Bruder Heinrich Thissen SJ
22. Januar 1973 in Münster

Zu seinem 80. Geburtstag schrieb Br. Fix den folgenden Lebenslauf: Am 22. 12. 1890 wurde in der Familie Thissen zu Herkenbosch in Holland der 4. Junge geboren. In der Taufe erhielt er den Namen Henricus. Nach ihm kam noch ein Schwesterchen; eine Schwester war noch vor ihm; also 6 Geschwister. Und Br. Thissen sagt, wir waren eine fröhliche Gesellschaft.
1890 - wir sprechen dann oft von der "guten alten Zeit". Ja, es war bestimmt manches einfacher, auch unser Heinrich, in der Jugend und auch später war der Rufname Drickes, hat sich vieles von der Einfachheit bewahrt. Die gute alte Zeit war es auch wohl darum, weil die Menschen einfacher, oder sagen wir auch, bescheidener waren.

    Ein jeder Stand hat seine Liebe, ein jeder Stand hat seine Last.
    Genieße, was dir Gott beschieden, entbehre gern, was du nicht hast.

Das war ein Wort, daß man bei den Alten oft hörte und mit dem man sich einsichtiger als heute abfand.

Der Vater war Landwirt und die Jungen waren Bauernjungen, will sagen, wurden schon früh nach Alter und Kräften an die Arbeit gewöhnt, z. B. schon morgens vor der Schule mußten sie das Vieh auf die Weide führen. Durch die Ähnlichkeit, die er mit seinem Bruder hatte, wurden sie für Zwillinge gehalten, wodurch sich manche drollige Erlebnisse manchmal zum Vorteil, aber auch zum Nachteil ergaben. Jugendzeit: Die Angebote der heutigen Zeit, an die hätte man im Traum nicht gedacht. Und doch waren sie unbekümmerter und auch nicht weniger fröhlich. Man denke nur an Unbegrenztheit des Geländes und andere Ungezwungenheit. Drickes erinnert sich noch, daß sie beim Spiel zusammenprallten und mit dicken Beulen am Kopf heimkamen. Das war aber eben eine Lehre, aber kein großes Unglück. Kostbare Spielsachen kamen nicht in Frage. Ja, und dann die Schule...
Über die derzeitigen Erziehungsmethoden eine kleine Illustration. Drickes hatte einen heißen Kampf mit seinen Kameraden ausgetragen, nicht bis aufs Messer, nein, mit den Klumpen (Holzschuhe). Die Sache kam vor das Gericht des Lehrers. Beide mußten eine Zeitlang mit erhobenen Klumpen vor dem Pult knien. Ein anderes Mal hatte er eine Fehde zu bereinigen. Der Junge hatte zufällig einen Korb mit Eiern, die dabei zu Bruch gingen. Nun war es der Sohn des Freundes seines Vaters. Das Urteil: Eine Tracht Prügel und Dunkelarrest im Keller. Für Strafvollzug war der Papa immer zuständig; Mama war zu gütig. Übrigens, wo 6 Geschwister beisammen sind, ist es auch "artig" oder die Art, daß es auch mal Krach gibt - bis zu harter Form. Das bestätigt auch Br. Thissen; selbst bis zur Waffengewalt der Klumpen, bis der Papa die Abrechnung mit dem Stock machte. Drickes sagt, daß sie die Mädchen immer schonender behandelt hätten.

Wer plaudert schon gerne aus der Schule. Jedenfalls hat unser Drickes alle Hürden der 6klassigen Schule genommen. Mit 15 Jahren kam er nach Roermond zu einem Bäcker in die Lehre. Zu damaliger Zeit hatte das Lied von der Lehrlingszeit sicher noch seine Geltung:
Die Lehrlingszeit, die Lehrlingszeit ist manchmal hart und bitter - Die Arbeit schwer, der Lohn gering, eija, das ist ein böses Ding... Alle Lieder lassen sich nicht aussingen. Er war beim Meister in Kost und Logis Arbeitszeit von 4. 00 Uhr früh bis zum Nachmittag 5. 00 Uhr. - mit 50 Pfennig Sonntagstaschengeld als Kapital.
Bitter und lange Zeit dem Meister nicht vergessen hat er, daß er ihn nicht zur Heimatkirmes gehen ließ. Eine andere Enttäuschung war, - wenn der Lehrling am Dreikönigstag das übliche Geschenk sammeln durfte, hat sich der Meistersohn gerne daran beteiligt.

Klumpen, Fietz (Fahrrad) und Zigarre sind - so sagte man - die dem Holländer eigenen Merkmale. Er selbst gesteht, daß es ihm nach der ersten Zigarre sehr übel wurde, aber "um der Ehre willen" hat er die Schwierigkeiten tapfer überwunden.
Nach der Lehre blieb er noch 1 Jahr in Roermond. Dann half er ein weiteres Jahr im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb. Danach ging er nach Sittard als Bäcker am dortigen Kolleg. Br. Merschen war damals ebenfalls dort sein Meister. Hier entschied sich Drickes Thissen, Jesuitenbruder zu werden. Die einzige Mitwisserin war seine Mutter, die mit Freuden ihre Zustimmung gab.

Von Sittard aus ging er im Jahre 1911 ins Noviziat nach 's Heerenberg. Die deutschen Brüder trugen ein Ordenskleid. Magister war damals P. J. B. Müller, der ein strammes Regiment führte. Einmal muß er ihm so "auf der Seele gekniet haben", daß ihm fast die Tränen kamen. Da klopfte ein Bischof an, das brachte Entspannung. Nach dem Noviziat ging's nach Valkenburg. Br. Kohnle war Küchenchef; er war nicht nur tüchtig, sondern auch ein verständnisvoller Meister. Wenn man die alten Valkenburger hört, dann bekommt man ein Bild, das alles andere als rosig war, z. B. das Pfannkuchen-Backen in der Sommerhitze am glühenden Herd und im Kleid. Moderne Maschinen und sonstige Einrichtungen waren noch Zukunftsträume.

Aber in einem war Br. Thissen modern: im Reisen. Von Valkenburg ging er 1919 nach Aachen, dann 1923 nach Breslau, 1925 nach Mittelsteine, 1926 Breslau, 1934 Beuthen, 1938 Frankfurt, Sankt Georgen, 1941 Essen, 1942 Mariendahl. Zwischendurch mußte er auch für die Nazis kochen, die mit seinen Leistungen sehr zufrieden waren. Trotzdem haben sie ihn in Nürnberg interniert, wo er durch eine Reklamation von Münster aus frei kam.

1947 ist er dann Koch in Bonn, 1949 Koch und Bäcker in Sankt Georgen, 1950 Koch in Koblenz und 1951 Koch in Münster, seit Januar 1956 wieder Bäcker in Sankt Georgen. Hier hat er tagaus-tagein sein Amt versehen, und man hat das Thissenbrot über Sankt Georgen hinaus gelobt und den Festtagskuchen ebenfalls. Besondere Freude machte es ihm, zu Jubiläen eigens verzierte Torten zu fabrizieren. Eine harte Prüfung war für ihn die Augenkrankheit. Nach langer Behandlung konnte wenigstens noch das rechte Auge gerettet werden. Eine weitere Prüfung der Indifferenz war es, als für die Bäckerei die neue Erdgaslieferung die alten Backöfen unbrauchbar machte und der Umbau nicht rentabel erschien. Da war nun im wahrsten Sinne des Wortes "der Ofen aus". Das nachzufühlen ist nicht leicht. Aber unser Drickes fand ein Betätigungsfeld, und das war der Garten, in dem er jetzt Wegemeister ist. Und wir glauben, hoffen und wünschen, daß er seiner Gesundheit sogar zuträglicher ist.

Und jetzt mit wenigen Worten Br. Thissen in der Brüderkommunität:
    1. Er versteht es, in der Reihe zu stehen und mitzumarschieren.
    2. Er kann zuhören. Nex segge, blos oppasse.
    3. Wenn er erzählt, ist es immer originell, so aus früheren Zeiten.
Auch wenn wir ihn mit holländischen Verhältnissen in schalkhafter Weise neckten, konnte er köstlich parieren.

Nun ist das kleine Lesezimmer nicht mehr zur Verfügung. Seit der Zeit wird auch kaum noch Skat gespielt. Und im Skatspiel war Br. Thissen eine Kanone; wenn er sich am Ohr zupfte, war es ein Zeichen, daß er ein gutes Spiel auf der Hand hatte.

R.i.p.

Bruder Josef Fix SJ

Mitteilungen aus der Provinz, Nr. 3, April 1973, S. 27f