Bruder August Spieker SJ
30. Mai 1989

Im Zimmer von Br. Spieker hing das Bild der Eltern an sichtbarster Stelle gegenüber dem Schreibtisch, rechts vom Schreibtisch das Bild des Bruders, P. Josef Spieker SJ, der ihm den Anstoß zum Eintritt in die Gesellschaft Jesu gab. Auf dem Schreibtisch stand das Bild des Novizenmeisters P. Johann Bapt. Müller, der ihn in den Orden aufnahm und über das Noviziat hinaus betreute. An diese Menschen, an die frühen Jahre, dachte er am liebsten. "Einer von zwölf, in sehr beschränkten Verhältnissen, das einfache Haus mit Stroh gedeckt, auf Stroh geboren und geschlafen. Wir verkauften die Butter und aßen Margarine." Die Mutter sagte gelegentlich: "Kinder, ich bete für euch, nicht daß ihr reich werdet, aber im Himmel möchte ich euch alle um mich haben" ... "Der Vater ein stiller, fleißiger Mann, ein sorgender Vater, fast täglich am Abend mit der Familie kniend den Rosenkranz betend. Jährlich machte er die Fußwallfahrt nach Telgte zur Schmerzhaften Muttergottes. Er sagte: Ihr sollt Freude haben an euren Eltern." Nur einmal prügelte er August, weil er hinter einer Hochzeitskutsche herlief, um ein paar Pfennige aufzuheben. Das war gegen die Familienehre.

Br. August Spieker wurde am 12. März 1900 in Mettingen in Westfalen geboren. Nach der Volksschule begann für den 14jährigen, am Beginn des 1. Weltkrieges, die Berufsausbildung als Gärtner. Ein Jahr lang hatte er einen Lehrmeister, in den zwei nächsten arbeitete er allein. 1919 trat er zusammen mit 59 anderen Novizen, darunter P. Hugo Lassalle und P. Wilhelm Klein, zu s'-Heerenberg ins Noviziat ein. "Die 30tägigen Exerzitien - das Fundament für ein Leben in der SJ. Wertvoll das Leben in der Hausgemeinde, tief religiöse Menschen und solide im Handwerk." Er wurde einem der Besten zugeteilt, dem von allen geschätzten Gärtnermeister Br. Hillebrand. Dieser wurde ein Jahr später nach Hochelten versetzt und dem jungen Novizen der große Garten und die Aufsicht über die zum Teil viel älteren holländischen Helfer anvertraut. Mehrmals bat er den neuernannten Novizenmeister P. Bley, ihm die Verantwortung abzunehmen, "aber tröstend hielt P. Bley mir die Hand über den Kopf und sagte: Non, non, sie sind ein Spieker, sie müssen eine Aufgabe haben." Und so blieb er für zehn Jahre im Bonifatiushaus.

1929 wurde er nach Münster versetzt. Br. Spieker war einer der ersten Bewohner von Haus Sentmaring und blieb es für 40 Jahre. 1930 konnte er die Meisterprüfung machen und durfte Lehrlinge ausbilden, die ihm dankbar verbunden blieben. Am Ignatiusfest 1941 wurde er mit anderen Mitbrüdern von der Gestapo aus Westfalen und Rheinland ausgewiesen. Mit vier Mitbrüdern fand er in Erfurt Unterkunft in einem Wochenendhaus, das Schwestern gehörte. Drei Monate später wurde er Soldat.

Wenn er in der Erzählung seiner Lebensgeschichte an die Soldatenzeit kam, lebte er auf. Buchstäblich erfüllte sich, was er einmal von P. Richtstätter gehört hatte: "Die Herz-Jesu-Verehrer erhalten auch in äußeren Angelegenheiten Gottes sichtbaren Schutz." Den protestantischen Hauptmann klärte er sofort auf: "Herr Hauptmann, ich bin Ordensmann, Jesuit, und tue als Soldat meine Pflicht." Der Hauptmann zuckte zusammen, aber für den Soldaten Spieker gab es fortan immer einen schönen Sonderposten. Fern vom Drill und fern der Front konnte er zwei Jahre lang in Berlin einen Garten pflegen und anderen landwirtschaftlichen Tätigkeiten nachgehen. Die Sonntage verlebte er bei den Mitbrüdern in der Neuen Kantstraße.

Eines Tages wurde gefragt, wer Holländisch könne. Das hatte Br. Spieker von den holländischen Mitarbeitern im Bonifatiushaus gelernt und meldete sich. Nun wurde sein Soldatenleben noch angenehmer. Er wohnte 16 Monate im Schloß Soestdyk, in dem verwundete Offiziere ihren Genesungsurlaub verbrachten. Wieder konnte er Gemüse züchten, aber mit angenehmen Unterbrechungen. Sein Major schickte ihn mit geheimen Briefen auf weite Fahrten bis nach Ostpreußen und Süddeutschland. Als er nach dem versuchten Attentat auf Hitler von einer solchen Fahrt zurückkam, schauten alle aus dem Fenster und riefen: "Spieker, was weißt du Neues?" Er wußte gar nichts. Erst als das Schloß nach wenigen Tagen leer war, wußte er, daß er unwissend an einem historischen Ereignis mitgewirkt hatte. Die Gefangenschaft blieb ihm erspart.

Im Juli 1945 war Br. Spieker wieder in Münster. Haus Sentmaring war schwer beschädigt, im Park 30 Bombentrichter. Die Wiesen im Park wurden landwirtschaftlich genutzt. Br. Spieker erlebte den Ausbau des Hauses zum Altenheim und den Neubau des Noviziates. 1966 bot P. Provinzial Heinrich Ostermann dem 66jährigen eine andere, etwas leichtere Arbeit an: "Hochelten, das Haus inmitten von Park und Wald auf der höchsten Erhebung des Eltenberges." P. Sträter hatte das am Kriegsende durch Granatbeschuß schwer beschädigte Haus notdürftig wiederhergestellt. P. Ostermann sagte nach einer Besichtigung zu Br. Spieker: "Ich habe vor, in Hochelten das Haus neu einzurichten. Ein Haus für Erholung der Mitbrüder, für Konferenzen und kleine Kurse, mit Gelegenheiten für religiöse Einkehr, und sie können dort den Park und Wald betreuen." Im Herbst 1969 war der Umzug.

"Der Wechsel aus Stadtnähe mit den gegebenen Kontakten in die Waldeseinsamkeit Hocheltens brauchte etwas mehr an höheren Motiven. In Psalm 124 wurden sie mir angeboten: Die auf den Herrn vertrauen sind wie der Sionsberg, der nicht erschüttert wird, der in Ewigkeit steht ... Hochelten war für mich der Sionsberg, Saatgut sein mein tägliches Tun, fruchtbar für Gäste und Besucher an Tagen der Einkehr."

Als er nicht mehr arbeiten konnte und am Stock durch Garten und Park ging, kam er mit vielen Menschen in ein längeres Gespräch und suchte ihnen zu nützen, so gut er konnte. Desgleichen in ausgedehnten Gebetszeiten in der Kapelle. Lange saß er abends an der 'schönen Aussicht'. "Die Tage in Hochelten sind für mich ein Geschenk. Der Blick ins weite Rheintal, der Blick nach oben in Richtung Gott, abseits der großen Welt - näher mein Gott zu dir." Die Mutter hatte gewünscht, im Himmel alle Kinder bei sich zu haben. Nun würden unter den zwölf zwei Jesuiten und zwei Ordensfrauen sein.

1988 verschlechterte sich sein Befinden. Er ging an zwei Stöcken, mehrmals fiel er. So willigte er im November 1988 in den Umzug nach Münster ein. Am Fest Christi Himmelfahrt 1989 besuchte ich ihn zusammen mit der Köchin Frau Helga Ennema, die ihn liebevoll betreut hatte. Wir sahen, daß sein Umzug in die endgültige Heimat bevorstand. Er geschah am 30. Mai 1989.

R.i.p.

P. Eduard Syndicus SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1989 - Oktober, S. 115f