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Stefan Silber {*}

Vielschichtig und lebendig

Neuere Entwicklungen in der Theologie der Befreiung

 

Aus: Herder-Korrespondenz, 10/2006, S. 523-528

 

    Die Zeiten, in denen hierzulande die lateinamerikanische "Theologie der Befreiung" in aller Munde war, sind längst vorbei. Aber die unter diesem Stichwort zusammengefasste Weise, Theologie zu treiben, ist in den Kirchen Lateinamerikas nach wie vor lebendig. Die Theologie der Befreiung erweist sich heute als vielfältiges und vielschichtiges Gebilde und greift neue Herausforderungen auf.

 

Es ist 35 Jahre her, dass Gustavo Guitiérrez mit seinem Buch "Teología de la liberación" einer noch jungen theologischen Bewegung ihren Namen gab, ihre Methode begründete und ihre Tragweite andeutete. Damals und in den folgenden Jahren war die Befreiungstheologie auch in Deutschland in aller Munde. In den letzten Jahren scheint hierzulande das Interesse an den aktuellen theologischen Entwicklungen in Lateinamerika rückläufig zu sein.

Wer diese jedoch aufmerksam beobachtet, wird sich der bleibenden Faszination der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung nicht verschließen können. Denn sie entwickelte sich unter den veränderten politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Bedingungen der vergangenen Jahrzehnte kontinuierlich weiter, stellte sich neuen Herausforderungen und Themen, wurde von neuen gesellschaftlichen Subjekten aufgegriffen und mit neuen Fragestellungen konfrontiert - und ist doch geblieben, was sie von Anfang an war: die theologische Reflexion über das Engagement zugunsten der Befreiung der Armen und aus der Sicht der Armen, die immer stärker auch von den Armen selbst ausgeübt wird.

Vor allem in den letzten zehn Jahren haben sich einige neue theologische Strömungen entwickelt und konsolidiert, die sich der Theologie der Befreiung zuordnen lassen und die der Theologie in Lateinamerika ein neues Gesicht geben. Neue Generationen von Theologinnen und Theologen sind bereits in der Denkweise der Theologie der Befreiung aufgewachsen und prägen sie nun auf ihre eigene Weise. Gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen haben darüber hinaus dazu geführt, dass die Theologie heute einen anderen Stellenwert besitzt als noch vor wenigen Jahren. Die Theologie der Befreiung ist nach wie vor eine lebendige Theologie, die ihren Einfluss auf verschiedene Weise geltend macht und eine weit über Lateinamerika hinausreichende Bedeutung besitzt.

 

Die Jahre der vielen Auseinandersetzungen haben ihre Spuren hinterlassen

Die zahlreichen Anfeindungen, die die Theologie der Befreiung in Lateinamerika erfahren hat, sind an ihr nicht spurlos vorübergegangen. Vor allem innerhalb der katholischen Kirche hat sie gegenüber den siebziger Jahren deutlich an Bedeutung verloren. Viele profilierte Befreiungstheologen wurden wie Leonardo Boff in der Ausübung der Lehre behindert oder gar ihrer Ämter enthoben. Theologinnen der Befreiung hatten in der katholischen Kirche ohnehin aufgrund ihres Geschlechtes geringere Entfaltungsmöglichkeiten. Zahlreiche Bistümer, deren Bischöfe ihre Pastoral an der Theologie der Befreiung ausgerichtet hatten, erhielten - wie im Fall von Hélder Câmara - nach deren Emeritierung einen neuen Oberhirten, der eine andere pastorale Linie vertrat und nicht selten wichtige Entscheidungen seines Vorgängers rückgängig machte. Manche theologische Institutionen, die befreiungstheologisch orientiert waren, wurden aufgelöst. Mit diesen und anderen Mitteln gelang es der Hierarchie in der

 


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Tat, den Einfluss der Theologie der Befreiung innerhalb der katholischen Kirche zu begrenzen und teilweise zurückzudrängen.

Eine Konsequenz dieser Anfeindungen war, dass die Theologie der Befreiung nun ökumenischer und protestantischer geworden ist. Vor allem bei reformatorischen Kirchen in Lateinamerika, wie den lutherischen, methodistischen und baptistischen Kirchen, entwickelten sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten einflussreiche befreiungstheologische Strömungen mit eigener Charakteristik aus. Wichtige Zentren der ökumenischen Zusammenarbeit sind - neben zahlreichen Institutionen in allen lateinamerikanischen Ländern - das Departamento Ecuménico de Investigaciones und die Universidad Bíblica Latinoamericana in San José (Costa Rica).

Die kirchenamtliche Behinderung der Theologie der Befreiung konnte nicht die an dieser Theologie orientierte Pastoral verhindern. Wie in den Gründungsjahren der Theologie der Befreiung wird sie daher bis heute von sehr vielen Laien, Ordensfrauen und Priestern vertreten, die in der Pastoral oder in der pastoralen Bildung tätig sind. Aber auch eine zunehmende Zahl von Christinnen und Christen aus den Basisgemeinden, die selbst zu einer Gruppe gesellschaftlich Marginalisierter und ökonomisch Armer gehören, repräsentiert nun die Theologie der Befreiung und entwickelt sie fort. Die Themenpalette spiegelt diese Entwicklung wider: Neben den klassischen theologischen Traktaten stehen nun auch Fragen, die innerkirchlich marginalisiert werden, wie Homosexualität, Rassismus, Synkretismus, Körperlichkeit auf der Tagesordnung.

Eine weitere Konsequenz der innerkirchlichen Anfeindung, aber auch der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ist die wachsende Bedeutung, die dem Internet für die Fortentwicklung und Verbreitung der Theologie der Befreiung in Lateinamerika zugewachsen ist. Zahllose Foren, Internetdienste, Mailinglisten und Publikationen im Netz ermöglichen den kontinentweiten und globalen Austausch über theologische und gesellschaftspolitische Themen. Wichtig zu nennen sind beispielsweise die von José María Vigil geleiteten Servicios Koinonía (www.servicioskoinonia.org), die neben zahlreichen Online-Publikationen, verschiedenen Mailinglisten und einer ausführlichen Linksammlung über viele weitere Dienste und Spezialseiten verfügen.

Der wichtigste Grund für die Fortentwicklung der Befreiungstheologie besteht jedoch nicht in der innerkirchlichen, sondern in den gesellschaftlichen und weltpolitischen Entwicklungen. Die Unterdrückung und Ausbeutung der Frauen wird heute lateinamerikaweit als gesellschaftliches Problem erkannt. Der Rassismus wird zwar in vielen Ländern noch immer geleugnet oder verharmlost, die Benachteiligung von Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe ist heute aber auf dem ganzen Kontinent ins Problembewusstsein zumindest der Betroffenen gerückt und führt zu selbstbewussten und machtvollen Bewegungen der afroamerikanischen und der indigenen Bevölkerungsgruppen.

Der durch die neoliberale Wirtschaftsentwicklung bedingte Niedergang gewerkschaftlich organisierter Arbeit führte auf dem ganzen Kontinent zu neuen Organisationen von Erwerbslosen, arbeitenden Kindern, informell Beschäftigten, Landlosen, Obdachlosen. Die postmoderne Abkehr von institutioneller Religion und die vielfältigen Aufbrüche neuer und alter religiöser Bewegungen haben die eher religionskritisch eingestellte klassische Theologie der Befreiung auf plurale und komplexe religiöse Erfahrungen hin geöffnet.

Auf Grund dieser vielschichtigen Entwicklungen ist die lateinamerikanische Befreiungstheologie heute ebenfalls vielfältig, bunt und schillernd. Vielfach wird das Etikett "Befreiungstheologie" für diese neuen Entwicklungen sogar abgelehnt, weil es einen begrenzten und inzwischen obsoleten Zugang zur Wirklichkeit suggerieren kann. Es spricht aber für eine Kontinuität der lateinamerikanischen Theologien unter dem bekannten Markennamen, dass die meisten dieser aktuellen Strömungen sich immer noch auf wichtige Leitfiguren der klassischen Befreiungstheologie beziehen: Oscar Romero, Pedro Casaldáliga, Samuel Ruiz, Leonidas Proano, Hélder Câmara und andere Repräsentantinnen und Repräsentanten der Kirche, die von der institutionellen Kirche marginalisiert oder gar verfolgt wurden, sind aktuelle Leitbilder der Option für die Armen, einer zeitgemäßen und den aktuellen Herausforderungen angemessenen Spiritualität sowie eines Bildes von der Kirche, wie sie hätte sein können und vielfältig doch auch geworden ist.

 

Die Option für die Armen: Bleibende Grunderfahrung der Theologie der Befreiung

Der Ausgangspunkt dieser aktuellen lateinamerikanischen theologischen Strömungen ist nach wie vor die konkrete Lebenserfahrung der Armen und der Menschen, die sich zu ihren Gunsten engagieren und sich dadurch entschließen, ihr Leben zu teilen. Der Entschluss, das Leben der Armen zum Ausgangspunkt der eigenen Erfahrung und Rede von Gott zu machen, wird seit den Tagen der Konferenz von Medellín mit dem Begriff der Option für die Armen bezeichnet. Diese Option ist als Wurzel der meisten aktuellen Theologien in Lateinamerika deutlich zu erkennen.

Dies vor allem rechtfertigt es, überhaupt von Theologien der Befreiung zu sprechen. Auch wenn die Option in der Regel ein konkreteres Gesicht angenommen hat und sich zur Option für die unterdrückten Frauen, für die indigene Bevölkerung, für

 


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die verarmten Kinder, für die Farbigen usw. gewandelt hat: Das Leben der Armen, die Erfahrung ihres Glaubens und des Lebens und Glaubens mit ihnen bleiben der Sitz im Leben der lateinamerikanischen Theologien.

Die konkreten Erfahrungen der Armen sind unter den Bedingungen der Globalisierung, der Postmoderne, des Neoliberalismus andere geworden, sie werden auch von einer konkretisierten und auf eine bestimmte Lebenswelt hin zugespitzten Theologie schärfer wahrgenommen. Es bleiben aber Erfahrungen von Armen, von verarmten, ausgebeuteten, unterdrückten Menschen. Vielfach sind ihre Erfahrungen heute schlimmer als vor 35 Jahren. Auch die heutigen Theologien der Befreiung wachsen auf dieser Basis, von der Erfahrung der Armen her, erneuern und entwickeln sich.

Neu ist nun vor allem, dass die Situation der Armut differenzierter analysiert wird und dadurch auch differenzierte Theologien aus den Erfahrungen unterschiedlicher Armer heraus entstehen. Diese Differenzierung ist bereits ab Mitte der achtziger Jahre greifbar. Damals ging es aber vor allem darum, andere Themen aufzugreifen und andere Arme in den Blick zu nehmen. Frauen, indigene und afroamerikanische Mitmenschen wurden aber weitgehend als Andere aufgefasst, weil die Theologie damals vor allem von weißen, oft aus Europa stammenden Männern betrieben wurde.

Heute wird, was damals bestenfalls gewünscht oder gefordert wurde, die Theologie tatsächlich von Frauen, von Angehörigen afroamerikanischer und indigener Kulturen, von Homosexuellen, von Migrantinnen und Migranten aus ihren eigenen Erfahrungen heraus formuliert. Die Anderen werden nicht mehr als Problem der Theologie aufgefasst, sondern sie begreifen sich selbst als Ausgangspunkt der Theologie, welche durch sie korrigiert, fortentwickelt und entfaltet wird.

 

Lebenserfahrungen von Frauen als Ausgangspunkt

Am bekanntesten dürften in Deutschland inzwischen die feministischen Theologien Lateinamerikas sein. In den Anfangsjahren wurde ihren Vertreterinnen oft vorgeworfen, fremde Kategorien nach Lateinamerika zu kopieren und den scheinbar wichtigeren Kampf gegen die ökonomische Armut und die soziale Ausgrenzung hintanzustellen. Inzwischen hat sich die Theologie aus der Sicht lateinamerikanischer Frauen jedoch als wichtiger Motor innerhalb der Befreiungstheologie etabliert. In den letzten Jahren lassen sich wichtige Entwicklun-

 


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gen verzeichnen, die vom Dialog mit anderen feministischen Theologien weltweit, von der Auseinandersetzung mit neuen Fragestellungen in Lateinamerika, wie afroamerikanischen und indigenen Kulturen, Sexualität, Migration, Ökologie und Spiritualität sowie von neuen Erfahrungen aus der konkreten Basisarbeit mit Frauen in den Vorstädten und auf dem Land geprägt sind. Sie sind so vielfältig und vielschichtig, dass es angemessen erscheint, von feministischen Theologien im Plural zu sprechen.

Es kennzeichnet die Mehrzahl der lateinamerikanischen feministischen Theologien, dass sie die konkrete Lebenserfahrung von Frauen, aber auch von Männern, in den Vordergrund stellen und die Rede von Gott von diesen Erfahrungen her entfalten. Der Alltag von Frauen in einem Elendsviertel, die Biografie einer indigenen Migrantin, das Glaubensbekenntnis einer Afroamerikanerin, das traditionelle Religion und Katholizismus integriert: Feministische Theologien in Lateinamerika konstruieren sich aus solchen konkreten Erfahrungen und bilden die Basis für die Kritik und die Dekonstruktion traditioneller Theologien. Eine wichtige Rolle spielen auch Bibelwissenschaftlerinnen wie Elsa Támez und Nancy Cardoso Pereira, die exegetisches Fachwissen mit den Lebenserfahrungen heutiger Lateinamerikanerinnen konfrontieren und dadurch zu einem neuen Verständnis der biblischen Texte beitragen.

In den letzten Jahren wächst der Einfluss ökofeministischer Theologinnen wie Ivone Gebara aus Brasilien und einiger Theologinnen im Umkreis der chilenischen Zeitschrift "Con-Spirando". Ihre Überzeugung von der Einheit und dem Zusammenhang aller Dinge wird von indigenen und afroamerikanischen Theologinnen aufgegriffen und in den Kontext traditioneller Kulturen gestellt. Auf diese Weise gelingt vielerorts der Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern traditioneller Medizin, politischer Basisorganisation und Religion. Feministische Befreiungstheologien sind deshalb in Lateinamerika kein rein akademischer Diskurs, sondern stehen meist durch praktische Basisarbeit im lebendigen Austausch mit marginalisierten Frauen und ihren Erfahrungen.

 

Beteiligungen der indigenen Gemeinschaften

Vor allem in den Jahren seit 1992 haben indigene Theologien sich in Lateinamerika etabliert. Nicht nur in Ländern mit einem starken Anteil indigener Kulturen, wie Mexiko, Guatemala, Brasilien, Bolivien, sondern praktisch in allen Regionen, in denen Menschen sich als indigene Bevölkerung identifizieren, entwickelte sich seither ein neues Selbstbewusstsein der Nachkommen der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner Lateinamerikas. Aus diesem Selbstbewusstsein heraus möchten einige Repräsentanten der indigenen Bevölkerung das Christentum als Teil der Kolonialgeschichte am liebsten ganz zurückweisen. Gleichzeitig hat sich jedoch eine Dialog- und Suchbewegung gebildet, die sich der Auseinandersetzung zwischen Christentum und traditionellen Religionen widmet und auch die vielen Beziehungen und Vermischungen beider über die Jahrhunderte hinweg nicht außer Acht lässt.

Diese Suchbewegung setzt konsequent auf die Beteiligung der indigenen Gemeinschaften selbst. Deren Repräsentanten, Männer und Frauen aus den Dorfgemeinschaften, Katechistinnen und Katechisten, indigene Diakone und Priester, sind daher die wichtigsten Subjekte der indigenen Theologie. Theologen nicht-indigener Herkunft wie Diego Irarrázaval (Chile/Perú), Enrique Jordá (Spanien/Bolivien) und Paulo Suess (Deutschland/Brasilien) verstehen sich daher als Mittler, Zeugen oder Boten einer indigenen Gotteserfahrung, die von ihnen in theologischer Sprache artikuliert wird.

Die Bewegung der indigenen Theologie wächst auf dem Hintergrund einer inkulturierten Pastoral und geht doch über das Paradigma der Inkulturation, das als eurozentrisch gilt, weit hinaus, da sie die indigenen Religionen als Teil der Offenbarung Gottes ernst nimmt und nach dem im indigenen Erbe verborgenen und zugleich offenbaren Wort Gottes fragt. Gleichzeitig reflektiert die indigene Theologie konkrete Situationen der Marginalisierung und Unterdrückung der indigenen Kulturen Lateinamerikas und erarbeitet Strategien der Befreiung, die traditionellen Lösungsvorstellungen entsprechen. Selbstredend sind die indigenen Theologien meist konkret auf eine bestimmte Kultur fokussiert, nennen sich dann auch "Aymara-Theologie", "Maya-Theologie" usw. Es gibt jedoch einen kontinuierlichen lateinamerikaweiten Austausch ihrer Vertreterinnen und Vertreter durch Konferenzen und Publikationen unter dem gemeinsamen Namen Theología India (zuletzt 2002 in Asunción). Die indigenen Theologien Lateinamerikas machen deutlich, was einer ihrer wichtigsten Vertreter, der Mexikaner Eleazar López, nicht müde wird zu wiederholen: Die Urbevölkerung Lateinamerikas wurde Jahrhunderte lang in Staat und Kirche als Problem behandelt; sie ist aber ein Teil der Lösung.

Auch die afroamerikanischen Theologien können hier im Plural genannt werden. Zum einen gehen auch sie meist von konkreten lokalen, regionalen und kulturellen Kontexten aus und entwickeln so ein differenziertes und individuelles Profil. Zum anderen stellen konkrete Lebenssituationen sehr spezielle Herausforderungen dar, die auch zu unterschiedlichen theologischen Entwürfen führen können. Denn auch die afroamerikanischen Theologien setzen verstärkt auf individuelle Fragestellungen und persönliche Erfahrungen. Der alltägliche, versteckte und verleugnete Rassismus bildet das zentrale Thema. Auch biblische Texte werden befragt, inwiefern sie Rassismus verkörpern, verschleiern oder befördern.

Aus der Erfahrung afroamerikanischer Frauen wächst eine eigene feministische Theologie. Farbige Homosexuelle bringe ihre eigene Erfahrung der mehrfachen Marginalisierung in Beziehung zur Rede von Gott. Die Besinnung auf die kulturellen Wurzeln in Afrika und die Erinnerung an Sklavenhandel und

 


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Ausbeutung wird durch die Berufung auf die eigene Identität in einer synkretistischen und vielfach marginalisierten Kultur weiterentwickelt. Auf diese Weise entsteht ein außerordentlich buntes Spektrum von Befreiungstheologien aus der Sicht konkreter Lebens- und Glaubenserfahrungen der afroamerikanischen Bevölkerung.

Aufgrund ihres hohen Anteils an schwarzer Bevölkerung kommt natürlich Brasilien und Kolumbien mit Theologinnen und Theologen wie Antônio Aparecido da Silva und Maricel Mena López eine Art Vorreiterrolle bei den afroamerikanischen Theologien zu. Auch kontinentweit werden sie jedoch in Publikationen und Seminaren wie den inzwischen neun "Afroamerikanischen Pastoraltreffen" gebündelt.

 

Migranten melden sich zu Wort

Andere theologische Entwicklungen wachsen aus den Erfahrungen von Migrantinnen und Migranten, auch hier differenziert nach der Migration innerhalb eines Landes, innerhalb Lateinamerikas und der Migration in den Norden, besonders in die USA. Die Theologie der lateinamerikanischen Migrantinnen in den USA ist denn auch wohl die einzige Entwicklung in der gegenwärtigen lateinamerikanischen Theologie, die sich vor allem außerhalb Lateinamerikas vollzieht. Eine wichtige Vertreterin ist die auch in Deutschland bekannte Mexikanerin Maria Pilar Aquino.

Die Erfahrungen der Migrantinnen und Migranten sind vielfältig: kulturelle Differenzen, wirtschaftliche Not und Hoffnungen, Illegalität, Trennung und Partnerschaft, Sexualität, HIV/AIDS, Solidarität mit den Angehörigen, Rückkehr oder Verbleiben. Aufgrund dieser Erfahrungen entstehen auch in der Theologie und in der Ethik neue Fragen. Auch die feministischen, afroamerikanischen und indigenen Theologien spielen für die Migrantinnen und Migranten, je nach ihrer Identität, eine Rolle. Eine Systematisierung dieser Erfahrungen scheint gegenwärtig erst für die Latinos in den USA zu beginnen. Nach der Selbstbezeichnung mexikanischer Immigrantinnen und Immigranten nennt sich diese Theologie auch chicano-Theologie, einige Theologinnen bezeichnen ihre Arbeit in Abgrenzung zur nordamerikanischen "weißen" feministischen Theologie als womanist- oder mujerista-Theologie.

Eine relativ junge theologische Strömung nennt sich "Befreiungstheologie der Religionen" und widmet sich dem Dialog mit den nichtchristlichen Religionen. Sie entsteht erst seit der Jahrtausendwende und wird vor allem von Vertreterinnen und Vertretern der ASETT (EATWOT), der Ökumenischen Vereinigung der Theologinnen und Theologen der Dritten Welt in Lateinamerika gefördert. Getragen von der doppelten Überzeugung, dass eine Befreiung der Armen ohne Rücksicht auf ihre Religionszugehörigkeit nicht möglich ist, und dass andererseits ein interreligiöser Dialog, der die reale Situation der Armen nicht berücksichtigt, zu einer rein intellektuellen Angelegenheit verkommt, wird mit Nachdruck an einer Theologie gearbeitet, die sich der vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen Religiosität, Armut und Befreiung widmet.

Der interreligiöse Dialog wird hierbei sowohl global auf die traditionell verstandenen Weltreligionen als auch innerhalb Lateinamerikas auf die indigenen und afroamerikanischen Religionen bezogen. Vor allem José M. Vigil und Faustino Teixera treiben diese Entwicklung vorwärts. Neben einigen internationalen Seminaren und verschiedenen Veröffentlichungen zeigt besonders eine Publikationsreihe mit dem ambitionierten Namen "Tiempo Axial", dass es den Protagonisten dieser Strömung um eine grundlegende Neuorientierung der Theologie geht.

Es zeichnet sich ab, dass die traditionelle Religionskritik der Befreiungstheologie zu einer pluralen Theologie der Religionen erweitert werden wird, dass die befreiende Kraft der Religionen - und ihre Macht zur Unterdrückung und Marginalisierung - neu eingeschätzt werden wird und dass die Theologie der Befreiung durch diesen Dialog generell zu einer offeneren Einschätzung der Religionen, besonders auch der "eigenen" lateinamerikanischen traditionellen Religionen gelangen wird. Der Dialog mit der Religionstheologie bringt die lateinamerikanische Theologie der Befreiung darüber hinaus in engen Kontakt mit den neuesten Entwicklungen dieser Theologie in Asien, Afrika und Nordamerika.

Schließlich entwickelt eine nicht unbedeutende theologische Strömung in Lateinamerika die klassischen ökonomischen Themen der Befreiungstheologie unter den Bedingungen des globalisierten Neoliberalismus fort. Ausgehend von lokalen und nationalen Unrechtsstrukturen, die konkret als Ursachen der Armut erfahren werden, stehen die Auseinandersetzung mit den globalen finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Machtzentren sowie die Kritik der kulturellen Grundlagen des Westens im Zentrum dieser theologischen Arbeit.

 


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Die Kritik an den hegemonialen westlichen Überlegenheitsansprüchen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion wird in einer scharfen Imperialismuskritik zusammengefasst und durch den Vergleich mit imperiumskritischen neutestamentlichen Texten wie vor allem der Offenbarung theologisch vertieft. Weit über das althergebrachte befreiungstheologische Feld hinaus begeben sich die Repräsentanten dieser Strömung um den aus dem deutschen Münsterland stammenden Franz Josef Hinkelammert und den in Brasilien lebenden Koreaner Jung Mo Sung in die Bereiche der Kulturkritik, der Ökologie und der Philosophie.

 

Die Theologie der Befreiung entwickelt sich weiter

Man könnte diese Liste ohne Schwierigkeiten weiter fortsetzen. Allein die Vernetzung und Überlappung zahlreicher befreiungstheologischer Felder lässt neue Themen, neue Perspektiven, neue Fragestellungen und neue Theologien entstehen. Auch die Entwicklungen in den verschiedenen christlichen Konfessionen tragen zur Pluralität, Differenziertheit und Vitalität der aktuellen Theologien der Befreiung in Lateinamerika bei. Kontinentweit vernetzen sich die Vertreterinnen und Vertreter der Theologie der Befreiung mit den verschiedenen Sozialforumsbewegungen. Unmittelbar vor dem Weltsozialforum 2005 in Porto Alegre fand daher am selben Ort das "Weltforum Theologie und Befreiung" statt. Schließlich kann man schon erahnen, dass viele dieser neuen theologischen Strömungen auch zu neuen Konflikten führen, in Staat und Gesellschaft, in den internationalen Beziehungen, mit den verschiedenen kirchlichen Hierarchien.

Die Theologie der Befreiung lebt und entwickelt sich weiter. Eine Revolution in Theologie und Kirche, wie von vielen erwartet, konnte sie zwar nicht bewirken. Nach wie vor stellen die Christinnen und Christen in Lateinamerika, die sich auf sie berufen, eine Minderheit dar. Diese vielmals totgesagte und mundtot gemachte Theologie übt dennoch bis heute einen großen Einfluss auf die Kirchen in Lateinamerika aus. Die wesentlichen Anliegen, welche ihre Gründergeneration dazu bewogen, dieser Art des Theologietreibens einen neuen Namen zu geben, werden von den gegenwärtigen Theologinnen und Theologen der Befreiung in einer profunden und vielfältigen Weise weiterentwickelt, die vor 35 Jahren noch nicht zu erahnen war.

Die lateinamerikanische Befreiungstheologie ist heute ökumenischer, laizistischer, differenzierter und in vieler Hinsicht unabhängiger geworden. Sie hat sich durch innerkirchliche Widerstände nicht entmutigen lassen und öffnet sich dafür stärker den Menschen von heute und ihren Anliegen. Durch ihr Ausgehen von den realen Lebenssituationen konkreter Menschen und durch das Aufgreifen postmoderner Analysewirklichkeiten kann sie sich effektiv und glaubwürdig den Fragen der Zeit widmen. Die Bezugnahme auf konkrete Lebenswirklichkeiten und Lebenswelten lässt menschliche Lebenserfahrungen ihre Bedeutung für die konkrete Gestalt der Theologie entfalten. Auf diese Weise arbeiten die vielfältigen neuen Theologien der Befreiung an der Befreiung der Armen mit.

 

    {*}Stefan Silber (geb. 1966) studierte Katholische Theologie in Würzburg und Cochabamba (Bolivien) und leitete 1997 bis 2002 das Diözesane Katechistenzentrum im bolivianischen Potosi. Er promovierte 2002 in Würzburg mit einer Arbeit über den lateinamerikanischen Theologen Juan Luis Segundo und arbeitet seit 2003 als Bildungsreferent am Bildungs- und Exerzitienhaus des Bistums Würzburg im Schmerlenbach.

 

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