P. Karl Wennemer SJ
* 12. Juni 1900 in Saerbeck
25. Juni 1993 in Münster

Seine letzte Krankheit führte ihn wieder zurück in die Nähe seines Geburtsortes, in die Stadt, in der er mit dem Eintritt ins Priesterseminar seine theologischen Studien begonnen hatte. Ein Leben rundete sich ab, dessen innere Gestalt "kostbar ist in den Augen des Herrn". Die wir mit ihm zusammenlebten, haben in seiner Lauterkeit und Treue manchmal etwas von dem Glanz gespürt, der ihm selbst, vor allem in seinen letzten Jahren, eher verborgen blieb. An seinen Wegstationen und in seinem Werk soll seine liebenswürdige Persönlichkeit noch einmal aufleuchten.

Die Wegstationen: Als jüngster von vier Geschwistern (fünf weitere sind früh gestorben) verlebte er "in dem Saerbecker Dorf mit seiner weiten, unberührten Natur eine glückliche Jugend" und erfuhr in dem "religiösen Geist des Elternhauses" - der Vater war Lehrer und Organist - schon früh den Priesterberuf. Erst Volksschüler mit zusätzlichem Lateinunterricht, dann Fahrschüler (8 km mit dem Rad), schließlich im Konvikt und Gymnasium in Münster mit dem Abitur kurz nach Kriegsende.

Nach einem Semester im Borromäum, Eintritt ins Noviziat in s'Heerenberg im September 1919; Philosophie in Valkenburg 1922-24 und drei Jahre Lateinlehrer im Noviziat der neugegründeten Ostprovinz; Theologie wieder in Valkenburg 1927-31, mit Priesterweihe nach dem dritten Jahr. Nach dem Tertiat in Amiens "Lizentiat in re biblica" 1932-35 in Rom, u.a. bei P. Bea, und dann Lehrtätigkeit in Valkenburg in neutestamentlicher Exegese bis 1942. Nach dreijähriger Kaplanszeit in Helenabrunn b. Viersen von 1945-50 Exegese des NT (zeitweilig auch AT) in Büren und dann - nach einer "Übersiedlung mit dem Fahrrad" - bis 1971 in St. Georgen, davon viele Jahre auch Scholastikerminister. Zwanzig weitere Jahre blieb er danach noch in St. Georgen unermüdlich tätig, bis seine Beschwerden so groß wurden, daß er mit 90 Jahren auf die Krankenstation nach Münster übersiedeln mußte, da er in zunehmendem Maße die Orientierung verlor, was ihm in seiner Tragweite wohl selbst nicht bewußt war.

Hinter den Jahreszahlen verbirgt sich ein Werk, dessen Wert nicht nach dem äußeren Erfolg zu messen ist. So findet sich in seinem Lebensbericht die Bemerkung: "Eine Doktorarbeit habe ich nicht fertigstellen können, weil ich alle Zeit für die Ausarbeitung der Vorlesungen gebrauchte. Heute hat man vernünftigerweise die Methode, den Doktoranden nach der Fachausbildung ausreichend Zeit für ihre Doktorarbeit zu lassen." Auch sonst liest man zwischen den Zeilen die Mühe, die ihm seine Arbeit machte, aber zugleich die große Liebe zur Heiligen Schrift, die ihn keine Mühe scheuen ließ. Seine Schüler werden ihm das bestätigen.

"In der Exegese", so schreibt er weiter, "lag der Schwerpunkt meiner Tätigkeit in der Auslegung des Johannesevangeliums, der Johannesbriefe, des Römerbriefs, der beiden Korintherbriefe, der Apostelgeschichte und teilweise auch des Galaterbriefs und Epheserbriefs. Abgesehen von dem Versuch, die Leidensgeschichte Jesu als Vorlesungsstoff zu nehmen, habe ich mich an die Exegese der Synoptiker nicht recht herangewagt. Am Biblikum der Zeit, in der dort meine Ausbildung geschah, waren die neuen Methoden noch wenig gefragt. Außerdem ist auch festzustellen, daß die Bultmannwelle, die in den 60iger und Anfang der 70iger Jahre hoch ging, mittlerweile doch sehr schwach wurde, so daß meine sehr kritische Einstellung gegen die hyperkritische historische Methode gerechtfertigt wurde. Meine Kritik richtete sich nicht gegen die Person Bultmanns, den ich eher wegen seiner trotz allem festgehaltenen tiefen Gläubigkeit und seiner wissenschaftlichen Leistung verehrte, sondern gegen eine Richtung, welche die geschichtliche und theologische Bindung der Offenbarung an die Person Jesu gefährdete, mag das auch nicht in der Absicht Bultmanns gelegen haben. Ich habe meinen Hörern immer ziemlich ausführliche Skripta in die Hand gegeben, die viel Anerkennung fanden, weniger die Art meiner Vorlesungen."

"Größere Veröffentlichung in Buchform ist mir nicht gelungen"; dies lag gewiß zum Teil an seiner "langsamen und bedächtigen", verantwortungsbewußten Arbeitsweise, zum Teil aber auch daran, daß er immer zur Verfügung stand, wenn Menschen ihn brauchten, ob als Scholastikerminister oder in vielfältigen Seelsorgsaushilfen. Ansätze für Kommentare zu Joh und 1 Kor, die schon weit gediehen waren, "blieben dann doch auf der Strecke". Unter den Artikeln fallen neben grundsätzlichen Themen wie "Katholische Schriftauslegung" mehrere marianische Titel auf, etwa "Die heilsgeschichtliche Vertretung der Menschheit durch Maria". Es ist typisch für ihn, daß etwa 10 Beiträge in "Gemeinschaftswerken" erschienen, weitere 10 in "Geist und Leben" und 3 in "Scholastik/Theologie und Philosophie", ganz abgesehen vor den vielen Buchbesprechungen in dieser unserer Hauszeitschrift. Immer war er bereit, mitzutun und sich "verheizen" zu lassen.

So war er in seiner unscheinbaren Art viele Jahre hindurch eine tragende Kraft in St. Georgen. Ich selbst habe P. Wennemer viel zu danken, nicht nur wegen der Genauigkeit und Gründlichkeit in seinen Vorlesungen, sondern auch für seine Offenheit, mit der er meinen Neuansatz in 2 Kor begleitete, auch wenn er ihn anfangs für unwahrscheinlich hielt. Im Seminar und bei meiner Diplomarbeit ließ er sich auf Neues ein und war bereit, auch Ungewohntes anzuerkennen, wenn es begründet erschien.

Als letzter Bereich ist die Mitarbeit an der Einheitsübersetzung zu nennen. "P. Sint (Innsbruck) und ich wurden mit der Übersetzung der beiden Thessalonicherbriefe betraut und wir konnten vor seinem plötzlichen Tod (1965) noch einen ersten Übersetzungsentwurf fertigstellen." Später kam P. Wennemer "zu der Gruppe Reuß-Schnackenburg (Johannesevangelium und Johannesbriefe)". Die dann einsetzenden häufigen Kommissionssitzungen bis Frühjahr 1979 haben ihn "viel Mühe und Zeit gekostet". Mit Dankbarkeit berichtet er von seiner darauf folgenden zweiten Reise ins Heilige Land: "So sah ich die Orte wieder, die ich zum ersten Mal 1934 mit der Gruppe des Biblikums besucht hatte. Trotz meiner bald 80 Jahre habe ich alles gut überstanden."

Diese letzte Bemerkung macht einen charakteristischen Zug seiner Persönlichkeit sichtbar: Er war stets bemüht, geistig wie körperlich "fit" zu bleiben. Ich erinnere mich, wie er Jahre hindurch jeden Donnerstag mit uns morgens zum Bad nach Offenbach fuhr und an seinem 80. Geburtstag vom Drei-Meter-Brett sprang, was Bruder Wellner im Bild festgehalten hat. Stets hat er die Belastungen beherzt auf sich genommen und Enttäuschungen tapfer getragen, wie etwa die "lange, schmerzliche Unterbrechung" der exegetischen Tätigkeit im Kriege, "die ich als Kaplan mehr schlecht als recht durchgestanden habe, doch wohl heilsam". Seine Zähigkeit und sein Fleiß waren gepaart mit einer großen Hilfsbereitschaft und Güte. Das können alle bezeugen, die ihn als Scholastikerminister erlebt haben. Er konnte niemandem wehetun und war doch gewissenhaft und fest in seinen Überzeugungen. Man fühlte sich bei ihm stets ernstgenommen.

Aus seinem Bericht werden auch persönliche Beziehungen zu einzelnen Mitbrüdern deutlich, was vielleicht kaum nach außen hervortrat. "Tief bedauert habe ich es, als P. Closen, der in Rom zusammen mit mir die drei Jahre der Spezialausbildung absolvierte und dann in Valkenburg neben mir bis zur Vertreibung durch die Nazis das AT dozierte, schon am 2. September 1943 einer heimtückischen Krankheit zum Opfer fiel." Auch andere Namen werden so erwähnt, daß man seine Anteilnahme an deren Geschick spürt und wohl auch eine menschliche Beziehung seinerseits.

Bis zum Schluß war er zu Seelsorgsaushilfen bereit, vertrat viele Jahre hindurch für mehrere Wochen P. Schunk im Marienkrankenhaus und im Bürgerhospital und brachte von seinem eigenen Urlaub, den er in der "Landesheilanstalt für kranke und schwachsinnige Kinder in Marsberg" verbrachte, immer noch einen Batzen für die Hauskasse mit. So war er: bescheiden und selbstverständlich selbstlos.

"Im übrigen ist ein 'Lebenslauf' keine Beichte", schließt sein Bericht. "Gott allein wird beurteilen, was ich an Gutem unterlassen und an Bösem getan habe. Vor Gottes Angesicht wil und kann ich nicht auf meine 'Verdienste' mich verlassen, sondern allein auf seine unendliche Barmherzigkeit." (Dies mußte ihm in seinen letzten Jahren immer wieder von außen gesagt werden, weil aus seiner ängstlichen Natur nun noch einmal tiefsitzende Ängste aufstiegen.) Doch schreibt er selbst noch mit der Hand dazu: "Ich danke Gott für das, was er mich tun ließ. Ich danke Gott für die Berufung zur Gesellschaft Jesu. Ich danke dem Orden, den Obern und den Mitbrüdern für alles Gute, das Gott mir durch sie hat erweisen wollen."

Und wir danken ihm für das Zeugnis seines Lebens und danken Gott, daß wir ihn unter uns haben durften.

R.i.p.

P. Norbert Baumert SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1993 - Dezember, S. 191-194