Andreas Fincke {*}Eine Chimäre der ReligionsfreiheitWas eigentlich ist Scientology?
Aus: Herder Korrespondenz, 5/2007, S. 251-256
Anfang des Jahres eröffnete die umstrittene Scientology-Organisation ihre neue Hauptstadtrepräsentanz. Vollmundig verkündete man auf Einladungskarten: "Verpassen Sie nicht diese wichtige Veranstaltung, mit der ein neues Zeitalter für Europa beginnt". Neue Zeitalter beschwört man bei Scientology gern. Vor einigen Jahren proklamierte der Vorstandsvorsitzende des so genannten "Religious Technology Center" der Scientology, David Miscavige, im Shrine Auditorium vor tausenden Anhängern ebenfalls eine neue Zeit. "Wir betreten ein goldenes Zeitalter. Wir sind goldene Menschen. Wir sind die neuen Menschen. Die neuen geistigen Anführer der Erde. Wir werden in dem Ausmaß gedeihen, wie wir arbeiten. Wir werden in dem Ausmaß reich an Frieden und Palästen sein, wie wir gute Ordnung und vernünftiges Verhalten aufrecht erhalten und die geistige Gesundheit des Menschen erhalten oder sogar erschaffen. Seit vielen Jahrhunderten haben Sie auf die Lehren gewartet. (...) Sie sind die Schöpfer neuer Länder und neuen Wohlstands, neuer Leute und neuen Lebens" (International Scientology News Nr. 3/1997, 13). Man mag geneigt sein, die Hybris solcher Visionen der Aura des Ortes zuzuschreiben. Denn das Shrine Auditorium ist die Hochburg des Show-Business in Los Angeles. Hier treten die großen Stars auf und hier werden jährlich die begehrten Grammys und die American Music Awards verliehen. Also alles nur ein Rausch, der den Redner, immerhin Repräsentant einer sich Kirche nennenden Organisation, dazu verführt hat, sich und seine Freunde als die Schöpfer neuer Länder und neuen Lebens zu beschreiben? Keinesfalls. Die Visionen sind ernst gemeint, sehr ernst. Was David Miscavige hier ausführte, ein Zitat von dem Gründer und geistigen Vater der Scientology, L. Ron Hubbard (1911-1986), fasst die weltanschauliche Essenz dieser Organisation recht gut zusammen.
252Am Anfang der Scientology-Organisation stand das 1950 von Lafayette Ronald Hubbard veröffentlichte Buch "Dianetics. The Modern Science of Mental Health". Bis dahin hatte sich Hubbard als Science-Fiction Autor einen Namen gemacht. Mit "Dianetics" gelang dem Autor ein erster, größerer Wurf. Das Buch wurde in den USA als Selbsthilferatgeber geschätzt und schnell zum Bestseller. In Europa nahm man das Buch vorerst nicht zur Kenntnis. Erst 1974 erschien eine Übersetzung unter dem Titel "Dianetik: Die moderne Wissenschaft von der geistigen Gesundheit." Im Laufe der Jahre bürgert sich das Kunstwort "Dianetik" ein; es bedeutet soviel wie "durch den Geist" oder "den Geist betreffend". Hubbard glaubte, eine stimmige Erklärung des menschlichen Verstandes, gleichsam die absolut gültige und richtige Wissenschaft vom menschlichen Geist (mind) gefunden zu haben.
"Lieber tot als unfähig"In der Dianetik wird der menschliche Geist als aus zwei Teilen bestehend beschrieben. Den einen Teil nannte Hubbard den "analytischen Mind", den anderen den "reaktiven Mind". Der analytische Mind ist so etwas wie eine perfekt arbeitende Datenbank, in welcher sämtliche Erinnerungsinhalte und alles je Gelernte gespeichert sind. Dieser Teil des Verstandes arbeitet korrekt und fehlerfrei. Alle Probleme, die der Mensch hat, gründen nach Hubbard im reaktiven Mind. Dieser speichert so genannte "Engramme", welche man als unbewusste Erinnerungsinhalte beschreiben kann. Diese Engramme überschatten den analytischen Mind und beschränken so dessen Möglichkeiten. Folgen wir weiter Hubbard, so stammen diese Engramme meist aus vorgeburtlicher beziehungsweise frühkindlicher Zeit. Genannt werden beispielsweise: Erinnerungen des Fötus an die eigene Empfängnis, Abtreibungsversuche, die Geburt, aber auch Schmerzen bei Operationen und andere, traumatisierende Ereignisse. Für Hubbard sind jene Engramme der Schlüssel zum Verständnis der Probleme der Menschen. Sie sind die Ursache von fast allen Krankheiten, Süchten, psychischen Beeinträchtigungen usw. Auch soziale Konflikte wie Kriminalität, Feindschaften oder Kriege gäbe es nicht, wenn Engramme nicht die perfekte Arbeit des analytischen Mind überschatten würden. Folglich kommt der Befreiung des Menschen von seinen Engrammen eine herausragende Bedeutung zu. Der Weg zur Löschung der schädlichen Engramme heißt bei Scientology "Brücke zur totalen Freiheit". Das entscheidende Instrumentarium auf diesem Wege ist das so genannte "Auditing" (lat.: audire = zuhören), ein Setting aus Frage und Antwort zwischen dem Auditor und seinem Klienten. Der Mensch, der auditiert wird, heißt bei Scientology "Preclear". Preclear bedeutet soviel wie Noch-nicht-Geklärter beziehungsweise Noch-nicht-Befreiter. Jemand der mittels Auditing von seinen Engrammen befreit worden ist, heißt "Clear". Clear ist so etwas wie die erste Heilstufe; heute gibt es bei Scientology eine Fülle weiterer Heilstufen. Betroffene beschreiben das Auditing als eine Psychotechnik, welche manipulierend in das Seelenleben des Klienten eingreift und diesen schrittweise vom Auditor und damit von der Scientology-Organisation abhängig macht. In den Schriften Hubbards klingt durchaus an, dass Auditing eine Technik ist, mit der Menschen manipuliert werden können. Am 7. Februar 1965 schrieb er: "Wenn Frau Schmusekuchen zu uns kommt, um ausgebildet zu werden, verwandeln Sie jenen schweifenden Zweifel in ihren Augen in einen festen, entschlossenen Glanz. (...) Die richtige Ausbildungseinstellung ist: 'Du bist hier, also bist du ein Scientologe. Jetzt werden wir dich zu einem fachmännischen Auditor machen, was auch immer geschieht. Wir haben dich lieber tot als unfähig.'"
Die Utopie totaler ErlösungDer Science-Fiction-Autor Hubbard war ein Kind seiner Zeit. Scientology erzählt die Geschichte von der Selbsterlösung des Menschen, wenn er nur die richtige Technik findet und anwendet. Etwa zur selben Zeit, als Hubbard in den USA seine Dianetik als Weg zur Welt- und Menschenverbesserung erfand, propagierte Stalin seinen kommunistischen Übermenschen: Sowjetmacht plus Elektrifizierung ist gleich Kommunismus, wobei Kommunismus ein Synonym für ein irdisches Paradies war. Ein Preclear plus Auditing ist gleich der total befreite Mensch als Schöpfer neuer Länder und neuen Wohlstands. Die spätere "Versektung" der Scientology hat ihre Wurzeln in der Reduktion unterschiedlichster Fragen auf eine Lösung. Versektung tritt häufig ein, wenn die Vielfalt der Fragen mittels eines "Patentrezepts", mittels einer unüberbietbaren Formel, gelöst werden sollen. Bis heute hält Scientology an den völlig überholten, der damaligen Zeit geschuldeten Momenten des Auditing fest. So spricht die moderne Psychotherapieforschung dem Aspekt der Beziehung zwischen Therapeut und Klient einen hohen Stellenwert zu, während Hubbard und die gegenwärtige Scientology darauf beharren, dass es nur auf die richtige Technik ankäme, und Körpersprache, Sympathie und damit das zentrale Thema
253Übertragung beziehungsweise Gegenübertragung für den Verlauf des Auditing unbedeutend seien. Das ist nicht nur völlig falsch, sondern sogar gefährlich, weil es dem Auditor die Sicht auf seinen Klienten und dessen Problemwelt verstellt.
Nebulös ist der genaue Weg der Dianetik in den Rang einer KircheKein geringerer als Erich Fromm hat bereits 1950 in einer Rezension von "Dianetics" auf die Abgründe solchen Denkens hingewiesen: "Hubbards Buch kann kaum als ein Beitrag zur Wissenschaft vom Menschen ernst genommen werden. Ernstnehmen muss man es jedoch als Symptom eines gefährlichen Trends. (...) 'Dianetics' zeigt (...) weder Achtung noch Verständnis für die Komplexität der Persönlichkeit. Der Mensch ist (bei Hubbard - A.F.) eine Maschine und Rationalität, Werturteile, seelische Gesundheit und Glück werden durch eine Ingenieurstätigkeit erlangt." Ferner sprach Fromm von "plumpem Biologismus", er fand "übermäßige Vereinfachungen, Halbwahrheiten und platte Absurditäten" (Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft [Hg.]: Forum Fromm - Fromm Forum Nr. 2/1998, 11). Beflügelt vom Erfolg seiner "Dianetik" veröffentlichte Hubbard in den nächsten Jahren immer neue Publikationen über das eine Thema. Im Grunde finden wir hier kaum Neuigkeiten, Hubbard verlor jedoch seinen Selbsthilfeansatz immer weiter aus den Augen und band die Umsetzung seiner Ideen an eine von ihm zu gründende Institution. Nebulös ist der genaue Weg der "Dianetik" in den Rang einer Kirche. 1954 wurde in Kalifornien die erste Scientology-Kirche gegründet. Dieser Schritt erstaunt, da Hubbards Psychotechnik bis zu jenem Zeitpunkt an keiner Stelle als Religion aufgetreten war. Vermutlich hatte der Verkauf der Psychokurse die Steuerbehörden auf den Plan gerufen, was Hubbard auf die Idee gebracht haben dürfte, sein Geschäft als Kirche zu tarnen. Kolportiert wird eine Bemerkung Hubbards, wonach es töricht wäre, für einen Penny auch nur ein Wort zu schreiben - "wenn man wirklich eine Million Dollar verdienen will, wäre der bessere Weg, seine eigene Religion zu gründen." Ab Mitte der fünfziger Jahre reicherte Hubbard seine Dianetik mit okkulten Elementen an. Aus der Dianetik wurde die Scientology. Das Menschenbild wurde weiter überhöht. Der Mind, welcher anfangs als computergleiche Maschine gedacht war, wurde nun als von der Materie unabhängiges Geistwesen, als so genannter "Thetan" beschrieben. Der Thetan ist der eigentliche Wesenskern des Menschen. Er enthält Verstand, Erinnerungen, Fähigkeiten, aber auch die schädlichen Engramme. Der menschliche Körper wird lediglich als die irdische Hülle des Thetan gedacht. Der Thetan ist der göttliche Funke im Menschen, welcher durch die Technik der Scientology befreit werden muss. Wer die "Brücke zur totalen Freiheit" beschreitet, befreit seinen Thetan und kann als Thetan selbst göttlich werden. Die Probleme beim Erlangen der höheren Seinsebenen gründen jetzt nicht mehr nur in Engrammen aus frühkindlicher zeit, sondern vor allem in mentalen Energiebildern (scientologisch: Faksimiles) aus früheren Inkarnationen des Thetan. Scientology kennt also Reinkarnationsvorstellungen; mitunter können Faksimiles mehrere Millionen Jahre alt sein. Diese Faksimiles müssen durch Auditing beseitigt werden, indem man sich an sie erinnert und sie damit gleichsam "entlädt". Dadurch befreit man den eigenen Thetan und kommt dem Heilsziel, ein (uneingeschränkt) "operierender Thetan" (ein OT) zu sein, näher. Dieser OT führt ein autarkes Dasein in der Unendlichkeit und hat derart weit gehende Fähigkeiten, dass er "Ursache über Materie, Energie, Raum, Zeit und Denken" werden kann. Das Heilsziel der Scientology ist also letztlich die Befreiung beziehungsweise Vergöttlichung des eigenen Thetan. Man könnte diesen OT als Übermenschen bezeichnen. Scientology ist eine Variation jener Ideologie, die in der Neuzeit immer wieder erzählt wird: Die Geschichte vom "neuen Menschen". Der neue Mensch, der sich selbst schafft, sich selbst veredelt und seine - jeweils unterschiedlich gedachte - Entfremdung endgültig überwindet. Dafür gab es im zwanzigsten Jahrhundert unzählige Beispiele; erinnert sei hier nur an den neuen, sozialistischen Menschen, wie er ab 1960 in der DDR von der SED geschaffen werden sollte. Damals glaubte man, dass "in den sozialistischen Brigaden, Kollektiven und Hausgemeinschaften (...) der sozialistische Mensch heranwächst."
Ins Paradies über teure PsychokurseDer Unterschied besteht darin, dass die realsozialistischen Visionen auf das Kollektiv bezogen waren und der Schlüssel zur Erlösung in der Beseitigung des Privateigentums gesucht wurde. Bei Hubbard sind Engramme beziehungsweise Faksimiles schuld an allem Übel; in Ostberlin waren es die Kapitalisten. Beide Weltanschauungen beanspruchten Unfehlbarkeit und damit totale Unterordnung. Die Partei, so hieß es in der DDR, "hat immer Recht". Sie hat "uns alles gegeben, Sonne und Wind und sie geizte nie..." Scientology sagt: "Wir haben alle Antworten auf die Fragen des Lebens, des Universums und der Unsterblichkeit. Jetzt hängt das Klären des Planeten und unsere eigene persönliche Freiheit vollständig davon ab, wie standardgemäß wir sie anwenden (...) Durch präzise und perfekte Technik des Auditing werden wir Leute aus der Dunkelheit heraus ins Licht bringen - das Licht eines neuen Goldenen Zeitalters" (Scientology News Nr. 2/1996).
254Eine überaus skurrile Parallele zu Hubbards Vision vom neuen und unsterblichen Menschen unterbreitete zur gleichen Zeit in Moskau Olga Lepesinskaja (1871-1963) dem alternden Stalin. Sie glaubte zeigen zu können, dass nur die bürgerliche Biologie das Leben an alternde Zellen knüpft, während die neue, sozialistische Biologie den neuen Menschen zum Gegenstand hat und somit auch über neue Gesetzmäßigkeiten verfügt. Und so glaubte die Kommunistin Olga Lepesinskaja eine Rezeptur gefunden zu haben, die das menschliche Leben in nicht gekannte Dimensionen verlängert. Die Ideen der Lepesinskaja sind in Vergessenheit geraten, Scientology schließt noch heute Arbeitsverträge "für die nächsten Millionen Jahre" (!) ab. Bei Scientology führt der Weg ins Paradies über schrittweise immer teurer werdende Psychokurse. Der als Einstiegskurs übliche Kommunikationskurs kostet derzeit etwa 150 Euro, die obligatorischen 12,5 Stunden Auditing 8500 US-Dollar, also mehr als 500 Euro je Stunde. Ferner gibt es für fast alle erdenklichen Lebenslagen spezielle Kurse. Die OT-Stufen kosten jeweils zwischen 10.000 und 25.000 Dollar. Durchschnittlich investiert der Preclear zwischen 40.000 und 50.000 Dollar auf der "Brücke zur totalen Freiheit". Für Sprengkraft sorgen jedoch nicht nur die abenteuerlichen Gebühren, sondern der Umstand, dass Scientology unter ständig wechselnden Namen neue Themen besetzt. So ist man unter dem Namen "Narconon" in der (vermeintlichen) Drogenrehabilitation tätig, bietet als "Applied Scholastics" Nachhilfe für leistungsschwache Schüler an und firmiert als "Jugend für Menschenrechte" in der Menschenrechtsarbeit. Allein im deutschsprachigen Raum können dutzende Initiativen und Homepages genannt werden, denen man als Außenstehender ihre Nähe zu Scientology nicht anmerkt und die doch nur ein Ziel verfolgen: Menschen an die Ideologie der Scientology zu führen.
Gut ist, was stark machtScientology ist eine Organisation mit gewaltigem Machtanspruch. Die Logik ist simpel. "Da Scientology die totale Freiheit bringt, hat sie auch das Recht, die totale Unterordnung zu fordern" (Hubbard). Jeder, der sich der Scientology-Organisation in den Weg stellt oder kritische Fragen stellt, gilt als Feind und Verbrecher. "Wir fanden", so heißt es, "niemals Kritiker der Scientology ohne kriminelle Vergangenheit". Abtrünnige und Kritiker der Organisation werden als "antisoziale Persönlichkeit" oder als "supressive Persons" bezeichnet. Ohne zu zögern heißt es, dass solche "Feinde" zu vernichten sind: "Eine Person, die in den Ethik-Zustand des Feindes zurückgestuft worden ist, gilt als vogelfrei: Man darf ihr Eigentum abnehmen, sie in jeder Weise verletzen, ohne dass man von einem Scientologen bestraft wird. Man darf ihr Streiche spielen, sie verklagen, sie belügen oder vernichten." Diese Anweisung hat Scientology inzwischen außer Kraft gesetzt; wohl, weil sie von Kritikern häufig zitiert wurde. In der Sache zeigen solche Formeln jedoch nach wie vor, welcher Geist bei Scientology weht. Folgt man der Logik der Scientology, so sind alle Nicht-Scientologen minderwertige Menschen oder "Verbrecher". Der Gründer der Scientology zeigt sich visionär: "Vielleicht werden in ferner Zukunft nur dem Nichtaberrierten (d.h. Scientologen - A.F.) die Bürgerrechte verliehen. Vielleicht ist das Ziel irgendwann in der Zukunft erreicht, wenn nur der Nichtaberrierte die Staatsbürgerschaft erlangen und davon profitieren kann. Dies sind erstrebenswerte Ziele, deren Erreichung die Überlebensfähigkeit und das Glück der Menschheit erheblich zu steigern vermöchten." (L. Ron Hubbard, Dianetik, 487) Die Aberkennung der Staatsbürgerschaft für Andersdenkende - das hat sich die SED nur im "Fall Biermann" getraut. Für Scientology ist das eine politische Vision. So ist es kaum verwunderlich, dass gefragt wird, ob Scientology noch auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Scientology versteht sich selbst als "angewandte, religiöse Philosophie" als "Religion der Religionen" sowie als "Kirche". Die Frage, ob Scientology eher Kirche oder Konzern, Gewerbe oder totalitäre Ideologie sei, wird unterschiedlich beurteilt, wobei sich in letzter Zeit eine kritische Haltung durchsetzt. 1991 hatte das Bundesverfassungsgericht festgestellt: "Allein die Behauptung und das Selbstverständnis, eine Gemeinschaft bekenne sich zu einer Religion und sei eine Religionsgemeinschaft, rechtfertigen die Berufung auf diese Freiheitsgewährleistung nicht, vielmehr muss es sich auch tatsächlich, nach geistigem Gehalt und äußerem Erscheinungsbild, um eine Religion und eine Religionsgemeinschaft handeln" (2 BvR 263/86). Von großer Bedeutung in der Diskussion um Scientology war ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts von 1995: Dort heißt es, Scientology sei "eine Institution zur Vermarktung bestimmter Erzeugnisse" und damit keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes. In den religiösen beziehungsweise weltanschaulichen Lehren der Scientology sah die Kammer lediglich einen "Vorwand für die Verfolgung wirtschaftlicher Ziele." Ein 1996 erstelltes Gutachten von Hans-Gerd Jaschke kam zu dem Ergebnis, Scientology sei "eine politische Organisation" mit "langfristigen politischen Zielsetzungen", in deren "Zentrum die Schaffung einer Gesellschaft nach scientologischen Prinzipien" stehe (Scientology - eine Gefahr für die Demokratie, Düsseldorf 1996, 56). Der Gutachter prägte die häufig zitierte Formel, wonach es sich bei Scientology um "eine neuartige Form des politischen Extremismus" handele, da Scientology sich an "Ideen des absoluten, heldischen Übermenschen (orientiert), der die lästigen Fesseln des Liberalismus und der Demokratie abstreift auf dem Weg zu einer Weltherrschaft, die auf totalitären und mit einer demokratischen Verfassung unvereinbaren Grundprin-
255zipien basiert." (59) Jaschke verwies auf den Ehrenkodex der Scientologen, wo es heißt: "Als Scientologe verpflichte ich mich, (...) meinen Teil der Verantwortung dafür zu übernehmen, daß die Scientology in der Welt an spürbarem Einfluss gewinnt." Schließlich stellte Jaschke fest, dass "zumindest eine ganze Reihe von Indizien" dafür sprechen, dass Scientology "längerfristig verfassungsfeindliche Zielstellungen" vertritt und "als totalitäre Organisation Berührungspunkte mit dem politischen Extremismus" habe (61 f.).
Scientology als Phänomen des ZeitgeistesIm Sommer 1997 verständigten sich die Innenminister darauf, Scientology in fast allen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Auf diese Entwicklung reagierte Scientology sehr aggressiv. Der Bundesregierung wurde unterstellt, eine unbescholtene Religionsgemeinschaft zerschlagen zu wollen. In einer Broschüre verglich Scientology die bundesdeutsche Medienlandschaft mit der des NS-Staates. In US-amerikanischen Zeitungen erschienen ganzseitige Anzeigen, die suggerierten, Scientologen würden in Deutschland so verfolgt, wie einst die Juden im so genannten Dritten Reich. Eine Beurteilung der Scientology wird dadurch erschwert, dass verschiedene Ebenen auseinander zu halten sind. Blickt man auf die zahlreichen Angebote zur Lebensbewältigungshilfe, so gehört Scientology in das Milieu der alternativen Psychoszene mit ihren vielfach überzogenen Heilsversprechen. Hier ist die Organisation ein schlechter Anbieter unter vielen. Gemessen an ihrer sozialen Wirklichkeit ist die Scientology-Organisation ein trickreiches Vertriebssystem, das Menschen finanziell und psychisch vereinnahmt. Sucht man eine religionswissenschaftliche Kategorie, so stellt man fest, dass Scientology nichts, aber auch gar nichts mit einer Religion oder Kirche zu tun hat. Aus christlicher Perspektive muss man konstatieren: Es gibt keinen größeren Gegensatz als zwischen dem am Kreuz leidenden Christus und einen sich selbst total befreienden Thetan. Wenn man dennoch nach religiösen Anteilen sucht, dann könnte man Scientology als okkult-magische Technik der Selbsterlösung beschreiben. Fragt man schließlich nach dem weltanschaulichen Gehalt, so handelt es sich bei dem System Scientology um einen aggressiven Sozialdarwinismus in Gestalt einer parawissenschaftlichen Ideologie. Man kann darüber den Kopf schütteln - aber genau in dieser
256schlichten Ideologie besteht das Erfolgsrezept. Die Scientology-Organisation hat Erfolg, weil sie einfache Erlösungsversprechen und die Verheißung eines Übermenschentums in wissenschaftlichem Gewand transportiert. Das Verführerische von Scientology liegt darin, dass manche Trainingsmethoden zur Erzeugung von Unempfindlichkeit und Durchsetzungskraft durchaus wirksam sind und dass Scientology - wenn auch in wahnhaft übersteigerter Weise - mit seiner Power-Verheißung vorzüglich in eine auf Selbstoptimierung ausgerichtete Leistungsgesellschaft passt. Vermutlich ist Scientology deshalb auch in den USA bei Schauspielern und Musikern relativ weit verbreitet. Aus dieser Verheißung erklärt sich auch die Faszination, die für viele Menschen in Osteuropa von Scientology ausgeht. Wer Anschluss an die westlichen Gesellschaften finden möchte, erliegt leicht der Verführung von Scientology. Scientology spiegelt den weit verbreiteten Glauben an die totale Beherrschbarkeit des Lebens wider und übersteigert ihn ins Groteske. Folglich ist Wachsamkeit nötig, jedoch Wachsamkeit mit Augenmaß. Mag sein, dass Scientology die bundesdeutsche Gesellschaft unterwandern möchte - gelingen wird das nicht. Selbst die neue Hauptstadtrepräsentanz in einem erschreckend großen Bürogebäude mit einer Fläche von 4000 Quadratmetern auf sechs Etagen ändert daran nicht. Dennoch ist die Herausforderung groß. Scientology betreibt eine geschickte PR-Arbeit, tritt ständig unter neuem Namen auf, spricht Schüler, Studenten und Multiplikatoren an und verschickt großzügig Materialien an Bibliotheken. Scientology expandiert in Osteuropa und weiß, dass alle Aufregung sich irgendwann legt. Dann wird man sagen: In Berlin hat man sich längst an uns gewöhnt. Dem ist zu widersprechen. Das scientologische Menschenbild ist gefährlich und fordert die christlichen Kirchen heraus. Es ist bedauerlich, dass beide großen Kirchen derzeit ihr Engagement im Bereich der Weltanschauungsfragen reduzieren. Immer häufiger brauchen Ratsuchende sehr lang, bis sie eine kompetente Auskunft erhalten. Es gibt kein Patentrezept gegen Scientology. In den "neuen, geistigen Anführern der Erde" begegnet uns eine neue Form des politischen Extremismus, ein Zerrbild der westlichen Leistungsgesellschaft und in gewisser Weise ein Chimäre der Religionsfreiheit.
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