P. Wilhelm Wesseling SJ
14. Juni 1984 in Münster

P. Wilhelm Heinrich Wesseling war ein echter Westfale und machte daraus auch keinen Hehl. So konnte er von sich selber sagen, er sei kein guter Unterhalter. In der Rekreation (wie auch im Speisesaal) saß er stets am gleichen Platz und hörte zu. Hin und wieder sprach er etwas und konnte dabei seine Bemerkungen mit feinem Humor und verstecktem Schalk würzen. In seiner Nähe fühlte man sich wohl, weil er ein gütiger und wohlwollender Mensch war.

P. Wesseling wurde am 18. Dezember 1896 als Sohn des Lehrers Wilhelm Wesseling und seiner Ehefrau Anna geb. Gerling in Darfeld Krs. Coesfeld geboren. Er wuchs mit mehreren Geschwistern auf. Ab Ostern 1908 besuchte er die Quinta des Gymnasiums Paulinum zu Münster. Dort legte er im Juni 1915 die Notreifeprüfung ab und zog am 1. Juli jenes Jahres - wie viele andere seiner Altersgenossen - als Freiwilliger in den Krieg. In den Jahren 1916/17 stand er an der Ostfront, 1917/18 an der Westfront, geriet am 29. September 1918 als Leutnant in englische Kriegsgefangenschaft und kam so nach England. Am 31. Dezember 1919 erfolgte seine Entlassung aus der Gefangenschaft.

Nach seiner Aussage scheint der Ruf in die Nachfolge des Herrn schon recht früh an ihn ergangen zu sein. In seinem Lebenslauf fügt er dem Eintrittsdatum am 14. September 1920 in Klammern bei: 'Ordensberuf von Kinderjahren an'. Bevor er diesem Ruf schließlich folgen konnte, fesselte ihn im April 1920 eine schwere Rippenfellentzündung ans Krankenbett, deren Folgen er zeitlebens spürte. An das Noviziat in 's-Heerenberg schloß sich in den Jahren 1922-29 das Studium der Philosophie und Theologie in Valkenburg an. Am 27. August 1928 wurde P.Wesseling zum Priester geweiht. Das Terziat folgte 1929/30 im Hause Sentmaring in Münster unter der Leitung von P. Walter Sierp.

Von da an begann eine segensreiche und vielfältige Tätigkeit im Weinberg des Herrn: 1930/31 Lehrerseelsorge in Düsseldorf, 1931-39 Priesterseelsorge und Exerzitien in Dortmund, wo er 1936 zum Superior ernannt wurde. 1939-42 Spiritual der Theologen in Valkenburg bis zur Vertreibung durch die Gestapo am 2. Juli 1942. 1942-47 Priester- und Schwesternseelsorge in Essen. Am 29. August 1947 wird P. Wesseling zum Rektor des Noviziatshauses in Eringerfeld ernannt. Bald danach erfolgt am 8. Dezember 1948 die Ernennung zum Rektor des Hauses Sentmaring in Münster. Von 1954 bis 1961 ist er Superior in Baren und von 1961 an Superior des Canisiushauses in Saarlouis. Schließlich erfolgt am 8. März 1965 die Versetzung als Spiritual ins Haus Sentmaring in Münster.

Der Herr hatte P. Wesseling schon früh zu seinem Dienst berufen. Mit der ihm eigenen Konsequenz suchte er diesem Ruf mit allen Kräften zu entsprechen. In seiner 'Electio' am Ende der großen Exerzitien im Terziat 1929 nimmt er sich vor: 'Gott hat mich geschaffen zu einem Gotteskind, Bruder und Glied des Heilands, zum Jesuiten und Priester gemacht. Alles verdanke ich ihm und will alle Gaben gebrauchen zu seiner größeren Ehre, im engsten Anschluß an den Heiland, die Kirche und die geringste Gesellschaft Jesu. Das will ich tun in einem Leben des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Gott suchen in allem und alles in Gott, in demütiger, freudiger, kindlicher Hingabe'.

In der Rückschau auf dieses Leben darf gesagt werden: Diesem Vorsatz ist P. Wesseling treu geblieben bis zum letzten Atemzuge. In einem Gebetbuch, das er häufig benutzte, lag ein handgeschriebenes Blatt mit einem Wort des hl. Ignatius von Antiochien: Es ist schön für mich, hineinzusterben in Jesus Christus. Dieses 'Hineinsterben in Jesus Christus' ließ den Vorsatz aus den Terziatsexerzitien konkrete Gestalt annehmen in einem lebenslangen, konsequenten und zähen Ringen. Sein Leben und vor allem sein Sterben offenbaren das geradezu handgreiflich. Als sich in den letzten Lebensjahren die Beschwerden der Krankheit und des Alters zunehmend bemerkbar machten, blieb P. Wesseling seinem Vorsatz treu und ging, ohne viel Aufhebens von sich zu machen, seinen Weg. Ende November 1982 ließen seine Kräfte merklich nach und machten eine Einweisung ins Clemenshospital in Münster notwendig. Zwar versuchte er auch diesmal, sich dem zu entziehen, da ihm jede Veränderung zuwider war. (So war er z.B. trotz allen Zuredens jahrelang nicht dazu zu bewegen, seine Zustimmung zu der dringenden Renovierung seines Zimmers zu geben. Kaum war er im Krankenhaus, nahm P. Minister die Gelegenheit wahr und ließ sein Zimmer streichen. Als ihm das im Krankenhaus dann mitgeteilt wurde, war seine lakonische Antwort: 'Zehn Jahre hat man mich warten lassen.' Dann aber fügte er sich widerspruchslos dem Wunsch des Obern.

Wer P. Wesseling nur flüchtig kannte, hätte nie vermutet, mit welch heiterer und selbstverständlicher Gelassenheit er sich der ihm völlig ungewohnten Pflege und Betreuung durch Krankenschwestern und Pfleger überließ, denn bis zu dem Zeitpunkt kam niemand an ihn heran. Diese Gelassenheit machte ihn darum auch sehr beliebt bei Ärzten und Schwestern. Ein derartiges Verhalten kommt ja nicht von ungefähr, sondern läßt sich nur verstehen als Frucht eines lebenslangen Mühens um die Gleichförmigkeit mit Christus. Aus diesem Einssein mit dem Herrn speiste sich seine Geduld und Zufriedenheit in dem fast 19-monatigen Krankenlager. Wer immer ihn besuchte und sich nach seinem Befinden erkundigte, erhielt stets die gleiche Antwort: 'Ich bin zufrieden; es geht mir gut'.

Diese Verbundenheit mit dem Herrn war es auch, die ihn befähigte, vielen Menschen durch seine ruhige, klare und kluge Art geistlicher Helfer und Ratgeber zu sein. In seiner Führung war er nüchtern, zurückhaltend und aufs Wesentliche gehend. Die Mitte seines Lebens und erst recht seines Sterbens war der gekreuzigte und auferstandene Herr, den zu verkünden er nicht müde wurde. Ja, er tat es mit solchem Nachdruck, daß man ihn den 'Kreuzträger der Provinz' nannte. Das focht ihn nicht weiter an, weil er genau wußte, wo er stand und was er wollte. Das dürfte wohl auch der Grund gewesen sein, warum er sich das Wort des hl. Ignatius von Antiochien notierte; 'Es ist schön für mich, hineinzusterben in Jesus Christus'. Welches Geheimnis dieses Lebens: Eine fortwährende, nie unterbrochene, in immer tiefere Dimensionen der Christuswirklichkeit führende Zwiesprache.

Als P. Wesseling in der Mittagsstunde des 14. Juni 1984 seine Augen für immer schloß, durfte er wie sein Herr und Meister auch sein 'Consummatum est' - Es ist vollbracht - sprechen.

Er ruht auf dem Friedhof des Hauses Sentmaring, den er als damaliger Rektor im Jahre 1952 hatte anlegen lassen.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1985 - Februar, S. 8f