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Ulrich Ruh

Ängste

Eine Allensbach-Umfrage zum Islambild der Deutschen

 

Aus: Herder Korrespondenz, 2006/6, S. 274

Viele Deutsche tun sich schwer mit der Präsenz von Muslimen in ihrem Land, und die Einstellungen gegenüber dem Islam haben sich in den vergangenen Jahren in den negativen Bereich verschoben. Das ergab eine vor wenigen Wochen durchgeführte Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach, über deren Ergebnisse in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (17. Mai 2006) einiges zu lesen war.
    Der von Allensbach erhobene Befund überrascht angesichts der Stimmung in der deutschen Bevölkerung nicht und bestätigt den Eindruck, der sich aus vielen Alltagsgesprächen zum Thema Muslime nahe legt. Aber gleichzeitig kann man nur den Kopf schütteln, wenn man etwa liest, dass 40 Prozent der Befragten der Aussage zugestimmt haben: "Um zu verhindern, dass es zu viele radikale gewaltbereite Moslems in Deutschland gibt, sollte man die Ausübung des islamischen Glaubens in Deutschland stark einschränken."

Nicht wenige Deutsche wären also dafür, das in der Verfassung garantierte Grundrecht der Religionsfreiheit Muslimen nur in eingeschränktem Umfang einzuräumen. Es braucht nur die Lampe "radikale, gewaltbereite Muslime" aufzuleuchten, und schon wären viele dazu bereit, für den Islam hierzulande so etwas wie eine Religionsfreiheit zweiter Klasse zu etablieren, während man sich gleichzeitig für die freie Ausübung des christlichen Glaubens in muslimischen Ländern einsetzt.
    56 Prozent der von Allensbach Befragten votierten für die Aussage: "Wenn es in manchen islamischen Ländern verboten ist, Kirchen zu bauen, sollte es bei uns auch verboten sein, Moscheen zu bauen." Auch eine solche Argumentation, wie sie einem auch jenseits dieser aktuellen Umfrage immer wieder begegnet, missversteht das Grund- und Menschenrecht auf Religionsfreiheit. Ein demokratischer Rechtsstaat darf grundsätzlich die Religionsfreiheit in den eigenen Mauern nicht deshalb für bestimmte Gruppen limitieren, weil andere Staaten gegen dieses Recht eklatant verstoßen. Der Westen kann ja auch mit Recht darauf stolz sein, dass er islamischen Dissidenten Meinungs- und Publikationsfreiheit garantiert, die sie in ihrer Heimat nicht genießen.

Seit vor allem türkische Muslime in den sechziger Jahren als "Gastarbeiter" nach Deutschland geholt wurden und damit die Zahl der hier lebenden Muslime stark anwuchs, leben muslimische Minderheit und anders- oder nichtgläubige Mehrheitsbevölkerung hierzulande im allgemeinen friedlich zusammen, wenn auch weitgehend nebeneinander her. Wirklich gravierende Konflikte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. Dennoch gaben bei der Allensbach-Umfrage jetzt 58 Prozent zu Protokoll, sie erwarteten, dass es in nächster Zeit zu Spannungen mit der muslimischen Bevölkerung in Deutschland kommen werde. Natürlich lässt sich so etwas nie mit Sicherheit ausschließen. Aber das bisherige Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland könnte eher die Hoffnung auf Bewältigung der unvermeidlichen Reibungsflächen nahe legen als einen "Kampf der Kulturen", nach dem in der Allensbach-Umfrage auch gefragt wurde.

Der Islam ist schon seit Jahrhunderten Bestandteil der religiösen und kulturellen Wirklichkeit Europas, man denke nur an den muslimischen Bevölkerungsanteil in Bosnien und Albanien. Mit dem wahrscheinlich 2007 bevorstehenden Beitritt Bulgariens wird erstmals ein Land mit einer autochthonen muslimischen Minderheit der Europäischen Union angehören.
    Aber auch der durch Migration entstandene Islam in der Westhälfte Europas, sei es in den Niederlanden oder in Österreich, in Belgien oder in Italien, in Deutschland oder Frankreich wird in seinen unterschiedlichen Spielarten bleiben. Viele Muslime sind inzwischen Bürger europäischer Staaten geworden, auch wenn sie gleichzeitig die Verbindungen zu ihren Herkunftsländern pflegen.

Die Entwicklung des Islam in Europa vollzieht sich im übrigen auch nicht losgelöst von den Bewegungen und Stimmungen in der weltweiten islamischen Gemeinschaft mit ihren derzeit starken antiwestlichen Ressentiments und religiös-politischen Auseinandersetzungen um das muslimische Selbstverständnis - bis hin zum islamistischen Terrorismus. Aber diese Zusammenhänge sollte man hierzulande wie auch anderswo in Europa nicht dazu missbrauchen, Kreuzzugsideologien wieder zu beleben, das Schreckgespenst einer schleichenden Islamisierung Europas an die Wand zu malen oder in jedem Muslim einen potentiellen Terroristen zu sehen.
    Demgegenüber ist es notwendig, die kleinen Schritte weiterzugehen, die in der Bundesrepublik in den letzten Jahren im Blick auf den Ort der Muslime in der Gesellschaft versucht wurden. Dazu gehören die Bemühungen um islamischen Religionsunterricht als Schulfach wie Gespräche zwischen Vertretern der islamischen Gemeinschaft und Repräsentanten der christlichen Kirchen oder christlich-muslimische Kontakte vor Ort, so mühsam sie sich gestalten mögen.

 

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