P. Wilhelm Schunk SJ
* 31. Mai 1915 in Trier
25. Mai 1999 in Münster

P. Wilhelm Schunk wurde am 31. Mai 1915 in Trier geboren. Er wuchs in einer kinderreichen Familie auf und hat daran immer gern zurückgedacht. Er war das fünfte von insgesamt acht Kindern, deren Erziehung weitgehend bei der Mutter lag, weil der Vater als Soldat im Krieg war. Die Mutter leitete gleichzeitig eine Metzgerei und hatte so alle Mühe aufzubieten, ihren vielen noch kleinen Kindern liebevoll nahe zu sein und ihnen auch den Weg zu einem Leben im Glauben zu bahnen. Für einige Zeit hatte die Mutter Hilfe in einer Cousine, die zu Beginn des Krieges aus Frankreich ausgewiesen worden war. Als Wilhelm sieben Jahre alt war, 1922, starb sie. Seine ersten Lebensjahre sind auch durch diese Miterzieherin nachhaltig geprägt worden. Auch P. Schunks Vater starb schon, als Wilhelm noch ein Kind war, 1927.

Wilhelm besuchte zunächst die Lorenz-Kellner-Schule, danach das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und später das Trierer Hindenburg-Realgymnasium, an dem er 1935 die Abiturprüfung ablegte. Die Schuljahre waren stark durch die Mitgliedschaft in der Trierer "MIC von 1617" (Marianische Jünglingskongregation) bestimmt. Mit Begeisterung spielte er in ihrer Handballmannschaft. Zwei Jesuitenpatres leiteten zu seiner Zeit die Trierer MIC, zunächst, bis 1933, P. Theodor Wildt, danach P. Paul Peus. In den Begegnungen mit ihnen reifte bei P. Schunk der Entschluss, sich der Gesellschaft Jesu anzuschließen.

Am 26. April 1935 begann in 's-Heerenberg die Noviziatszeit. Frater Schunk machte 1936 den Umzug des Noviziats nach Hochelten mit. Noch vor dem Ende der Novizatszeit, im März 1937, wurden die Novizen und auch Frater Schunk, in den "Reichsarbeitsdienst" eingezogen. Frater Schunk wurde in Elsterwerda (in Sachsen) eingesetzt. Im September desselben Jahres wurde er wieder entlassen und zog dann sogleich nach Pullach, um dort das Philosophiestudium aufzunehmen. Dort legte er auch seine Ersten Gelübde ab - am 27. April 1938, aufgrund der Behinderungen im Vorjahr um ein Jahr verzögert. Auch das Philosophiestudium sollte nicht störungsfrei zu Ende gehen. Im September 1939, gleich nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurden die Pullacher Scholastiker als Soldaten eingezogen. Nach einer zweimonatigen Rekrutenzeit in der Türkenkaserne in München wurde Fr. Schunk im November 1939 an die holländische Front verlegt (über Mönchengladbach nach Dorthausen, Brachelen und Tüddern). Am 10. Mai 1940 nahm er am Einmarsch der deutschen Truppen in Holland teil. In den nächsten Monaten war er in Nordfrankreich (Lille, Boubais, Arras, Roncy). Ende Oktober desselben Jahres wurde Frater Schunk ein Studienurlaub gewährt, den er in Pullach verbrachte. Im März 1941 legte er dort sein Abschlussexamen in Philosophie ab. In die Zeit dieses Studienurlaubs fiel auch der Tod seiner Mutter. Mit den meisten seiner Geschwister konnte er in Trier dabei sein, als sie am 10. November 1940 starb. Weil seine Mutter seinen Weg auf das Priestertum in der Gesellschaft Jesu bis zum Schluss, auch durch ihr Gebet, begleitet hatte, hat P. Schunk an ihre Todesstunde oft und dankbar zurückgedacht.

In den zwölf Monaten von März 1941 bis März 1942 wurde Frater Schunk als Soldat hin- und hergeworfen: von Bayern (Kolbermoor) nach Russland, von dort in die Ukraine (Winniza), wo er verletzt wurde, dann nach Bad Reichenhall und Berchtesgaden zur Genesung, schließlich wieder zurück nach Russland (Berditschew, Stalino, Trotzkoye). Im Februar 1942 traf ihn die Nachricht, er sei aus der Wehrmacht entlassen. Über Lemberg und Breslau kehrte er zunächst nach Bad Reichenhall und dann nach Frankfurt zurück, wo er Ende März das Theologiestudium aufnahm. Ein halbes Jahr später entschied P. Provinzial Flosdorf, daß 26 Sankt Georgener Scholastiker frühzeitig zu Priestern geweiht werden sollten, unter ihnen auch Frater Schunk. So kam der Orden einer durch Indiskretion bekannt gewordenen Absicht Berliner Behörden zuvor, die jungen Jesuiten zur "Organisation Todt" einzuziehen. Der Mainzer Bischof Albert Stohr weihte somit am 9. November 1942 im dortigen Priesterseminar und hinter verschlossenen Türen diese Scholastiker zu Priestern, die unmittelbar darauf in verschiedene Seelsorgsstellen geschickt wurden. P. Schunk feierte noch am 10. November in Sankt Georgen seine Primiz und ging dann bis September 1943 nach Klein-Krotzenburg. In den folgenden Jahren war P. Schunk seelsorglich noch an mehreren anderen Orten im Bistum Mainz tätig: in Niedermörlen, in Worms (Dom), in Weinsheim, in Bürstadt. Er war gern Seelsorger und erinnerte sich immer gern an die Einsätze in diesen Orten. Lange Jahre hindurch hielt er auch noch zu dem einen oder der anderen aus diesen Pfarreien herzlichen Kontakt. Im Februar 1946 erkrankte P. Schunk lebensgefährlich an einer Lungen- und Rippenfellentzündung. Er empfing die Sterbesakramente. Doch nach einem 11-wöchigen Krankenhausaufenthalt in Lorsch (Bergstraße) war er einigermaßen wieder genesen. Er begab sich dann nach Büren, um das Theologiestudium fortzusetzen, an dessen Regelzeit noch 7 Semester fehlten. Im Juli 1949 legte er in Büren das theologische Abschlußexamen ab.

In den dann folgenden vier Jahren, also von August 1949 bis zum August 1953 war P. Schunk als Präfekt im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg eingesetzt. Es folgte das Tertiat in Münster - September 1953 bis Juli 1954. Anschließend arbeitete er in Dortmund in der Jugendseelsorge - er gab Exerzitien und Einkehrtage und religiöse Schülerwochen. Er war Gaukaplan im ND. Mitten in diese gern verrichtete Arbeit hinein erfolgte ein "Notruf" des Provinzials mit dem Auftrag, in Sankt Georgen in Frankfurt, das damals aus allen Fugen platzte, das Amt des Paters Minister zu übernehmen. Diese Aufgabe hatte P. Schunk sieben Jahre hindurch inne, bevor er 1962 mit der Leitung des Internats im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg betraut wurde. Nach sechs Jahren, in denen viele Veränderungen im Internat zu bewältigen waren, kehrte P. Schunk nach Frankfurt zurück, wo er Krankenhauspfarrer sowohl im Sankt Marienhospital als auch im Bürgerhospital wurde. Er gehörte der Sankt Georgener Kommunität an, wohnte jedoch im Marienkrankenhaus. Zweiundzwanzig lange Jahre hindurch versah er den Dienst des Krankenhausseelsorgers mit großem Eifer und großer Freude. Nach den vielen Jahren der häufigen Orts- und Aufgabenwechsel konnte er hier wie niemals zuvor seine Begabungen entfalten und viele nachhaltige Beziehungen aufbauen.

Altersbedingt schied P. Schunk Anfang April 1991 aus dem Dienst an den Kranken in den beiden großen Frankfurter Krankenhäusern aus und zog nach Bonn um, wo er noch einmal für fünf Jahre im Paulushaus als Pater Minister und als Beichtvater tätig wurde. 1996 schickte ihn Pater Provinzial nach Koblenz, wo P. Schunk ein weiteres Mal als Seelsorger in unserer Kirche wirken konnte, bis er im Februar dieses Jahres (1999) in unser Altenheim in Haus Sentmaring in Münster wechselte. In den letzten Jahren war P. Schunk mehrfach krank und hatte z.T. schwierige chirurgische Eingriffe über sich ergehen zu lassen. Doch ließ sich die Blasenkrebserkrankung nicht letztlich überwinden. An ihr ist er schließlich am 25. Mai 1999 gestorben. Auf unserem Ordensfriedhof in Münster wurde er bestattet.

In einem Text, in dem P. Schunk einige Ereignisse aus seinem Leben festgehalten hat, erinnert er auch an einen Grundsatz unserer Spiritualität, an den sich zu erinnern er wahrlich oft genug Anlaß gehabt hat: "Nostrae vocationis est diversa loca peragrare". Das heißt sinngemäß: "Wir müssen uns auf viele Veränderungen in unserem Leben gefasst machen. Dazu stand und stehe ich." Wenn man von der einen langen und von P. Schunk dankbar angenommenen Lebens- und Wirkstrecke in Frankfurt und seinen beiden Krankenhäusern absieht, trifft es in der Tat zu: P. Schunk hatte sehr disponibel zu sein, um an immer wieder neuen Orten immer wieder neue Aufgaben übernehmen zu können. Aber auch dies kann man im Rückblick auf sein Leben wahrnehmen: P. Schunk war vielen Menschen ein treuer Freund, und es war ihm wichtig, dass ihm diese Freundschaft von so vielen Menschen auch freundschaftlich erwidert wurde. Vielleicht war das Netz der vielen guten Beziehungen zu Menschen so etwas wie ein Gegengewicht zu den häufigen Ortswechseln, die ja eine Verwurzelung erschweren und äußere Unruhe erzeugen. P. Schunk war an theologischen Fragen interessiert und verfolgte stets die Entwicklungen in der Theologie mit. Er konnte so auch stets auf einen soliden Fundus zurückgreifen, wenn es galt, Vorträge und Predigten auszuarbeiten. Die Liturgie, die er Tag für Tag mit den Schwestern und den Kranken feierte, war immer sorgfältig vorbereitet. So gab er auch von seinem eigenen Glauben Zeugnis. P. Schunk war schließlich ein sehr freundlicher und herzlicher Mensch. Das haben nicht nur seine Mitbrüder und seine Freunde erfahren, sondern immer wieder auch die Kranken, die er in ihren Zimmern aufsuchte, um ihnen ein hilfreiches Wort zu sagen und seelsorglich Hilfe anzubieten. Kurz vor der Vollendung seines 84. Lebensjahres hat ihn Gott, an den er geglaubt und dem er zeit seines Lebens gedient hat, zu sich gerufen.

R.i.p.

P. Werner Löser SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1999 - Dezember, S. 212ff