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Michael Amaladoss SJ

Im Dienst des interreligiösen Dialogs in Indien

 

Aus: Stimmen der Zeit, Spezial 2 - 2006, S. 57-67

 

Das Engagement von Jesuiten im interreligiösen Dialog in Indien reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Auf Anfrage des Großmoguls Akbar (1556-1605) reisten zwei Jesuiten von Goa nach Agra, um an interreligiösen Gesprächen teilzunehmen, die Akbar 1579/80 angeregt hatte. Ihre Anwesenheit am Hof des Großmoguls ist in einer Reihe von Miniaturzeichnungen dieser Zeit bezeugt {1}. Roberto de Nobili (1577-1611), der im Jahr 1606 in Madura (heute: Madurai) eintraf, stand zwar der indischen Kultur positiv gegenüber, nicht jedoch der indischen Religion. Aber er verwarf oder ignorierte sie nicht einfach. Er diskutierte mit Hindus und war bestrebt, ihnen auf rationale Weise aufzuzeigen, daß sie auf dem falschen Weg seien. Das bedeutet, daß er sie ernst nahm und mit ihnen im Dialog stand, wenngleich eher polemisch.

Das nächste ernsthafte Engagement beginnt im frühen 20. Jahrhundert. Eine Gruppe junger belgischer Jesuiten betonte, daß es auch Gutes im Hinduismus gebe und wertete es als eine Vorbereitung auf das Evangelium. Im Christentum sahen sie die Erfüllung des Hinduismus. Sie gründeten die Zeitschrift "The Light of the East". Pierre Johanns SJ (1882-1955) verfaßte unter dem Titel "To Christ through the Vedanta" ("Zu Christus durch den Veda") eine Reihe von Broschüren, in denen er aufzeigte, wie die Philosophien des Veda ihre Vollendung in der christlichen Philosophie des Thomas von Aquin finden {2}. Sie waren zweifellos von Brahmabandab Upadyaya (1861-1907) inspiriert, einem Hindukonvertiten, der sich selbst als Hindu-Christ bezeichnete, aber auch von Hindus wie Keshub Chandra Sen (1838-1884), die Jesus als ihren Guru betrachteten, obwohl ihnen die Kirche als Institution nicht sympathisch war.

Kultur und Religion der Hindus wurden ernsthaft studiert. Pioniere wie Julien Bayart SJ (1905-1979), Richard De Smet SJ (1916-1997) und Josef Neuner SJ (geb. 1908) stellten vergleichende Studien an {3}. Eine spezielle Beilage zu der von Jesuiten herausgegebenen Zeitschrift "The Clergy Monthly" begann mit der Veröffentlichung solcher Studien. Später wurde sie in die Zeitschrift integriert, die 1974 in "Vidyajyoti Journal of Theological Reflection" umbenannt wurde. Sie orientierten sich an dem Paradigma "Vorbereitung - Erfüllung" ("preparation - fulfillment"), das eine deutliche Wertschätzung des Hinduismus bedeutete.

Ihr Zugang zum Hinduismus war nicht nur akademischer, sondern auch persönlicher Natur. Pierre Fallon SJ (1912-1985) und Robert Antoine SJ (1914-1981) in Kalkatha (früher: Kalkutta) sowie Guy Deleury SJ (der später aus dem Orden aus-

 


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trat) und Matthäus Lederle SJ (1926-1986) in Pune beherrschten Sanskrit und andere lokale Sprachen; sie lebten unter Hindus und tauschten sich auf vielfältige Weise mit ihnen aus. Einige Jesuitengelehrte taten sich zusammen und riefen einen Fernkurs zur Einführung in den Hinduismus ins Leben. Die Lektionen dieses Kurses wurden später in einem Buch gesammelt {4}.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Sicht bestärkt und gefördert. Es ist bezeichnend, daß mit Josef Neuner einer dieser Pioniere Mitglied der Kommission war, die die Erklärung über die nichtchristlichen Religionen "Nostra aetate" entwarf. Das ernsthafte Interesse am Hinduismus hielt an, und viele junge Jesuiten studierten seine Philosophie, seine Theologie und seine Spiritualität. Ich möchte mich hier auf das konzentrieren, was Jesuiten auf diesem Gebiet nach dem Zweiten Vatikanum getan haben und immer noch tun. Angesichts der großen Zahl derer, die sich heute in diesem Bereich engagieren, werde ich mehr über die verschiedenen Arten des Dialogs sprechen als über einzelne Personen und Namen nur dort erwähnen, wo es wirklich notwendig ist.

Die neueren Dokumente der katholischen Kirche sprechen von vier verschiedenen Arten des Dialogs: dem Dialog des Lebens, des Handelns, des intellektuellen Austauschs und der Erfahrung. Ich möchte diese vier Dialogarten um drei weitere ergänzen: den zwischenmenschlichen Dialog, den Dialog als Versöhnung und die theologische Reflexion zur Vorbereitung und Unterstützung des Dialogs. Man kann diesen Rahmen nutzen, um die verschiedenen Tätigkeiten von Jesuiten auf dem Gebiet des interreligiösen Dialogs einzuordnen. Unter heutigen Bedingungen richtet sich der Dialog nicht nur auf religiöse Phänomene, sondern auch auf säkulare Ideologien {5}.

 

Der Dialog des Lebens

In Indien sind die Jesuiten im Bildungs- und Erziehungssektor stark vertreten. Dieser Einsatz wird weitergeführt und wächst sogar. Aufgrund der demographischen Situation Indiens sind die meisten Studenten und auch einige Lehrer Angehörige anderer Religionen. Anders als in protestantischen Institutionen, wo jeder zum Bibelstudium verpflichtet ist, respektierten jesuitische (katholische) Institutionen die Religion der andersgläubigen Studenten. Sie erhielten Ethikunterricht, während Katholiken in ihrem Glauben unterwiesen wurden. Viele Studenten betrachteten und respektierten Jesuiten als ihre "Gurus". Jesuiten hatten außerdem ein profundes Wissen von den religiösen Überzeugungen und der religiösen Praxis ihrer Studenten. Es gab keine Bekehrungsversuche. Ein erfahrener Missionar erzählte mir einmal, daß es nie ein direkter Übergang vom Hinduismus zum Christentum war, wenn einige gebildete Hindus Christen wurden. Ein Hindu verlor seinen Glauben wegen des Rationalismus, dann erst entdeckte er allmählich das Christentum. Es war also tatsächlich ein Dialog des Lebens.

 


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In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat die "Jesuit Educational Association" von Indien eine Reihe regionaler Beratungen organisiert, die in eine nationale Konsultation mündeten und die auch andere katholische Erzieher einbezog. Das Thema war: "Im Glauben erziehen" {6}. Übereinstimmung bestand darin, daß eine ganzheitliche Erziehung auch religiöse Erziehung einschließt, daß dies für junge Menschen aber nur jeweils in ihrer eigenen Religion erfolgen kann, und daß die Erzieher dafür verantwortlich sind, die Studenten in ihrem eigenen Glauben bzw. in ihrer eigenen Religion zu erziehen. Man unterschied zwischen Glauben als Verpflichtung, als Feier und als Reflexion. Die Verantwortung der Schule bezog sich nur auf den Glauben als Reflexion. Alles andere war Sache der jeweiligen religiösen Gemeinschaften. Ich glaube nicht, daß irgendeine Institution der Jesuiten versucht hat, diese Ausrichtung systematisch festzuschreiben. Aber Texte und Gebete aus den Schriften anderer Religionen werden regelmäßig beim gemeinsamen Morgengebet verwendet. Alle Studenten werden außerdem als Teil ihrer Erziehungsprogramme in die Lehre und in die Praxis anderer Religionen eingeführt. Spezielle Textbücher auf Englisch und in indischen Sprachen wurden für diesen Zweck erarbeitet {7}.

 

Der Dialog des Handelns

Jesuiten sind mit vielen sozialen Zentren und Projekten an der umfassenden Befreiung von Menschen engagiert. Viele Aktivitäten auf diesem Gebiet sind interreligiös. Jesuiten suchen nach Zusammenarbeit nicht nur mit Menschen aller Glaubensrichtungen, sondern auch mit säkularen Gruppierungen. Von ihren Tätigkeiten profitieren die Angehörigen verschiedenster Religionen. Religion nimmt in diesen Programmen keinen herausragenden Platz ein. Ganz im Gegenteil! Man kann sogar sagen: Sie neigen dazu, gegenüber sämtlichen Religionen kritisch eingestellt zu sein wegen deren Tendenz zu ungerechten sozialen Praktiken wie dem Kastensystem oder der Unterdrückung von Frauen. Gleichzeitig wurden Anstrengungen unternommen, um das Befreiungspotential anderer Welt- und Volksreligionen hervorzuheben.

Man kann dafür neuere Beispiele nennen. Als der Tsunami Ende 2004 die indische Küste verwüstete, beteiligten sich Jesuiten an der Hilfe und Sanierung des Nagapattinam Distrikts im Rahmen einer weltlichen (multireligiösen und -ideologischen) Nichtregierungsorganisation, im aktuellen Fall von Jesuiten angeregt. Freiwillige aller Religionen waren dort engagiert. Dieselbe Nichtregierungsorganisation hat auch Delegierte zum Weltsozialforum in Mumbai (2004) und Porto Alegre (2005) entsandt. Auf der Ebene der Reflexion und der Diskussion arbeitet das "Indian Social Institute" in New Delhi mit vielen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen beratend zusammen. Ähnlich heißt das "Indian Social Institute" in Bangalore bei seinen Ausbildungsprogrammen Sozialaktivisten aller Relgionen und Denkweisen willkommen.

 


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Die Jesuiten in den "Tribal areas", den Gebieten der Stammesbevölkerung in Bihar und Madhya Pradesh, sind an Bewegungen beteiligt, die sich für das Land und seine ökologische Integrität einsetzen. Diese Bewegungen umfassen alle Stämme und gehen über religiöse Identitäten hinaus. Eine ähnliche Verbundenheit kann festgestellt werden, wenn die kastenlosen Dalits verschiedener Religionen sich zusammenschließen, um für ihre Befreiung einzutreten.

 

Der Dialog des intellektuellen Austauschs

Jesuiten haben das Studium des Hinduismus und des Islam aufgenommen, nicht nur aus akademischem Interesse, sondern auch mit dem Ziel, mit diesen Religionen in Verbindung zu treten. Die Methode hat sich jedoch geändert. Roberto de Nobili zum Beispiel studierte den Hinduismus, um zu zeigen, warum er falsch sei. Im beginnenden 20. Jahrhundert richtete sich das Interesse mehr auf einen Vergleich, und es wurden auch die positiven Seiten des Hinduismus gesehen. Im Grund wollte man jedoch aufzeigen, daß der Hinduismus im Christentum seine Erfüllung findet. Eine gute Kenntnis des Hinduismus wurde als notwendig dafür angesehen, Hindus das Evangelium verständlich zu verkündigen. Die Stimmung änderte sich um die Zeit des Zweiten Vatikanums. Seither wird der Hinduismus um seiner selbst willen und als Dialogpartner geschätzt. Dieser Dialog geschieht auf der Ebene der Gleichheit und ist von großem gegenseitigen Respekt geprägt.

Auf dem Gebiet des intellektuellen Austauschs gibt es jetzt, abgesehen von Einzelinitiativen, drei Zentren, die das Studium verschiedener Religionen vorantreiben. In Pune ist dies das "Institute for the Study of Religion", angeregt von Francis D'Sa SJ {8}. Er hat sich insbesondere auf das Studium der Veden und der Bhagavadgita spezialisiert. In Chennai hat die philosophische Fakultät der Jesuiten ein Forschungsinstitut eingerichtet, das von der Universität von Madras anerkannt wird. Es hat Seminare und Veröffentlichungen über interkulturelle Philosophie gefördert. Es veröffentlicht auch das "Hindu-Christian Studies Bulletin" und bringt wissenschaftliche Artikel von Hidus wie von Christen heraus. Dieses Institut kooperiert mit einer wissenschaftlichen Vereinigung in den Vereinigten Staaten von Amerika. Zur Zeit leitet Anand Amaladass SJ dieses Zentrum {9}.

Das dritte Zentrum ist das "Institute of Dialogue with Cultures and Religions". Es besteht seit vier Jahren und ist ebenfalls in Chennai angesiedelt; es ist gleichfalls der Universität von Madras zugeordnet und bietet Doktoratsprogramme in interkulturellen und interreligiösen Studien an. In diesem Jahr wurden die ersten sieben Doktoranden zugelassen. Dieses Institut betreibt auch eigene Forschungsprojekte, derzeit eine Dreijahresforschung über "Religion und Gewalt". Es konzentriert sich dabei auf die südindische Stadt Coimbatore, wo es 1998 Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen gab. Das Institut hat mit Interviews und Berichten Daten ge-

 


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sammelt. Ziel ist es, die Gründe für den Konflikt herauszufinden und nach Wegen zur Versöhnung und zum Frieden zu suchen. Dies wird durch gemeinsame interreligiöse Reflexion in Seminaren erfolgen. Das Institut organisiert in Zusammenarbeit mit anderen, ähnlich gelagerten Organisationen anderer Religionen auch interreligiöse Seminare für Studenten und die breite Öffentlichkeit {10}.

Dabei ist zu beachten, daß bereits ein rein akademisches Interesse am Hinduismus als verdächtig gilt und von hinduistischen Fundamentalisten feindselig beobachtet wird. Derzeit haben sie amerikanische und europäische Forscher im Visier. Wer am Studium des Hinduismus interessiert ist, steht im Verdacht, den Hinduismus schlechtmachen und das Christentum verbreiten zu wollen, selbst wenn der Forscher überhaupt kein Christ oder überhaupt nicht gläubig ist. Vorerst ist das ein neues, noch weitgehend auf das Internet beschränktes Phänomen. Diese Leute sind für keinerlei Dialog offen. Das zeigt, daß der Dialog heutzutage keine einfache Angelegenheit ist. Es liegen viele Verdächtigungen in der Luft. Es gab eine Zeit, in der Inder sich geschmeichelt fühlten, wenn Ausländer sich für das Studium ihrer Religion interessierten. Sie waren sogar eher zum Dialog mit ausländischen Hinduismus-Wissenschaftlern bereit, als mit indischen christlichen Studenten des Hinduismus. Aber die Situation hat sich fast unmerklich geändert, und die Verdächtigungen fundamentalistischer Gruppen haben sich verallgemeinert.

Der Dialog wird oft auf Vertreter von Weltreligionen wie dem Hinduismus und dem Islam eingeschränkt. Aber diese Religionen haben auch ihre volkstümliche Seite. Die Armen und die Stammesangehörigen praktizieren verschiedene kosmische Religionen, obwohl sie offiziell als Hindus eingestuft werden. Im Kampf für ihre eigene wirtschaftliche und soziale Befreiung betonen diese Gruppen heutzutage ihre Identität als Nichthindus und entdecken ihre kosmischen Religionen wieder, die in der Vergangenheit als Teile des Hinduismus angesehen wurden. Einige Jesuiten, die mit diesen Gruppen arbeiten, haben sich mit dem Studium dieser Religionen beschäftigt und ihr Befreiungspotential herausgearbeitet.

Bemühungen gibt es auch im Dialog mit Muslimen. Indien stellt mit 125 Millionen Muslimen weltweit die drittgrößte Gruppe. Christian W. Troll SJ hat eine spezielle Abteilung für Islamstudien ("Department of Islamic Studies") am "Vidyajyoti College of Theology" in Delhi eingerichtet. Sie ist mit einer guten Bibliothek ausgestattet. Er hat auch eine Gesellschaft für islamische Studien ("The Islamic Studies Association") gegründet {11}. Es gibt einige wenige Jesuiten - nur drei oder vier -, die an diesem Dialog mit Muslimen interessiert sind. Diese wiederum scheinen für einen Dialog offen zu sein, da beide Gruppen in einem mehrheitlich hinduistischen Land Minderheiten sind: 80 Prozent der Inder sind Hindus. Die Fortschritte auf diesem Feld sind allerdings gering.

 


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Der Dialog der Erfahrung

Ein gemeinsamer Ausdruck des Dialogs der spirituellen Erfahrung ist das gemeinsame Gebet. Das geschieht in Indien schon seit Jahren. Als Papst Johannes Paul II. im Oktober 1986 die Führer anderer Religionen nach Assisi einlud, um für den Weltfrieden zu beten, wurde sehr sorgfältig erklärt, daß man zusammenkomme, um zu beten und nicht, um zusammen zu beten.

Inder kennen solche Hemmungen nicht. Natürlich geht es nicht um die Frage der Teilnahme an öffentlichen Riten einer Religion. Christen haben zum Beispiel kein Problem damit, sich beim Meditieren auf ihren Atem zu konzentrieren, indem sie dem buddhistischen Zen oder Vipassana folgen. Ganz ähnlich wird Yoga zunehmend als eine psychophysische Methode der Entspannung und Konzentration anerkannt, die in jeder anderen Religion verwendet werden kann. Einige Yogameister behaupten, Yoga sei natürlich und nicht religiös. Angehörige verschiedener Religionen haben auch kein Problem damit, in Ehrfurcht dabei zu sein, wenn einzelne religiöse Gruppen beten. Hindus und Christen finden es auch einfach, miteinander zu beten, wenn die Ausrichtung auf Gott als solchen geht und nicht auf eine bestimmte religiöse Gestalt wie Jesus oder Krishna. Texte der Weisheitstradition wie die Upanishaden oder der Lehre Jesu werden viel leichter von allen akzeptiert, solange "historische" Bezugnahmen vermieden werden. Das Zusammenleben multireligiöser Gruppen für zwei oder drei Tage wurde in Indien gefördert. Viele Jesuiten haben sie organisiert oder selbst daran teilgenommen.

Aschrams sind Orte, wo solche interreligiösen, intellektuellen und spirituellen Begegnungen selbstverständlich sind. Es gibt Jesuiten, die einige Zeit in einem hinduistischen oder buddhistischen Aschram verbracht haben. In den letzten Jahren entstanden vier Aschrams von Jesuiten. Einer wurde wieder geschlossen, als der Leiter (Guru) nach 25 Jahren starb. Ein weiterer wurde vorübergehend geschlossen, um einen Nachfolger zu suchen. Ein dritter Aschram in Kaladi, Kerala, ist immer noch aktiv und wird von Sebastian Painadath SJ geleitet {12}. Der vierte schließlich ist "Bodhi Zendo", ein Zen-Zentrum in den Bergen von Kodaikanal; Ama Samy SJ, der ihn leitet, ist wahrscheinlich der einzige autorisierte Zenmeister in ganz Indien. Die meisten Inder, die in den Zendo kommen, sind Angehörige anderer Religionen {13}.

 

Gesprächsgruppen

Jesuiten aus verschiedenen Teilen Indiens haben Gesprächsgruppen organisiert, die sich regelmäßig treffen. Sie sind oft so lange aktiv, wie die Jesuiten leben, die sie organisieren. Die Gruppen in Bangalore und Chennai bestehen seit über 25 Jahren. Bei einem typischen Treffen kommen Menschen unterschiedlicher Religionen zusammen, um über ein spezielles Thema zu sprechen. Ein oder mehrere Teilnehmer

 


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geben eine kurze Einführung, auf die ein allgemeiner Austausch von Ideen und Reflexionen folgt. Manchmal beten sie zusammen oder feiern wichtige Feste der verschiedenen Religionen. Die Gruppe in Bangalore hat einmal pro Jahr Wallfahrten zu verschiedenen religiösen Heiligtümern unternommen. Einige Gruppen treffen sich hin und wieder für einen oder zwei Tage, um zusammen zu leben, zu beten und sich auszutauschen. Der Akzent der Diskussionen kann auf Spiritualität, Theologie oder sonst einem aktuellen Problem von breiterem Interesse liegen. Die Gruppe in Bangladore hat in diesem Jahr mit einer Reihe von Treffen über die Mystiker der verschiedenen Religionen begonnen; der erste auf ihrer Liste war Meister Eckhart. Solche Gruppen verbinden den intellektuellen Dialog mit dem Dialog über die Erfahrung, wobei der eine den anderen nährt und vertieft.

Im Norden Indiens, im "Tribal belt", ist eine kleine Gruppe von Jesuiten an der Verkündigung des Evangeliums auf einem Weg des Dialogs beteiligt. Das Leben und die Lehre Jesu werden mit Tanz und Musik vermittelt. Die Besucher werden ermutigt, Anhänger und Nachfolger Jesu zu werden. Soziologisch gesehen wird ihnen zugestanden, bei dem zu bleiben, was sie sind. Der Anführer dieser Bewegung ist ein "ausländischer Missionar". Eine ähnliche Bewegung besteht in Varanasi, angeleitet von einer kleinen Gruppe, die der "Indian Missionary Society" angehört. Diese Bewegungen verdienen es, beachtet zu werden. Sie können den interreligiösen Dialog mit neuen Wegen bereichern.

 

Mehrfache religiöse Zugehörigkeit?

Viele Jesuiten bemühen sich um eine indisch-hinduistische christliche Spiritualität. Auch wenn sie keinen Aschram betreiben, integrieren sie Elemente aus dem Yoga wie das Atmen, Haltungen, Meditation oder andere Konzentrationshilfen wie Musik, das "Gebet des Namens" usw. Viele Jesuiten haben auch die Sitzungen von Vipassana mitverfolgt, einem buddhistischen System zur Konzentration, das zur Hinayana-Tradition gehört (Zen gehört zur Mahayana-Tradition). Unter ihnen wurde Anthony de Mello SJ (1931-1987) international bekannt {14}. Er leitete Christen, hauptsächlich Priester und Schwestern an. Aber er integrierte auch viele Gesichtspunkte asiatischer Weisheit, indem er ihre Geschichten und Gebetsmethoden benutzte. Er führte keinen formellen Aschram, doch wurde er zweifellos von vielen, die von seiner spirituellen Inspiration und Führung profitierten, als Guru angesehen.

Vor einigen Jahren fand in Brüssel ein internationales Seminar über mehrfache religiöse Zugehörigkeit statt {15}. Viele behaupteten, Hindu-Christen und buddhistische Christen zu sein. Vielleicht ist "mehrfache religiöse Zugehörigkeit" nicht der richtige Begriff. Es gab dort niemand, der, soziologisch oder kulturell betrachtet, gleichzeitig zwei verschiedenen religiösen Traditionen angehörte. Jeder war in einer

 


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einzigen Religion verwurzelt - dem Christentum. Aber viele fühlten sich frei, spirituelle Praktiken aus anderen Religionen zu übernehmen. Es ist für einen Christen ein großer Unterschied, ob er aus dem Yoga oder vom Zen einige Atem- und Meditationstechniken übernimmt, oder ob er Zen oder Yoga unter Anleitung eines Zen- oder Yoga-Meisters praktiziert und dabei viel von den theologischen Perspektiven, die diesen Praktiken zugrundeliegen, ernst nimmt.

Wenn wir hier über Dialog sprechen, beziehen wir uns dabei auf Gläubige anderer Religionen. Genau genommen treten wir nicht mit einer anderen Religion ins Gespräch ein, sondern mit einem Menschen, der einer anderen Religion angehört. Ein indischer Christ, dem lange Zeit beigebracht wurde, daß der Hinduismus böse, falsch und vom Teufel sei, kann durch die Erfahrung entdecken, daß der Hinduismus viele gute theologische und spirituelle Elemente besitzt. Er oder sie kann dabei wahrnehmen, daß der Hinduismus nicht einfach die Religion der anderen, sondern die der eigenen Vorfahren ist. Durch seine Umwelt, seine Kultur und seine Sprache ist jemand immer vielfach beeinflußt. Der eine wird dies harmonisch integrieren und dabei loyal zu seinen zweifachen Wurzeln stehen, also zu den hinduistischen und zu den christlichen. Ein anderer wird sich als Hindu-Christ fühlen und so auch am besten fähig sein, einen interreligiösen Dialog zu führen.

 

Dialog der Versöhnung

Das Gespräch über den interreligiösen Dialog hat seinen Ausgangspunkt und seine Entwicklung im Kontext von Mission. Der Dialog selbst wurde als ein Weg angesehen, wo eine direkte Verkündigung des Evangeliums nicht möglich ist. Man hoffte ferner, daß der Dialog die Vorbereitung für eine mögliche Verkündigung wäre. Aber in multireligiösen Gesellschaften wie Indien müssen Menschen, die verschiedenen Religionen angehören, als eine soziopolitische Gemeinschaft zusammenleben, indem sie gegenseitig die Religionsfreiheit respektieren. Das betont nachdrücklich die Erklärung über Religionsfreiheit "Dignitas humanae" des Zweiten Vatikanums. Solches Zusammenleben setzt gegenseitiges Wissen, Verstehen und Respekt voraus.

In jüngster Zeit scheint jedoch die Gewalt zwischen religiösen Gruppen zuzunehmen. Religiös bedingte Verfolgung, Kreuzzüge und Dschihads sind der Geschichte nicht unbekannt. Religiöser Fundamentalismus und die Politisierung von Religion ("communalsism") gab es in verschiedenen Formen immer. Aber interreligiöse Gewalt wird heute zunehmend zu einem lokalen wie globalen Phänomen. Aufgrund der weltweiten Migration werden Gesellschaften überall multireligiös. Die Kommunikationsmedien machen interreligiöse Konfrantationen schnell global bekannt.

Als Anfang 2006 einige dänische Karikaturisten muslimische Empfindlichkeiten beleidigten, wurden christliche Kirchen in Pakistan und Nigeria attackiert. Muslime organisierten Massendemonstrationen gegen den amerikanischen Präsidenten

 


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George W. Bush wegen seiner Nahost- und besonders wegen seiner Irakpolitik. Ein Angriff auf eine muslimische Moschee im Norden Indiens löste muslimische Unruhen und hinduistische Repressalien in vielen Teilen Indiens aus. In solchen angespannten Situationen können Menschen guten Willens aus allen Religionen zusammenkommen, um über Frieden zu reden. Aber selbst in einer solchen Gruppe können und wollen die Teilnehmer nicht die Gründe der Gewalt und deren persönliche wie soziale Schäden und Verletzungen ignorieren. Der Dialog muß dann als Konfliktlösung beginnen, indem er die Erinnerungen heilt und Versöhnung zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen anregt.

Christen in Indien waren es gewohnt, abseits zu stehen, wenn Hindus und Muslime einander bekämpften. Neuerdings beteiligen sie sich an der Verteidigung fundamentaler Menschenrechte. Das blieb auch so, als fundamentalistische Hindugruppen Christen angriffen. Heute wird uns langsam bewußt, wie man den Dialog als Konfliktlösung und zur Friedensstiftung einsetzen kann. Es ist eine Tatsache, daß andere Formen des Dialogs in einer Konfliktsituation nicht möglich sind, es sei denn rein symbolisch. Das "Institute of Dialogue with Cultures and Religions" der Jesuiten in Chennai beginnt - basierend auf Feldstudien - damit, sich primär mit Konfliktlösungen und der Förderung von Eintracht in Situationen interreligiöser Gewalt zu befasssen.

 

Theologische Reflexion

Zwei Arten theologischer Reflexion sind durch die Aktivitäten des interreligiösen Dialogs ausgelöst worden. Zuerst einmal gab es eine Entwicklung in der Theologie der Religionen und einen Dialog in bezug auf die Sendung der Kirche. Dann hat der Dialog mit anderen Religionen, besonders mit dem Hinduismus, zu einer kontextuellen Methode Anlaß gegeben, die zu einer indischen christlichen Theologie führte.

Das Paradigma "Vorbereitung - Erfüllung" gab es in Indien schon vor dem Zweiten Vatikanum. Das Konzil hat zu dieser Haltung anderen Religionen gegenüber ermutigt. Der lebendige Kontakt mit Angehörigen anderer Religionen, die ihre Verpflichtung und ihre Praxis ernst nehmen, führt jedoch zu einer Wertschätzung anderer Religionen und damit zu der wachsenden Überzeugung, daß Gottes Heilswille sich auf Gläubige anderer Religionen erstreckt - nicht nur trotz ihrer Religion, sondern in ihr und durch sie: Die anderen werden als Mitpilger auf dem Weg zu Gott und seinem Reich gesehen. Karl Rahner bestätigte dieses Apriori auf die ihm eigene Art. Indische Theologen erklären es aus ihrer Erfahrung mit Gläubigen anderer Religionen als ein Aposteriori. Das hat sie zu der Annahme gebracht, daß die heiligen Schriften anderer Religionen von Gott auf analoge Art inspiriert sein können und daß sie in Gebet und Liturgie verwendet werden dürfen.

Jesuitentheologen haben eine Vorreiterrolle bei diesen Überlegungen übernommen. Dialog wird nicht länger nur als Vorbereitung auf die Verkündigung angese-

 


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hen, sondern als Wert in sich. Theologen sprechen jetzt in Begriffen der Zusammenarbeit von der Verteidigung und Förderung gemeinsamer menschlicher und spiritueller Werte in einer multireligiösen Gesellschaft. Der Dialog zwischen den Religionen kann zur gegenseitigen Herausforderung werden. Das Ziel von Mission wird dann weiter und ist zweifach gekennzeichnet: der Aufbau des Reiches Gottes und der Kirche als dessen Symbol und Dienerin. Ein solcher Zugang hat Konsequenzen für die Antwort auf andere Fragen wie die Rolle der Kirche bei der Erlösung, die Einzigartigkeit Christi als Erlöser, das Handeln des Geistes Gottes in der Welt und in den Menschen und sein Zusammenhang mit der Erlösungstat Jesu Christi. Diese Fragen werden heute in theologischen Kreisen in Indien, Asien und der ganzen Welt lebhaft diskutiert {16}. Jesuiten aus Indien haben sicher eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung des Dokuments über interreligiösen Dialog auf der 34. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu (1995) gespielt. Befreiungstheologen aus dem Orden haben auch die Einrichtung von multireligiösen Basisgemeinden vorgeschlagen, die sich Seite an Seite mit christlichen Basisgemeinden im Kampf für Befreiung einsetzen.

 

Kontextuelle Theologie

Theologie ist Reflexion auf unseren Glauben im Kontext unserer Lebenserfahrungen. Der Glaube selbst ist eine Antwort auf Gott, der zu uns spricht und uns ruft. Wenn Gott auch zu unseren Vorfahren gesprochen hat, in welch begrenzter Weise auch immer, kann unsere Antwort auf ihn das nicht ignorieren. Theologische Reflexion wird dann dialogisch und interreligiös. In der Vergangenheit wurden philosophisch-theologische Perspektiven anderer Religionen als Widerspruch oder Gegensatz zu unserem eigenen Glauben betrachtet. Heute geht es um eine dialogische Beziehung. Die Überzeugung ist gewachsen, daß gerade christliche Theologie, die in Europa durch den Dialog mit verschiedenen Kulturen und Religionen gewachsen ist, heute durch den Dialog mit Kulturen und Religionen in Indien wachsen kann. Das betrifft jeden Traktat in der Theologie, ist aber bei weitem noch nicht systematisch aufgearbeitet {17}.

Vor etwa 25 Jahren haben die Jesuiten beschlossen, die theologische Ausbildung zwecks besserer Inkulturation zu regionalisieren. Es gibt ernsthafte Bemühungen, den christlichen Glauben in speziellen Kontexten zu reflektieren, von denen es auf dem indischen Subkontinent viele gibt, und dies so weit als möglich in der Landessprache (weniger auf Englisch). Eine solche kontextuelle Reflexion hat nicht nur andere Kulturen, sondern auch die Religionen Indiens auf allen Ebenen zu berücksichtigen. Im Augenblick findet der Dialog mehr mit den Volksreligionen statt, da die Menschen, auf die wir uns beziehen, hauptsächlich Arme und Marginalisierte (wie die Dalits und die Tribals) sind. Die Früchte dieses Dialogs und dieser Reflexion zeichnen sich langsam ab. Sie brauchen aber noch Zeit, um zu reifen.

 


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Auf struktureller Ebene hat jede der 17 indischen Jesuitenprovinzen einen Koordinator für den interreligiösen Dialog. Die Koordinatoren werden von einem Nationalsekretariat unterstützt. Für Reflexion, Planung und Unterstützung von Gruppen finden regelmäßig regionale und nationale Treffen statt. Natürlich stehen die Jesuiten hier nicht allein. Sie arbeiten mit vielen anderen religiösen Kongregationen und mit Laien zusammen. Für die Jesuiten in Indien ist der Dialog zu einem Weg des Lebens geworden. Sie werden nicht beunruhigt durch theologische Fragen wie Jesuiten anderswo, obwohl es in einer Situation von wachsendem religiösem Fundamentalismus und Gewalt viele praktische Probleme gibt, besonders in einigen Regionen Indiens wie Gujarat und Madhya Pradesh. Obwohl Indien auf eine jahrtausendealte Tradition von religiöser Toleranz verweisen kann, tendieren unsere Gesprächspartner heute dazu, sensibel und aggressiv zugleich zu sein. Ein globales Bewußtsein in einer postkolonialen Welt ist dafür verantwortlich. Aber die Jesuiten versuchen mit ihren Erziehungs- und Sozialeinrichtungen und ihrem tiefgreifenden Engagement in theologischer Reflexion und Spiritualität den gegenwärtigen Herausforderungen des interreligiösen Dialogs kreativ zu begegnen.

 

ANMERKUNGEN

{1} Vgl. J. Correia-Afonso, Letters from the Mughal Court (Anand 1980)

{2} Vgl. P. Johanns, To Christ through the Vedanta, 2 Bde. (Bangalore 1996).

{3} Seine Doktorarbeit an der Päpstlichen Universität Gregoriana (1950) beschäftigte sich mit der Opferlehre der Bhavadgita und christlichem Glauben; vgl. J. Neuner, die Opferlehre der Bhagvadgita (Innsbruck 1952).

{4} Vgl. Religious Hinduism, hg. v. J. Neuner u. J. Dupuis (Mumbai 41996).

{5} Vgl. M. Amaladoss, Walking Together. The Practice of Inter-religious Dialogue (Anand 1992).

{6} An Agonizing Faith, hg. v. G. Naik (Delhi 1989).

{7} Z. B. V. Sekhar, Religions in Public Life (Bangalore 2004).

{8} Vgl. F. D'Sa, Gott, der Dreieine u. der All-Ganze. Vorwort zur Begegnung zwischen Christentum u. Hinduismus (Düsseldorf 1987).

{9} Vgl. Christian Contribution to Indian Philosophy, hg. v. A. Amaladass (Chennai 2003).

{10} Vgl. M. Amaladoss, Making Harmony. Living in a Pluralist World (Chennai 2003).

{11} Vgl. Islam in India, hg. v. Ch. Troll (New Delhi 1982).

{12} Vgl. S. Painadath, We are Co-Pilgrims (Delhi 2005).

{13} Vgl. A. Samy, Zen. Awakening to your Original Face (Chennai 2005).

{14} Vgl. A. de Mello, The Song of the Bird (Anand 1982); dt. Warum der Vogel singt (Freiburg 152002).

{15} Vgl. Vivre de plusieurs religions. Promesse ou illusion?, hg. v. D. Gira u. J. Scheuer (Paris 2000).

{16} Vgl. M. Amaladoss, Making All Things New. Mission in Dialogue (Anand 1990); J. Dupuis, Towards a Christian Theology of Religious Pluralism (Anand 2001); Dupuis verbrachte 35 Jahre seines Lebens in Indien. Diese Erfahrung prägt sein Schreiben.

{17} Vgl. z.B. G. Soares-Prabhu, Biblical Themes for a Contextual Theology Today. Collected Writings, Bd. 1 (Pune 1999); S. Rayan, Renew the Face of the Earth (Delhi 1998); S. Kappen, Jesus and Cultural Revolution: An Asian Perspective (Mumbai 1983); M. Amaladoss, The Asian Jesus (Chennai 2005).

 

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