P. Heinrich Thurn SJ
* 20. Januar 1914 in Witten
3. Juli 1992 in Koblenz

P. Heinrich Thurn wurde am 20. Januar 1914 in Witten/Ruhr geboren. Da sein Vater Bahnbeamter war, bedeutete dies für die Familie mit acht Kindern einen öfteren Wohnortwechsel. So wurde er 1928 in Duisburg-Wedau gefirmt, und am Quirinus-Gymnasium in Neuss machte er einige Jahre später das Abitur. Danach folgten einige "Wanderjahre": als Student (7 Semester Jura), als Praktikant in einer Maschinenfabrik, als Werkstudent, als Tbc-Kranker. Diese Krankheit zog sich mit verschiedenen Sanatorienaufenthalten über Jahre hin. Sie ersparte ihm allerdings den Soldatenrock. In diesen "Wanderjahren" reifte in ihm der Entschluß, Priester und Jesuit zu werden.

Am 8. Mai 1946 begann P. Thurn in Eringerfeld das Noviziat. Das Philosophiestudium in Pullach dauerte für ihn zwei Jahre. Danach ging er nach Innsbruck zum Theologiestudium. Dort wurde er am 25. Juli 1952 zum Priester geweiht. Nach dem Terziat in Münster (1953/54) wirkte er in Koblenz als Seelsorger und Minister (bis 1959), in Frankfurt/Trutz als Minister und Kaplan (bis 1965), in der Hamburger Residenz Beim Schlump als Minister (bis 1967). Von dort kam er nach Bremen, wo er über 23 Jahre Krankenhausseelsorger im Zentralkrankenhaus an der St. Jürgen-Straße war. In den letzten Jahren wurde er von P. Pfirschke in dieser Arbeit unterstützt. Als die Bremer Residenz aufgelöst wurde, ging er in das Kölner Canisiushaus als Hausspiritual. Sein Wunsch, wieder nach Koblenz als Beichtvater zu gehen, erfüllte sich noch. Doch starb er schon wenige Monate später am 3. Juli 1992.

Ich hatte P. Thurn das erste Mal in Büren kennengelernt, wohin er nach seinen jeweils verhältnismäßig kurzen Aufenthalten in Koblenz, Frankfurt und Hamburg gekommen war, um zu prüfen, ob er hier als Minister gebraucht werden könnte. Das war aber nicht der Fall. So kam er schließlich nach Bremen. Hier lebte ich mit ihm 16 Jahre zusammen. Nach den Jahren des Hin und Her, die ihm innerlich sehr zu schaffen gemacht hatten, fand er in Bremen seinen Wirkungskreis, ja seine Heimat. Nicht zuletzt war das auch ein Verdienst von P. Linde.

Ohne Zweifel waren die Bremer Jahre für P. Thurn eine glückliche Zeit. Hier hatte er eine Tätigkeit gefunden, die seinem Wesen entsprach, in der er sich einbringen konnte. Zum Abschied von Bremen und seiner Arbeit im Zentralkrankenhaus schrieb er in den 'St.-Jürgen-Blättern':

"Im Jahre 1967 wurde ich von meinem Vorgänger, P. Ulrich Schaefer, eingeführt, bekanntgemacht mit der Vielfalt des Angebots: Mich erwartete eine Klinik mit 1.900 Betten und eine gerade neu erstandene St. Jürgen-Kirche. Weiter fand ich ein geräumiges Pfarramt vor und vor allem eine Atmosphäre, die von Freundlichkeit und echter Solidarität bei den Vertretern der evangelischen Krankenseelsorge geprägt war. Ich machte die ermutigende Erfahrung, daß ich in einem Kreis von ehrenamtlichen Besuchsdamen eine wertvolle Hilfe für meine Arbeit vorfand, die jede Woche mit Schriften und Informationen auf die jeweiligen Stationen gingen. Der berufsmäßige Umgang mit Kranken, die kontinuierliche Begleitung in ihren leidvollen Situationen, erwies sich als eine sehr komplexe Begegnung mit Menschen aller Kategorien: leidenden, geschlagenen, verzweifelten, aber auch mutigen, tapferen, von Hoffnung und Glauben bestimmten, gefaßt dem unvermeidlichen Kommenden entgegensehenden Menschen, ein Lernprozeß im Spannungsfeld von Leben und Vergehen, Leiden und Hoffnung, Abschied und Neubeginnen. Gerne erwähne ich die großartige Zusammenarbeit mit den evangelischen Pastoren und Damen des evangelischen Pfarramts. Ich vergesse nicht die gemeinsamen Gottesdienste, geistliche Abendmusiken, die Ungezwungenheit kleiner Feiern im engen Kreis, die konkrete Ökumene vor Ort im Krankenhaus. Eine Erinnerung, die nur in Gedanken verweilte bei dem 'was war', wäre doch unvollständig, wenn nicht Zeitverschwendung, wenn ich nicht über alles menschliche Tun hinaus sprechen könnte: 'Danket dem Herrn, denn er ist gut - ewig wäret sein Erbarmen'. Auch im unbegreiflichen Leid ist sein Heil nahe! Dank auch allen, die mir bei- und nahestanden, für alles - mit der Bitte um Nachsicht für alles Nicht-Geglückte!"

In diesem 'Abschiedsbrief' läßt P. Thurn uns ein wenig in sein Inneres schauen, in 'seine Welt', in der er lebte und sich wohl fühlte. Ungezählten Menschen wurde er mit seiner vornehmen, unaufdringlichen und zurückhaltenden Art ein Begleiter und Helfer in der Not - nicht nur an den Krankenbetten, sondern auch als Beichtvater in St. Johann, wo er jeden Samstag zwei Stunden im Beichtstuhl verbrachte. In einem Brief an mich heißt es darüber: "Für uns ist die Betreuung unserer Mutter in ihren letzten Tagen und Wochen besonders in Erinnerung. Wie vorsichtig versuchte er, unseren Schmerz in Frieden zu wandeln, um den christlichen Sinn des Heimganges zu begreifen." Das Vertrauen, das so viele ihm entgegenbrachten, gab P. Thurn dann auch den Mut, sich zu öffnen und Vertrauen zu schenken; die Angst zu überwinden, kein Gehör zu finden oder ignoriert und fertiggemacht zu werden. Dann wagte er sich aus der schützenden Verschlossenheit heraus und zeigte eine Herzlichkeit und Fröhlichkeit, die man bei ihm nicht vermutete.

Einer, von denen P. Thurn sich verstanden fühlte und der ihn verstand, war der evangelische Krankenhausseelsorger Pastor Marquardt. In einer treffenden Weise hat er in einem Brief an die Schwester ein Bild von P. Thurn gezeichnet, das gültig ist. In diesem Brief heißt es:

"Ich möchte Ihnen ein wenig von Ihrem Bruder erzählen, mit dem ich so viele Jahre verbunden, viel mehr noch: vertraut war, soweit man mit einem mönchischen Menschen überhaupt vertraut sein kann. Diese Einschränkung ist wichtig, weil natürlich auch ich immer wieder spürte, daß "Bruder Thurn", wie ich ihn nannte, durchaus seine Einsamkeiten hatte, zu denen niemand außer ihm selbst Zutritt hatte. Das ließ ihn nach außen hin wieder besonders autonom, souverän erscheinen, wie er überhaupt ein ausstrahlender Mensch war, ein Mann von hoher Kultur und großer Gedankenkraft. Ein ebenso sensibler, feinsinniger, einfühlsamer wie geistiger Mensch, mitunter von geradezu geistiger Strenge und lebensgeübter Selbstdisziplin. Dazu gesellte sich zunehmend eine echte Begabung zur Güte und Toleranz, die er besonders in den letzten Jahren für andere in sich entdeckte und zum Vorschein brachte. Selbst sehr verletzlich, konnte sein Herz nicht verhärten, und in seinen Selbstzweifeln, die ihn immer befielen, spiegelte sich nur eine um so festere Glaubensgewißheit in den Gott seines Lebens. Er litt darunter, daß er sich in entscheidenden Augenblicken, Zeiten, Jahren seines Lebens im nachhinein als fremdbestimmt erleben mußte, und daß bestimmte Weichenstellungen in seinem Leben (in einem tieferen Sinn) wie 'ohne ihn' erfolgt waren, was ihn jetzt mit Trauer erfüllte. Ein zeitlich längeres und intensiveres Zusammensein mit seinem ältesten Bruder, dem Psychoanalytiker, hatte ihn wohl dafür sensibel und nachdenklich gemacht. Große Schwierigkeiten bereitete noch dem alten Mann das 'einseitige und falsche Frauenbild', wie es ihm, wie er selbst sagte, 'durch die Jesuiten vermittelt' worden war. Es war ihm wichtig, den Frauen, gerade auch in der Seelsorge, vorurteils-, wertungsfreier begegnen zu können. Er konnte sich sogar eingestehen, daß er selber gerne eine Familie gehabt hätte, und er war zunehmend doch sehr allein. Jeden Abend, oft bis spät in die Nacht saß er in seinem Zimmer im Krankenhauspfarramt. Dort haben dann wir auch immer wieder lange Gespräche miteinander gehabt. Mit ihm konnte man über alles reden, nichts mußte ausgespart werden, und er gab gerne weiter, was er in einem langen kontemplativen Leben, bei allem Widerstreit, an Erfahrungen und tiefen Einsichten verinnerlicht hatte. Dabei blieb er selber immer ein Fragender und bis zuletzt ein Lernender.

Um Ihren Bruder besser zu verstehen, darf eine wichtige Eigenheit nicht unerwähnt bleiben. Ihren Bruder gab es eigentlich zweimal. Da war der besonders liebenswert heitere, humorvolle, lebensfrohe, aber auch in sich gekehrte und mit Skrupeln und Selbstzweifeln bis hin zur Melancholie behaftete Heinrich Thurn, mit dem man, wie gesagt, über alles sprechen konnte, ohne je ein Wort auf die Goldwaage legen oder irgendetwas unausgesprochen lassen zu müssen; mit dem man 'streiten', den man aber auch spontan in die Arme nehmen und der selber seine Gefühle zeigen konnte. Mit diesem 'Bruder Thurn' konnte man auch herrliche Feste feiern, was wir einmal im Jahr auch im Haus der Jesuiten ausgiebig taten. Oder auch unsere sogenannten 'Betriebsausflüge' mit dem ganzen Krankenhauspfarramt, evangelisch und katholisch, unvergeßliche Tage und Stunden in der Erinnerung, auch an Ihren Bruder. Übrigens, bei einem der Hausfeste im Haus der Jesuiten am Schwachhauser Ring durften wir, meine Frau und ich, auch in seinen Privatbereich vordringen und sein Zimmer sehen, was wir als eine besondere Ehre ansahen und natürlich als einen besonderen Vertrauensbeweis.

Daneben existierte der ernst und dogmatisch wie eingeengte 'Priester' Thurn, mit dem nicht viel anzufangen war, weil er in dieser Rolle wenig oder kaum zugänglich war. Obgleich er gerade auch in dieser Hinsicht in den letzten Jahren erstaunlich beweglich wurde, fast gar bis zur Rebellion, d.h. er traute sich zunehmend auch sehr eigenständige, ich glaube für ihn sehr mutige, theologische Einsichten zu und konnte sie auch mit Überzeugung nach außen hin vertreten. Ich denke, daß Ihr Bruder, intelligent genug war er ja dazu, mit dieser vollzogenen 'Spaltung' seine Identität als 'absolut einmaliger und in dieser Einmaligkeit unverwechselbarer und von seinem Schöpfer so gewollter Mensch' (das war ihm sehr wichtig!) durch sein ganzes Leben hindurch 'gerettet' hat.

Als Mann von Kultur war Ihr Bruder auch ein wirklich sinnenfreudiger Mensch. So genoß er es auf besondere Weise, gut zu essen und zu trinken. Er rauchte auch gerne eine gute Zigarre. Um so mehr hat er mit seinem Gott gehadert, als ihm vor Jahren bei einem Sturz auf den Hinterkopf auch noch der Geruchs- und Geschmacksinn unwiederbringlich genommen wurden. ...

Zum Schluß noch 'stellvertretend' drei kleine Begebenheiten, die für mich und meine Familie besonderen Erinnerungswert haben. Zum Beispiel die Taufe unseres behinderten Sohnes, der mit 12 Jahren selbst den Wunsch hatte, getauft zu werden. Bruder Thurn war selbstverständlich eingeladen, wollte aber ausdrücklich im Hintergrund bleiben und stand auch während der ganzen Feier wirklich im Hintergrund. Nach der Tauffeier löste er sich gewissermaßen aus seinem Stehschatten heraus, ging auf Lutz zu, segnete ihn und nahm ihn in die Arme. Lutz wird das nie vergessen!

Oder einmal - er wußte, daß unser Lutz Lkw's bewunderte - schenkte er ihm einen kleinen Plastik-Lkw, der mit einem Sahnebonbon beladen war und die Aufschrift 'Spedition Lutz Marquardt' trug.

1983/84 bauten wir ein Reihenhaus. Nach Fertigstellung bat ich Bruder Thurn, unser Haus zu weihen. Es war mir irgendwie wichtig (obwohl Protestanten ihre Häuser ja nicht weihen), und vor allem, daß er es war, der unser Haus weihte. Es ist bis heute ein gutes Wissen, daß er unserem Haus den Segen gab. Im Anschluß an die Zeremonie, die durch alle Räume des Hauses führte, bis unters Dach, gab's ein Festmahl, und wir haben wieder einmal wunderbar getafelt und gefeiert."

Wer lange Jahre zusammen mit P. Thurn gelebt und ihn etwas näher gekannt hat, wird dieser Sicht zustimmen. Der Brief ist ein Beispiel auch für gelebte Ökumene - über alle Verschiedenheiten im einzelnen hinweg. P. Thurn hat in seiner Arbeit als Krankenhausseelsorger in Bremen für ein Klima des Verstehens und Vertrauens gewirkt. Er hat Ökumene gelebt, nicht nur darüber geredet. Wo er spürte, daß ihm Vertrauen entgegengebracht wurde, und das war in Bremen der Fall, da blühte er auf, da öffnete er sich. Deswegen konnte er hier für so viele Menschen Helfer und Begleiter in ihren Fragen und Nöten werden.

R.i.p.

P. Alois Koch SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1993 - Oktober, S. 139-142