P. Albert Zirwes SJ
4. Juni 1980 in Münster

"Haben Sie recht vielen Dank für den letzten Brief, der gerade ankam, als ich nach San Pastore für Exerzitien abfuhr. In der Cavalletti war kein Platz zu finden, weil dauernd große Kurse stattfinden. Das Wetter war recht gut in Gallicano, wo man mich gerne aufnahm. Eine große Belastung für mich waren die alten Treppen. Nachträglich gesehen könnte man den Aufenthalt dort als einen mißglückten Selbstmordversuch ansehen. Inzwischen habe ich mir auch einen Reisepaß versorgt, was nicht so leicht war, weil meiner schon 10 Jahre ungültig war. Jetzt muß ich mir noch einen Reiserock beschaffen. Einen konfektionierten konnte ich in Rom bisher nicht auftreiben, so mußte ich mir einen anmessen lassen. Mit Abschiedsbesuchen habe ich schon begonnen. Mit großer Liebe hat mich Pater General empfangen. Auch will man haben, daß ich um eine Papstaudienz nachsuche, was mir aber gar nicht liegt. Ich sehne mich nach Ruhe. Von den Romreisen komme ich mehr tot als lebendig zurück. Deshalb glauben meine Mitbrüder und P. Delegat, daß es besser sei, den Deutschlandaufenthalt in Münster zu beginnen."

Als P. Zirwes diese Zeilen im November 1968 schrieb, gab er damit ein verstecktes Selbstbildnis. Er konnte - einem Patriarchen gleich - auf eine 33-jährige Tätigkeit in Rom zurückblicken, in seiner Heimatprovinz weithin unbekannt, war er an der Specola Vaticana gleichsam zur Institution geworden, hatte ein gerütteltes Maß an Kleinarbeit geleistet und manche unscheinbare Alltagslast getragen. 33 Jahre in Ämtern und Aufgaben, deren Notwendigkeit man nur dann bemerkt, wenn sie nicht besorgt werden! Diese stille und treue Pflichterfüllung macht einen Zug im Bildnis von P. Zirwes aus.
Ein gewichtiger anderer ist seine rheinische Schlagfertigkeit und sein treffender Humor. Mit wenigen Worten wußte er Situationen zu skizzieren und zu beleuchten, wobei die Tatsache, daß er sich über manches amüsierte, zuweilen kaum verdeckte, daß er am selben Sachverhalt gleichzeitig auch schwer tragen konnte. Aus dem Wenigen, das er schriftlich hinterließ, tritt uns so ein Mensch entgegen, der sich sehr ernst, aber doch nicht wichtig nahm.
Ein dritter Zug verweist in eine andere Region: Dem griechischen Philosophen Parmenides wird die Lehrmeinung zugeschrieben, daß die Kugelform Ausdruck jener Begrenztheit ist, die nach griechischer Vorstellung zur Vollkommenheit des Seins gehört. Die vollkommene Form ist die Kugel, und so hat das Sein die Form einer wohlgerundeten Kugel. Diese Wohlgerundetheit gehört zu P. Zirwes - und er selbst wäre wohl der Letzte, der diese Anmerkung allzu despektierlich fände, war sie doch auch das Ergebnis seiner Arbeit, die ihn zur sitzenden Tätigkeit an den Schreibtisch fesselte. Manches Problem ergab sich aus dieser "Vollkommenheit": Kurzatmigkeit, Schwierigkeiten beim Treppensteigen, beim Einsteigen ins Auto und beim Aussteigen. Das Herz war arg mitgenommen und der Blutdruck völlig daneben, als er vor Weihnachten 1968 nach Deutschland zurückkam.

Maria Peter Albert Zirwes wurde geboren am 22. Oktober 1895 in Koblenz als zweites von acht Kindern, von denen drei bereits im Kleinkindsalter verstarben. In Koblenz besuchte er auch von 1902-1905 die Volksschule, dann von 1905-14 das Kaiserin-Augusta-Gymnasium. Am 19. 2. 1914 bestand er das Abitur. Wann er sich eigentlich zum Ordenseintritt entschloß, ist nicht klar auszumachen. Verwunderlich ist dieser Berufswunsch indes kaum und in der Familie eher eine Selbstverständlichkeit. War doch M. Albert Fuchs (Jahrgang 1886), der Bruder der Mutter, Priester und Weihbischof (1935-1944) in der Diözese Trier.

Am 22. 4. 1914 trat Albert Zirwes ins Noviziat in 's-Heerenberg ein. Magister war P. Johann B. Müller, als Socius lernte er zunächst P. Bernhard Bley, dann P. Franz Pelster kennen, alles Ordensmänner, die unverwechselbare Form und überzeugend-kantiges Format hatten. Am 27. 4. 1916 legte er die einfachen Gelübde ab. Während des 1. Weltkrieges erging es ihm wie den meisten Mitbrüdern: er leistete als Krankenpfleger Dienst an verschiedenen Orten. Von Oktober bis Dezember 1916 arbeitete er im Kriegslazarett Piennes, dann im Lazarett in Rethel. Von Januar bis Mitte April 1917 war er in der Kuranstalt Hehn, dann bis Juli 1917 erneut in Rethel. 1917-18 machte er das erste Jahr der Philosophie bei den holländischen Mitbrüdern in Oudenbosch. Das zweite und dritte Jahr absolvierte er in Valkenburg. Ein Jahr Interstiz in Godesberg schloß sich an, gleichzeitig hörte er schon an der Universität Bonn. Die Theologie studierte er von 1921-25 in Valkenburg. Dort erhielt er am 24. und 25. Februar 1924 die Subdiakonats- bzw. Diakonatsweihe durch den Internuntius in den Niederlanden, Erzbischof Cesare Orsenigo. Zum Priester wurde er geweiht am 27. August 1924 durch den Ortsbischof Laurentius Schrijnen von Roermond. Seine Heimatprimiz hielt am 7. September 1924 in Koblenz-Neuendorf. Unmittelbar daran schloß sich das Terziat in Exaeten bei P. Walter Sierp.

Daraufhin bezog er die Universität Bonn, wo er von 1927-33 Naturwissenschaften mit Schwerpunkt Mathematik studierte Das Studium lag ihm, er arbeitete solide und gründlich, freilich mit den Examina hatte er es gar nicht. Der Katalog für 1934 führt ihn noch mit "Stud.in Univ.a.8". Die Angabe ist allerdings nicht mehr richtig, da er 1934 und 1935 in Trier als Operarius wirkte. Diese langen Studien bereiteten ihn aber hervorragend auf seine eigentliche Lebensarbeit an der Päpstlichen Sternwarte zu Castel Gandolfo bei Rom vor. Über 33 Jahre lang wird er im Katalog als Mitarbeiter an der Specola Vaticana geführt. Er wurde bald Minister des Hauses, Ökonom sowie Bibliothekar und war auch jahrelang Custos des astronomischen Museums. Neben der wissenschaftlichen, vor allem mathematischen Arbeit, trug er während all dieser Jahre Sorge für die häuslichen Belange der kleinen Jesuitenkommunität, er kümmerte sich um die vielen Gäste, immer tat er unscheinbare Hilfsdienste für durchreisende Mitbrüder. Diese vielfältigen Aufgaben entsprachen so recht seinem Charakter. Ohne viel Aufhebens von sich zu machen, arbeitete er unverdrossen und erfolgreich auf dem Gebiet der Astronomie.

P. McCool, der Delegat für die römischen Häuser, nannte es vor der Rückkehr nach Deutschland "his long, generous and efficient service". Alle, die ihn kannten, schätzten an ihm den zuverlässigen, bescheidenen und frohen Menschen. Durch ihn wurden bei Abwesenheit des Papstes auch die öffentlichen päpstlichen Gemächer zugänglich. Bei den großen Sommeraudienzen im Innenhof des "Castel" vermittelte er einen guten Fensterplatz von der Wohnung der Unsrigen aus. "Wer Gelegenheit hatte", erinnert sich ein Mitbruder, "eine von diesen anheimelnden Begegnungen mit dem Hl. Vater mitzumachen, wird das Erlebnis kaum vergessen". Die Wohnung der Unsrigen war vom Papst leicht zu erreichen. So erzählte P. Zirwes mit vergnügtem Lächeln, daß Pius XI. einmal die Patres aufsuchen wollte, die Tür offen fand und damit direkten Zugang zur Küche hatte. Das Unglück fügte es, daß der Bruder Koch gerade abwesend war, dazu aber die Milch überkochte. Die leise Schadenfreude des hohen Gastes blieb keineswegs verborgen und fand ihren Ausdruck in einer treffenden Bemerkung. Zur Einweihung der neuen Sternwarte im November 1957, so schrieb P. Zirwes nach Deutschland, kam Pius XI. "in forma privatissima zu uns und segnete das neue Teleskop mit einem eigenen Gebet, das wir morgens verfaßt hatten". Johannes XXIII. stand eines Tages in der kleinen Kapelle und suchte das Buch mit der Jesuitenlitanei. Er wollte die vielen Anrufungen "Sancte Francisce" selbst sehen - als Einübung in die lateinische Ansprache, die er am nächsten Tag einer Abordnung von Jesuiten halten wollte.

Nach dem Krieg hat P. Zirwes immer wieder Biennisten durch Stipendien die Möglichkeit gegeben, sich ein neues Brevier, Arbeitsmittel und dgl. zu beschaffen. In diesen Jahren war es ja für die Deutschen unmöglich, Geld aus der Heimat zu erhalten. Vielleicht klappert heute noch irgendwo eine Schreibmaschine, die er für die Niederschrift der Doktorthese oder für ähnliche Arbeiten vermittelte. Zum Vatikan hatte er überhaupt manche Beziehung. Es gibt Mitbrüder, die sich noch an die ihnen zugesteckten guten Zigarren erinnern. Und wenn eine neue Serie Vatikanmarken herauskam, traf man ihn nicht selten, wie er einige Bogen Marken verstaute, die für Sammler in der Heimat bestimmt waren. Viel Freude machte ihm die Geschichte - die er selbst erzählt hat - eines Diebes, der im Vatikangebiet auf frischer Tat ertappt und dafür ins staatseigene Gefängnis eingesperrt wurde. Der Aufenthalt schien ihm so gefallen zu haben, daß er bei seiner Entlassung bescheiden fragte, ob man für ihn nicht eine Verwendung im Vatikan habe. P. Zirwes war ein scharfer Beobachter, dem nur wenig entging. Einem Mitbruder, der in hohen Vatikankreisen verkehrte - und das gern tat - spielt er einige Male vor der Ernennung neuer Kardinäle einen Katalog zu, in dem Prälatenkleidung angepriesen wurde. Nachher kam dann ein Kondolenzbriefchen von ihm, das auf das nächste Mal vertröstete.

Eine Schwierigkeit für P. Zirwes war das Predigen. Zeit seines Lebens tat er sich darin schwer und vermied es, wo er nur konnte. Jedoch bei seiner Primiz, erzählt sein Bruder, sei es unumgänglich gewesen. Es sei ihm recht sauer geworden. Die Wanderlegende des Mitbruders, der bei den "Toni" aufgefordert wurde, doch auch Gesten zu machen, und der zu dem Satz "indes, was errege ich mich?" nur leicht mit den beiden Daumen zuckte, scheint tatsächlich auf P. Zirwes zurückzugehen. Jedenfalls behaupten das ältere Mitbrüder. Überhaupt gibt es einige Anekdoten über ihn. Begabt mit einer raschen Auffassungsgabe und der erwähnten rheinischen Schlagfertigkeit war er während der ersten Studienjahre mit älteren Semestern von Kriegsteilnehmern zusammen. Da sie seiner losen Zunge nicht immer gewachsen waren, wandten sie eines Tages jene Erziehungsmethode an, für die selbst die damalige Zeit im allgemeinen nicht autoritär genug war. Sein Bruder Karl erzählte: Wenn er hin und wieder daheim war, habe er während er sich unterhielt, zur gleichen Zeit mit einem seiner Geschwister Schach gespielt, und zwar so, daß er gar nicht am Brett saß, sondern sich immer sagen ließ, was wohin gezogen worden war, und er daraufhin seinen Zug angab. Nach wenigen Zügen habe jedesmal der Gegenspieler verloren. Sein jüngster Bruder Ernst hat kaum Kindheitserinnerungen an ihn, betrug doch der Altersunterschied 16 Jahre. Sie standen später aber in lebhafter Verbindung, und jedesmal, wenn er und seine Frau ihn besuchten, habe P. Zirwes ein fertiges Programm gehabt und sie, wie der Bruder es ausdrückte, "in der Stadt herumgejagt". Schön sei es jedoch immer gewesen.

Die langen römischen Jahre hatten ihn verbraucht, Krankheiten stellten sich ein. So seufzte er in einem Brief vom April 1962: "Mir selbst geht es leidlich. Wenn man mal in die Hände der Ärzte gerät, ist man nur mehr ein halber Mann. Deshalb täte mir eine kleine Ausspannung schon gut." Und im Oktober 1968 berichtet er: "Ende Juli hatte ich einen starken Anfall von Leberkolik und mußte mich in ärztliche Mißhandlung begeben. Nur sehr langsam kehren die Kräfte zurück. Ich gehe wieder zu den Schwestern die hl. Messe lesen. Br. Puhl bringt mich mit dem Auto dorthin und hilft mir bei der hl. Messe. Die 3 Altarstufen kann ich nicht mehr mit eigener Kraft heraufsteigen und auch das Austeilen der hl. Kommunion ist recht schwierig. Dazu kommt noch, daß ich mit dem Gehör recht armselig dran bin. Habe zwar noch diesen Herbst in verschiedenen Kommunitäten Beichte gehört, aber in geschlossener Sakristei, ich verstehe sehr gut, daß ich hier nicht bleiben kann, weil wir mit dem Platz sehr beschränkt sind und jüngere Kräfte kommen müssen, weil die Arbeit immer zunimmt".

Kurz vor Weihnachten 1968 kehrte er also nach Deutschland zurück und kam zunächst in die Residenz in Bonn. Hier stellte er seine Ökonomen-Kenntnisse in den Dienst der Buchführung des Hauses. Zunehmende Altersbeschwerden legten aber nach einigen Jahren den Wechsel nach Münster nahe. Soweit es in seinen Kräften stand, half er auch dort bei gemeinschaftlichen Arbeiten. Bis in seine letzten Tage interessierte er sich lebhaft für die Kirche und die Gesellschaft. Es war dies keine Nostalgie, wie sie etwa die römischen Jahre nahelegen könnten, sondern ein echtes Anliegen. Er war und blieb ein Mitbruder, der nüchtern, realistisch und mit viel Humor sein Leben meisterte und das Zusammenleben trug. P. Rektor Ortscheid gestand er einmal, es sei ihm recht schwer geworden, mit dem totalen Angewiesensein auf die Hilfe anderer (vor allem seit seinem Schlaganfall) fertigzuwerden. Alle Krankenpfleger betonen aber einstimmig, daß er, so gut er konnte, stets mitgearbeitet habe.

Am 7. November 1979 fesselte ihn ein Schlaganfall mit linksseitiger Lähmung endgültig an das Krankenbett bzw. an den Krankenstuhl. Trotz aller Beschwerden blieb er aufgeschlossen und an allen Fragen interessiert. Als am Tage dieses Schlaganfalls P. Ortscheid ihn fragte, ob er sich denn noch traue, eine Gleichung zu lösen, entgegnete er lächelnd: "Wenn sie schwer genug ist, schon!" Diese Antwort ist kennzeichnend: er war bereit, weiter seinen Teil zu leisten. Auf ihn läßt sich das Wort vom "wachenden Knecht" recht gut anwenden. Bis in seine letzten Stunden blieb er bei vollem Bewußtsein und ging so mit großer Bereitschaft seinem Herrn entgegen. Möge sich an ihm die Verheißung des Herrn erfüllen: "Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt. Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen" (Lk 12,37). In den späten Abendstunden des 4. Juni 1980, am Vorabend des Fronleichnamsfestes, rief ihn der Herr zu sich. Wie eine kurze Zusammenfassung seines Lebens ist ein Wort in einem Brief des Delegaten für die römischen Häuser, P. McCool, vom 11. August 1968: Nachdem er zuerst auf die hohe mathematische Begabung von P. Zirwes verweist, auf seine treue Pflichterfüllung im Amt und auf seine Bereitschaft im brüderlichen Dienst, fährt er fort: "P. Zirwes ist ein Mann klarer Ansichten und repräsentiert den alten deutschen Jesuitenweg, wie man Dinge tut (the old German Jesuit way of doing things). Er liebt den sozialen Austausch und pflegt seine Meinung freimütig und unüberhörbar zu äußern".

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1980 - Juli, S. 67-70