piano der Unterrichtsstunden und dem forte der Pausen im Gymnasium - wie eng hat man damals gewohnt, und war zufrieden und geborgen unter dem Dach über dem Kopf und wegen der Kartoffeln im Küchenkessel, die die Jesuiten über Land von hilfsbereiten Bauern organisierten. Die Küchenreste wanderten zu Br. Josef Wintgens Schweinen, seinem treuen Gefährten, dem hier eine ehrende Erinnerung gebührt.

Die Jesuiten wechselten nach Frankfurt, das Haus wurde leerer und blieb dennoch mit Menschen und Leben gefüllt; Büren aber war ein Stück ärmer geworden, wie die Alten der Stadt noch heute dankbar und in wehmutsvoller Verklärung der Vergangenheit feststellen. Heinrich wohnte mitten in der Technik, direkt neben der großen Heizungsanlage - im Keller. Reparaturen, Neuinstallationen, Befüllung der Heizung mit Kohle und Wasser, ständige Kontrolle des riesigen Kollegskomplexes, Hauptfahrer des 'blauen Alois', eines Opel-Blitz, der vor der Währungsreform bezahlt und später ausgeliefert wurde - mit dem blauen Kittel und dem Hut, Statussymbolen eines anständigen Handwerkers, schaute er nach dem 'Rechten', besprach anstehende Probleme mit den Handwerkern der Stadt und dem Haus Bürenschen-Fonds, - und ging darin nicht auf! Wenn er sein Ordenskleid trug, in der Kirche die Messe mitfeierte oder still betete, dann war es derselbe Heinrich, aber auch wieder anders - so wie ein Heiliger betet, dachte ich immer. Denn fünf Jahre war ich sein Nachbar (1964-69), lebte wie er im Keller, beide wegen der Arbeit. Wo er dem ND und seinem Seelsorger helfen konnte, sagte er nicht Nein; wie oft ist er mit seinem Opel für uns durch die Gegend geflitzt, bis ich das Privileg erhielt, selbst fahren zu dürfen. (Unvergessen sind die beiden 'Befehle', die mir P. Schadt, Direktor und damals auch Superior, nach meiner Ankunft gab: 'Ich verpflichte Sie, jeden Mittag zu schlafen, denn sonst halten Sie das nicht durch. Und machen Sie erst einmal den Führerschein, Sie sind ja nur ein halber Mensch!').

Unvollständig wäre dieser dankbare Nachruf, wenn wir nicht auf seine menschlichen und religiösen Kontakte und den dadurch ständig zunehmenden Einfluß in die Stadt hinwiesen. Die Breite seiner Gaben und Interessen wird darin erkennbar, und für manchen kirchenamtlichen Seelsorger war er mit seinem wohltuend bescheidenen, fröhlichen, aber zugleich klugen und entschiedenen Auftreten ein Vorbild und die lebendige Frage: "Warum gelingt mir das nicht?" Es seien nur einige Stichworte genannt: Kirchenchor der Pfarrei St. Nikolaus, charismatischer Gebetskreis, SG (sprich: Che) V = Sauerländischer Gebirgsverein: "Besonders wünscht der SGV / mit Wandersmann und Wandersfrau / Gesundheit und recht gute Füße / daß Bruder Schulte recht genieße / die Touren quer durch Wald und Feld; / daß es ihm weiterhin gefällt,/ wenn wir nach alter Sitte / feiern in der Wanderhütte!"

Den Abschied der Jesuiten von Büren hat Bruder Heinrich schon lange vorausgesehen und hat mit allen natürlichen und übernatürlichen Argumenten, die ihm nützlich und hilfreich erschienen, Provinzial und Assistent um Revision ihrer Absicht und später ihres Beschlusses gebeten. Umsonst! Ehrlicherweise muß man festhalten, daß die Entscheidung mehr war als Ordensraison; aber es zeigt Heinrichs Mut zum offenen Wort, mündlich oder schriftlich, gelegen oder ungelegen. Der Abschied ist ihm und Br. Josef Wintgens nicht leicht gefallen; aber im Ako in Bad Godesberg fanden sie sich bald zurecht und auch wohl. Die Kontakte nach Büren rissen natürlich nicht ab; und keiner der beiden starb in Godesberg: Br. Josef Wintgens verstarb auf dem Flug (seinem ersten!) nach Berlin, Heinrich wechselte wegen zunehmender Schwäche nach Haus Sentmaring. Übrigens: bei einem Besuch in Büren 1990 erkrankte er dort ernsthaft und genoß die Anteilnahme und die Besuche seiner Bürener Freunde.

P. Rektor Franz Schilling stellte seine Todesanzeige unter ein Wort der Apostelgeschichte: "Ich habe ihn als Mann nach meinem Herzen gefunden" (Apg 13,22). Er ist "in großer Stille und Einfachheit am Ziel seiner Wanderschaft angekommen", und ich bin froh und dankbar, ihn kennengelernt zu haben; wie schön, daß wir in der communio sanctorum mit ihm verbunden bleiben.

R.i.p.

P. Hans Weyer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1996 - Mai, S. 98-101