P. Alois Stein SJ
* 18. März 1910    4. April 2000
Eintritt 1929 - Priesterweihe 1939 - Letzte Gelübde 1946

"Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir.
Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. "
(Ps 63,1-2)

Diese Verse aus Ps 63, dem Lieblingspsalm von P. Alois Stein, waren ihm ganz besonders wichtig in seinem Ringen um Zuversicht und Glauben.

Viele Menschen haben, auch wenn sie längst erwachsen sind und die Eltern nicht mehr leben, sich dennoch die lebendige Erinnerung an ihre Eltern bewahrt, oft in besonderer Weise an die Mutter. P. Stein hatte das Foto seiner Mutter durch viele Jahrzehnte seiner Arbeit überallhin mitgenommen. Dort stand das Bild einer eher zierlichen Frau, die 11 Kinder geboren hatte, auf einem kleinen Schränkchen oder einer Kommode. So hat es P. Stein in Trier, in Bonn, in Münster und wahrscheinlich auch vorher schon in Brasilien gehalten. Von seiner Mutter sprach P. Stein öfter und mit großer Hochachtung.

Geboren und aufgewachsen ist Alois Stein in der Eifel. Dort wurde er als der Zweitjüngste in der großen Kinderzahl am 18. März 1910 in dem kleinen Dort Weiler bei Cochem geboren. Der Vater war Lehrer. Trotz oder gerade wegen der großen Kinderschar wuchs Alois in unbeschwerter Weise auf und hatte zeitlebens eine tiefe Verbundenheit zu der ihn umgebenden Natur. Seine Liebe zur Eifel, zu ihren Wäldern, Maaren und fischreichen kleinen Flüssen konnte man ihm bis ins hohe Alter anmerken - nicht nur wenn er nach einem erfolgreichen Forellenfang mit seinem Bischofs-Bruder nach Hause kam.

Nach acht Jahren Volksschule in Weiler ging Alois auf das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier, machte dort 1929 das Abitur und trat unmittelbar danach am 17. April 1929 in 's-Heerenberg in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. Anschließend an das Noviziat machte er von 1931-1933 sein Juniorat teils in 's-Heerenberg, teils im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Nach der Philosophie, die er von 1933-1936 in Valkenburg (Holland) studierte, schickte ihn sein Provinzial, auch in der immer größer werdenden Sorge wegen der braunen Machthaber, zum Theologiestudium nach São Leopoldo und Porto Alegre in Brasilien. Dort empfing er am 26. Juli 1939 die Priesterweihe. Von 1940-1941 machte er sein Tertiat in Parecy Novo.

Hier im Tertiat machte sich bei P. Stein eine schwere Augenerkrankung bemerkbar. Damals konnte er kaum ahnen, dass diese physische und psychische Belastung ihn 60 Jahre lang begleiten sollte. Er selbst schrieb später einmal darüber: "Während des Tertiates in Parecy Novo stellte sich heraus, dass ich an einer schweren Netzhauterkrankung litt ("Eals", Netzhautblutungen). So verordnete man mir einen Aufenthalt im Höhenklima von Campos do Jorão im Staat São Paulo." P. Stein musste dort zwei Jahr in einem Sanatorium verbleiben und fuhr von dort regelmäßig zur Behandlung nach São Paulo. Die nachlassende Sehkraft, die zu einer Netzhautablösung führte, machte eine Operation unumgänglich notwendig. Doch auch nach der Operation, die seine Sehfähigkeit nur geringfügig korrigieren konnte, stellten sich im Abstand von ein bis zwei Monaten immer wieder Blutungen ein, die zu zeitweise völliger Erblindung führten. Am 15. August 1946 durfte er die Letzten Gelübde in Nova Fribourgo in Brasilien ablegen. Anschließend kehrte er nach Europa zurück.

Von 1947 bis 1948 machte P. Stein in Davos in der Schweiz einen neuerlichen Versuch seine Sehkraft wiederzugewinnen. In dieser Zeit war er seelsorglich in den umliegenden Sanatorien tätig. Nach einer kurzen Spiritualstätigkeit in Frankfurt, St. Georgen kehrte er nochmals nach Davos zurück, um Heilung zu suchen - vergeblich. Das recht Auge blieb ganz blind, mit dem linken hatte er noch 50% seiner Sehkraft. Einen letzten großen Anlauf hat er 1971 von Trier aus gemacht, von dem er in der Kommunität auch öfter erzählt hat: Professor Meyer-Schwickerath aus Essen verlötete die Netzhaut des linken Auges. Man nannte das "Lichtkoagulation". - Infolge seines Augenleidens und all der Operationen trug er meist eine dunkle Brille. Nur mit Hilfe einer großen Lupe konnte er mühsam lesen. Statt des Offiziums betete er regelmäßig den Rosenkranz.

Trotz der großen Einschränkungen seines Sehvermögens hat P. Stein in seinem langen Leben ungezählt vielen Menschen, jungen wie älteren, geholfen, Wege zu Gott zu finden. Er tat dies immer wieder in Exerzitien, Besinnungstagen, Rekollektionsvorträgen bei Priestern und bei vielen anderen Gelegenheiten. Ich weiß nicht, wie viele Ordensgemeinschaften ihn kannten, wie viele Schwestern regelmäßig zu ihm zu "geistlicher Begleitung" kamen. Sein wichtigster Aufenthaltsort war das Sprechzimmer. Dort konnte man ihn, wenn er zu Hause war, in schöner Regelmäßigkeit antreffen. So erlebten ihn viele seiner Mitbrüder in Hannover, wo er zunächst Minister, später Superior war (1949-1955), im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg, wo er bis 1960 Rektor war, in Münster als Tertiats-Instruktor bis 1966, danach in Trier von 1966-1972 und schließlich in Bonn von 1972 bis 1978. Auch an den beiden letztgenannten Orten hatte P. Stein das Amt des Superiors inne.

Nach Ablauf seiner Amtszeit verblieb er in Bonn und war auch jetzt wiederum für viele Ordensleute und Laien ein gesuchter Seelsorger. Er hörte zu, stellte kritische Fragen, war in seinem Rat hilfreich und unbequem zugleich. Dabei fiel immer wieder seine solide Kenntnis der Hl. Schrift und der Exerzitien auf, ja überhaupt sein großes Wissen in Fragen der Spiritualität. Man hatte nie den Eindruck, dass er sein Wissen demonstrieren wollte, wohl aber, dass er nüchtern, manchmal auch hart und trocken mit großer Kompetenz urteilen konnte. Wahrscheinlich schätzten gerade diese Eigenart viele an ihm, besonders Frauen. Wenn man zu ihm auf sein Zimmer kam, traf man ihn meist über seinen Schreibtisch gebeugt, wie er gerade mit der Lupe in der Hand irgendeine der letzten theologischen Veröffentlichungen oder einen Text der letzten Generalkongregation studierte. So hielt er sich auf dem Laufenden, immer wieder bestrebt, Wahres und Gültiges von bloßen Tagesmeinungen gut zu unterscheiden.

Aber P. Stein war nicht nur ein Mensch der Arbeit, er liebte auch das Leben. Wahrscheinlich kannte er das geflügelte Wort: "Wer nicht genießen kann, wird auch selbst leicht ungenießbar." Selbst erfüllt leben - und dabei anderen zum wirklichen Leben verhelfen, das war sein großes Anliegen, dafür investierte er Kraft, Zeit, seine vielfältigen Anlagen, dafür unternahm er, trotz seiner starken Sehbehinderung, lange Reisen. "Er war ein aufmerksamer Gastgeber", so schrieb Frau Gertrud Casel kurz nach seinem Tod in der Trierer Bistumszeitung, dem "Paulinus", "nahm andere mit zum Wandern, zum Angeln, ging mit ihnen essen, ließ sich einladen, lernte die Familien kennen - und das Wichtigste geschah dann unterwegs wie von selbst: erzählen, das Herz ausschütten, manchmal auch klagen, eine Sache neu sehen lernen" und so wuchsen in vielen zwischenmenschliche Beziehungen, große Freundschaften und tiefer Respekt, die zum Teil viele Jahrzehnte andauerten.

Als er 70 Jahre alt wurde, erlaubte ihm der Provinzial einen Flug nach Bolivien. Bevor er diese Reise antrat, hatte ihm der Arzt mehrmals den Blutdruck kontrolliert. Trotzdem "kippte er in La Paz (4000 m) um" und musste an die Sauerstoffflasche. Über diese Reise schrieb P. Stein in einem Brief: "Den 70. Geburtstag feierte ich 10 km hoch über dem Ozean in einer russischen Maschine, beglückwünscht von der russischen Stewardess mit einer Flasche köstlichen russischen Rotweins, so dass der hinter mir sitzende Russe zu seiner deutschen Nachbarin meinte, ich müsse doch ein hochgestellter kommunistischer Funktionär sein.... Ich habe diese Reise gewagt, sie war wirklich keine Vergnügungsreise, eher eine Wallfahrt, aber sie war für mich doch sehr wertvoll, eine wirkliche Bereicherung."

Immer wieder ließ er sich, sofern dies gesundheitlich nur irgendwie möglich war, auch in den folgenden Jahren in seine geliebte Heimat, die Eifel, fahren. Mit krakeliger Schrift schrieb er bei einer solchen Gelegenheit einmal, nun schon 85 Jahre alt geworden, zu dem kopierten Foto eines Eichenbaumes aus seinem Geburtsort Weiler: "Wie heute, so stand er (der Baum) schon vor 85 Jahren, an meinem Geburtstag. Er hat mich begleitet als treuer Gefährte, immer er selber. Scheinbar stumm, sagt er doch so viel. Bäume predigen das Urgesetz des Lebens. Ein Baum spricht: ,Ich lebe das Geheimnis meines Samens zu Ende; nichts anderes ist meine Sorge. Ich vertraue, dass Gott in mir ist.' (Hermann Hesse)"

Die letzte Wegstrecke P. Steins in Münster war nochmals geprägt von schweren Prüfungen seiner Geduld. Nahezu blind und fast taub, musste er lernen, sich selbst auszuhalten, sich selbst neu anzunehmen. Nicht immer gelang ihm dies. Er konnte aufbrausen und sein Gegenüber mit seinem ganzen cholerischen Temperament erschrecken. Er litt dann wirklich an sich selbst. Aber er ist in diesen letzten zwei Jahren auch gereift. Er wollte sich im Geiste des Evangeliums und der Exerzitien ganz nach dem ausstrecken, was er anderen so oft gepredigt hatte: er wollte die "Exerzitien Gottes" jetzt wirklich leben. Am 4. April 2000 starb P. Stein an einer Lungenentzündung, friedvoll und still.

Der Nachfolger seines Bruders im bischöflichen Amt in Trier, Bischof Dr. Hermann Josef Spital, der P. Stein gut gekannt hatte, schrieb zu seinem Heimgang: "Ich bin Ihrem verstorbenen Mitbruder häufig begegnet und habe ihn sehr geschätzt. Er hat an verschiedenen Stellen dem Herrn in großer Treue und Hingabe gedient; wir dürfen sicher sein, dass Christus ihm nun die Vollendung in der Herrlichkeit des Himmels schenken wird." Am 8. April 2000 haben wir in Münster das Requiem gefeiert und haben P. Stein anschließend auf unserem Ordensfriedhof zur letzten Ruhe geleitet. Dort erwartet er nun die selige Auferstehung.

R.i.p.

P. Josef Bill SJ

Aus der Norddeutschen Provinz,