Hans WaldenfelsAls Franz Xaver die Antwort schuldig bliebDer Lernprozeß der frühen Jesuiten-Missionare
Aus: Christ in der Gegenwart, 2006/29, S. 214
Nachdem die Jesuiten des heiligen Franz Xaver 2004 anläßlich seines Todes vor 450 Jahren gedacht hatten, jährte sich in diesem Jahr seine Geburt vor 500 Jahren. Anläßlich des ersten Jubiläums veranstaltete der Mainzer Kirchengeschichtler Johannes Meier mit dem Seminar für Mittlere und Neue Kirchengeschichte eine Tagung in der Katholischen Adademie Schwerte. Die dort gehaltenen Vorträge konnten nun zum zweiten Jubiläum veröffentlicht werden. Die im Buchttitel festgehaltenen Leitmotive ergeben sich aus dem Missionsverständnis des Jesuitenordens wie aus dem Wandel, den dieses im Laufe der Neuzeit durchgemacht hat. "Mission" hatte es, wie Michael Sievernich erläutert, zunächst mit der persönlichen Sendung und Beauftragung einzelner oder mehrerer Jesuiten durch den Papst oder den Ordensgeneral zu tun. Erst nachträglich folgte daraus ein territoriales Verständnis, in dem dann bestimmte Gebiete als Missionsgebiete bezeichnet wurden. Nicht zu übersehen ist, daß die Spiritualität des Ordens von ihren Anfängen her von einer - wie Sievernich es nennt - "martialischen", also einer militärisch-kriegerischen, Sprache geprägt ist. Freilich ist die militia Christi, der "Militärdienst" in der Nachfolge Christi, keine Erfindung des Jesuitenordens. Vielmehr lassen sich die Wurzeln einer so angesprochenen Spiritualität in frühere Jahrhunderte zurückverfolgen. Dieser sprachlichen Seite ist allerdings heute nicht zuletzt angesichts des oft militanten Auftretens islamischer Kreise schon aus Gründen der Gerechtigkeit Aufmerksamkeit zu schenken. Denn in dieser Denkweise und Bilderwelt gründet auch das Verständnis der Mission als "conquista espiritual", über das vor allem in den Jahren der Erinnerung an die Entdeckung Amerikas vor 500 Jahren ausgiebig diskutiert worden ist. Auch wenn zu Recht daran erinnert wird, daß im Verständnis des Ordens "conquista" als eine "Eroberung" mit friedvollen Mitteln verstanden wurde, fällt durch die Nähe von politischer Kolonialisierung und Unterdrückung einerseits und christlicher Missionierung vor allem in Mittel- und Lateinamerika, aber auch in Asien und Afrika andererseits ein dunkler Schatten auf die Geschichte der Mission. Zu schnell wurde aus der als "conquista espiritual" verstandenen "Eroberung" eine reale "conquista", mit allen nur denkbaren Untaten einer kriegerischen Eroberung. In diesem Zusammenhang darf erwähnt werden, daß Michael Sievernich in diesem Jahr den immer noch erschreckenden, von Bartolomé de Las Casas verfaßten "Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder" neu herausgegeben hat (Insel Taschenbuch 3162). Die heute unter dem Stichworten "Dialog" und "Inkulturation" eingeforderte Gestalt der "Begegnung" mit fremden Religionen und Kulturen sollte jedenfalls nicht vorschnell auf die Frühzeit der neuzeitlichen Missionstätigkeit übertragen werden. Das bietet sich schon deshalb nicht an, weil der zentrale Inhalt der Sendung für Franz Xaver und die ihm folgenden Generationen nicht die Entdeckerfreude, sondern der Einsatz für die größere Ehre Gottes und das Heil der Seelen war. Für die Zeit Franz Xavers zeichnet Klaus Schatz ein sehr realistisches Bild hinsichtlich dessen Erfahrungen mit nichtchristlichen Religionen. Dabei wird deutlich, wie schwer es für Franz Xaver war, Zeugnis von einem barmherzigen Gott zu geben. Ein fragefreudiges Volk wie die Japaner konfrontierte ihn, der mit einer aufs ganze doch eher heilspessimistischen Einschätzung der Ungetauften zu dem Inselvolk kam, mit einer Fülle von Fragen, auf die er die Antwort schuldig bleiben mußte. Die Überzeugung, daß Gott niemanden unverschuldet in die ewige Verdammnis verstößt, bricht sich erst in unseren Tagen langsam Bahn - jetzt freilich mit dem Ergebnis, daß sie die lange vertretene Bekehrungspolitik der christlichen Mission nicht selten grundsätzlich fragwürdig erscheinen läßt. Der Kulturschock, den die Entdeckung der unbekannten Völker in Europa ausgelöst haben muß, kann nicht stark genug eingeschätzt werden. Auch wenn es vor allem Missionare waren, die durch ihre reiche Korrespondenz das Interesse für die neue entdeckten Länder weckten (vgl. die Beiträge von C. Nebgen, Peter Downes, G. B. González), wirken doch die Zerstörung von Tempelanlagen, Götterbildern und anderen religiösen Gegenständen auch nachträglich noch sehr belastend (Elisabeth Gössmann). Eine Wertschätzung des Fremden wuchs erst sehr langsam im Laufe der Zeit. Die Sendung führte im übrigen die Mitglieder der Gesellschaft Jesu in die verschiedensten Richtungen der Welt. Sie kommen in dem umfangreichen Band mit seinen achtzehn Beiträgen mit unterschiedlicher Gewichtung zur Sprache. Aufgrund einer päpstlichen Mission machte sich Peter Faber (1506-1546), einer der frühen Gefährten des Ordensgründers Ignatius, auf den Weg nach Deutschland, wo er Petrus Kanisius (1521-1597) gewann, der heute als zweiter Apostel Deutschlands verehrt wird (P. Foresta). Asien, der Erdteil, auf den die Tätigkeit Franz Xavers vor allem den Blick zog, zumal die großen Entwicklungen in der Mission in Indien und China, findet wohl aufgrund des wissenschaftlichen Interesses der Seminarteilnehmer eher geringe Beachtung. M. C. Osswald berichtet vom indischen Charakter der Jesuitenkunst in Goa zwischen 1542 und 1655. J. Lederle beschreibt die Entwicklung der südindischen Jesuitenmissionen im Spannungsfeld der europäischen Machtinteressen. Das Hauptaugenmerk richtet sich aber dann in der Mehrzahl der Beiträge - zehn von achtzehn - auf Lateinamerika, einer auf die Anfänge des US-amerikanischen Katholizismus (J. Schmid). Die zahlreichen Fallbeispiele sind hier nicht im einzelnen aufzuführen. Sie laden dazu ein, das Missionsgeschehen nicht pauschal zu beurteilen, da nur eine Fülle von Faktoren ein genaues mosaikartiges Bild ergeben. Die Verflechtungen von Religion und politisch-wirtschaftlichen Interessen der Kolonialmächte, die Missionsmethodik, die Entwicklung von Frömmigkeitskulturen, auch der Umgang mit Kranken, damit verbunden die cartativ-diakonische Einstellung, sowie die sich wandelnde Wahrnehmung des Fremden - all das und anderes mehr sind Facetten, die zu einem Bild der Jesuiten-Mission führen, das auch heute noch keineswegs abschließend gezeichnet werden kann. Wenn heute ein wechselseitiger Lernprozeß in der Begegnung der Völker, der Religionen und Kulturen gefordert wird, lassen sich deren Wurzeln und Anfänge jedenfalls schon in der Tätigkeit der frühen Jesuiten-Missionare wahrnehmen.
Franz Xaver, die Gesellschaft Jesu und die katholische Weltkirche im Zeitalter des Barock. Reihe "Studien zur Außereuropäischen Christentumsgeschichte", Bd. 8 (Harassowitz-Verlag, Wiesbaden 2005,
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