P. Dieter Weishaar SJ
* 30. Mai 1922 in Aachen
2. März 1999 in Berlin

Das Lebensgefühl eines Aachener Katholiken befähigte Dieter Weishaar mit Humor Verkrampfungen zu entspannen und machte ihn als Seelsorger liebenswert und anziehend in autoritären Milieus. Als ältester Sohn lernte er schon früh im elterlichen Haus zwischen dem führungsstarken Vater, dem erfolgreichen Bauunternehmer mit internationalen Geschäften, und der gütigen, tiefgläubigen Mutter - im Widerstand gegen Autorität und pfiffiger Schlitzohrigkeit - sich den eigenen Lebensraum zu sichern.

Das Leben mit den zwei jüngeren Schwestern war geprägt vom katholischen Glauben seiner Mutter, ihrer Fähigkeit ein harmonisches Familienleben zu gestalten und die bürgerliche Tradition ihrer Arztfamilie mit dem Unternehmertemperament des durch seine Tätigkeit häufig abwesenden Vaters, zu verbinden.

Der Besuch des Kaiser-Karl-Gymnasiums war angemessen und entsprach seinen Fähigkeiten. Im Bund Neudeutschland, dem er sich lebenslänglich verbunden fühlte, lernte er die Gesellschaft Jesu kennen. Trotz Verbot des ND durch die nationalsozialistische Regierung hielt die Aachener-Gruppe zusammen. Sie war Verhören durch die Gestapo ausgesetzt und beendete erst zu Beginn des 2. Weltkrieges die noch immer durchgeführten Aktivitäten. In Pater Ludwig Faust, der die ND-Gruppe betreute, fand Dieter Weishaar einen geistlichen Begleiter. So überraschte sein Entschluß nicht, Jesuit zu werden, obwohl es der Wunsch seines Vaters war, er möge die Firma weiterführen.

Am 9. September 1940 begann er in Hochelten sein Noviziat. Der Krieg und die Nachkriegszeit prägten seine Ausbildung im Orden. Noch als Novize wurde er zum Militär eingezogen, im Urlaub legte er seine Ersten Gelübde ab.

In seiner Soldatenzeit hatte er verständnisvolle Vorgesetzte. Im April 1945 kam er in das berüchtigte Gefangenenlager Remagen, das als Todeslager bekannt war. P. Weishaar erkrankte dort an Ruhr und wurde total erschöpft entlassen. Bei seiner in Lemgo evakuierten Familie erholte er sich wieder soweit, daß er noch 1945 in Pullach bei München sein Philosophiestudium beginnen konnte.

Zum Studium der Theologie destinierten ihn seine Oberen nach Rom. Da ihm das römische Klima gesundheitlich nicht bekam, setzte er seine Studien in Oña in Spanien von 1951 bis 1954 fort und wurde dort am 30. Juli 1953 zum Priester geweiht.

Nach ersten Jahren der Seelsorge in Frankfurt/M., wo er am 3. Februar 1953 die Letzten Gelübde ablegte, und Göttingen fand er ab 1961 seine eigentliche Lebensaufgabe als Jugendseelsorger für den ND am Jesuitenkolleg in Hamburg.

Er unterrichtete Religion in allen Klassenstufen und war mit viel Einsatz um die Schulgottesdienste und Einkehrtage bemüht. Das Herz seiner Arbeit war jedoch die Neudeutsche St. Willibrord-Gruppe. Gingen die Mitbrüder nach der Mittagsvisite in die Rekreation und die wohlverdiente Mittagsruhe, fing für ihn der praktische ND-Tag mit den Gruppenstunden um 14.00 Uhr an. Fünf, sechs Gruppen waren täglich im Keller, alle besuchte Dieter, dann folgten Einzelgespräche, Planungen mit den Leitern, Finanzarbeiten. Am Abend fanden oft Kreise mit Ehemaligen, Eltern oder Lehrern statt.

Ein Dieter-Weishaar-Tag war ein harter Arbeitstag, einer folgte dem andern, 22 Jahre lang: mit der 7.45 Uhr Messe in der Schulkapelle, ganz gleich wie kurz die Nacht war, begann er. Es folgten Unterricht und Vorarbeiten für den Nachmittag, ein kurzes Hinlegen vor dem Essen und dann ging es wie beschrieben immer durch bis nach Mitternacht.

Dieser Einsatz wurde von den Jugendlichen voll begriffen, hier lag zu allererst Dieters apostolische Wirkung. Mochte er in der Form auch oft eigenwillig sein, der Einsatz hatte schon äußerlich Erfolg: Bei seinem Weggehen war die Hälfte der Jungen und Mädchen der Sankt-Ansgar-Schule in der KSJ. Keine Diözesan- und keine Bundeskonferenz ließ Dieter aus. Hier holte er sich seinen Titel: 'Papa Basis'. In allen Debatten um Papiere und Strukturen war seine konsequente Frage: "Was bringt es den Gruppen an der Basis?" Auch hier hielt er in vielen nächtlichen Gesprächen eisern durch.

In dem Wort 'Papa Basis' war für die bewegten Zeiten der 60er und 70er Jahre ausgesprochen, was Pater Weishaars kritische Haltung zu Autoritäten mit echtem Glauben, Frömmigkeit und Treue zur Kirche verband. Die Schüler dürften seine Haltung so empfunden haben: Man muß dem Himmel nachgeben und den Menschen Widerstand leisten. Bis zu seinem Heimgang hat er zu den ehemaligen Schülern einen lebendigen Kontakt behalten wie seine Fahrten, seine Korrespondenz, Exerzitien, Trauungen und Taufen, die er übernahm, zeigen.

Es ist eine große Freude für alle KSJ-ler und Jesuiten, die Dieters Arbeit erlebt haben, daß heute Pater Johannes Siebners Einsatz die Willibrordgruppe stark und lebendig erhält, auch wenn die anderen Mitbrüder ihre Arbeit am Kolleg aufgeben mußten.

Im November 1985 kam P. Weishaar nach Essen in das Ignatiushaus, zuvor war er kurze Zeit in Hannover. In Essen wurde er Diözesankaplan der Schülergemeinschaft im Bund Neudeutschland (KSJ-ND) und Geistlicher Leiter der Katholischen Studierenden Jugend. Gleichzeitig wirkte er in der Pfarrei St. Engelbert als Kaplan und hörte regelmäßig Beichte in der Anbetungskirche des Essener Münsters. In Treue hat er seine priesterlichen Dienste erfüllt. Domkapitular Offizial Dr. Wilhelm Astrath würdigte beim Auferstehungsamt in Münster die Fähigkeit von Pater Weishaar, mit Gruppen ganz unterschiedlicher Prägung so zusammenzuarbeiten, daß er für sie ein offener Gesprächspartner war, der sie zum Nachdenken anregte und zu Gott hinführte. Im Namen von Bischof Dr. Luthe und dem Domkapitel dankte er für seine Hilfsbereitschaft, seinen Einsatz.

Nach einer Bypassoperation 1994, den immer wieder auftretenden Herzbeschwerden, spürte er das allmähliche Abnehmen seiner Kräfte. Er klagte nicht und ließ sich in seinen Tätigkeiten kaum eingrenzen. Es fiel ihm schwer, die offizielle Entpflichtung seiner Beauftragungen nach Vollendung seines 75. Lebensjahres anzunehmen. Er hatte das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu sein. Bedrückend war für ihn das Urteil der Ärzte, daß er Risikopatient geworden sei und betreutes Wohnen für ihn angezeigt sei.

Die Versetzung nach Münster zu Beginn des Jahres 1999 empfand er wie ein Todesurteil. Er sah in seiner Bedrängnis zunächst keinen anderen Ausweg, als zu fliehen. Treffend hat Pater Pfahl in Münster beim Begräbnisgottesdienst ausgesprochen, was alle, die Dieter nahe standen, betend empfanden: "Herr, dein Freund Dieter ist krank." Es waren die klagenden Worte von Martha an Jesus für ihren Bruder Lazarus.

Auf wunderbare Weise löste der Herr und seine Mutter für Dieter die Krise. Was er selber einmal in einem Lebensrückblick aussprach, bewahrheitete sich: "Wenn ich in großen Schwierigkeiten bin, nicht ein noch aus weiß, gehe ich in einem großen Gottvertrauen weiter." Sein Urvertrauen rettete ihn auch in seiner letzten, großen Prüfung. Er erlebte und erlitt noch einmal Widerstand und Ergebung. Am Abend vor seinem Tod konnte er seiner Schwester in seinem letzten Telefongespräch aus dem Berliner Gertrauden-Krankenhaus sagen: "Ich bin in Frieden mit Gott."

Pater Franz-Josef Glorius hat ihn am letzten Tag liebevoll begleitet, Pater Ulrich Niemann wertvolle Hilfe geleistet.
Auf der Sonnenblumen-Karte, dem Begrüßungsbrief für die Patienten des Gertrauden-Krankenhauses, steht ein Satz von Andre Gide, der Dieter in seinen letzten Tagen bewegte: "Ich glaube, daß Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen können. Ich glaube, es gibt gewisse Tore, die nur die Krankheit öffnen kann."
Für Dieter öffnete sich ein Tor und er konnte "Ja, Vater" sagen, um in die Wohnung zu gehen, die ihm der Herr bereitet hat.
So konnte P. Glorius am 2. März, als er um 9.00 Uhr Dieter tot am Frühstückstisch vorfand, sagen: "Lieber Dieter, grüß Du jetzt Gott! Du wurdest erwartet."

R.i.p.

P. Karl-Josef Gierlichs SJ und P. Fritz Abel SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1999 - Mai, S. 86ff