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Christoph Albrecht SJ

Zur Massregelung des salvadorianischen Befreiungstheologen
Jon Sobrino SJ

 

Leider unter dem falschen Vorzeichen

Mit der Notifikation {1} über zwei christologische Bücher Jon Sobrinos bringt die römische Kirchenleitung endlich wieder einmal die befreiungstheologische Diskussion ins Rampenlicht der weltkirchlichen Aufmerksamkeit - leider unter dem falschen Vorzeichen. Die römische Glaubenskongregation bemerkt, dass Sobrinos Werk in zahlreichen theologischen Ausbildungsstätten studiert, gelehrt und reflektiert wird, und gibt die Tatsache dieser verbreiteten Beliebtheit als Grund für diese Notifikation an. Offenbar befürchtet sie, diese theologische Reflexion, die den Glauben an Jesus Christus mitten in die Herausforderungen der geschichtlichen Wirklichkeit von Unterdrückung und Ausbeutung der Mehrheit der Menschen stellt, könne zu grossen Einfluss auf die Gläubigen gewinnen {2}.

 

Die notwendige Vorentscheidung

Sobrino ist einer der grossen Theologen, der seine Reflexion nicht als rein akademische Übung betrachtet {3}. Theologie - wie eigentlich jeden Beruf, wenn man sein Herzblut hinein steckt - kann man nur Gottgefällig treiben, wenn man sich mitten hineingibt, sich betreffen lässt vom Schrei nach Gerechtigkeit und in kritischer Solidarität die Option für die Opfer ergreift, nicht um aus den Tätern neue Opfer zu machen, natürlich, sondern um das zerstörerische Schema von Gewalt und Gegengewalt aufzubrechen.

In dieser Betroffenheit liegt eine Grundentscheidung, die jeder Reflexion vorausgeht. In dieser Betroffenheit lesen wir das Evangelium anders. Die biblische Sprache kennt die Klage Gottes über die verhärteten Herzen, die sich nicht betreffen lassen, die in einer anderen Logik bleiben und Prinzipien über das Heil von Menschen stellen. Auch heute können wir das Evangelium, die Grundwahrheiten der kirchlichen Tradition wie auch das Weltgeschehen entweder mit einem verhärteten oder mit einem betroffenen Herz lesen {4}.

 

Ganz Mensch weil ganz Gott

Bei der Lektüre dieser Notifikation bekam ich den Eindruck eines Zusammenpralls dieser zwei Lesarten. Die Glaubenskongregation wirft Sobrino vor, die menschliche Erfahrung Jesu zu stark zu betonen und dabei die Einheit von Christus (Gott, Logos von Ewigkeit zu Ewigkeit) und Jesus (von Maria geboren) zu gefährden. Als ginge das Menschsein Jesu auf Kosten seines Gottseins. Dagegen ist die beste kirchliche Tradition und die in den ersten ökumenischen Konzilien mühsam errungene Einsicht ja gerade diese, dass Jesus der Mensch par excellence ist, weil er ganz Gott ist. Sobrino unterstreicht die Leidensfähigkeit Jesu und damit die grenzenlose Solidarität mit den Verachteten, Geschundenen, Unterdrückten (eben mit dem gekreuzigten Volk), indem er darlegt, dass Jesus als Mensch nicht wissen konnte, dass er allmächtiger Gott ist, sondern auf Gottes Kraft und Güte vertrauen musste. Aber er hebt die Göttlichkeit Jesu damit nicht auf. Im Gegenteil, weil Gott in Jesus das gelitten hat, was ein Mensch leiden kann, können sich leidende Menschen Gott nahe wissen. Weil sich Gott in Jesus ganz als Mensch für das Reich Gottes eingesetzt hat, können auch wir uns ganz als Menschen für dieses Reich einsetzen, mit der gleichen Hoffnung inmitten von Ohnmacht und Machtlosigkeit gegenüber den Mächten der Gewalttätigen dieser Welt.

Wenn die Glaubenskongregation Sobrino unterstellt, seine Darstellung liesse jenen Interpretationen Raum, die die Göttlichkeit Jesu Christi bestreiten, dann müsste sie umgekehrt auch sich fragen lassen, ob nicht sie der Gefahr erliegt, die Identifikation Gottes mit den Menschen zu verwässern. Was dabei auf dem Spiel steht, ist schon angedeutet. Sobrino leugnet nicht die Göttlichkeit Jesu, sondern erinnert, dass die Identifikation Gottes mit den Menschen vor allem eine radikale Solidarität mit den Leidenden und den Opfern jeglicher Ungerechtigkeit ist.

Ganz Erlöser weil ganz arm

Wer das bestreitet, vergisst den Anspruch Jesu an die Mächtigen und Reichen. Das bezeugen nicht nur die Evangelien, sondern es wird auch im Ringen des Paulus sichtbar. - Weil der primäre christliche Skandal für die Welt, das Kreuz Jesu Christi ist{5} Und weil sich Jesus Christus als Gekreuzigter mit den Menschen identifiziert, gibt er sich auch heute (nicht ausschliesslich aber notwendigerweise) aus der Sicht der in vielfältigster Weise gekreuzigten Völker zu erkennen. Deshalb muss nach Sobrino auch die Kirche von den Armen her gedacht, gebildet und gelebt werden. Sobrino steht mit dieser Erkenntnis nicht allein da, sondern er ist erstens in bester Gesellschaft mit Papst Johannes XXIII. und einer ganzen Reihe von Konzils-Kardinälen {6}.

Zweitens aber hätte ein Ernstnehmen seiner Thesen weitreichende Konsequenzen für die Grundausrichtung der Römisch-Katholischen Kirche. Um ihre Glaubwürdigkeit wiederzufinden muss sie ja ihre Tendenz zum Bündnis mit der strukturellen Gewalt überdenken und fände gerade in Sobrinos Christologie und Theologie zur Kirche der Armen äusserst hilfreiche Anregungen. Denn Sobrinos Christologie kann im weitesten Sinn als theologische Reflexion über das gesehen werden, was in den Kirchen der Basisgemeinden gelebt wird: Gemeinschaft, die sich vom Rand her konstituiert, weil sich ihre Mitte (Jesus), immer wieder am Rand finden lässt, und weil nur von diesem Rand her die Mitte als solche (Christus) erkannt und geachtet werden kann.

Nur in der ständigen Bereitschaft, Jesus Christus immer wieder ganz neu zu entdecken, und zwar in einer Haltung des Staunens, werden auch wir "Gebildeten" fähig, uns auch auf der Ebene des Herzens treffen zu lassen, woher sich Gotteserkenntnis ermöglicht {7}. Und nur wer die Ebene des Herzens in die Auseinandersetzung mit Glaube und Theologie einbezieht, erhält auch immer wieder die Kraft, die Menschen gegen knechtende Systeme und Ideologien zu verteidigen und selbst unter Morddrohungen die christliche Freiheit zu leben {8}.

 

Anmerkungen

{1} Auf Deutsch: Benachrichtigung, in diesem Kontext eine öffentliche Stellungnahme, die die theologische Position des Betroffenen als nicht der Römisch-Katholischen Kirche entsprechend ablehnt.

{2} Ein sich wiederholendes Rollenspiel. Wer ein Herz hat zum Hören, der verstehe!: "Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In ihrer Synagoge sass ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiss, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verliess ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle, und einer fragte den anderen: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa." (Mk 1,21-28).

{3} Dies kommt authentisch zum Ausdruck in seinem Büchlein, das er über das Massaker an seinen Mitbrüdern und dem salvadorianischen Volk schrieb: Sterben muss, wer an Götzen rührt, EditionExodus, Fribourg 1990.

{4} Vgl. Mk 3,1-6.

{5} "Der Sinn der Weltzuordnung der Kirche kann nicht sein, den Skandal des Kreuzes aufzuheben, sondern allein der, ihn in seiner ganzen Blösse wieder zugänglich zu machen, indem alle sekundären Skandale werggeräumt werden (…) Dass der Unsterbliche am Kreuz gelitten hat, (…) ist für den Menschen eine aufregende Zumutung. Diesen christlichen Skandal hat das Konzil (II. Vat.) nicht aufheben können und wollen. Aber wir müssen hinzufügen: Dieser primäre Skandal, der unaufhebbar ist, wenn man nicht das Christentum aufheben will, ist in der Geschichte oft genug überdeckt worden von dem sekundären Skandal der Verkündiger des Glaubens, der durchaus nicht wesentlich ist für das Christentum, aber sich allzu gern mit dem Grundskandal verwechseln lässt und sich in der Pose des Martyriums gefällt, wo man in Wahrheit nur das Opfer der eigenen Engstirnigkeit ist. Sekundärer, selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Rechte Gottes zu verteidigen, nur eine bestimmte gesellschaftliche Situation und die in ihr gewonnenen Machtpositionen verteidigt werden." (Joseph Ratzinger, Das neue Volk Gottes, Düsseldorf 1969, 317-318).

{6} Der Ausdruck "Kirche der Armen" stammt von Johannes XXIII., der zur Einleitung des Zweiten Vatikanischen Konzils drei grosse Aufgaben nannte: Die Öffnung der Kirche zur Welt von heute, die Bewahrung der Einheit der Christen sowie die Anerkennung der Kirche der Armen. Kardinal Lercaro griff dieses Thema auf und erkannte, dass das Konzil dieser Aufgabe nur gerecht werden kann, wenn die Kirche das Geheimnis Jesu Christi in den Armen "zum Zentrum, zur Seele der doktrinalen und gesetzgebenden Arbeit dieses Konzils" macht. (Zit. nach Marie-Dominique Chenu, "Kirche der Armen" auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in Concilium 13 (1977), 233). Sobrino macht nichts anderes als diesen Impuls, der sich dann vor allem in Gaudium et spes niedergeschlagen hat und der von der lateinamerikanischen Bischofssynode in Medellín weitergetragen wurde, christologisch und ekklesiologisch auszufalten und in der konkreten Erfahrung der einfachen Menschen zu verankern.

{7} Vgl. Mt 11,25-30.

{8} Dazu gibt es wohl kein bekannteres und naheliegenderes Beispiel als den Weg, den Oscar Romero gegangen ist von seinem Aha-Erlebnis am aufgebarten Leichnam Rutilio Grandes (ermordet am 12. März 1977) bis zu seiner öffentlichen Aufforderung an die Soldaten, den Schiessbefehl gegen das eigene Volk zu verweigern, womit er natürlich seine eigene Ermordung (erfolgt am 24. März 1980) riskiert hatte.

 

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