Stefan OrtGute Religion
Aus: Herder-Korrespondenz, 10/2005, S. 487-489
Die Deutschen sind neueren Umfragen zufolge religiöser als gedacht. Man braucht nicht mehr betreten zur Seite zu schauen, wenn vom Glauben die Rede ist. Das gesellschaftliche Engagement auch aus ausdrücklich religiöser Motivation wird wieder stärker wertgeschätzt. Soweit die flotten Thesen, mit denen die Wiederkehr der Religion hierzulande behauptet wird, gewissermaßen gleichzeitig mit dem Erstarken der Religionen in anderen Weltgegenden und Kulturen. Auch wenn die mit harter Empirie erhobenen Kennzahlen christlichen Lebens eine solch optimistische Lesart einer Trendumkehr der religiösen Praxis in unseren Breiten nicht belegen können, ist doch zumindest offensichtlich, dass Religion wieder als Thema des öffentlichen Gesprächs auf allen Ebenen taugt.
Der Glaube angesichts der Vielfalt der ReligionenBei Bekenntnissen von dezidiert atheistisch eingestellten Zeitgenossen, wie etwa die vor kurzem erschienen Streitschrift des französischen Philosophen Michel Onfray "Wir brauchen keinen Gott", hat man demgegenüber oft genug den Eindruck, dass sie mehr um der Meinungsvielfalt und einer die Diskussion belebenden, pointierten Gegenrede als aus Überzeugung präsentiert werden. Die großen Denker der Religionskritik von der Aufklärung über Feuerbach, Marx und Nietzsche bis zu Freud, einschließlich ihrer Nachfahren im zwanzigsten Jahrhundert, sind heute mehr Gegenstand geistesgeschichtlicher Analysen, als dass sie das gegenwärtige gesellschaftliche Bewusstsein prägen könnten. Die Beweislast zwischen eingeschworenen Ungläubigen und Anhängern religiöser Überzeugungen hat sich - unbeschadet des mitteleuropäischen Breitenagnostizismus - durchaus verlagert. Die Brisanz der Frage nach Religion zeigt sich heute vor allem da, wo Religion nicht auf quasi-religiöse Phänomene zusammenschnurrt, sondern im Unterschied zu den mühsam zu identifizierenden Indizien "unsichtbarer Religion" (Thomas Luckmann) tatsächlich im Kontext einer konkreten Glaubensgemeinschaft gelebt und bezeugt wird. Auch hierzulande geschieht dies heute, nachdem die Welt durch internationale Verflechtungen, Tourismus, Telekommunikation und Migration zusammengerückt ist, mehr oder weniger bewusst angesichts der Vielfalt der Religionen. Allein die Ende August vom Marburger Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst (REMID) neu zusammengestellten Zahlen der Anhänger der Religionsgemeinschaften bestätigen diese Pluralität auch in Deutschland eindrucksvoll. Faktisch kommt es weltweit aufgrund der Vielfalt der Religionen und Konfessionen, die sich in unterschiedlicher Weise für politische Interessen einspannen lassen oder diese sogar befördern, immer wieder zu handfesten Konflikten. In vielen Fällen müssen dabei lediglich der Einfachheit halber religiöse Differenzen zur Markierung von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Völkern oder Bürgerkriegsparteien herhalten - für die Attentäter von New York, Madrid und London beispielsweise spielte die Religion ihrer tatsächlichen Opfer keine Rolle. Aber die grundsätzliche Bedeutung von Religion für die Politik weltweit stellt niemand mehr in Frage. Sie wird sogar bereits als "Religionisierung der Politik" (Bassam Tibi) kritisiert.
488Auch wenn es bei uns keine gewalttätigen interreligiösen Konflikte gibt, treten dennoch verständlicherweise die Fragen nach Religionsfreiheit, der interreligiösen Toleranz und möglichen Formen der Konfliktbewältigung wie von selbst in den Mittelpunkt. Befeuert wird die Diskussion über den Zusammenhang von Religion und Gewalt durch die vom Kulturwissenschaftler Jan Assmann mit seinem Buch "Moses der Ägypter" angestachelte Debatte, in der den monotheistischen Religionen von einigen eine strukturelle Neigung zur Gewalttätigkeit unterstellt wird. In einer in der "Neuen Zürcher Zeitung" erscheinenden Artikelserie, in der sich seit einiger Zeit Prominente unterschiedlichen Glaubens der Frage: "Was ist gute Religion?" stellen, geht es deshalb bei der Bewertung der ethischen Qualität religiöser Überzeugungen nicht zufällig vor allem darum, wie sich die jeweilige Religion angesichts anderer Religionen positioniert.
Die Ambivalenz der Religion anerkennenHier wie andernorts konnte angesichts dieser Frage nicht ausbleiben, dass sich alle Religionen, ob Christentum, Judentum oder Islam, aber auch die vermeintlich ausschließlich friedfertigen asiatischen Weltreligionen, angesichts eines Vorwurfs zu verteidigen haben: Ist das Unwesen der Religion, ihr gewalttätiges Potenzial, nicht überall und zu allen Zeiten so verbreitet, dass man es im Grunde doch redlicherweise auch zum Wesen der Religion zählen muss? Es kann schließlich kein Zweifel daran bestehen, dass im Namen der Religion Gewalt ausgeübt wurde und auch heute noch wird, religiöse Bekenntnisse damit aufgrund von Machtinteressen instrumentalisiert und missbraucht werden. Das gilt eben nicht nur für die viel kritisierte Geschichte des Christentums oder die Gegenwart im Nahen Osten. Religiös markierte Konflikte gibt es im mehrheitlich hinduistischen Indien ebenso wie im buddhistisch dominierten Sri Lanka oder in Russland, das sich seiner orthodoxen Tradition mit Macht wieder zu vergewissern versucht. Mit Recht wurde deshalb beim 20. Weltgebetstreffen Anfang September in Assisi, das ursprünglich von Johannes Paul II. initiert wurde, in einem Friedensappell wieder einmal festgehalten, dass es allen verboten sein sollte, "religiöse Differenzen als Grund oder Ausrede für Gewalt gegen andere Menschen zu benutzen". Der muslimische Publizist Navid Kermani gibt angesichts dieser Situation mit Recht zu bedenken, die Tatsache, dass andere Religionen sich ebenfalls vielfach durch Brutalität statt durch Barmherzigkeit hervorgetan haben, überzeuge nur anfänglich: "Tatsächlich ist es das erbärmlichste Argument, die eigene Religion damit zu verteidigen, dass andere Religionen doch auch manch Übles verbrochen haben."
Die Ambivalenz von Religion ist unbeschadet der Fülle tatsächlich auch friedensstiftender Impulse und Aktivitäten in jedem Fall anzuerkennen. Man sollte es sich mit dem Hinweis darauf, dass die Fehlentwicklungen den eigentlich guten Kern nur um so strahlender hervortreten ließen, nicht zu leicht machen. Das Schillernde der Religionen, so fordert der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf, sollte innerhalb der Religion sogar selbst Konsequenzen haben: "Gut ist eine Religion, wenn sie in ihrem Symbolsystem selbst die Ambivalenzen des Religiösen präsent hält, bearbeitet und so durch selbstbewusste Glaubenspraxis die Besinnung ihrer Anhänger fördert." Hier deutet sich aber auch an: Um das Phänomen Religion wirklich in seiner Tiefe zu verstehen, muss man jene vergleichende Betrachtung der Vielfalt der Religionen verlassen und die Beobachtungsperspektive gegen den Mitvollzug des religiösen Lebens mit seinen Gebeten und Gottesdiensten, Riten und Ritualen als solches eintauschen. Religion ist eben nicht in erster Linie eine Sache für Akademiker und damit vor allem eine Frage von Bildung und Wissen. Nicht zuletzt angesichts von Intellektuellen, die sich mit einer gewissen Euphorie über die Renaissance des Religiösen und die faszinierende Welt der Religionen verbreiten, hat man an dieser Stelle den Eindruck von mangelnder Konsequenz. Nur durch einen solchen Überschritt in die religiöse Praxis aber kann man auch jene Missverständnisse hinter sich lassen, die angesichts der Frage nach dem Sinn von Religion allein die Antworten auf einen moralischen Mehrwert und einen gesellschaftlichen Nutzen abklopfen. Dies hieße, Religion zu funktionalisieren und weltlichen Belangen unterzuordnen - nachdem dies lange genug umgekehrt der Fall war. Auch wenn Menschenfreundlichkeit und die immer wieder hervorgehobene Lebensdienlichkeit zum Kern und damit auch zu einem Kriterium guter Religion gehören, darf man dabei nicht stehen bleiben, wenn man dem für jede Religion konstitutiven Transzendenten wirklich gerecht werden will. Die bedrängende Frage religiöser Existenz angesichts der Vielfalt der Religionen ist mit der Benennung dieser Kriterien selbstredend nicht beantwortet. Gerade angesichts des - bei einer gewissen Ehrlichkeit zu leistenden - Eingeständnisses, dass die geographische, gesellschaftliche und familiäre Herkunft für die eigenen Glaubensüberzeugungen im Regelfall maßgeblich ist, drängen sich die Fragen nach der Wahrheit der Religion und den Kriterien zur Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Religion mit Macht auf - worüber man allzu oft zu schnell hinweggeht. Im Dialog der Religionen hilft der Hinweis auf den Glauben an eine von Gott selbst initiierte Offenbarung nur wenig. Nachdem das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Erklärung Nostra Aetate das traditionelle Pochen auf die allein selig machende christliche Religion - beziehungsweise katholische Kirche - relativiert hat, steht weiterhin die Frage im
489Raum, ob nicht auch noch die gegenwärtige Position eine Form der Vereinnahmung der anderen ist. In einem christozentrischen Entwurf der graduell unterschiedenen Teilhabe aller Religionen am von Gott gewirkten Heil finden sie sich selbst oft genug nicht wieder. Diese Debatte ist, jedenfalls in Europa, nach einer Reihe von scharfen Ermahnungen und Verurteilungen der so genannten pluralistischen Religionstheologie seitens des Lehramts, vor allem durch den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Josef Ratzinger, so gut wie zum Erliegen gekommen. Dies gilt in erster Linie mit Blick auf die Erklärung "Dominus Jesus" aus dem Jahr 2000.
Die Äußerungen Benedikts XVI. auf seiner BayernreiseVielleicht sind Kirche und Theologie derzeit auch zu sehr mit der an sich berechtigten Verteidigung der eigenen Interessen beschäftigt, als dass auf der Suche nach einem rechten Verständnis anderer Religionen momentan spektakuläre Ergebnisse erwartet werden dürfen. Das Thema steht jedenfalls nicht so im Vordergrund, wie es angesichts der weltweiten Entwicklungen notwendig wäre. Die Diskussion der epochalen Neuorientierung des Zweiten Vatikanischen Konzils habe sich auf "einige stereotype Argumentationen" reduziert, kritisiert Ulrich Winkler im Editorial einer jüngst erschienenen Sondernummer der Salzburger Theologischen Zeitschrift mit Übersetzungen von Aufsätzen des 2004 verstorbenen katholischen Religionstheologen Jacques Dupuis: "Ängstliche Fragen nach der Rechtgläubigkeit, die an der Unterscheidung von inklusiv oder pluralistisch entschieden wird, sind dominant geworden." Es erscheine regelrecht tragisch, dass diese Debatte, die in ihrer Tragweite noch kaum erfasst sei, schon wieder verebbe. Eindrücklich haben dies jetzt die Diskussionen über die Regensburger Vorlesung von Benedikt XVI. auf seiner Bayernreise bestätigt. Man wird dem Papst zugute halten können, dass er mit der zitierten Kritik am Propheten Mohammad wirklich nicht beabsichtigt hatte, die religiösen Gefühle von Muslimen zu beleidigen. Immerhin sprach Benedikt XVI. in seiner Münchener Predigt davon, dass die heute im interkulturellen wie im interreligiösen Gespräch "dringend" notwendige Toleranz aufgrund der Ehrfurcht vor dem je größeren Gott auch die Ehrfurcht "vor dem, was anderen heilig ist", einschließe. Dies war einerseits in Richtung jener gesagt, die gezielte Tabubrüche nutzen, um aus der Verletzung religiöser Gefühle Profit zu ziehen. Dies gilt andererseits aber auch für den immer wieder beschworenen interreligiösen Konflikt zwischen Christentum und Islam: Nicht im christlichen Glauben sehen die Muslime, so wurde der Papst interpretiert, die eigentliche Bedrohung ihrer Identität, sondern in der "Verachtung Gottes". Nebenbei aber hat der Papst hier auch einen Hinweis gegeben, wie mit der offenkundigen Aporie des Gläubigen angesichts des religiösen Pluralismus umzugehen ist. Der Glaube, so lässt sich schlussfolgern, weicht der Verunsicherung durch die Existenz der anderen nicht aus, leugnet sie nicht. Er entwickelt vielmehr Respekt vor anderen Religionen und bezeugt auf diese Weise die von ihm selbst geglaubte Güte Gottes, der er nicht vorzugreifen braucht. Gerade diese Einsicht in das Wesen der Religion ist beispielsweise dort nicht verwirklicht, wo es staatlicherseits Missionsverbote und eine Einschränkung der Religionsfreiheit gibt. Die vor diesem Hintergrund erforderliche und mit einer gewissen Demut zu führende Auseindersetzung mit anderen und zwischen den Religionen hat bisher kaum begonnen, ist nur selten über einzelne Initiativen - wenn nicht sogar nur von Einzelnen - hinausgekommen. Dass ein Dialog zwei Gesprächspartner mit eigenen gefestigten Überlegungen voraussetzt, ist dabei inzwischen ebenso eine Binsenwahrheit wie der Vorwurf, die Bereitschaft zum Dialog führe per se zum Aufgeben des eigenen Standpunkts, unhaltbar.
Den geglaubten Gott nicht für die letztlich beschränkten eigenen Zwecke vereinnahmenDie Größe Gottes kann wohl nur dort richtig verstanden werden, wo sie jenseits des Horizonts eigener Religiosität mit ihrer konkreten spirituellen Färbung angesiedelt wird. Religion muss deshalb immer auch mit Vorbehalten operieren. Sonst besteht die Gefahr, den geglaubten Gott für die letztlich beschränkten eigenen Zwecke zu vereinnahmen. Dies ist die Quintessenz jener aufgrund schmerzlicher Erfahrungen gewonnenen Einsichten der Moderne, hinter die man gerade um der Wahrheit der Religion willen nicht zurückfallen sollte. Die Frage nach der Vernunft des Glaubens im Kontext des wissenschaftlichen Gesprächs sei für den "wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen (...), dessen wir so dringend bedürfen", notwendig, bekräftigte der Papst ja auch in seiner Rede an der Regensburger Universität. Gute Religion sollte angesichts dieser Situation dazu in der Lage sein, dem Menschen sowohl die eigene, als schmerzlich empfundene Zufälligkeit des Daseins als auch die Vielfalt menschlicher Existenz versteh- oder zumindest aushaltbar zu machen. Gleichermaßen verbietet sich jede Überheblichkeit gegenüber denjenigen, die ohne Glauben leben und dabei nichts zu vermissen meinen. Eine solche Haltung muss auch das Christentum bei der Bezeugung des Geglaubten immer wieder neu unter Beweis stellen. Wie sagte Benedikt XVI. in München? "Wir drängen diesen Glauben niemanden auf: Diese Art von Proselytismus ist dem Christlichen zuwider. Der Glaube kann nur in Freiheit geschehen."
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