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Anna Strobel {*}

Einzigartiger rechtlicher Status

Die Muslime in Österreich

 

Aus: Herder Korrespondenz, 2006/4, S. 200-2004

 

    In Österreich ist seit 1979 die Islamische Glaubensgemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Etwa 200 Lehrkräfte erteilen an öffentlichen Schulen islamischen Religionsunterricht nach staatlich approbierten Lehrplänen. Allerdings ist auch in Österreich das Zusammenleben von Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit nicht spannungsfrei. Für eine bessere Integration haben beide Seiten eine Bringschuld.

 

Österreich hat sich bislang für Muslime in vieler Hinsicht als eine "Insel der Seligen" erwiesen. Muslime haben hier vielfach bessere Möglichkeiten und mehr Freiheiten, ihre Religion auszuüben, als in vielen Ländern der islamischen Welt. Sie können sich der Rede-, Versammlungs- und Pressefreiheit bedienen. Die Ausübung des islamischen Kultes wird nicht oder kaum behindert. Der rechtliche Status, der einzigartig in Europa ist, macht dies möglich. Dazu ist ein kurzer Blick in die Geschichte nötig.

Bereits im Jahr 1912 ist nach parlamentarischer Behandlung im Herrenhaus und Abgeordnetenhaus von Kaiser Franz Joseph I. ein Islamgesetz erlassen worden. Es betraf die Anerkennung der Anhänger des Islam innerhalb der österreichischen Reichshälfte. Dieses Islamgesetz bildet die Grundlage für die Anerkennung des Islam als Körperschaft des öffentlichen Rechts im Jahr 1979, in dem auch die Bekanntmachung einer Verfassung der Islamischen Glaubensgemeinschaft und die Errichtung der ersten Wiener Islamischen Religionsgemeinde erfolgte.

Nach Artikel 1 der Verfassung der Islamischen Glaubensgemeinschaft gehören all jene Muslime der Religionsgemeinschaft an, die ihren Aufenthalt in der Republik Österreich haben. Die letzte Volkszählung von 2001 brachte folgendes Ergebnis: Bei einer Wohnbevölkerung von 8.032.926 Personen liegt die Gruppe der Muslime mit 4,2 Prozent oder 338.988 Personen nach den Katholiken (73,6 Prozent), Religionslosen (12 Prozent) und Evangelischen (4,7 Prozent) an vierter Stelle. Von den 338.988 gezählten Muslimen besaßen 96.052 Personen die österreichische Staatsbürgerschaft. Hinsichtlich der Nationalität kamen weiterhin die meisten Muslime aus der Türkei: es wurden 125.026 Türken gezählt.

Nach Artikel 3 ihrer Verfassung betreffen die Aufgaben der Islamischen Glaubensgemeinschaft in erster Linie "die Wahrung und Pflege der Religion unter den Anhängern des Islams". Nach der staatlichen Anerkennung des Islams als öffentlich-rechtliche Körperschaft wurden in Österreich zahlreiche Vereine gegründet. Der Größe nach variieren diese Vereine zwischen lokalen Privatclubs und überregionalen Organisationen. In den neunziger Jahren gab es in ganz Österreich über 80 Moscheegemeinden beziehungsweise islamische Vereine, zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind es über 200 Moscheegemeinden, die den etwa 340.000 Muslimen zur Verfügung stehen.

 

Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen

Die tatsächlichen Mitgliederzahlen dieser Vereine sind schwer zu ermitteln, da der Kreis der Sympathisanten seine Zugehörigkeit meist nicht durch einen Mitgliedsbeitrag, sondern durch die islamische Almosensteuer (Zakat) ausdrückt. Die Vereine verfügen im Allgemeinen über einen Gebetsraum, ei-

 


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nen Freizeitclub und ein Geschäft. Die türkischen Vereine sind in Wien, Tirol, Oberösterreich und Vorarlberg sehr zahlreich und aktiv. Manchmal betreibt eine Gruppe gleichzeitig mehrere Moscheen, die in einem Mietshaus oder in einer Mietwohnung untergebracht und als "Vereine" registriert sein können. Muslime in Österreich unterscheiden sich aber nicht nur nach Herkunftsland und Konfession, sondern ganz erheblich auch nach Art und Stärke ihrer Religiosität.

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft wird laut deren Verfassung gewählt; als offizieller Gesprächspartner von staatlichen oder kirchlichen Behörden unterliegt er der öffentlichen Kontrolle. Durch die Anerkennung des Islam sind die Repräsentanten der Islamischen Glaubensgemeinschaft (Präsident, Stellvertreter, Religionslehrer etc.) zum offiziellen Ansprechpartner für Behörden, Politiker und Journalisten geworden.

Auch wenn die Islamische Glaubensgemeinschaft "offiziell" die Mehrheit der Muslime in Österreich repräsentiert, so agieren doch einige Gruppierungen beziehungsweise Einzelpersonen unabhängig vom Dachverband, etwa Muhammed Abu Bakr Müller, ein zum Islam konvertierter Österreicher, der eine sehr radikale Auslegung des Islams vertritt, und häufig in den Medien präsent ist (Bakr Müller betreibt die Webseite www.islam.at). Die Islamische Glaubensgemeinschaft (www.derislam.at) hat sich mehrmals von ihm distanziert, und bekräftigt immer wieder inhaltliche Differenzen.

Zu nennen sind hier auch die 30 türkischen Vereine der AMGT ("Vereinigung der nationalen Weltsicht Europas"), die sogenannte Milli Görüs ("Nationale Sichtweise"). Bei der Milli Görüs in Österreich handelt es sich - im Unterschied zu der Islamischen Gemeinschaft der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) in Deutschland - nicht um einen eingetragenen Verein, sondern um ein Bündnis von Moscheen.

Als Dachverband dieses Bündnisses fungiert die 1988 gegründete "Islamische Föderation", die eine Art Koordinierungsfunktion wahrnimmt. Die Ideologie der Milli Görüs-nahen Moscheen ist "islamistisch" im Sinne einer Islamisierung sämtlicher Lebensbereiche. Neben einer "Modernisierung und Demokratisierung der islamischen Bewegung" und einer "Islamisierung der Moderne und der Demokratie" als ideologische Zielsetzungen konzentrieren sich die Milli Görüs-Vereine in Österreich in ihrer praktischen Arbeit hauptsächlich auf die soziale Integration der Muslime.

Da in Österreich der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ein Recht anerkannter Kirchen und Religionsgesellschaften ist, hat auch die Islamische Glaubensgemeinschaft von diesem Recht Gebrauch gemacht und einen islamischen Unterricht eingerichtet. Waren es in den achtziger Jahren ungefähr 50 Lehrkräfte, die islamischen Religionsunterricht erteilten (etwa die Hälfte davon unterrichtete in Wien), so sind es gegenwärtig etwa 200 Lehrer und Lehrerinnen. In den Anfangsjahren boten sowohl die mangelnden Deutschkenntnisse der eingesetzten Lehrer als auch ihre pädagogischen Ansätze häufig Anlass zu Kritik seitens der Eltern, des Lehrerkollegiums sowie der Schulbehörde. Dies brachte eine für die Islamische Glaubensgemeinschaft selbst recht unbefriedigende Situation.

Man erkannte, dass man dem gesetzlichen Auftrag zur Abhaltung des Religionsunterrichtes nur mangelhaft nachkommen konnte. So reifte die Idee, nach dem Vorbild der bereits bestehenden Religionspädagogischen Akademien eine eigene Lehrerausbildungsstätte zu installieren: die Islamische Religionspädagogische Akademie. Mit dem Schuljahr 1998/1999 konnte in Wien der Lehrbetrieb aufgenommen werden. Die Aufgabe der Akademie ist klar definiert: sie dient "einer wissenschaftlich fundierten und praxisorientierten Berufsbildung auf Hochschulniveau in pädagogischen und sozialen Beziehungsfeldern."

 

Die Ängste in der Bevölkerung sind ernst zu nehmen

In ganz Österreich werden im islamischen Religionsunterricht über 37.000 Schüler betreut (vgl. dazu Martina Schmied, Islamische Gemeinschaften als Schulerhalter, in: Religionen unterwegs, Nr. 1/2003,25f.). Die islamischen Religionslehrerinnen und Religionslehrer kommen aus verschiedenen islamischen Ländern, Kulturen und Traditionen, sie alle richten sich aber nach einem einheitlichen Lehrplan und halten den Unterricht in deutscher Sprache. Der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, der auf einem einheitlichen staatlich approbierten Lehrplan beruht, stellt für den Staat die Garantie dar, dass islamischer Religionsunterricht nicht in einer das staatliche Schulsystem unterlaufenden Weise außerhalb der Schule erteilt wird. Probleme mit den so genannten Koran-Schulen, wie es sie in Deutschland und der Schweiz gibt, existieren in Österreich aufgrund des staatlichen Religionsunterrichts jedenfalls nicht (vgl. dazu Anna Strobl, Islam in Österreich. Eine religionssoziologische Untersuchung. Frankfurt 1997).

Das Selbst-Bewusstsein der Anhänger des Islam in Österreich hat sich in den vergangenen Jahren durchaus verändert. So lebt mittlerweile die zweite und dritte Generation von Muslimen in Österreich. Der prozentuale Anteil von Personen mit qualifizierten Schulabschlüssen in der 2. und 3. Generation ist gestiegen, eine akademische Elite hat sich gebildet, aber nach wie vor bleibt diese Gruppe eine Minderheit unter den in Österreich lebenden Muslimen (vgl. dazu Iris Keßner, Christen und Mus-

 


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lime - Nachbarn in Deutschland, ein Beitrag zu einer interkulturellen Hermeneutik, Gütersloh 2004, 166 ff.).

Für die jungen Muslime sind die Fragen und Antworten nach einem an ihre persönliche Umwelt angepassten Islam andere als die ihrer Eltern und Großeltern. Viele von ihnen sind in einer "doppelten" Wirklichkeit groß geworden - die Auseinandersetzung mit der Kultur ihrer Eltern und der Kultur ihrer Umwelt hat sie geprägt. Für viele dieser Jugendlichen gilt es, einen Islam zu realisieren, der eine gelungene Integration in die österreichische Gesellschaft in den Mittelpunkt stellt. Die "Muslimische Jugend Österreich" etwa, die Ende der Neunziger Jahre eine Österreichweite islamische Jugendorganisation ins Leben gerufen hat, und sich als islamisch, unabhängig, multi-ethnisch, verfassungstreu und deutschsprachig definiert, stellt die Arbeit "von und für Jugendliche" in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit (vgl. dazu die Website www.mjoe.at.

Doch wie sieht nun das Zusammenleben vor Ort aus? Eine muslimische Schülerin erklärte etwa, dass sie keine besonderen Schwierigkeiten mit den österreichischen Schulkolleginnen hätte. Angesprochen auf ihre Freundinnen stellte sich allerdings heraus, dass es sich ausschließlich um Musliminnen handelte; Kontakte zu nicht-muslimischen Mädchen waren hingegen kaum vorhanden. In so einem Fall werden Konflikte natürlich vermieden. Probleme entstehen erst dann, wenn man miteinander auskommen muss beziehungsweise den eigenen Lebensbereich bedroht sieht.

Bis vor wenigen Jahren noch waren sich selbst Christen, die ihren Glauben bewusst lebten, selten des islamischen Glaubens des "Gastarbeiters" oder des "Ausländers" bewusst. Erst in jüngster Zeit wird nun verstärkt auch dessen Religion wahrgenommen, was insbesondere auf die Ereignisse um den "radikalen Islam" zurückzuführen ist (unter anderem der 11. September 2001; Terroranschläge in Madrid im Jahr 2004 und in London im Jahr 2005; Ermordung des Filmemachers van Gogh; der Streit um die "Mohammed-Karikaturen").

Bezeichnenderweise wird immer dann in der österreichischen Öffentlichkeit die Frage nach dem "österreichischen Islam" gestellt, wenn der "radikale Islam" Terror und Schrecken verbreitet. So wirft jeder "Anlass-Fall" verstärkt gesellschaftspolitische Fragen islamischer Präsenz im Westen auf - gewissermaßen mit dem Unterton: Wie sieht es eigentlich mit "unseren" Muslimen aus - sind "die vielleicht auch so gewaltbereit wie die Muslime in den Medien"?

Wenn Terrorakte die Welt erschüttern, werden auch Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft um eine "offizielle" Stellungnahme gebeten. Die Ereignisse der letzten Jahre haben jedenfalls "eine Atmosphäre geschaffen, in der sich Muslime ständig verteidigen und erklären müssen, dass sie keine Terroristen sind", weiß Beate Winkler, Direktorin der in Wien ansässigen "Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" (EUMC).

Ein Bericht des Verfassungsschutzes attestiert den Muslimen in Österreich, dass auch nach intensiven Ermittlungen keine Hinweise auf terroristische Tätigkeiten oder Vorbereitungshandlungen von Muslimen im Land festzustellen seien. Für die Zukunft sieht der Bericht weiterhin positive Effekte, weil der Islam in Österreich verhältnismäßig stark in die Gesellschaft integriert und institutionalisiert sei. Dennoch - Ängste der einheimischen nicht-muslimischen Bevölkerung (selbst wenn diese äußerst diffus sind) sind ernst zu nehmen und zur Sprache zu bringen. Ängste der Österreicher vor islamischen Terroristen oder islamischen Fundamentalisten sind unter anderem deshalb vorhanden, weil sie eine reale Grundlage in Anschlägen und Terrorakten haben.

Dies darf von den sich in Österreich aufhaltenden Muslimen nicht ignoriert werden; hier kann nur deren ständige Distanzierung, die sich eindeutig und öffentlich von den Aktivitäten und Zielen gewaltbereiter Muslime abgrenzt, Ängste abbauen helfen. Österreichs Muslime müssen nicht zuletzt die Fähigkeit fördern, konkrete Kritikpunkte, die bestimmte islamische Verhaltensweisen betreffen (etwa Toleranz gegenüber Andersgläubigen und religiösen Minderheiten, Religionswechsel von Muslimen, Gleichberechtigung der Frau), neu zu überdenken und eindeutig Stellung zu beziehen.

 

Integration kann nur ein wechselseitiger Prozess sein

Im Juni 2003 war es in Graz zu einem Treffen der "Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa" gekommen. Die Entwicklung eines authentischen, aber von der arabischen Welt unabhängigen Islam in Europa wurde bei einer dreitägigen Konferenz thematisiert. Als Schlusspunkt wurde die "Erklärung von Graz" verabschiedet. Darin heißt es unter anderem: "Die islamische Botschaft ist auf Mäßigung gebaut. Daraus resultiert die klare Absage an jegliche Form von Fanatismus, Extremismus, Fatalismus. Die Muslime müssen ihre Loyalität der Verfassung und dem Gesetz gegenüber auch in deren säkularer Struktur kundtun."

Am 24. April 2005 trafen sich 160 Vorbeter Österreichs, darunter auch etwa 25 Frauen, in Wien. Als Standortbestimmung des Islam in Österreich wurde eine ausführliche Stellungnahme verabschiedet, in der es unter anderem heißt: "Die TeilnehmerInnen der Konferenz betonen das Festhalten an verfassungsrechtlichen Prinzipien in der Republik Österreich, darin eingeschlossen und besonders hervorzuheben die Gleichheit aller BürgerInnen vor dem Gesetz, Pluralismus, demokratischer Parlamentarismus und Rechtsstaatlichkeit. Der Anerkennungsstatus des Islam in Österreich und die damit verbundenen praktischen Vorteile wie das Recht auf freie und öffentliche Religionsausübung, innere Autonomie der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Religionsunterricht an den Schulen und Berücksichtigung der Religionszugehörigkeit z.B. beim Bundesheer wird von den muslimischen BürgerInnen wahrgenommen und hoch geschätzt.

 


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Die gemäßigte und offene Haltung der MuslimInnen in Österreich baut ein positives Zusammenwirken mit der gesamten Gesellschaft auf. Eine Kultur des Dialogs ermöglicht Brückenbau, der sachlich Themen allgemeiner Wichtigkeit aufgreift, anstatt sich in Ignoranz und Einkapselung einzuschließen. Die negativen Folgen wie sie eine Isolierung in einer Art Parallelgesellschaft mit sich bringen würde, werden von den MuslimInnen in Österreich erkannt und Segregationsmodelle daher abgelehnt" (vgl. www.derislam.at, 18.9.2005).

Aber auch solch positive Aussagen zur Demokratie und Verfassung vermögen kaum das schlechte Image, das der Islam in der österreichischen Bevölkerung genießt, zu verbessern. Religiöse Belange der Muslime sind in Österreich, so hat es den Anschein, für die Öffentlichkeit zumindest solange nicht wirklich von Interesse, solange sie als "unsichtbare Privatsache" (vgl. Ludwig Amman, Cola und Koran. Das Wagnis einer islamischen Renaissance, Freiburg 2004, 54) gelten. Wird der Islam nun aber auch durch dessen Symbole (zum Beispiel Kopftuch, Minarett) im öffentlichen Raum wahrgenommen, bietet dies immer wieder Anlass für Auseinandersetzungen und Abwehrhaltungen.

Bereits die grundsätzliche Frage eines Moschee-Baus oder die Höhe eines Minaretts hat in den vergangenen Jahren wiederholt zu Diskussionen geführt. Beispielsweise wurde im Jahr 2001 eine Moschee in der Trauner Innenstadt aufgrund eines behördlichen Bescheids abgerissen. In dem Ablehnungsbescheid hieß es unter anderem: "Die errichtete Waschgelegenheit (drei Kaltwasserhähne, die ordnungsgemäß an das öffentliche Leitungsnetz und an den öffentlichen Kanal angeschlossen waren) kann die sanitären und hygienischen Verhältnisse im Ort verändern" (zitiert in: www.islam.at. In Telfs in Tirol hat im November 2005 der Bau eines geplanten Minaretts die Gemüter erhitzt. Der Bau des Turmes wurde indes in erster Instanz genehmigt. Bauvorhaben einer im klassischen Stil gebauten Moschee mit Kuppel und Minarett konnten etwa in Graz und Salzburg aufgrund von Bürgerinitiativen beziehungsweise zu hohen Grundstückpreisen bislang nicht verwirklicht werden.

Eine weitere Reihe von Konfliktpunkten waren und sind: islamische Friedhöfe, das Schächten von Tieren, Probleme im Schul-/Turnunterricht (Konflikte ergeben sich beim Kochunterricht, wenn die muslimischen Kinder nicht das essen dürfen, was sie nach österreichischem Lehrplan zubereiten sollten; beim Schwimmunterricht, weil Mädchen nicht im selben Bad sein dürfen wie Jungen; bei Projekten und Schulveranstaltungen außer Haus, weil ein Mädchen nicht ohne seine Eltern außerhalb des elterlichen Wohnbereichs nächtigen darf) und insbesondere das Tragen von religiös motivierter Kleidung. Kopftuchdebatten und die damit verbundene Diskussion um eine Integration von Muslimem sind seither immer wieder aufgeflammt, sei es in Folge ähnlicher Debatten in Deutschland und Frankreich, sei es aufgrund von Terrorakten, verübt von Anhängern des islamischen Glaubens.

In Österreich sind die Zielsetzungen einer Integration von Muslimen bisher vorwiegend in einem konfliktfreien Nebeneinander beziehungsweise in einem assimilatorischen Prozess der "Gastarbeiter" gesucht worden. Doch kann hier wirklich von Integration gesprochen werden? Kann eine Gesellschaft Integration nur fordern, ohne diese auch konkret zu unterstützen?

Wohl nicht, denn die Integration von Muslimen geht nicht nur Muslime etwas an, sondern ist nur denkbar, wenn sie als wechselseitiger Prozess verstanden wird. Integration schließt auch kulturelle und religiöse Unterschiedlichkeiten nicht aus oder vernichtet sie im Sinne einer einseitigen Anpassung an die Normen und Werte der Mehrheitsgesellschaft. In vielem hat die österreichische Gesellschaft ihren Beitrag geleistet, um einen integrierten österreichischen Islam zu ermöglichen (zum Beispiel Anerkennung als Glaubensgemeinschaft, Einführung eines staatlich geförderten Religionsunterrichts).

In jedem Fall ist der Gleichheitsgrundsatz den Muslimen gegenüber in vollem Umfang zu gewährleisten. So besteht etwa für das religiös neutrale Verfassungsrecht kein Grund, bei Muslimen strengere Maßstäbe an Beschränkungen der Glaubensfreiheit anzulegen, als dies bei anderen Religionsgemeinschaften der Fall ist. Entscheidungen in diesen Bereichen sollten unparteiisch und im Sinne von Frieden und Gerechtigkeit gefällt werden.

 

Ohne Zugeständnisse ist kein friedliches Zusammenleben möglich

Aber auch an Muslime kann die Forderung einer Integration in dem Sinne gestellt werden, mit der übrigen Gesellschaft Werte zu teilen, die von nationaler Bedeutung sind. Der Muslim, der den staatlichen Schutz seines Aufenthaltslandes genießt, ist etwa gehalten, dessen Rechtsordnung zu respektieren. Dass dadurch auch Rechtssituationen geschaffen werden, die mit einem spezifischen Islamverständnis unvereinbar sind, muss von den Muslimen hingenommen werden, weil ihnen Religionsfreiheit gewährt wird und umgekehrt die Muslime nicht das Recht haben, Nichtmuslimen ihre Vorstellungen aufzuzwingen.

In Österreich sehen wir uns erst am Beginn einer Entwicklung, in der sich Fragen des Zusammenlebens zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen (Errichtung von Moscheen, Kopftuch, Verbreitung von fundamentalistischen Strömungen unter Muslimen) vermehrt stellen. Um diverse Fragen zu klären und Konflikte auch künftig zu lösen, ist es nötig, die europäischen Vernetzungen im Auge zu behalten. Die europäischen Länder sind jedenfalls im Hinblick auf künftige Entwicklungen gefordert, eine entsprechende Zusammenarbeit zu forcieren und ein Konzept für den gemeinsamen Umgang mit der islamischen Präsenz in Europa zu suchen. In diesen Prozess müssen aber auch die Muslime einbezogen werden. Europa kann es sich nicht leisten, die Beteiligten vom Prozess der Suche nach

 


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Lösungen auszugrenzen (vgl. dazu Alexandre Escudier u.a. [Hg.], Der Islam in Europa. Der Umgang mit dem Islam in Frankreich und Deutschland Göttingen 2003).

Er wird vielleicht noch viele Generationen dauern, bis das Bewusstsein einer besonderen Identität eines Euro-Muslims (die selbst auch ständig in Veränderung begriffen ist) ausgereift sein wird. Der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan spricht sich dafür aus, dass den Muslimen dabei Zeit gelassen werden muss: "Den meisten religiösen oder nationalen Minderheiten (das können je nach dem Land Juden, Katholiken, Protestanten, Orthodoxe sein, oder auch Polen, Italiener, Portugiesen usw.) ist es erst nach jahrhundertelangen Diskussionen und Auseinandersetzungen gelungen, sich in ihren Aufnahmeländern zu etablieren und ihre Rechte abzusichern. Wie sollte es da den Muslimen gelingen, das Problem in nur ein oder zwei Generationen zu lösen?" (Tariq Ramadan, Wandel durch Annäherung, in: Le Monde Diplomatique Nr. 4/1998).

Es bleibt also noch viel zu tun, um im Miteinander von Österreichern und Muslimen das Idealbild einer "Insel der Seligen" tatsächlich zu verwirklichen. Es muss noch viel an Aufklärung erfolgen, um zwischen konkreten Bedrohungen und Gefahren und Projektionen und Verallgemeinerungen zu unterscheiden. Es besteht besonders in punkto Aufklärung und Konfliktbewältigung noch ein großer Aufholbedarf. Dabei muss beiden Seiten klar sein, dass ohne Opfer und Zugeständnisse kein friedliches Zusammenleben möglich ist. Wo jede Seite nur darauf bedacht ist, die eigenen Interessen zu wahren, ist vielleicht auf kurze Zeit ein relativ konfliktloses Nebeneinander möglich. Auf Dauer wird dieses Konzept allerdings nicht aufgehen.

 

    {*} Anna Strobl ist Lektorin am Institut für Ethik und Gesellschaftslehre der Universität Graz; Religions- und Informatiklehrerin. Arbeitsschwerpunkte: Soziale Lage von MuslimInnen in Österreich, frauenspezifische Fragen in islamischen Gesellschaften. In ihrer Dissertation über die religionssoziologische Situation des Islam in Österreich legte sie den Grundstein für eine langjährige Beschäftigung mit dieser Thematik. Im Jahr 2006 erscheint im Verlag Der Apfel dazu ihr Buch "Halal, Haram und Zakat. Der Islam in Österreich".

 

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