Bruder Wilhelm Syben SJ
* 2. Juli 1910 in Köln
14. Dezember 1994 in Münster

Bruder Wilhelm Syben wurde am 2. Juli 1910 in Köln geboren. Er hatte noch vier jüngere Geschwister, drei Brüder und eine Schwester. Sein Vater Heinrich Syben, der aus Ederen bei Jülich stammte, war Eisenbahnschaffner. Seine Mutter, Margarete, stammte aus Koblenz. Der Vater erlitt 1919 - 38jährig - einen schweren Unfall. Er konnte seiner Arbeit bei der Eisenbahn dann nicht weiter nachgehen und wurde Frührentner. Die Familie zog im selben Jahr nach Ederen um. Die Kinder mußten tatkräftig mithelfen, damit die Familie zurechtkam - vor allem in der kleinen Landwirtschaft, die der Vater unterhielt. Ein Haus wurde gebaut. Wilhelm, damals noch ein Jugendlicher, hat sich dabei besonders eingesetzt. Nach der Volksschulzeit durchlief Wilhelm eine Lehre als Stellmacher, die er mit der Gesellenprüfung abschloß. In einem Nachbardorf fand er eine Anstellung und konnte seinen Beruf ausüben. Von 1931 bis 1937 arbeitete Wilhelm in einem Bergwerk bei Aachen. Mit dem, was er an Geld heimbrachte, trug er zum Unterhalt der Familie bei. Was hier und da dann noch übrigblieb, wandte er auf, um seinen Geschwistern eine Freude zu bereiten: er kaufte ihnen Geschenke. Seinen Geschwistern ist er vor allem als großzügiger Bruder in Erinnerung geblieben. Wilhelm war immer fromm. Regelmäßig besuchte er sonntags außer der morgendlichen Messe die Christenlehre.

Zwei Ereignisse waren damals für Wilhelm von nachhaltiger Bedeutung. Das eine Ereignis: 1930, am Vortag von Fronleichnam, ging er mit einem seiner Brüder in einem nahen Fluß schwimmen. Plötzlich geriet sein Bruder in einen Strudel, der ihn in die Tiefe herunterzog. Unter Einsatz seines Lebens versuchte Wilhelm, seinen Bruder zu retten. Zweimal wurde er dabei selbst in die Tiefe des Flusses gerissen. Aber er hatte keinen Erfolg: sein Bruder ertrank. Von diesem Tage an war Wilhelm von dem Gedanken und Wunsch durchdrungen, sein Leben dem Herrn zu weihen und sich einer Ordensgemeinschaft anzuschließen. Er hatte schon früh die Jesuiten im Sinn. Bis zum Eintritt in die Gesellschaft Jesu sollten noch lange Jahre des Wartens vergehen. Sie waren vom steten Ringen um die rechte Berufsentscheidung geprägt. Immer wieder besprach er sich mit Pfarrer Pütz, einem heimatlichen Seelsorger, der ihm riet, lieber nicht zu den Jesuiten zu gehen, sondern nach einer anderen Gemeinschaft zu suchen. Aber Wilhelm hielt an seiner ursprünglichen Idee dann doch fest.

Das andere Ereignis: Wilhelm war in den 30-er Jahren in der katholischen Jugendarbeit engagiert. Von 1932 bis 1937 leitete er eine Jungschargruppe. Gern begleitete er die Jungen beim Singen auf seiner Laute. Dies wurde von Mitgliedern der Hitlerjugend bemerkt. Sie wollten ihn für ihre Jugendarbeit gewinnen. Eines Tages, es war an einem Sonntag, kam gegen 14.00 Uhr eine Gruppe von SA-Leuten zu Wilhelm. Diese setzten ihn unter Druck. Wenn er nicht zur Hitlerjugend überwechsle, um dort eine Gruppe zu leiten, würde zur Strafe seinem Vater, der als entschiedener Gegner der Nationalsozialisten bekannt war, die Rente gestrichen. Wilhelm wußte wohl, daß die Familie auf diese Rente bitternötig angewiesen war. Und so sah er sich in eine schlimme Entscheidungssituation versetzt. Aber er blieb sich dann treu und wies die SA-Leute zurück: "Ich bleibe bei der Jungschar, im übrigen tue ich jetzt, was ich sonntags nachmittags immer tue: ich gehe jetzt zur Christenlehre." Er ließ die SA-Leute stehen und ging in die Kirche. Die Drohung, dem Vater die Rente zu entziehen, wurde dann nur darum nicht in die Tat umgesetzt, weil einer von Wilhelms Brüdern, Franz, sich formal dem Jungvolk anschloß. Die kirchliche Jugendarbeit und der Widerstand gegen das Parteiregime trugen zur Festigung von Wilhelms Berufsentscheidung bei.

Am 1. September 1937 begann Br. Syben in Hochelten als Bruder das Postulat und am 1. März 1938 das Noviziat. Zwei Jahre später legte er die Ersten Gelübde ab. Es dauerte dann nicht lange, bis Br. Syben als Soldat eingezogen und an die Kriegsfronten geschickt wurde, zuerst nach Frankreich und dann nach Rußland. Dort kam er bis kurz vor Moskau. Auch hier gab es ein Ereignis, an das sich Br. Syben oft erinnert hat: der Hauptmann seiner Kompanie wollte in deren Gegenwart zwei gefangengenommene Russen erschießen lassen. Die beiden Schützen begaben sich mit entsicherten Gewehren in Stellung. Zuvor hatte Br. Syben den Eindruck gehabt, es sei alles noch nicht völliger Ernst, sondern nur Spiel. Doch dann war es deutlich, daß der Ernstfall eingetreten war. Im letzten Moment brüllte er den Hauptmann an: "Das dürfen Sie nach der Genfer Vereinbarung nicht". Sichtlich erregt ließ der Hauptmann von der Exekution ab. So hat Br. Syben zwei Russen das Leben gerettet.

Am 28. August 1942 wurde Br. Syben aus der Wehrmacht entlassen - als wehrunwürdiger Jesuit. Der damalige Provinzial, P. Flosdorf, schickte Br. Syben nach Sankt Georgen. Es dauerte nicht lange und die Zerstörung Sankt Georgens setzte ein. Die Bomben verschonten nichts. Br. Syben wußte später noch zu berichten, daß die Mitbrüder den Luftschutzkeller mit den Oberräder Nachbarn teilten. Einige Zimmer für die Patres und die Brüder wurden notdürftig im östlichsten Teil des Seminars eingerichtet. Br. Syben hat erlebt, wie in Sankt Georgen ein Lazarett für Kriegsverwundete untergebracht wurde. Im Hörsaal 1 des Seminars befand sich damals eine Notkirche. Später, am 15. August 1948, hat er dort in die Hände des Rektors P. Nikolaus Junk seine Letzten Gelübde abgelegt.

Br. Syben hat in Sankt Georgen viele Jahrzehnte hindurch als Schreiner gearbeitet. In den ersten Jahren war er Mitarbeiter von Br. Krüssel, später, von 1950 an, von Br. Meier und schließlich von Br. Gara. Das Schreiner-Trio von Sankt Georgen war wegen seiner hohen handwerklichen Kompetenz weit über die Grenzen des Kollegs hinaus bekannt. Nicht nur in Sankt Georgen sind noch heute allüberall die Ergebnisse der handwerklichen Künste der drei Schreiner-Brüder zu bewundern; auch in mehreren Residenzen unserer Provinz finden sie sich. Br. Meier führte sein Team schweigsam, aber straff. Bisweilen war dies für Br. Gara und Br. Syben nicht einfach. Wer mit ihnen ein wenig mehr vertraut war, konnte auch schon einmal ein Murren oder Klagen hören.

Br. Syben war mit Br. Gara eng verbunden. Sie kamen in den vormittäglichen und nachmittäglichen Arbeitspausen gemeinsam in den Speisesaal, um sich zu stärken. Sie gingen gemeinsam zum abendlichen Fernsehen und verließen es auch gleichzeitig, um sich zur Nachtruhe voneinander zu verabschieden. Sie paßten aufeinander auf und halfen sich, zumal als die Altersbeschwerden zunahmen. Sie waren selten verreist und verkörperten die tägliche Regelmäßigkeit der kommunitären Lebensvollzüge. Die langen Jahrzehnte ihrer Zugehörigkeit zur Sankt Georgener Kommunität hindurch fehlten sie bei keinem Gottesdienst, bei keiner Mahlzeit, bei keiner Kommunitätsveranstaltung. So gehörten sie zum innersten Kreis der Kommunität und waren aus ihrem Bild kaum wegzudenken.

Br. Syben, der schon in früheren Jahren Beweise seiner inneren, aus seiner Frömmigkeit stammenden Unabhängigkeit gegeben hatte (s.o.), war auch später ein freier Mann. Er bewahrte sich immer die Freiheit eines persönlichen Urteils. Um es bilden zu können, suchte er sich täglich zu informieren - über Entwicklungen in der Politik, über Ereignisse in der Kirche, in der Kommunität. Bei den Mahlzeiten suchte er sich gern an dem Tisch seinen Platz, wo er sich einen Zuwachs an Informationen erhoffen konnte. Als im Alter sein Gehör nachließ, sahen wir ihn immer wieder eine Hand hinter eines seiner Ohren legen, um so doch alles Gesprochene auffangen zu können. Er war nicht leichtgläubig, sondern bewahrte sich immer einen Schuß aus langer Lebenserfahrung stammender Skepsis.

Mehr als fünfzig Jahre hindurch war Br. Syben in Sankt Georgen. In den davorliegenden Monaten nahmen die Altersbeschwerden zu. Sie äußerten sich nicht zuletzt in Kreislaufbeschwerden, denen er meinte durch ein regelmäßiges und ausgiebiges Zusichnehmen und dann wieder Ausschwitzen von Wasser wehren zu können. Er mutete sich dadurch in Wahrheit Tag für Tag und Nacht für Nacht extreme Selbstbelastungen zu. Zusammen mit Br. Gara ist Br. Syben am 11. Februar 1993 ins Haus Sentmaring in Münster umgezogen. Seine Kräfte schwanden nach und nach. Am 14. Dezember 1994 ist Br. Syben an den Folgen eines Krebsleidens gestorben. Als 1980 das Sankt Georgener Schreiner-Trio ein langes Reparaturpensum erledigt hatte, schrieb Br. Syben an Pfingsten den Satz: "Auf Pfingsten 1980, heute, habe ich die eine Hoffnung, nachdem wir alle Türen und Fenster repariert haben, bald selbst durch das dunkle Tor des Todes hindurchzugehen, um nicht nur durchs Fenster den Herrn zu sehen." Die Mitbrüder von Sankt Georgen, die Br. Wilhelm Syben in sehr dankbarer Erinnerung behalten, und alle Mitbrüder, die ihn gekannt haben, glauben und hoffen, daß der Herr ihm diesen Wunsch erfüllt hat.

R.i.p.

P. Werner Löser SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1995 - Februar, S. 18ff