P. Wilhelm Strang SJ
6. März 1965 in Münster/Westf.

P. Strang war ein Sohn des Niederrheins. Er war am 5. Februar 1890 in Emmerich geboren und in Kleve aufgewachsen. Dort machte er sein.. Abitur. Sein Vater Gerhard Josef Anton Strang war Königl. preussischer Rentrneister, gebürtig aus Xanten. Seine Mutter Anna Hendrina van Look stammte aus Kalkar. Sie war die zweite Frau des Vaters. Der Ehe entstammten zehn Kinder, die von der Tochter Helene, dem einzigen Kind aus der ersten Ehe, offenbar nicht nur altersmäßig angeführt wurden. Das lebendige und glückliche Familienleben ist dokumentiert durch zeitgenössische Photographien. Vier Brüder fielen im ersten Weltkrieg, vier Schwestern starben in jungen Jahren, davon eine am Tage vor seinem Eintritt in Exaten. Dorthin ging Wilhelm Strang am 30. September 1909; Auf dem Abiturzeugnis findet sich jedoch der Vermerk, daß er Mathematik und Naturwissenschaften studieren wolle. Tatsächlich hat er ein Semester an der Technischen Hochschule in Aachen studiert. Wenn später eine technische Frage theoretisch oder praktisch zu lösen war, hat dieses eine Semester nicht selten Anlaß zu Neckereien und Scherzen gegeben.

Der Ausbruch des ersten Weltkrieges findet ihn und einige Kursgenossen in Dänemark. In Kiel wurden die Scholastiker, die mit Vollbart und Soutane ein etwas fremdes Bild in der vom Kriegslärm erfüllten Marinebasis abgaben, als spionverdächtig festgenommen. Noch nach Jahrzehnten konnte P. Strang temperamentvoll berichten, wie sich eine Volksmenge drohend um diese fremdartigen Vaterlandsverteidiger scharten, bis ein mutiger Marineoffizier die Verdächtigen zur Untersuchung abführte. Die Kriegsjahre hindurch war P. Strang dann in einem Malteserlazarett tätig. Bischof Doering weihte ihn 1920 in Valkenburg zum Priester. Die Namen der Patres Bönner und Seggewiss stehen mit auf dem Primizbildchen, wie auch Pater Alois Grimm und Otto Karrer.

Nach Abschluß der Ausbildung kam P. Strang am 1. August 1921 nach Schweden. Unter Pater Borka lernte er in Gävle die schwedische Sprache, war dann in Stockholm und von 1923-26 (mit Bruder Graber als Hilfe) in Sörforsa in Nordschweden tätig. Danach kam er bis 1932 als Pfarrer nach Gävle, wo ihm Bruder Kindler den Haushalt und die Sakristei besorgte. In all diesen Jahren hatte er auch die Seelsorge für die Katholiken in der gesamten Nordhälfte Schwedens zu besorgen. In den folgenden Jahren wirkte er an der Eugenia-Kirche in Stockholm, 1937 in Uppsala. Da man in Schweden nicht schnell genug Märtyrer werden konnte, erlernte er die estnische Sprache und siedelte im gleichen Jahre 1937 nach Estland über, zunächst nach Rakvere, dann nach Talinn, unter Erzbischof Profittlich S J. Der Krieg zwang ihn dann nach Deutschland zurück.

Während der Kriegsjahre finden wir ihn an verschiedenen Plätzen als Hausgeistlicher tätig, vor allem in Menden, später in Kaldenkirchen, bis er im Jahre 1948 nach Schweden zurückgerufen wurde. Erst war er in Djursholm, nahe bei Stockholm, dann wieder in Gävle tätig, bis er im Juli 1950 Rektor der Kapelle der Birgittaschwestern in Vadstena wurde und somit die Katholiken am Ort und in der Umgebung zu betreuen hatte. Aus diesem fast einsiedlerhaften Leben wurde er zu Neujahr 1957 herausgerufen, um die Seelsorgsaufgaben an der Kapelle der Grauen Schwestern in Stäket, einem Vorort von Stockholm, zu übernehmen. Von dort kam er oft zu den Mitbrüdern in die Stadt, als Beichtvater der Unsrigen wie auch mehrerer Schwesternkonvente sowie überhaupt, um manche andere kleine Seelsorgsarbeit im Pfarrbereich zu leisten. Dadurch hat er den Mitbrüdern an der Eugeniakirche oft und viel und auch gern geholfen; nicht zuletzt als Hauswache, wenn alle anderen unterwegs waren.

Während der letzten Jahre war er immer gebeugter geworden und auch spürbar müde. Als dann im Januar 1965 die Beine ihm plötzlich den Dienst versagten und er nach einer Untersuchung im Krankenhaus verstand, daß er ans Bett gefesselt war, erneuerte er einen früheren Wunsch, in das Krankenheim nach Sentmaring übersiedeln zu dürfen. Während der 33 Jahre, die er in Schweden gewesen ist, hat er 27 Jahre hindurch auf Einzelposten gewirkt. Dabei war er im Grunde ein sehr geselliger Mensch, der gern im Kreis der Mitbrüder weilte. So verstand man sein Verlangen und auch seine Freude darüber, seine Tage unter Mitbrüdern beschließen zu dürfen. Als er am 19. Februar nach Münster transportiert wurde, ahnte niemand, daß das Ende so nahe war. Zwei Wochen nach seiner Ankunft hatte er die Freude, den Besuch seiner Schwester Helene zu erhalten, mit der er sich noch gut unterhielt. Am Nachmittag des gleichen Tages aber wurden seine Kräfte zusehend schlechter und seine Schwester konnte ihm nur noch Gebete vorbeten. In der Frühe des folgenden Tages, am Samstag, dem 6. März 1965, ist er still eingeschlafen.

Wenn die Mitbrüder in Schweden auf das Leben von P. Strang zurückschauen, so sind es nicht die vielen Stationen, an die man, denkt - so sehr das motiviert wäre; man denkt an den frommen Priester. Im Umgang mit den Mitmenschen strahlte er stets eine große Güte und Selbstlosigkeit aus. Gleichzeitig konnte er sehr nüchtern und überaus offenherzig sein sowohl gegenüber Mitbrüdern wie Außenstehenden, nicht zuletzt auch gegenüber kirchlichen Vorgesetzten. Berühmt ist eine Episode seiner zweiten Zeit als Pfarrer in Gävle. Bischof Müller war zu einer Kirchenvorstandssitzung gekommen. Nach der offenbar sehr stürmischen Diskussion geleitete der Pfarrer den Bischof wieder zum Zuge. Während er ihm im Wagen zu einem Platz verhalf, erklärte er mehrfach, wieviel doch der Bischof für die Pfarrei und die ganze Diözese getan habe. Abschließend konnte der Bischof dann hören: "Hochwürdigster Herr, setzen Sie Ihrem Werke die Krone auf - und danken Sie ab. - Ich wünsche Ihnen eine gute Reise, Exzellenz".

Pater Strangs Frömmigkeit war also völlig unpathetisch. Kompromißlos legte er die Wertskala des Glaubens an jede Frage, um was es auch ging, und lebte auch selbst diesen Primat des religiösen Lebens. Dabei konnte es geschehen, daß pastorale Klugkeit der Frömmigkeit und Aufrichtigkeit weichen mußte. Man kann sich ja fragen, wie sinnvoll es ist, während einer Fastenpredigt in Stockholm die Leser der liberalen Tageszeitung "Dagens Nyheter" (der meist verbreiteten Morgenzeitung Skandinaviens) ipso facto als exkommuniziert zu erklären. Bezeichnend ist auch eine andere Anekdote (si non è vero è bene trovato): Br. Graber hatte während der gemeinsamen Zeit in Sörforsa festgestellt, daß jedes Mal, wenn P. Strang eine Votivmesse zum Heiligen Geist gelesen hatte, hernach irgendetwas los war. So wird denn berichtet, Br. Graber habe dann nach solchen Votivmessen (ohne zu wissen, welchem Anliegen sie dienten) noch in der Sakristei den Pater angefleht: "Tun Sie es nicht Hochwürden, bitte, tun Sie es nicht".

So war P. Strang eine sehr kraftvolle Natur, ohne im eigentlichen Sinne ein aktiver Typ zu sein. Er hat auch kaum sichtbare Zeugnisse seiner Tätigkeit hinterlassen. Seine Stärke war die Ausrichtung auf das innere Leben. Schon in seiner persönlichen vollkommenen Anspruchslosigkeit war er ein Wegweiser und leistete allen, die mit ihm in Berührung kamen, einen großen Dienst: Mitten in einer Umgebung, deren Wertehierarchie in Auflösung begriffen ist, auf die Perspektive Gottes hinzuweisen, mitten in einer Zeit, die höhere Ideale einfach verschweigt oder niederschreit, das Leben der Gnade auf den Schild zu erheben. Diese Hilfe haben seine Mitbrüder und auch andere erfahren und sind ihm dankbar dafür. Dabei hat er es sich selbst nicht leicht gemacht, dazu sah er viel zu tief durch die Oberfläche hindurch. Einer seiner Konvertiten, der ihn sehr gut kennengelernt hatte, schrieb nach seinem Tode: "Er hat furchtbar gelitten, unter unseren schwedischen Verhältnissen. Erst während seiner letzten Lebensjahre gelang es ihm, sich einigermaßen damit ab- und zurechtzufinden."

So war P. Strang im Grunde ein großer Beter. Wenn man an ihn denkt, sieht man vor allen Dingen einen betenden Priester vor sich. Er hat viel für uns alle, für die Kirche in Schweden, für das schwedische Volk und Land, aber auch für die Gesamtkirche, für die Provinz und für die ganze Gesellschaft gebetet. Auch von daher ist es richtig, daß er seine letzte Ruhe inmitten der Mitbrüder im näheren Provinzbereich fand.

R.i.p.

P. Peter Hornung SJ

Mitteilungen 128, S. 69-73