P. Anton Seggewiß SJ
20. Dezember 1983 in Münster

P. Wilhelm Klein dankt mit folgendem Brief seinem alten Socius über das Grab hinaus:

Lieber Pater Seggewiß!
Man bat mich, etwas über Dich zu sagen. Gern, aber andere können es besser. Wir waren ja nur eine kurze Spanne Deines langen Lebens zusammen - zwischen 1932 und 1937. Vorher und nachher nie. 1932 warst Du Oberer in Aachen. Da brach der Socius in Köln das Bein und konnte nicht mitreisen. Da tauschtest Du: Pater Holtschneider wurde Superior, Du Socius. Das hast Du so gut gemacht, daß man Dich später ins gleiche Amt zurückholte. Als die Gestapo in Köln einbrach, gingst Du - Du fühltest Dich als Vorsitzender der AIAG bedroht - als deutscher Seelsorger nach Antwerpen. (AIAG = Aachener Immobilien-AG, d.i. die alte Eigentumsträgerin der deutschen Häuser der Gesellschaft.

Vorher, während Deiner Sociuszeit, warst Du einmal sechs Wochen zu Exerzitien in den Nahen Osten gegangen von Kairo bis Beirut. Da hast Du Kostbares gesammelt für Deine lange reiche Exerzitientätigkeit für Priester, Ordensleute und andere. Rom war zwar unwillig, daß der Socius solange fort war, aber Du warst froh. 1934/35, als der Provinzial in Ostasien war zu Arbeiten für die entstehende japanische Provinz, hast Du dem Vizeprovinzial, dem 'frommen Sierp' geholfen. Lakonisch hieß es über ihn: er überlegt alles mit dem lieben Gott mehr als mit den Konsultoren.

Wir trafen uns dann kurz beim Schauprozeß in München gegen Pater von Nell. Wir waren als Zeugen geladen. Ich kam nach Dir dran und hörte nicht Deine Aussagen. Es waren nicht alle zufrieden, z.B. Pater Rösch nicht, der hinten versteckt auf einer Bank im Gerichtssaal saß, immer in Sorge, aus dem Saal heraus verhaftet zu werden. Du zogst zufrieden zurück nach Fulda, als Spiritual im Priesterseminar.

Dann sahen wir uns noch einmal kurz in Bonn, wo Du zu meinem 90.Geburtstag oder, ich weiß nicht mehr, zu einem Jubiläum mich besuchtest - drei volle Jahre älter als ich. Ja, mit Dir war immer gut auskommen. 'Serve bone et fidelis, intra in gaudium Domini tui'. Wieviele danken Dir mit mir! Auf Wiedersehen in der Ewigkeit.

Dein Wilhelm Klein S.J.

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Ganz gewiß gedenken 'viele' in Dankbarkeit des lieben Verstorbenen, zumal jene Mitbrüder, die ihn in seinen Sociusjahren kennengelernt haben. Aber was kannten wir von seinem wechselvollen Leben? - P.Seggewiß sprach fast nie über sich selbst. Auch der selbstgeschriebene 'Lebenslauf' in seinem Nachlaß nennt fast nur die Daten und Orte seine langen Weges. Darum sei nun versucht, aus anderen Quellen etwas mehr zu sagen über den Senior der Provinz, der von seinen nahezu 98 Jahren (es fehlte nur ein Monat daran) volle 74 im Orden gelebt hat. Dabei ist uns der 'Lebenslauf' ein zuverlässiger Leitfaden.

Anton Seggewiß ist geboren am 18. Januar 1886 in einer Bauernfamilie zu Barlo b/Bocholt/Westfalen. Seine Eltern Anton Seggewiß und Maria, geborene Rölfing, hatten 16 Kinder, 12 Söhne und 4 Töchter. Der 'Lebenslauf' sagt nur noch: Taufe 1886, Erstbeichte 1894, Erstkommunion 1899 (also mit 13 Jahren, wie damals üblich), Schulbildung: 8 Jahre(!) in einklassiger Volksschule, 9 Jahre humanistisches Gymnasium (wohl in Bocholt).

Nach einem Semester Theologie in Münster trat er am 30. September 1909 zu Exaten (Holland) ins Noviziat ein, wo P.Johannes Bapt. Müller Rektor und Novizenmeister war. '1911-1914 Philosophie in Valkenburg. 1914-1918 Interstiz in Feldkirch, Präfekt (so der 'Lebenslauf'), während fast alle anderen Fratres in den Kriegsjahren als Soldaten oder als Krankenpfleger eingesetzt waren. - 1918-1922 Theologie in Valkenburg, wo er am 20. Juni 1920 die Priesterweihe empfing. Sein erster Einsatz als Priester war 1922/23 bei den Volksmissionaren, die in 's Heerenberg stationiert waren. Nach dem Terziat bei P. Walter Sierp in Exaten arbeitete er fünf Jahre als Generalsekretär des Verbandes der Marianischen Jungfrauenkongregationen in Düsseldorf; als solcher hatte er Vorträge für Präsides und Ehevorbereitungswochen in Rheinland und Westfalen zu halten. Ab 1930 war er Superior in Aachen. Dazu notiert der 'Lebenslauf' auch die damit verbundenen Arbeiten: 'Priesterkonferenzen, Schwesternvorträge, jeden Sonntag Predigt für die Marianische Männerkongregation und alle Vorträge für die (zwei) Kongregationen der Herren und der jungen Kaufleute'.

Die plötzliche Abberufung aus Aachen und einige besondere Einzelheiten aus den drei bis vier Sociusjahren in Köln erzählt der oben mitgeteilte Brief von P. Wilhelm Klein. Im 'Lebenslauf' steht nur (etwas ungenau): '1933-36 Socius des Provinzials Wilhelm Klein' und weiter '1936/37 Operarius in Luxemburg, Seelsorger der Deutschen in Antwerpen. 1937 bis 1948 Spiritual des Priesterseminars Fulda'. Das waren wohl seine schönsten Jahre, an die er sich später immer gern erinnerte. Offenbar hatte er bald das Vertrauen der Alumnen und Professoren gewonnen. Regens und Subregens sprachen jedesmal spontan von der vorzüglichen Arbeit ihres Spirituals, wenn ich sie bei den jährlichen Seelsorger-Tagungen im Seminar traf. P.Seggewiß war gern in Fulda, obwohl er seine Aufgabe nicht leicht nahm; er studierte viel, erörterte neuere Fragen der Theologie und der Humanwissenschaften mit den Professoren und bereitete seine Vorträge und Betrachtungspunkte gut vor. Er sagte aber auch, daß man in einer so günstigen Atmosphäre wie dort als Spiritual doch viel Gutes tun könne. - Um so mehr war ich erstaunt über seine Antwort, als ich im Sommer 1948 im Auftrag des Provinzials Flosdorf bei ihm vorfühlen mußte, ob er wohl nochmal das Amt des Socius in Köln übernehmen könne. Da antwortete er nicht etwa mit betretenem Schweigen (was ich erwartet hatte) sondern ohne Zögern erfreut: Diese Frage käme ihm 'wie gerufen'! Denn er spüre, daß er in letzter Zeit bei den Alumnen nicht mehr so gut ankomme. Hier zeigt sich die Feinfühligkeit und Gewissenhaftigkeit des P.Seggewiß, Eigenschaften, die er auch als Socius bei fünf Provinziälen bewiesen hat. (P.Wilhelm Klein, Vizeprovinzial Walter Sierp und die PP. Flosdorf, Deitmer, Junk).

Über die nächsten Stationen sagt der 'Lebenslauf' nur: 'Achtzehn Jahre Oberer in verschiedenen Häusern'. Es waren zweimal Saarlouis und dazwischen das Noviziat Eringerfeld. Hier verschweigt er u.a. den ehrenden Sonderauftrag, daß er mindestens zweimal für drei Monate das sogenannte Brüderterziat zu leiten hatte. - Die letzten vierzehn Jahre, von 1969 an, lebte er als Hausgeistlicher im Rosastift, einem von Schwestern geleiteten Altenheim in Waldbreitbach (Westerwald), wo er gleich wieder Kontakt aufnahm mit dem Klerus des Dekanates und in den ersten Jahren auch noch vielfach in der Seelsorge tätig war (z.B. mit Sonntagsaushilfen und Dekanatsvorträgen). Er hatte ja eine außergewöhnlich stabile Gesundheit. Bei seinem 60jährigen Priesterjubiläum (1980) konnte er feststellen: In den 60 Jahren habe er an keinem Tag die Hl. Messe auslassen müssen, denn er sei nie ernstlich krank gewesen. Bei unseren öfteren Besuchen in Waldbreitbach fanden wir (P.Junk und ich) ihn stets lebhaft interessiert an allem Geschehen in Kirche und Orden. Jedesmal bat er um neuere theologische Literatur, die schon immer seine liebste Lektüre war. Solange es möglich war, ließ er sich jeden Donnerstag von den Mitbrüdern nach Koblenz holen. - Erst als seine Füße völlig gelähmt waren, wurde er auf seinen Wunsch nach Münster gebracht. Dort erklärte er bei der Begrüßung: 'Ich komme, um bei den Mitbrüdern zu sterben'. Geistig ganz klar bis zuletzt, starb er schon nach einem Monat am 20. Dezember 1983 an Herzversagen ohne Todeskampf. Zum Requiem und zur Beisetzung auf dem Friedhof in Sentmaring war eine große Trauergemeinde von Mitbrüdern und Verwandten gekommen. R.i.p.

In seinem Nachlaß fand sich ein kleines Gebet. Ob P. Seggewiß es in seinen alten Tagen manchmal gebetet hat? Wir wissen es nicht. Aber hier kommt ganz gut etwas von seiner Eigenart zum Ausdruck: seine einfache solide Frömmigkeit und sein köstlicher Humor:
'Herr, Du weißt es besser als ich, daß ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde. Bewahre mich vor der Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen. Bei meiner ungeheuren Ansammlung an Weisheit, tut es mir leid, sie nicht weiterzugeben; aber Du verstehst Herr, daß ich mir ein paar Freunde erhalten möchte! Lehre mich zu schweigen über meine Beschwerden. Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst. Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir die Krankheitsgeschichte anderer mit Freuden anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen. Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich weiß, daß ich nicht unbedingt ein Heiliger bin, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels. Lehre mich, an anderen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen. (Verfasser unbekannt; aus dem Englischen)

P. Hermann Deitmer SJ

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Sr. Desideria Britz, St. Rosastift, Waldbreitbach, schickte uns folgende Zeilen über den verstorbenen P. Anton Seggewiß. Einleitend bemerkt sie: Viel kann ich nicht berichten, weil P. Seggewiß ein immer gleichbleibender gelassener Priester war. Er lebte still und sagte oft: 'Ich danke Gott, daß er mir so viel Zeit gibt, mich auf den Tod vorzubereiten. Jetzt bin ich bereit zum Kommen des Herrn. Macht Euch keine Sorgen, wenn ich schnell sterbe; ich bin vorbereitet.' Zuletzt war es ihm mühsam, das HI. Opfer zu feiern, aber er ließ es sich nicht nehmen, täglich die Eucharistie zu feiern.

P. Seggewiß hat vierzehn Jahre in unserem Hause verlebt. Als er von Saarlouis nach hier kam, meinte er, daß man mit dreiundachtzig Jahren es wohl verdient habe, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, um sich auf den Tod vorzubereiten. Im Anfang war P. Seggewiß noch rüstig. Viel wurde er aufgesucht als Beichtvater, aber auch in der Pfarrkirche half er aus, wenn ein Herr fehlte. Gerne machte er eine Spazierfahrt mit dem Auto durch die nähere und weitere Umgebung. Sehr oft besuchte ihn der damalige Dechant Otto Berberich, der ihn sonntags oft zum Mittagessen ins Pfarrhaus einlud und anschließend eine Fahrt ins Blaue mit ihm machte. Seinen Humor und seine Gelassenheit übertrug er auch auf andere. Immer war er bereit zu helfen, wenn es um seelsorgliche Dinge ging. Manch guten Rat gab er jedem, der mit ihm sprach und war dabei stets sehr schlagfertig. Nie zeigte er sich verdrießlich oder mißgestimmt, wenn er irgendeine Aufgabe übernehmen sollte.

Als seine körperlichen Kräfte nachließen, half eine Schwester ihm beim Ankleiden und Waschen und fuhr ihn im Rollstuhl an den Altar, wo er die beiden letzten Jahre sitzend zelebrierte. Bei allen Festlichkeiten im Haus war er dabei und hielt am Schluß der Feier immer eine kleine Ansprache. Als seine körperlichen Kräfte dann ganz versagten, drängte er darauf, nach Münster gebracht zu werden mit der Begründung: 'Ich will bei meinen Mitbrüdern sterben'. Alles Zureden, doch zu bleiben, wir Schwestern würden ihn pflegen, auch wenn er nicht mehr arbeiten könne, lehnte er ab und sagte: 'Erfüllt mir meinen letzten Wunsch auf dieser Erde; ich sterbe bald.' Nach längerem Hin und Her haben wir ihn dann nach Haus Sentmaring in Münster gebracht. Er wurde mit einem Malteser Krankenwagen am 15. November hingebracht und verstarb dort am 20. Dezember. Am 23. Dezember wurde er auf dem Friedhof von Haus Sentmaring beerdigt.

Schlicht und einfach wie er gelebt hat, ist er gestorben. Wir danken Gott, daß wir in unserem Hause einen so edlen Priester haben durften, der sein Priesterideal wirklich lebte. Wir vermissen ihn sehr. Der liebe Gott möge ihm alles vergelten, was er für unser Altenheim getan hat. Wir danken aber auch dem Provinzial der Jesuiten der Norddeutschen Provinz, daß er uns P. Seggewiß so lange gelassen hat.

R.i.p.

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1984 - Jun,S. 42-45