Gisbert GreshakeDas versteht jedes Kind
Aus: Neue Stadt, 4/2005, S. 4-6
Geboren 1933 in Recklinghausen, studierte Gisbert Greshake Philosophie und Theologie in Münster und Rom. Nach der Priesterweihe 1960 war er als Seelsorger tätig und promovierte bei Walter Kasper in Münster. 1970 bis 1974 war er wissenschaftlicher Assistent in Tübingen und anschließend - bis 1985 - Professor für Dogmatische Theologie und Dogmengeschichte in Wien. Ab 1985 lehrte er Dogmatik und Ökumenische Theologie in Freiburg i. Br. Seit 1999 im Ruhestand, übt er seitdem eine Gastprofessur an der Gregoriana in Rom aus.
GRESHAKE: ... was freilich nicht bedeutet, dass wir vom Dreifaltigkeitsglauben {1} her ein politisches Programm entwerfen können. So einfach lässt sich der unendliche Gott nicht auf unsere endliche Wirklichkeit übertragen.
Natürlich! Leonardo Boff sagt: "Der Glaube an den dreifaltigen Gott ist eine Inspiration für unser Handeln." Das heißt: Wir können aus dem Dreifaltigkeitsglauben auch für die Politik Anstöße ableiten. Wie diese dann ganz praktisch umgesetzt werden, lässt sich vermutlich nur im Dialog mit Politikern klären.
Das kann ich nachvollziehen, wenn ich daran denke, wie die Theologie lange mit dem Thema umgegangen ist. In meiner Studienzeit haben wir manche Vorlesung in diesem Zusammenhang spöttisch als "Dreifaltigkeitsgeometrie" abgetan. Die einzig interessante Frage für mich war dabei, ob die göttlichen Personen zueinander Du sagen können. Auch hier haben wir Studenten gewitzelt und gesagt: "Bestimmt siezen die sich." Dabei war die Frage gar nicht so absurd, weil sie nämlich auf den Kern zielt: auf das Thema "Beziehung".
Recht viel sogar. Dreifaltigkeit heißt ganz knapp zusammengefasst: Gott ist in sich Gemeinschaft. Also: Das Höchste, was "es gibt",
5ist kein einsamer Monarch, kein himmlischer Supervater, kein "kompaktes Absolutum", sondern Gemeinschaft von drei Personen. Wenn ich das im Glauben akzeptiere, hat das enorme Konsequenzen.
Lassen Sie mich noch einen Moment beim Wesen der Dreifaltigkeit bleiben! Dann werden auch die Konsequenzen deutlichen.
In der Tat! Aber die Schlussfolgerungen sind noch viel grundsätzlicher und reichen weit über das Politische hinaus.
Er bedeutet, dass der Andere, wie schon gesagt, zu meiner Ich-Werdung notwendig ist, dass ich ihn andererseits aber nie als Werkzeug für meine Entfaltung gebrauchen darf. Er bleibt immer der Andere, den ich als solchen anerkennen und gelten lassen muss. Das heißt: In den menschlichen Beziehungen wachsen wir aneinander. Und wenn wir nicht aneinander wachsen, gehen Beziehungen kaputt.
Diese Sorge ist unbegründet. Schließlich ist mein Ich das Kostbarste, was ich dem Anderen geben kann. Aber ich gewinne mein Ich umso mehr, je mehr ich mich dem Anderen stelle, mich ihm hingebe. Das kann man - nebenbei gesagt - sehr gut an der Kindheitspsychologie verdeutlichen: Das Kind entwickelt sich auf reife Weise nur am Du der Mutter und des Vaters.
Und ob! Dreifaltiges Handeln - das habe ich eben schon skizziert - bedeutet: Das Anderssein des Anderen ist für die eigenen Identität unabdingbar. Das heißt auch: Nur wenn ich diese Andersartigkeit anerkenne, gelangen wir gemeinsam zur Wahrheit. Wahrheit ist letztlich etwas, das im Dialog geschieht und nicht im Machtkampf, bei dem am Ende "die eine Stimme mehr" darüber entscheidet, was gemacht wird. Natürlich wird es in der Politik immer auch so sein, dass Dinge entschieden werden, weil eben einer das Sagen hat und eine Diskussion beendet, beenden muss, auch wenn es den anderen weh tun mag. Wir leben in einer sündigen Welt, und da wir alle Egoisten sind und bleiben, wird es nicht immer oder sogar in den seltensten Fällen harmonisch aufgehen.
6übrigens in Österreich viel stärker ausgeprägt als in Deutschland.
Auf jeden Fall. Lassen Sie mich nur einen Faktor nennen: Trinität heißt - wie wir sahen - Gleichursprünglichkeit von Einheit und Vielfalt. Aber was wir heute im so genannten Globalisierungsprozess erleben, ist die absolute Vorherrschaft der Einheit. Das Eine setzt sich durch: die eine Weltwirtschaft, die einen Interessen des Großkapitals, die Absichten der einen herrschenden Macht.
Zunächst einmal verlangt es eine große Hochschätzung der anderen Kulturen - und zwar genau gegen den bereits erwähnten Globalisierungstrend, der darauf angelegt ist, eine Einheitskultur zu schaffen. Demgegenüber gilt es, die Kultur des anderen bis zum Letzten zu respektieren! Zur Kultur gehört immer auch die Religion des anderen. Dabei sind auch die anderen Religionen Heilswege Gottes. Denn nach meinem christlichen Glauben ist alles in der Welt in Christus und auf Christus hin geschaffen. Deshalb wird auch in den anderen Religionen das Geheimnis der Liebe Gottes, der Zuwendung Gottes zu den Menschen sichtbar. Dieses Geheimnis gilt es zu entdecken.
Nein, wirklich nicht! Es wäre viel gewonnen, wenn wir uns darauf einigen könnten, die einfache Katechismuswahrheit "Gott ist Gemeinschaft" weiterzugeben. Das kann ich an einfachen Beispielen selbst Kindern klar machen. Und was das bedeutet, ist eigentlich sehr plausibel. Das ist so plausibel, dass man für bestimmte Konsequenzen aus dem trinitarischen Glauben gar nicht unbedingt diesen Glauben ins Spiel bringen muss. Im Grunde genommen schlummert in uns allen das Wissen darum, dass diese Konsequenzen richtig und stimmig sind.
Joachim Schwind
{1} Diesem Interview liegt ein Vortrag von Gisbert Greshake im Rahmen einer Tagung der Katholischen Akademie in Bayern zugrunde. Der Text erscheint in der Zeitschrift "Zur Debatte" Nr. 2/2006 der Katholischen Akademie. Anfragen können Sie an die Redaktion der NEUEN STADT richten.
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