Ulrich RuhÄngsteEine Allensbach-Umfrage zum Islambild der Deutschen
Aus: Herder Korrespondenz, 2006/6, S. 274 Viele Deutsche tun sich schwer mit der Präsenz von Muslimen in ihrem Land, und die Einstellungen gegenüber dem Islam haben sich in den vergangenen Jahren in den negativen Bereich verschoben. Das ergab eine vor wenigen Wochen durchgeführte Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach, über deren Ergebnisse in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (17. Mai 2006) einiges zu lesen war. Nicht wenige Deutsche wären also dafür, das in der Verfassung garantierte Grundrecht der Religionsfreiheit Muslimen nur in eingeschränktem Umfang einzuräumen. Es braucht nur die Lampe "radikale, gewaltbereite Muslime" aufzuleuchten, und schon wären viele dazu bereit, für den Islam hierzulande so etwas wie eine Religionsfreiheit zweiter Klasse zu etablieren, während man sich gleichzeitig für die freie Ausübung des christlichen Glaubens in muslimischen Ländern einsetzt. Seit vor allem türkische Muslime in den sechziger Jahren als "Gastarbeiter" nach Deutschland geholt wurden und damit die Zahl der hier lebenden Muslime stark anwuchs, leben muslimische Minderheit und anders- oder nichtgläubige Mehrheitsbevölkerung hierzulande im allgemeinen friedlich zusammen, wenn auch weitgehend nebeneinander her. Wirklich gravierende Konflikte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. Dennoch gaben bei der Allensbach-Umfrage jetzt 58 Prozent zu Protokoll, sie erwarteten, dass es in nächster Zeit zu Spannungen mit der muslimischen Bevölkerung in Deutschland kommen werde. Natürlich lässt sich so etwas nie mit Sicherheit ausschließen. Aber das bisherige Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland könnte eher die Hoffnung auf Bewältigung der unvermeidlichen Reibungsflächen nahe legen als einen "Kampf der Kulturen", nach dem in der Allensbach-Umfrage auch gefragt wurde. Der Islam ist schon seit Jahrhunderten Bestandteil der religiösen und kulturellen Wirklichkeit Europas, man denke nur an den muslimischen Bevölkerungsanteil in Bosnien und Albanien. Mit dem wahrscheinlich 2007 bevorstehenden Beitritt Bulgariens wird erstmals ein Land mit einer autochthonen muslimischen Minderheit der Europäischen Union angehören. Die Entwicklung des Islam in Europa vollzieht sich im übrigen auch nicht losgelöst von den Bewegungen und Stimmungen in der weltweiten islamischen Gemeinschaft mit ihren derzeit starken antiwestlichen Ressentiments und religiös-politischen Auseinandersetzungen um das muslimische Selbstverständnis - bis hin zum islamistischen Terrorismus. Aber diese Zusammenhänge sollte man hierzulande wie auch anderswo in Europa nicht dazu missbrauchen, Kreuzzugsideologien wieder zu beleben, das Schreckgespenst einer schleichenden Islamisierung Europas an die Wand zu malen oder in jedem Muslim einen potentiellen Terroristen zu sehen.
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