Bruder Nikolaus Warken SJ
11. Mai 1975 in Münster

Als Br. Warken am 11, Mai 1975 nach 2 Jahre langem Warten in Münster die Augen für diese Welt schloß, bedeutete das für ihn eine Erlösung; der Tod kam als Freund zu ihm; er hatte darauf gewartet. "Es ist nicht schön, alt zu sein", hatte er mir bei einem meiner letzten Besuche gesagt. Für ihn war das Ordensleben ununterbrochener, unermüdlicher tätiger Dienst gewesen. Untätig daliegen zu müssen, anderen Arbeit zu machen, sich nicht selbst helfen zu können, war für ihn ein kaum erträglicher Zustand.

Geboren wurde er am 21. Mai 1889 in Saarwelligen. Von seinen 85 Lebensjahren hatte er knapp 55 im Orden verbracht, genau genommen müßte man sagen: fast 56 Jahre. Br. Warken war nämlich zweimal in die Gesellschaft eingetreten: Das erste Mal mit 24, das zweite Mal mit 31 Jahren. 1913 war er in Metz als Postulant in die Champagner Provinz eingetreten, mußte aber 1914 als deutscher Soldat in den Krieg ziehen. Als er nach dem Krieg in das Noviziat in Metz zurück wollte, riet ihm der französische Provinzial, in die deutsche Provinz einzutreten. So meldete er sich 1920 beim Provinzial P. Kösters in der sicheren Erwartung, nun gleich das Noviziat beginnen zu können. Doch dann geschah das, was Br. Warken bis zuletzt nicht verstehen konnte: Er mußte ganz von vorn beginnen und das Postulat noch einmal machen.

Daß ihm dies bis ins hohe Alter hinein zu schaffen machte, deutet auf einen hervorstechenden Zug seines Charakters: Seine unbestechliche Geradheit, die bisweilen allerdings zu eingleisiger Geradlinigkeit führen konnte. Nun darf man nicht meinen, er sei deshalb ein starrer, harter Typ gewesen. Davor bewahrte ihn ein zweiter unübersehbarer Charakterzug, der den ersten vorteilhaft ergänzte: Eine Art verschmitzter, listiger Schläue.

Beide Charakterzüge werden durch eine Reihe bezeichnender Anekdoten illustriert.
Eines Tages wollte Br. Warken, der geborene Saarländer, genau wissen, wo die Saar in die Mosel mündet. Er schlug im Lexikon für Theologie und Kirche nach. Als er dort seine Frage nicht beantwortet fand, erklärte er kurzerhand, das Lexikon tauge nichts.
Ein andermal las er in einem Heft der "Katholischen Missionen" einen kurzen Artikel, den ein Pater des Hauses geschrieben hatte. Als er hörte, daß der Pater etwa einen Monat gebraucht hatte, um diesen Bericht zu erarbeiten, zählte er die Zeilen und kam zu der ihm unverständlichen Feststellung, daß der Verfasser für jede Zeile wenigstens einen Tag gebraucht habe.

Bis in sein hohes Alter, als die Beine ihn schon fast nicht mehr trugen, versah Br. Warken den Dienst im Refektor. Das tat er nach unabänderlicher Ordnung und festem Ritus: um 9 Uhr sollte das Frühstück zu Ende sein. So erschien er punkt 9 Uhr, um abzuräumen und den Mittagstisch zu decken. Wenn dann zufällig noch einer verspätet frühstückte, setzte sich Br. Warken, schon mit der Arbeitsschürze bekleidet, an das eine Ende des Tisches und schaute dem Frühstückenden solange schweigend zu, bis es diesem ungemütlich wurde und er das Feld räumte.

Berühmt wurde auch die Geschichte, wie er den Besuch seiner Verwandten von der Saar "gestaltete". - Sie kamen an einem Sonntag und hatten offensichtlich vor, den Tag mit ihrem Onkel Nikla, den sie sehr liebten, zu verbringen. (Zu seiner Beerdigung in Münster waren sie zahlreich, Geschwister, Neffen und Nichten, in einem Bus erschienen.) Br. Warken setzte ihnen eine Flasche Sprudel vor, unterhielt sich eine Weile mit ihnen und erklärte ihnen kurzerhand: "So, nun haben wir uns wiedergesehen; nun könnt ihr wieder heimfahren; ich habe jetzt zu tun."

Wollte man jedoch annehmen, durch solche Anekdoten sei sein ganzes Wesen beschrieben, so hätte man ein unvollständiges, ja unwahrhaftiges Bild von ihm. Er war ein ernster Religiose, ein eifriger, wenn auch sehr einfacher Beter. Beeindruckend war die Anspruchslosigkeit seiner Lebensführung, vorbildlich die schon erwähnte Treue und Zuverlässigkeit im Dienst für die Mitbrüder.

Diesen Dienst versah er nach dem Noviziat in 'sHeerenberg als Mitverantwortlicher für die Reinigung des Hauses und als Kellermeister in Valkenburg (1922-1927). Hierhin kehrte er nach einjährigem Zwischenaufenthalt in Düsseldorf wieder zurück und tat den gleichen Dienst bis zur Vertreibung durch die Nazis im Jahre 1942. Nach kurzem Aufenthalt in Aachen kam er nach Hannover. Dort wurde er gegen Kriegsende noch zum Volkssturm eingezogen und leistete zusammen mit dem späteren Arbeitsminister Anton Storch Hilfsdienste in der Stadt. Nach Kriegsende half er P. Brockmöller beim Wiederaufbau des Friedrich-Spee-Hauses.

1950 war er in Büren als Heizer tätig und kam 1951 nach Bonn. Hier arbeitete er 22 Jahre lang, bis er, altersschwach, im Juni 1973 bereitwillig nach Münster übersiedelte, wo er noch fast 2 Jahre auf seine ersehnte Erlösung warten mußte.

In unserer Erinnerung lebt er als der "gute und getreue Diener", dem wir alle großen Dank schulden.

R.i.p.

P. Alois Stein SJ

Aus der Provinz, Nr. 1 - Februar 1976, S. 4f