|
Hilfreiche Texte
Karl-Heinz Pohl {*}
Geistige Traditionen im Selbstverständnis heutiger Chinesen
Von der Tagung der Katholischen Akademie in Bayern am 18. Februar 2006 zum Thema "Chinesische Trends. Schlaglichter auf das Reich der Mitte", dokumeniert in der Akademiezeitschrift 'zur debatte', 3/2006
Kultur und interkulturelle Wahrnehmung
Eine Konstante in der wechselhaften Geschichte des Chinabildes ist, dass China stets eine Art Gegenwelt zu uns darstellte: Nicht nur sind sie unsere Antipoden (die Welt müsste - von uns aus gesehen - dort buchstäblich auf dem Kopf stehen), auch andere Wahrnehmungen entsprachen und entsprechen noch immer denen einer Gegenwelt. Geschrieben wird vertikal statt horizontal, Bücher öffnet man von hinten statt von vorn, und zur Begrüßung gibt man sich selbst die Hand.
Im Folgenden wollen wir uns der Kultur und Gesellschaft dieser Gegenwelt, dieses Märchenlandes, anzunähern versuchen. Zunächst, da von geistigen Traditionen der chinesischen Kultur die Rede ist, gilt es, den Kulturbegriff zu klären. Was ist Kultur? Ist das "hohe Kultur", Beethoven oder Goethe?
Bekannt ist das Eisberg-Modell der Kultur. Es besagt, dass nur die oberflächlichen Merkmale einer Kultur sichtbar sind (wie beim Eisberg der kleinere, aus dem Wasser herausragende Teil); die den sichtbaren zugrunde liegenden und mit Religion und Philosophie verbundenen Teile (Wertvorstellungen etc.) sind unsichtbar. Kultur soll also hier nicht als "hohe Kultur", sondern in einem umfassenderen, kulturanthropologischen Sinne verstanden werden, nämlich als ein Orientierungswissen (oder Orientierungssystem), das wir gleichsam ererben, das unser Handeln und Verhalten prägt, über dessen Wirken wir uns aber in der Regel nicht bewusst sind. Wenn im Folgenden von Kultur gesprochen wird, dann bedeutet dies Alltagskultur, Verhaltensweisen, insbesondere: Wertvorstellungen. Kurz: Mentalität; all das, was unsere Tätigkeit im Leben prägt. Insofern sind alle menschlichen Leistungen als Kultur zu verstehen (eben nicht nur Literatur und Musik). Wir sprechen zum Beispiel von Rechtskultur, politischer Kultur oder Wirtschaftskultur.
Kulturkenntnisse sind folglich nicht unwichtig; kulturelle (und interkulturelle) Kompetenz ist bedeutend für das Geschäftsleben geworden (nicht nur Fachkompetenz und soziale Kompetenz). Wie zeigt sich interkulturelle Kompetenz? Wenn man zum einen sich der eigenen kulturellen Vorprägung bewusst ist und zum anderen für die Regeln, Erwartungen, Wertvorstellungen etc. von Menschen aus anderen Kulturen sensibilisiert ist, d.h. , wenn man in der Lage ist, je nach Bedarf eine andere
23
Optik einzuschalten. Ziel einer (inter-)kulturellen Annäherung an China wäre es, diese Fremdheit Chinas aus seiner eigenen Geschichte und kulturellen Prägung heraus verstehen und mit Chinesen entsprechend agieren zu lernen.
Der US-Senator James William Fulbright hat einmal zur interkulturellen Erziehung bemerkt: "Die Essenz interkultureller Erziehung liegt im Erwerben von Einfühlungsvermögen - der Fähigkeit, die Welt so zu sehen, wie andere sie sehen, sowie die Möglichkeit einzuräumen, dass andere etwas sehen mögen, das wir nicht gesehen haben, oder dass sie es genauer sehen könnten."
Ein wichtiger Aspekt interkulturellen Verständnisses hinsichtlich China (allerdings leider auch ein sehr vernachlässigter) ist die Prägung durch die jüngere Geschichte. In diesem Zusammenhang müssen wir zunächst Kultur auch und gerade als einen Prozess kollektiven Erinnerns verstehen.
Das chinesische Bewusstsein ist von anderen kollektiven Erfahrungen bestimmt worden als Europa:
- Es hat die Kolonialzeit auf der Seite der Opfer erlebt. Ein räuberischer und keinen Deut um Moral verlegener Westen war seit den Opiumkriegen (ca. 1840) in China eingefallen und hatte dem Land durch eine Kette von ungleichen (d.h. unmoralischen) Verträgen ein Gebiet nach dem anderen entrissen. Vorher hatten die Engländer massenweise Opium nach China eingeführt und das Land von innen an den Rand des Ruins gebracht. Kurzum: China sank dadurch auf einen halbkolonialen Status herab.
- Für ein Land, das sich früher als zivilisatorische Mitte der Welt betrachtete: eine traumatische und schmachvolle Erfahrung. Wichtig zu wissen: Dieses Trauma schmerzt auch heute noch. Deshalb ist die Einstellung vieler Chinesen Westlern gegenüber eine Mischung aus Bewunderung und Ablehnung.
Nun zur Prägung durch die Kultur, zu den kulturellen Wurzeln selbst. Wir halten unsere kulturellen Maßstäbe ganz selbstverständlich für überall gültig (Ethnozentrismus). Geschichtlich gesehen hat unser Ethnozentrismus allerdings verheerende Wirkungen gehabt. Das abendländische Überlegenheitsbewusstsein (der Eurozentrismus) hat nämlich zur kolonialen Unterwerfung der halben Welt geführt. Schaut man genau hin, so sieht man, dass dieses Überlegenheitsgefühl (Eurozentrismus) religiös vorgeprägt ist durch Absolutheitsanspruch, Monotheismus, Missionsgeist. Dies ist eine Einstellung, die heutzutage im religiösen Bereich (Gott sei Dank) überwunden ist, als politisches Sendungsbewusstsein jedoch fröhliche Urständ feiert. Man könnte es so sehen, dass der Westen sein (ursprünglich aus dem Christentum stammendes) universalistisch angelegtes Wertesystem erfolgreich globalisiert bzw. universalisiert hat (Konflikte, die sich daraus ergeben, kann man z.Zt. im Verhältnis zur muslimischen Welt beobachten).
Geistige Traditionen Chinas
Yin-Yang-Denken
Das Yin-Yang-Denken bildete die Klammer, die das ganze chinesische Denken (wenn nicht sogar das ostasiatische - siehe die koreanische Flagge) zusammenhält. Was sind die Grundgedanken?
- Alles Werden entsteht durch das Zusammenwirken von zwei polaren Kräften (Yin und Yang).
- Es ist gleichsam ein kosmischer Geschlechtsakt, der alles Leben der Welt hervorbringt, denn Yang und Yin stehen auch für die Prägung männlich - weiblich.
- Yang ist das schöpferische Prinzip; Yin das vollendende Prinzip.
- Yang ist die Sonnenseite; Yin die Schattenseite.
- Wichtig ist, dass die beiden Kräfte nicht in einem Konfliktverhältnis stehen, sondern einander bedingen und ergänzen (kein Dualismus von Licht und Finsternis).
Man geht nicht fehl, den Ursprung des chinesichen Harmoniedenkens im Yin-Yang-Modell zu sehen, denn das Prinzip heißt: Ausgleich der Gegensätze im konstanten Wandel; Ziel ist ein dynamisches Gleichgewicht. Das Yin-Yang-Denken bestimmt die ganze chinesische Alltagskultur.
Konfuzianismus
Der Konfuzianismus ist zwar keine Religion, sondern eine Sozialethik, allerdings mit religiöser Funktion. Sein Ziel ist das Streben nach einem höchsten Guten im täglichen Leben. Zentral ist der Gedanke, dass der Mensch nicht für sich allein da ist, sondern im Zentrum von verschiedenen Beziehungsringen steht; am wichtigsten ist die Familie. Die Familie bildet nicht nur die Kern- und Keimzelle der Gesellschaft, sondern das Gesellschaftsmodell ist der Familie nachempfunden. Die Familie funktioniert nämlich einerseits durch die Wahrnehmung von Pflichten (z.B. Verantwortung und Vorbildhaftigkeit seitens der Eltern), andererseits durch den Konsens, der ihren Bestand garantiert (Streit führt zum Zerbrechen von Familien).
Die gesellschaftliche Elite besitzt nur Legitimation für die politische Führung durch familiäre Qualitäten wie Verantwortung, Pflichtgefühl, Vorbildhaftigkeit. Denn zwei weitere Grundanliegen des Konfuzianismus sind die charakterliche Selbstkultivierung der einzelnen Person (das Individuelle) sowie das Ordnen der Welt (das Überindividuelle). Das heißt, nur der (moralisch, charakterlich) kultivierte Mensch ist dazu berufen, beim Ordnen der Welt mitzuhelfen (sprichwörtlich: innen ein Weiser, außen ein König zu sein).
Inzwischen spricht man vom Postkonfuzianismus (oder Metakonfuzianismus). Auch wurde der Konfuzianismus wegen des Wirtschaftswunders in anderen postkonfuzianischen Ländern Ostasiens politisch stark aufgewertet. Betont werden dabei auch konfuzianischen Sekundärtugenden wie Fleiß, Pflichtbewusstsein, Geduld, Sparsamkeit, Entbehrungsfähigkeit etc.
Daoismus
Er bildet den Gegenpol zum Konfuzianismus (allerdings im Sinne von Yin und Yang, d.h. nicht feindlich, sondern komplementär bzw. im Sinne gegenseitiger Ergänzung). Der Daoismus stellt auch eine Lebensphilosophie / Lebenskunst, wenn nicht sogar eine Überlebenskunst dar (im Gegensatz zur konfuzianischen Morallehre).
Ein Zitat von Laozi: "Wenn lebendig, ist der Mensch weich, wenn er tot ist, ist er hart und trocken." Der Daoismus steht im Zusammenhang mit chinesischen Kampfeskünsten und Strategieschulen (möglicherweise bilden diese seinen Ursprung), d.h., er ist eine Überlebenskunst: Das Weiche ist näher zum Leben; Wasser kann harten Stein aushöhlen. So beruhen die Kampfeskünste auf daoistischen Erkenntnissen bzw. auf dem Prinzip der Flexibilität / Lebendigkeit; Härte bedeutet Unbeweglichkeit. Die Kampfesphilosophie des Daoismus lautet: Die beste Verteidigung ist - nicht da sein. Es gilt, einen Kampf zu überstehen (überleben) durch Flexibilität.
Der Bambus ist Symbol für diese Qualitäten; so lautet eine Gedichtaufschrift auf einem Bambusbild: "Festgebissen im grünen Berg lässt er nicht los. / Seine Wurzeln setzt er tief in die Klüfte der Felsen. / Trotz 1000 Angriffen ist er fest wie eh, / nimmt er den Wind von Osten, Westen, Süden und Norden."
Buddhismus
Der Buddhismus ist im ersten Jahrhundert von Indien nach China gelangt, hat aber in China eine ganz andere kulturspezifische Ausprägung erfahren, insbesondere in der Verbindung von Daoismus und Buddhismus als Zen-(Chan-)Buddhismus. Der Zen-Buddhismus (Blüte im 8. bis 13. Jahrhundert) gelangte etwa im neunten Jahrhundert nach Japan. Wir verstehen ihn deshalb heute als etwas Japanisches, im Grunde ist er aber etwas ganz Chinesisches.
Die ursprüngliche Grundidee des Buddhismus ist folgende: erkennen der Leidhaftigkeit des Lebens. Loslösen aus der Welt durch Versenkung führt zur Aufhebung von Leiden und Erlangen von Buddhaschaft. Quintessenz des Zen ist jedoch: bewusstes Leben im Hier und Jetzt, das ist die Erleuchtung (Erlösung vom Leiden). D.h., der Versuch, Buddhaschaft zu erlangen, vereitelt das Erlangen von Buddhaschaft. Erleuchtung besteht darin, nicht danach zu streben, erleuchtet zu werden. Wir sind im Grunde unseres Wesens erleuchtet, wissen es nur nicht. So liegt der wahre Weg / Sinn darin, im alltäglichen Leben einen unverhafteten Geist zu bewahren (dies entspricht auch dem Daoismus): Das Alltägliche ist also das Heilige.
Zusammengefasst gibt es bedeutsame Unterschiede des chinesichen Denkens zu unserer Tradition:
- Es gibt keine für wahr gehaltenen Glaubensinhalte, stattdessen: rechtes Handeln (moralische Fragen stehen im Vordergrund);
- Nicht das Transzendente ist das "Heilige", sondern das Alltägliche (Weltliche) und Natürliche (Säkulare);
- Die verschiedenen Schulen stehen nicht in gegenseitigem Verdrängungsverhältnis, sondern ergänzen einander (tolerant, inklusiv).
Schließlich lässt sich die Geistesgeschichte des Abendlandes verstehen als Geschichte der Emanzipation des Individuums aus religiöser und staatlicher Bevormundung; dies führt zur Vorstellung eines abstrakten, verrechtlichten Individuums. In China hingegen stand und steht der Mensch immer im Kontext von Beziehungen (Familie ...) und im Kontext des Kosmos.
Gesellschaftsstrukturen
Hierarchie
Die chinesiche Gesellschaft ist eine auf hierarchischen Verhältnissen beruhende Gesellschaft. Wir sagen auch: Die chinesische Kultur ist eine Status-Kultur (im Gegensatz zur unsrigen, die wir im Prinzip als Gleichheitskultur bezeichnen können). Die Hintergründe liegen im konfuzianischen Familiendenken, und so werden hierarchische Strukturen in China meist als natürlich, naturgegeben betrachtet: Als Kind wird man nämlich in eine natürliche Hierarchie hineingeboren. Die Eltern haben das Sagen und behalten es ihren Kindern gegenüber, selbst wenn diese heranwachsen.
Der Begriff der Autorität hat insofern einen anderen Rang: Er wird nicht, wie bei uns, mit etwas Negativem assoziert (seit den 68er Jahren ist hierzulande Autorität sogar zum Unwort geworden), sondern mit positiven Qualitäten wie Fürsorge, Güte, Verantwortung, Reife. Älteren / Eltern wird mehr Respekt entgegengebracht, als wir inzwischen gewohnt sind.
Das Prinzip der Seniorität beherrscht die Lebens- und Arbeitswelt Chinas (und überhaupt ganz Ostasiens). Und da Staat und Gesellschaft wie eine Familie gesehen werden, kommt es immer und überall auf den jeweiligen Status an (Visitenkarten geben Aufschluss darüber und lassen einen das Verhalten entsprechend anpassen).
Harmonie
Die Chinesen (im Allgemeinen - es gibt natürlich genügend Ausnahmen) bewerten eine gesamtgesellschaftliche Harmonie und Stabilität höher als alles andere. Sie sind meist bereit, dafür vieles an Eigeninteresse (selbst politische Freiheiten) zu opfern. Das gefürchtete Gegenteil ist "Chaos" (Kulturrevolution). Insofern kann man die chinesische Kultur auch als Konsenskultur bezeichnen. Unsere Kultur dagegen stellt weit mehr eine Streitkultur dar (der Begriff ist inzwischen auch positiv besetzt). Streit und Konflikt bilden in gewissen Sinne Grundlage und Voraussetzung für das Funktionieren unserer Demokratie. Und hier liegt wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, warum die westliche Demokratie für die Chinesen nach wie vor ein Fremdkörper darstellt; sie ist nämlich an eine funktionierende Streitkultur gebunden.
Was sind die Hintergründe der Konsensorientierung? Einerseits die konfuzianische Betonung von Maß und Mitte (Extreme sind zu vermeiden, sind etwas Schlechtes), andererseits das Yin-Yang-Denken.
Streit ist demnach etwas prinzipiell Schlechtes, stattdessen gilt es, Ausgleich zu suchen, verträglich zu sein, auch das Andere gelten lassen zu können. Nicht: entweder A oder B, du oder ich, die oder wir, sondern: sowohl A als auch B.
Beziehungen
Die chinesische Gesellschaft ist ein System gegenseitiger Beziehungen und Verpflichtungen. Die Hintergründe liegen wiederum im konfuzianischen Familiensystem, mit all seinen möglichen verwandtschaftlichen Bindungen. Das Beziehungssystem geht allerdings darüber hinaus, es umfasst alle dauerhaften Bekanntschaften und Freundschaften, und es funktioniert nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit - eine Hand wäscht die andere (so unbekannt ist dies bei uns auch nicht). In China ist es jedoch wichtiger als hier (als "Hintertür"), da vieles nicht selbstverständlich zu haben ist. Gute Beziehungen können einem deshalb einiges ermöglichen.
Beziehungen darf man jedoch nicht nur rein vom Nützlichkeitsaspekt her sehen, sie sind vielmehr Teil einer zwischenmenschlichen Wärme (renquing wei), die die Chinesen als wichtigstes Charakteristikum ihrer Lebenswelt betrachten (entspricht etwa unserer "Heimat").
Noch ein Aspekt beim Thema Beziehungen ist wichtig. Es betrifft nämlich
24
auch die Grundlagen des chinesischen Rechtsverständnisses. Von westlichen Geschäftsleuten wird bekanntlich mit am meisten die Rechtsunsicherheit in China beklagt (verglichen mit unseren Standards). Dabei vergessen wir, dass unser Rechtswesen ein besonderer Teil unserer abendländischen Kultur ist. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass auf der ganzen Welt die gleichen rechtlichen Verhältnisse herrschen.
Es gibt Länder / Kulturen, in denen Beziehungen wichtiger sind als Gesetze:
- Gesetze haben etwas Abstraktes, Gleichmachendes, Prinzipielles;
- Beziehungen hingegen (Verwandtschaft, Freunde) sind demgegenüber konkret und speziell.
Das chinesische Rechtsverständnis geht auch auf Konfuzius zurück: Der Präfekt von She unterhielt sich mit Konfuzius. Dabei sagte er: "Hier sind die Menschen wahrhaftig aufrichtig. Der eigene Sohn bringt es zur Anzeige, wenn sein Vater ein Schaf gestohlen hat." Dazu bemerkte der Meister: "Bei uns ist das anders. Bei uns deckt der Vater den Sohn, und der Sohn deckt den Vater. Darin liegt Aufrichtigkeit" ("Gespräche").
Was ist nun ein ethischer Wert wie Gerechtigkeit / Aufrichtigkeit?
- Dass ich gleichmachenden Gesetzen gegenüber treu bin?
- Oder dass ich speziellen Personen gegenüber treu bin?
Aufgrund der Bevorzugung besonderer Beziehungen vor universalen Gesetzen spricht man bei China von einer "partikularistischen Kultur" (im Gegensatz zur universalistischen westlichen Kultur mit ihrer Betonung von Prinzipien, Gesetzen, Gleichbehandlung). Für die chinesische Rechtskultur heißt das: Man bevorzugt informelle Lösungen (anstatt Verrechtlichung):
- Verlässlichkeit hat man nicht durch vertragliche / rechtliche Bindungen, sondern durch Loyalitäten / Beziehungen
- Bei Rechtsstreitigkeiten prozessiert man nicht so gerne, sondern sucht die Schlichtung mit Hilfe einer älteren Respektsperson.
Als Neuling auf dem chinesischen Parkett sollte man:
- nicht auf Gesetzesregeln pochen
- oder auf vertragliche Unterschriften drängen
- sondern an Aufbau von gegenseitig fruchtbaren Beziehungen arbeiten.
Verhaltensweisen
Höflichkeit
Wir empfinden Chinesen häufig als übertrieben höflich und sehen dies als etwas Negatives. Dazu kommt allerdings auch, dass Höflichkeit hierzulande nicht mehr unbedingt einen positiven Rang besitzt (insbesondere nicht in der heutigen Jugendkultur). In China hat Höflichkeit hingegen eine ethische Komponente: Es geht um die Überwindung von Selbstbezogenheit, darum, den anderen aufzuwerten, nicht sich selbst. Allerdings ist sie stark ritualisiert (was auch hilfreich sein kann); jedenfalls braucht man in China keine Angst zu haben, als übertrieben höflich angesehen zu werden.
Gesicht
Der Ausdruck "Gesicht wahren / verlieren" hat sich bei uns schon als Metapher etabliert. Was sind die Hintergründe?
- Gesicht ist wichtig zur Wahrung von Harmonie in Beziehungen: Der Schein muss gewahrt bleiben (z.B. sollte man nicht Fehler bei anderen korrigieren).
- Chinesen sind besorgt darüber, was andere über einen denken; am gefürchtetsten ist, sich aufgrund von Gesichtsverlust schämen zu müssen.
Man spricht deshalb auch von einer Schamkultur. Für die chinesische Vorstellung von Gesicht ist aber auch wichtig, dass es allein nichts Positives ist, sein eigenes Gesicht wahren zu können. Wichtig ist vielmehr, anderen Gesicht geben zu können, d.h., sie vor Gesichtsverlust zu bewahren, oder anderen Raum geben, sich darzustellen. Dies ist eine zentrale, soziale Kompetenz.
Gesicht ist in Gefahr bei Peinlichkeiten. So gilt es, peinliche Situationen durch Lachen abzuwiegeln (je peinlicher, umso herzhafter darf gelacht werden). "Nein" sagen zu müssen, ist meist auch peinlich (Das kulturelle ABC Chinas lautet: "Ja" heißt im Chinesischen immer auch "ungefähr" oder "vielleicht". "Vielleicht" heißt dagegen meist "nein", und "nein" gibt es gar nicht. Wenn man es gebraucht, so zeigt es nur, dass man die Regeln nicht beherrscht.).
Lernen
"Lernen" ist das erste Wort im wichtigsten konfuzianischen Klassiker: "Lernen und das Gelernte von Zeit zu Zeit zu üben, ist das nicht auch eine Freude?" Jedoch ist dies ein anderes Lernen, als wir es heute hochhalten. Es geht erstens um moralisches Lernen, zweites um nachahmendes und perfektionierendes Lernen ("Kungfu" bedeutet, das Gelernte durch stetes Üben zur zweiten Natur werden zu lassen). Im Gegensatz liegt bei uns die Betonung beim Lernen auf Selbständigkeit und Krativität. Man könnte allerdings auch durchaus von einer chinesischen Lernkultur gegenüber einer abendländischen Belehrungskultur sprechen (früher christliche, heute politische Missionare).
Probleme und Chancen des heutigen Chinas
China hat in seiner weiteren Wirtschaftsentwicklung einige Handicaps zu überwinden.
- immer noch wachsende Bevölkerung, Problem der Nahrungsmittelversorgung
- Entwicklungsgefälle zwischen Küste und Innerem
- Sanierung der unrentablen Staatsbetriebe, damit einhergehend Massenarbeitslosigkeit, Massenmigration, Korruption
- Vermeidung von weiteren gravierenden Umweltschäden
- Transport und Energie: Engpässe
Bei der Lösung dieser Probleme geht man einerseits in der Tradition eines chinesischen Pragmatismus vor, wie Deng Xiaoping einmal sagte: "Wir sind dabei, einen Fluß zu überqueren, und dabei müssen wir so vorgehen, dass wir bei jedem Schritt fest die Steine unter unseren Füßen fühlen und bei jedem Schritt schauen, wie es weitergeht."
Andererseits wird dabei eine Zwischenlösung von Marktwirtschaft und staatlicher Steuerung versucht, genannt "sozialistische Marktwirtschaft". Das Wort bildet eigentlich einen Widerspruch in sich. Doch vielleicht vermag China - trotz aller Skepsis angesichts der genannten Probleme - gerade aufgrund der eben genannten Fähigkeit (nämlich scheinbar Gegensätzliches zusammenzubringen), für dieses Experiment, für diesen Spagat zwischen Marx und Markt, zwischen Konfuzius und Coca Cola, zwischen Lokalisierung und Globalisierung günstige Voraussetzungen zu schaffen.
{*} Prof. Dr. Karl-Heinz Pohl, Professor für Sinologie an der Universität Trier
|