Bruder Paul Theis SJ
geboren am 17. November 1911 in Molzhain, Westerwald
gestorben am 25. März 1994 in Münster

Wenn alle Mitbrüder es ihren späteren Nekrolog-Schreibern so leicht machen würden, wie unser am 25. März in Münster heimgegangener Br. Paul Theis, dann könnte das Nekrolog-Schreiben noch zu einem Vergnügen werden. Es liegen von ihm zwei Dokumente vor: einmal ein Lebenslauf von ihm selber geschrieben, in dem es heißt: "Ich tue dies nur, um dem Verfasser des Nekrologs eine Handhabe zu geben, damit er sich besser über meinen Lebenslauf orientieren kann. Lieber wäre es mir, wenn überhaupt nichts geschrieben würde, aber dies kann ich leider nicht verhindern." Des weiteren liegt eine Kopie der Festrede vor, die sein Bruder Alois am 27. April 1987 anläßlich des 50. Ordensjubiläums seines Bruders hier in Münster gehalten hat. Diese 'Festrede' hätte mit wenigen Änderungen auch als Ansprache zu den Beisetzungs-Feierlichkeiten dienen können, und sie würde alle Mitbrüder interessieren. Hier einige Auszüge:

    "Lieber Bruder Paul, wir sind heute vom schönen Westerwald, Deiner Heimat, gekommen, um Dir zu Deinem großen Festtag, dem 50jährigen Ordensjubiläum herzliche Glück- und Segenswünsche zu überbringen. Groß und Klein, Geschwister, Schwägerinnen und Schwäger, Nichten und Neffen, Verwandte, sowie Nachbarinnen und Nachbarn haben sich aufgemacht, um diesen großen Festtag mit Dir zu begehen. ...

    In Molzhain, im schönen Westerwald, am 17. November 1911, als Ältester von 10 Kindern, davon 4 Jungen und 6 Mädchen geboren, verlebtest Du eine wohl nicht in Wohlstand gebettete, dennoch glückliche und fröhliche Jugend im Elternhaus. Dein Leben war seit der Jugend von Entbehrungen und Arbeit geprägt, denn unsere Eltern mußten zu dieser Zeit die große Familie mit der kleinen Landwirtschaft ernähren. Nur mit Gebet und Gottvertrauen konnte diese, wie alle schweren Zeiten, überwunden werden. ...

    Als Ältester gehörtest Du schon zu den Respektpersonen in unserer Familie und so kam es, daß Du schon bald nach der Schulentlassung mit unserem Vater zum Steinerother Kopf im Steinbruch Steine klopfen mußtest, damit die hungrigen Mäuler zu Hause gestopft werden konnten. ... Schon als junger Bursche lag Dir die Jugend sehr am Herzen. So warst Du als Mitbegründer der DJK (Deutsche Jugendkraft) Molzhain bereit, die knappe Freizeit, die Dir zur Verfügung stand, noch für diese, auch damals wichtige Arbeit zu opfern. Durch die Weltwirtschaftskrise kam auch noch die Arbeitslosigkeit. ... Der Kasernenbau in Siegen wurde Dein Broterwerb. Doch zu diesem Zeitpunkt wurde Dir schon klar, daß Du die Gnade und Berufung, die Dir Gott für den Ordensstand gegeben hatte, auch ausführen würdest. Keine leichte Aufgabe, wie Du später feststellen mußtest. Die Braunen waren keine Freunde der Jesuiten, doch unbeirrt gingst Du Deinen Weg. Theo, der damals 5 Jahre alt war, wollte Dich noch an den Tisch anbinden, aber alles half nichts. Am 26. Oktober 1936 kam der Abschied, der für uns alle nicht leicht war. ...

    1940 mußtest Du zur Wehrmacht nach Polen und anschließend bis 1941 nach Rußland. Dann gab es wieder eine Hetzwelle auf die Kirche und Jesuiten, und man schickte Dich verdreckt und verlaust als wehrunwürdig nach Hause. Nach einigen Tagen begann Dein Dienst wieder in Saarlouis. Anschließend wurdest Du nach Köln und später nach Frankfurt versetzt.

    Dann war der Krieg endlich vorbei und der Wiederaufbau begann. Es hieß zupacken, denn ein großer Teil Eures Hauses war durch Bomben zerstört worden. Bei Reparaturarbeiten an einem Aufzug hattest Du einen schweren Unfall an den Knien, der Dir bis heute noch zu schaffen macht.

    Weiter ging es dann nach Burg Eringerfeld, wo auch Dein Rheumaleiden begann und sich so ausweitete, daß es für Dich schon so manchesmal unerträglich zu sein schien. Und wieder mußtest Du Stellungswechsel machen. Diesmal ging die Reise nach Ascheberg. Auch hier, wie an den meisten anderen Orten war Deine Aufgabe, für das leibliche Wohl aller zu sorgen. Nach einigen Jahren warst Du schon wieder auf der Wanderschaft und bist hier nach Münster gekommen, was wohl Deine letzte Station sein wird, so daß Du Deinen wohlverdienten Lebensabend hier verbringen kannst."

Nun, den "wohlverdienten Lebensabend" hat sich sein brüderlicher Festredner wohl anders vorgestellt, als Br. Theis ihn gestaltete. Wer seine, seit Mitte der 60er Jahre durch Rheuma stark deformierten Hände sah, glaubte ja nicht, daß er damit noch arbeiten könnte; fünfmal mußte er sich einer Operation an den Füßen unterziehen, um überhaupt gehen zu können. Als im Sommer 1983 noch eine Angina pectoris hinzukam, bat er P. Rektor, ihn vom Amt des Sakristans zu entpflichten; die Arbeit an der Bügelmaschine hat er bis etwa 14 Tage vor seinem Tode geleistet.

Damit ist der äußere Rahmen des Lebens von Br. Theis abgesteckt. Über den Ordensmann Paul Theis, wie er andeutungsweise in seinen Lebenserinnerungen aufleuchtet, wie er aber auch in der Erinnerung seiner Mitbrüder lebt, ist damit noch wenig ausgesagt.

Aus Berichten seines Bruders geht bereits hervor, daß Br. Theis einer schlichten, aber tief religiösen Familie entstammte. Er schreibt selber von sich, daß er immer religiös sehr interessiert war und im kath. Jungmännerverein aktiv mitgemacht hat. Er meint, daß wohl auch seine zwei Tanten, die sich als Benediktinerinnen in Bonn-Endenich befanden, ihm früh den Gedanken eingegeben hätten, auch in einen Orden einzutreten. In der Karwoche 1934 machte er einen Exerzitienkurs mit, den P. Strasser hielt. Auch unser späterer Br. Karl Brühl war dabei. P. Strasser kam in einem Gespräch auch auf Karl Brühl zu sprechen und sagte: "Ja, der will ins Kloster!" Da schoß es Br. Theis durch den Kopf, das willst du doch auch.
Zu einem Gespräch mit Karl Brühl kam es aber nicht mehr, obwohl er ihn gern daraufhin angesprochen hätte. So vergingen noch fast zwei Jahre, "bis Gott buchstäblich eingriff". Paul schreibt darüber: "Während der Silvester-Dankandacht 1935 stand ich hinter der letzten Kirchenbank, als urplötzlich eine Stimme, oder was immer, vom Altar aus kam. 'Nun komm doch' o.ä. Ein ähnliches Erlebnis habe ich nie mehr gehabt; es war auch nicht notwendig. Von diesem Augenblick an war ich meines Berufes gewiß. Diese Sicherheit war so groß, daß ich während meines ganzen Ordenslebens keine Berufszweifel hatte. Als ich am 27. Oktober 1936 das Postulat begann, fühlte ich mich sofort im Orden wohl. Das schließt nicht aus, daß es auch im Noviziat durch Höhen und Tiefen ging. Ich wußte mich immer von Gott gerufen und fühlte mich bei ihm geborgen."

Mitbrüder, die Br. Theis gekannt haben und jetzt die Geschichte seiner Berufung erfahren, dieses 'Nun komm doch', werden bestätigen, daß er dieser Berufung durch ein langes Ordensleben treu geblieben ist, und sie werden wohl auch ahnen, woher Br. Theis die Kraft genommen hat, dem Herrn auf seinem Kreuzweg zu folgen. Ich habe mich immer darüber gewundert, wie freundlich Br. Theis seine verkrüppelten Hände bei einer Begrüßung ausstreckte, sich offenbar nicht genierte, nie über seine Behinderung jammerte, seine Schmerzen verschwieg. Das war echte Kreuzes-Nachfolge.

Eine kleine Rundfrage unter den Mitbrüdern nach seinem Heimgang brachte ein einmütiges Urteil zutage: er war ein liebenswürdiger Mann, freundlich, stets hilfsbereit, anspruchslos und kontaktfreudig.

Eine Kraftquelle für ein solches Leben sollte nicht unerwähnt bleiben, da wir uns selber immer wieder darauf besinnen müssen: es war seine unbedingte Treue in der Verrichtung der geistlichen Übungen. Eine Stunde vor der hl. Messe machte Br. Theis seine Morgenvisite, dann eine Stunde Meditation, dann, dann...

Unauffällig versah Br. Theis seinen Dienst an der Bügelmaschine, bis ihn Mitte März starke Magenschmerzen veranlaßten, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Im Clemens-Hospital entschloß man sich zu einer Operation, da man eine Geschwulst am Zwölffingerdarm festgestellt hatte. Mit einigen Mitbrüdern, die ihn am Sonntag vor der Operation besuchten, konnte er wegen großer Schwäche kaum noch sprechen. Er zeigte nur sein bekanntes Lächeln. Nach der Operation ist er nicht wieder aufgewacht, sondern am Morgen des Festes der Verkündigung des Herrn ist er unter Gebeten des Hausgeistlichen P. Edilbert, still heimgegangen.

Zur Feier der Beisetzung fanden sich wieder viele Verwandte und Freunde aus dem schönen Westerwald ein. Hier könnte man den Beginn der Festtagsrede zu seinem 50. Ordensjubiläum wiederholen, der am Anfang dieses Nekrologes zitiert ist.
Mit dem hl. Hieronymus können wir über diesen Mitbruder sagen:

    "Wir danken Gott, daß Du unser warst und unser bist,
    denn wer immer heimkehrt zum Vater,
    der bleibt in der Gemeinschaft der Gotteskinder."

R.i.p.

Br. Fritz Wellner SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1994 - Mai, S. 97ff