P. Hermann Josef Wallraff SJ
* 13. Oktober 1913 in Frauwüllesheim/Rhld.
27. August 1995 in Münster

P. Hermann Josef Wallraff wurde am 13. Oktober 1913 in Frauwüllesheim, also im Raum Köln - Aachen, geboren. Er hatte noch vier Geschwister, einen älteren Bruder, Arnold, sowie drei Schwestern, Maria, Elisabeth und Gertrud. Letztere ist 1972 gestorben, mit seinen beiden anderen Schwestern hat P. Wallraff bis an sein Lebensende enge und herzliche Beziehungen gepflegt.

Hermann Josef besuchte von 1920 bis 1928 die Volksschule, die ersten sechs Jahre in Frauwüllesheim, die beiden letzten Jahre in Düren. Von 1928 an erlernte Hermann Josef in der väterlichen Werkstatt das Schneiderhandwerk.
Er besuchte gleichzeitig die Berufsschule in Düren und bereitete sich auf die Gesellenprüfung vor, die er 1931 ablegte. Auch in den folgenden Jahren, bis 1935, arbeitete Hermann Josef in der väterlichen Werkstatt.

In diesen Jahren spürte der hochbegabte Zwanzigjährige, daß er nicht sein ganzes vor ihm liegendes Leben auf der Schneiderbank verbringen solle. Er absolvierte deshalb von 1935 bis 1937 ein Fernstudium und erlernte die lateinische und die griechische Sprache. Es ärgerte ihn, daß er nicht auch im Französischen seinen Nachholbedarf stillen konnte. Der örtliche Pfarrer, Pastor Wessel, war dem lernbegierigen Schneidergesellen beim Erlernen der alten Sprachen behilflich. 1937 meldete sich Hermann Josef zur Aufnahmeprüfung für das "Stiftische Gymnasium" in Düren. Er bestand die Prüfung mit Bravour und wurde sogleich in die Prima eingegliedert. In allen Fächern kam er ohne Schwierigkeiten zurecht. Lediglich im Fach Sport (damals "Wehrertüchtigung" genannt) ging es nicht so gut, bis daß dann ein denkwürdiger Boxkampf, in dem der ehrgeizige Primaner nach einigen blutigen Blessuren doch noch Sieger wurde, dazu führte, daß auch hier eine gute Note im Zeugnis erteilt wurde. Die Abiturprüfung fand am 5. März 1938 statt. Hermann Josef bekam ein Zeugnis ausgehändigt, das mit dem Satz endet: "Er hat die Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden."

Der inzwischen 25jährige Hermann Josef Wallraff hatte sich bisweilen mit dem Gedanken getragen, Chemie zu studieren. Er entschied sich dann aber doch, dem Ruf des Herrn zu folgen und in die Gesellschaft Jesu einzutreten. Diese Entscheidung war seit langem in Hermann Josef gereift. Unterstützung dafür hatte er vor allem durch seine Mutter gefunden, mit der er viele Gespräche geführt hatte und die er auch später immer sehr geliebt und verehrt hat. Sein Vater hätte ihn lieber als seinen Nachfolger in der Führung des Geschäftes gesehen. Mit Pastor Wessel ging er nüchtern alle Fragen durch, die sich im Blick auf einen Ordenseintritt stellten. Dazu wird gehört haben, daß es in Frauwüllesheim nicht unbemerkt geblieben war, daß Hermann Josef auf der Kirmes und auch sonst gern das Tanzbein geschwungen hatte und als Tänzer begehrt war.

Am 22. April 1938 trat er in das Noviziat der Gesellschaft Jesu in Hochelten ein. P. Wilhelm Flosdorf war sein Novizenmeister. Es dauerte nicht lange, bis der Novize Hermann Josef Wallraff zur Wehrmacht einberufen wurde. Zunächst wurde er für einige Wochen in die Sanitätskompanie geschickt. Dann kehrte er ins Noviziat zurück. Er wurde ein zweites Mal eingezogen. Es war ihm wichtig, nun in der Infanterie eingesetzt zu werden. "Wenn ich schon Soldat sein sollte, dann wollte ich es auch richtig sein", so konnte er später formulieren. Er wurde in die Kriegshandlungen mit den Franzosen verwickelt - im Saarland. Am frühen Morgen des Ostersonntags 1940 (am 24. März) traf ihn aus wenigen Metern Entfernung ein Schuß durch den rechten Oberschenkel. Ein Knochenstück von etwa 8 cm Länge wurde aus dem Oberschenkel herausgeschossen. Der schwerverwundete Soldat Wallraff, der das Ordenskreuz, das ihm am Beginn des Noviziates übergeben worden war, unter der Uniform mit Bändern auf seiner Brust festgeschnürt trug, wurde ins Brüderkrankenhaus in Trier eingeliefert. Dort konnten ihn Mitbrüder wie P. Rodewyk am Krankenbett besuchen. Ein Jahr und drei Tage lang lag er in einem Gipskorsett. Diese Therapie führte zum Erfolg: die beiden Knochenenden sind wieder zusammengewachsen, - um den Preis, daß das rechte Bein verkürzt blieb. Mit dem Eisernen Kreuz auf dem Kragen legte der Novize Wallraff im Krankenhaus in Trier seine Ersten Gelübde ab. (Ob er sich dabei an den Ordensvater Ignatius erinnerte, dessen geistlicher Weg ja auch mit der Zertrümmerung eines Beines begonnen hatte?)

Als das Trierer Brüderkrankenhaus aufgelöst wurde, wurde Hermann Josef Wallraff mit einem Lazarettzug nach München transportiert. Er wurde ins Krankenhaus in Nymphenburg eingeliefert. Schon während der letzten Phase des Krankenhausaufenthaltes begann der Scholastiker Wallraff mit seinem Philosophiestudium. Ein Zimmer in der Veterinärstraße in der unmittelbaren Nähe der Universität stand ihm zur Verfügung. So konnte er einige Philosophievorlesungen an der Münchener Universität besuchen. Er war dort vom 12. September 1940 bis zum 24. April 1943 immatrikuliert. Doch nach der definitiven Entlassung aus dem Krankenhaus (gegen Anfang April 1941) siedelte er nach Pullach um. Dort nahm er in geordneter Weise - soweit das damals möglich war - das Studium des scholastischen Philosophiekurses auf. Zu seinen Lehrern gehörte z.B. P. Josef de Vries. Am 14. September 1941 wurde Frater Wallraff in Pullach eingeschrieben. Im Juli 1943 legte er die Schlußprüfung in Philosophie ab.

Zum Wintersemester 1943/44 war Frater Wallraff in Sankt Georgen als Student der Theologie immatrikuliert. Er hörte Vorlesungen bei P. von Nell-Breuning, P. Loosen, P. Koffler u.a. Nach kurzer Zeit hieß es, Sankt Georgen zu verlassen. Die Kriegswirren machten dies notwendig. Hermann Josef Wallraff kam nun zum zweiten Mal nach Trier. Von Anfang Mai 1944 bis zum Kriegsende blieb er mit einigen anderen Scholastikern und mit einigen Professoren dort. So gut es ging, widmete man sich dem Theologiestudium. P. Beumer, P. Rodewyk, P. Keller u.a. hielten die Vorlesungen. In diese Zeit fällt nun auch die Priesterweihe: Frater Wallraff empfing sie durch Weihbischof Heinrich Metzroth am 27. August 1944. Nur wenige Wochen vorher war er zum Subdiakon und zum Diakon geweiht worden. Gleich nach dem Krieg sammelten sich die Scholastiker in Büren bei Paderborn. Sie setzten ihre Theologiestudien fort. P. Wallraff beendete sie 1947.

Danach nahm P. Wallraff ein Studium der Nationalökonomie an der Universität Köln auf. Am 31. Juli 1952 wurde er von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln zum "Dr. rer. pol." promoviert. Die Gesamtnote lautete "Sehr gut". Während der Kölner Studienjahre bereitete sich P. Wallraff auch auf die Lizentiatsprüfung in Theologie vor. Er legte sie in Sankt Georgen am 23. August 1951 ab.

Von 1952 an lebte und wirkte P. Wallraff in Sankt Georgen. Seit 1953 war er Dozent für Gesellschafts- und Wirtschaftslehre an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. Er folgte damit P. von Nell-Breuning nach. Am 15. Februar 1964 ernannte Bischof Wilhelm Kempf P. Wallraff zum "Ordentlichen Professor der Gesellschafts- und Wirtschaftslehre". 1982 wurde P. Wallraff emeritiert.

P. Wallraff hat in den ersten Jahren seiner Sankt Georgener Tätigkeit immer auch als Gastdozent das Berchmanskolleg in Pullach aufgesucht. Im Laufe der Jahre ergab sich für P. Wallraff eine ausgedehnte Vortragstätigkeit und eine regelmäßige Mitarbeit in mehreren staatlichen und kirchlichen Gremien. Er gehörte lange Jahre hindurch den Wissenschaftlichen Beiräten des Postministeriums und des Wirtschaftsministeriums an. Er kam regelmäßig mit hohen Persönlichkeiten aus dem Bereich der Wirtschaft, der Gewerkschaften und der Parteien in Kontakt. Er war ein gesuchter Redner. Sein vielfältiges Mitarbeiten in politischen und in sonstigen Institutionen hatte zur Folge, daß P. Wallraff auf schriftstellerische Arbeit weitgehend verzichten mußte.

Mehrere Jahre hindurch - ab 1959 - hatte P. Wallraff die Aufgabe des Studienpräfekten im Priesterseminar in Sankt Georgen inne. P. Ostermann, der Provinzial der damaligen Westprovinz, holte P. Wallraff in den Provinzkonsult.

In den späteren Jahren fühlte sich P. Wallraff nicht selten gesundheitlich geschwächt. Nach und nach mußte er die Mitgliedschaften in den öffentlichen Gremien aufgeben. Am 23. Juni 1994 verließ P. Wallraff Sankt Georgen, um im Altenheim der Norddeutschen Provinz in Haus Sentmaring in Münster seine letzte Lebenszeit zu verbringen. Fünfzig Jahre zuvor hatte er Sankt Georgen erstmals betreten und sein Leben dort weitgehend verbracht. P. Wallraff gehörte zu der beständigsten Gruppe von Jesuiten in Sankt Georgen.

P. Wallraff ist am 27. August 1995 gestorben. Dieser Tag hatte für ihn eine große Bedeutung. Denn jeweils am 27. August jährte sich der Tag seiner Priesterweihe. Ein Jahr zuvor hatte er sein goldenes Weihejubiläum begehen können.

P. Wallraff hat seine Zugehörigkeit zur Gesellschaft Jesu und sein Priestersein immer sehr ernstgenommen. Er hatte seine menschliche und geistliche Heimat im Orden. Bis in die hohen Lebensjahre hinein nahm P. Wallraff selbstverständlich an allem teil, was die Kommunität tat und was sie bewegte. Sein Priestersein brachte er vor allem durch die tägliche Eucharistiefeier zum Ausdruck. An ihr hielt er mit letzter Zähigkeit fest. Wenn er in Sankt Georgen war, feierte er in aller Frühe in einem Oratorium seine stille Messe. Er besaß aber auch ein kleines Köfferchen mit allen Utensilien, die man für die Meßliturgie braucht. In manchem Hotelzimmer hat er während seiner Reisen in aller Einfachheit die heilige Messe gefeiert. Mit ebensolcher Verläßlichkeit hat P. Wallraff das Stundengebet verrichtet. So war er im Orden und in der Kirche fest verwurzelt.

Gerade dies machte ihn frei, in seinen wissenschaftlichen und öffentlichen Tätigkeiten bemerkenswert weltlich zu denken und zu sprechen. In der Wirtschaftslehre und in der Soziallehre, die seine Arbeitsbereiche waren, legte er auf die Rationalität der Argumente größten Wert. Er konnte sich mit der Auffassung nie anfreunden, die Lehre der Kirche führe in den genannten Bereichen zu einer eigenen christlichen Inhaltlichkeit. Skeptisch theologischen Vorgaben gegenüber, vertrat er die Auffassung, nicht nur die allgemeine Wirtschafts- und Gesellschaftslehre, sondern speziell auch die Katholische Soziallehre, die er zu vertreten beabsichtigte, sei nur als ein "Gefüge offener Sätze" möglich. Sofern er "außer Haus" war - und dies war in früheren Jahren und Jahrzehnten sehr häufig der Fall -, bewegte er sich vorwiegend unter ökonomisch und politisch verantwortlichen Persönlichkeiten, also im außerkirchlichen Bereich. An deren Denk- und Sprachspielen beteiligte er sich. Dort versuchte er, seine ökonomischen, politischen, ethischen Einsichten zur Geltung zu bringen. Dabei hatte er das Leitbild einer gerechten Ordnung vor Augen. Soziale Gesichtspunkte waren ihm, dem ehemaligen Handwerker, wichtig. Gab es eine Brücke zwischen dem, was er als Kirchen- und Ordensmann lebte, einerseits und dem, was er im öffentlichen Raum dachte und redete, andererseits? Diese Frage ist schwer von außen her zu beantworten. Wie sie sich in seinem Denken und Empfinden dargestellt haben mag, ist sein Geheimnis geblieben. Aber daß es da eine geheime Verbindungslinie gab, dokumentierte er selbst immerzu offen sichtbar dadurch, daß er auch in den profansten Milieus seine priesterliche Kleidung nicht ablegte. Es sollte an seiner Herkunft und Verwurzelung kein Zweifel aufkommen.

P. Wallraff hatte lebenslang aber auch noch andere Wurzeln. Dabei ist vor allem an die Heimat und an den Kreis der Geschwister und Verwandten zu denken. In seiner Heimat verlebte er am liebsten seine Erholungszeiten. Und alle wußten, wo diese Heimat lag: irgendwo zwischen Köln und Aachen und der Eifel. Die katholischen Traditionen dieses Raumes hatte er tief verinnerlicht, und so lenkte ihn immerzu ein unbeirrbarer katholischer Instinkt, von dem er auch mit einem verschmitzten Lächeln sprechen konnte. Als P. Wallraff im Juni 1994 von Sankt Georgen nach Münster umsiedelte, war es ihm wichtig, die Reise von Frankfurt nach Münster durch das Rheinland machen zu können. Er wollte noch einmal den heimatlichen Boden betreten, noch einmal die Gräber der Eltern aufsuchen, noch einmal die Häuser und Zimmer, in denen er seine Jugend verbracht hatte, sehen, und von allem Abschied nehmen.

P. Wallraff ist uns als ein Mann in Erinnerung, der ab und zu kräftig schimpfen, ja fluchen konnte. Er konnte zornig und mürrisch sein. Das konnten zum Beispiel die Spaziergänger im Sankt Georgener Park erleben, wenn sie P. Wallraff dort mit Sägen und Hacken und Scheren am Werk sahen. Er betonte oft seine männliche Überlegenheit über die Welt der Gefühle. In Wahrheit aber waren diese Seiten nur die Hälfte seines Wesens. Sein Inneres kannte die Gefühle sehr wohl. Er pflegte seine sinnliche Frömmigkeit, er lebte seine herzliche Anhänglichkeit an Heimat und Familie, er war verletzlich, wenn man ihm zu nahe trat. P. Wallraff verfügte über viele Fähigkeiten und Begabungen. Er war fleißig und nahm seine Aufgaben ernst. In aller Nüchternheit hat P. Wallraff auch seine Grenzen angenommen. Dazu gehört auch, daß er wußte, daß er wohl aus dem Schatten des nur einige Zimmer von ihm entfernt wohnenden außergewöhnlichen P. Oswald von Nell Breuning nie werde heraustreten können.

So bleibt uns P. Wallraff als eine profilierte, eine markante Jesuitenpersönlichkeit in Erinnerung. Noch am Vortag seines Todes hat er an der heiligen Messe teilgenommen. So dürfen wir hoffen, daß er für die Begegnung mit seinem Herrn gut gerüstet war.
Auf dem Friedhof von Haus Sentmaring ist er bestattet worden.

R.i.p.

P. Werner Löser SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1995 - Dezember, S.218-21