Bruder Peter Weber SJ
5. November 1988 in Münster

Wenn ich mich anschicke, einen Nachruf für Br. Peter Weber zu schreiben, dann stelle ich mir vor, wie er durch ein Himmelsfenster lugt und sich vergnügt die Hände reibt, zu einem Engelchen sagt: "den habe ich mal wieder reingelegt!". Die Ursache für ein so himmlisches Vergnügen mag es für Br. Weber sein, daß sich in seinem Nachlaß auch nicht eine Zeile fand, die ein Nekrologschreiber hätte auswerten können. Damit kommen wir schon gleich zu einem typischen Charakterzug von Br. Weber: sich selber nicht so wichtig zu nehmen. (Aber warte nur, ich habe dich noch in guter Erinnerung!) Br. Weber wäre intelligent genug gewesen, seine Memoiren selber zu schreiben. Das wäre auch gewiß eine interessante Lektüre geworden, hat er doch offenen Blicks eine bewegte Zeitepoche erlebt.

Geboren wurde Peter Weber am 4. Mai 1905 in Porz-Urbach, auf der anderen Rheinseite von Köln. Sein Vater war Stellmacher, und Sohn Peter erlernte das Schreinerhandwerk. Nach einigen Gesellenjahren klopfte er 1929 als 24jähriger in s'Heerenberg an die Noviziatspforte. Auslöser dieses Entschlusses war sicher die Jugendarbeit in der Gemeinde wie auch die Erziehung in einem treu-katholischen Elternhaus. Im Noviziat bekam er es mit seinem Kölner Landsmann, P. Heinrich Schmitz, zu tun, dessen Strenge von Br. Weber wohl nicht immer ganz ernst genommen wurde. Jedenfalls hat er diese Zeit schadlos überstanden, und wir finden ihn bereits 1931 als Gehilfen von Br. Schneider in der Schreinerei von Bad Godesberg. Diese ersten Gesellenjahre im Orden haben ihm offenbar viel Freude gemacht, denn er hat später gern davon erzählt.

Von 1933 bis zu seiner Einberufung zum Wehrdienst arbeitete er in der damals noch kleinen Schreinerei von Sankt Georgen. Darüber hinaus war er Einkäufer und als solcher viel mit einem Dreirad in der Stadt; Parkprobleme kannte Frankfurt damals noch nicht. In dieser Zeit traf er auch erstmals mit seinem späteren Nekrologschreiber zusammen, wenn er nach jedem Einkauf eine pfenniggenaue Abrechnung vorlegte. Die Zeit seines Wehrdienstes hat er auch problemlos gemeistert. Er wurde in Frankreich Fahrer eines Flugplatz-Kommandanten, eines Hauptmannes, der im Zivilberuf evangelischer Pastor war. Dieser freute sich, im Gefreiten Weber nicht nur einen zuverlässigen Fahrer zu haben, sondern auch jemandem, dem er seine persönlichen Probleme anvertrauen konnte. Die Stellung des Gefreiten Weber erlaubte es ihm, sich von der Luftwaffe in Urlaub bringen zu lassen, während sich gemeine Soldaten vollbesetzten Zügen anvertrauen mußten. So hatte er im Krieg noch keine Schramme davongetragen, als ihn 1941 die Entlassung aufgrund des Führerbefehls erreichte sehr zum Leidwesen seines Hauptmannes.

Inzwischen hatte sich in der Heimat auch einiges ereignet, und P. Provinzial war darauf bedacht, die Heimkehrer zu dezentralisieren. Da Br. Weber seine Fahrtüchtigkeit unter Beweis gestellt hatte, wurde er Fahrer von Erzbischof Jaeger in Paderborn. Dazu gehörte auch die Funktion eines 'Dieners' bei offiziellen Auftritten und die Dienste eines Hausmeisters im Bischofshaus.

So kam Br. Weber auch ungeschoren über die letzten Kriegsjahre, und als Erzbischof Jaeger wieder andere Helfer fand, ging er zunächst in seine Heimat, um seinen Angehörigen bei Wiederaufbauarbeiten zu helfen. Bald gesellte er sich aber zu den Brüdern, die das Canisiushaus in Köln wieder in Ordnung brachten.

Beim Abschied von Sankt Georgen im Jahre 1976 hat ein namenloser Dichter im Stile von Fr. W. Webers 'Dreizehnlinden' einige Ereignisse seines Lebens gewürdigt:

    Unmöglich, alles aufzuzählen,
    Was er hier geleistet hat;
    Mit einem Motor und drei Rädern
    Sah man ihn täglich in der Stadt.

    Im Kriege eilte er zur Fahne,
    Er fand ein stilles Pöstchen vor;
    Statt Dreirad fährt er nun Mercedes
    Für einen Hauptmann und Pastor.

    Der Krieg ging schnell für ihn zu Ende,
    Entlassung reizt ihn nicht zum Zorn;
    Gelassen tauscht er seinen Hauptmann
    Mit Bischof Jaeger - Paderborn.

    Kaum sind die tausend Jahr' vorüber,
    - Die Nazis waren abgehau'n -
    Da sehn wir ihn zu Köln am Rheine
    Die Stolzestraße aufzubau'n.

    Viel Freude gab's in jenen Jahren,
    Mit Deckers, Brachtendorf und Meier,
    Mit Franken, Kocks und Bruder Dunkel
    Und auch dem Spieler dieser Laier.

Die ersten Jahre nach dem Kriege blieben den am Wiederaufbau des Canisiushauses beteiligten Brüdern unvergessen. Die glücklich überstandenen Jahre der Not durch Krieg und Nazi-Verfolgung, die neu geschenkte Freiheit und die Möglichkeit, sich im alten Hause neu einzurichten, brachte tatsächlich viel Freude und Schwung mit sich, verbunden mit einem neuen Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Im Jahre 1946 kam auch P. Provinzial Flosdorf wieder nach Köln zurück, und als ein Heimkehrer einen alten 'Käfer' mitbrachte, wurde Br. Weber zum Provinzials-Fahrer ernannt. Das blieb er auch nach der Amtsübernahme durch P. Deitmer, der aber seinerseits nicht nur das Steuer der Provinz, sondern auch das seines Wagens übernahm. So hatte Br. Weber mehr Zeit, sich im Hause als Schreiner und Sakristan zu betätigen. Der Nachfolger von P. Deitmer, P. Nikolaus Junk, hat Br. Weber dann gern wieder das Steuer überlassen.

Im Jahre 1956 kam Br. Weber erneut nach Frankfurt, wo er 20 Jahre für viele Aufgaben verblieb, besonders für Sakristei und Pfortendienst. In den letzten Frankfurter Jahren muß er wohl zunehmend eine Minderung seiner Körperkräfte verspürt haben, denn er sprach häufig von seinem Wunsch, nach Münster übersiedeln zu dürfen. Erst als er mit einem kleinen Schlaganfall seinem Wunsch Nachdruck verlieh, konnte ihn der Schreiber dieser Zeilen im September 1976 nach Münster bringen.

In Münster setzte sich Br. Weber aber keineswegs zur Ruhe, sondern half, wo er helfen konnte, besonders an der Pforte und im Garten. Erst im Katalog für 1986 wird ihm das Amt 'Orat pro Eccl. et Soc.' verliehen, ein Amt, das er auch schon vorher gewissenhaft ausgeübt hatte. Gegen Ende seines Lebens wurden seine Schritte immer kürzer, und am 5. November 1988 ist er im Speiseraum während des Abendessens still heimgegangen; so hatte er sich das auch gewünscht.

Nur mit einer Schilderung seines äußeren Lebensweges wird man Br. Weber aber nicht gerecht. Bei ihm stimmte einfach alles: schlicht, bescheiden und anspruchslos. Sein rheinischer Humor machte den Umgang mit ihm sehr angenehm; ich entsinne mich an keine kontroversen Auseinandersetzungen. Bruder Weber war äußerst gewissenhaft und zuverlässig; in der Geduld, die einem Fahrer von Vorgesetzten oft abverlangt wird, war er nicht zu übertreffen. Einem Blick in sein Inneres wollte er wohl mit der Vernichtung aller schriftlichen Unterlagen zuvorkommen. Aber ein so treuer Dienst, wie ihn Br. Weber in einem fast 60jährigen Ordensleben leistete, kann nur aus einer ganz großen Gottesliebe erwachsen; dazu bedarf es keines schriftlichen Nachlasses. Es war ja auch offenkundig, wie treu er seine geistlichen Übungen verrichtete, wie gern er beim Herrn im Tabernakel verweilte. Kurz vor seinem Weggang von Sankt Georgen nahm er einige Mal an den Treffen der dortigen Gebetsgruppe teil. Beim Abschied von der Gruppe brachte er zum Ausdruck, wie gern er das weitergemacht hätte, wie sehr ihm die Erneuerung von Kirche und Orden ein Herzensanliegen sei. Wir dürfen hoffen, daß er sich auch in seiner Vollendung beim Herrn dafür einsetzt.

R.i.p.

Bruder Fritz Wellner SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1989 - Mai, S.66ff