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Bernhard Grom SJ

Christlicher Zen?

 

Aus: Stimmen der Zeit, 6/2007, S. 361 f.

 

Kirchlichen Bildungseinrichtungen wird immer wieder vorgeworfen, sie würden zu viele Zen-Kurse anbieten, die Unterschiede zwischen Christentum und Buddhismus verwischen und einer pantheistischen Alleinheitsspiritualität Vorschub leisten. Demgegenüber machen Betroffene geltend, daß es längst einen "christlichen Zen" gibt und daß es "als wichtiger Apostolatsbereich erkannt werden (muß), daß suchende Christen, die auf dem Zen-Weg zu einer Erfahrung kommen, vom gesamtkirchlichen Leben Verständnis und Freundlichkeit erfahren und in ihrer Kirche auch eine Möglichkeit sehen, ihre Einsichten und Wünsche einbringen zu können" (Johannes Kopp).

Seit Hugo Makibi Enomiya-Lassalle SJ (18981990) in den 60er Jahren die Ähnlichkeit zwischen Zen-Erfahrung und christlicher Mystik zu belegen versuchte und europäische Christen zur Zen-Meditation anleitete, wurden zwar manche Mißverständnisse ausgeräumt und Brücken geschlagen, doch fragen bis heute Christen wie auch Buddhisten, ob man Zen-Übungen von ihrem mahayana-buddhistischen Ursprung und Hintergrund lösen und in eine christliche Spiritualität integrieren kann. Nun wird Zen nicht nur nach unterschiedlichen Richtungen und Schwerpunkten gelehrt er läßt sich mit seiner Betonung der praktischen Übung und der Absicht, alles unterscheidende Denken und Vorstellen hinter sich zu lassen, auch nur schwer deuten und vom christlichen Glauben her würdigen. Trotzdem sollte der klärende Dialog unbedingt weitergeführt werden, gerade im Hinblick auf jene, die vom Zen etwas Spirituelleres erwarten als nur eine psychohygienische Hilfe, um loszulassen und Streß abzubauen.

Ihnen kann Zen eine Körper-Geist-Schulung ermöglichen, die es in einer so methodisierten, pädagogischen Form innerhalb der christlichen Tradition wohl nur im Jesusgebet gibt. Ein Christ sollte freilich wissen, daß er sich mit den vielen Stunden achtsamen Sitzens und Atmens und allen Koan-Übungen zur Überwindung des begrifflichen Denkens Gottes Zuwendung nicht verfügbar, sondern sich für sie nur wahrnehmungsbereiter machen kann, und daß nach christlichem Verständnis die Gemeinschaft mit Gott nicht an die eher seltenen mystischen Einheitserlebnisse gebunden ist.

Spirituell Interessierten kann der Zen-Weg eine Achtsamkeit mit Leib und Seele sowie eine übergegenständliche Gegenwartserfahrung erschließen, die einzelne Gedanken, Vorstellungen und Gefühle hinter sich läßt und nur noch die offene Weite eines All-Einen wahrnimmt und sich darin selbst vergißt. Dies kann sie dazu befähigen, anthropomorphe Vorstellungen von einem Gott, der wie ein Übermensch im Weltall thront und nur fordert und richtet, zu korrigieren und das alles Umgrei-

 


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fende an ihm zu erahnen. Ein Christ sollte aber nicht meinen, durch Zen oder sonst eine Meditationsweise könne man das Göttliche unmittelbar erfahren und diese Erfahrung sei "jenseits aller kognitiven Vorstellungen" (Willigis Jäger OSB) "transrational" und "transreligiös", weil erhaben über die angeblich so verengenden "Dogmen" der Religionen. Dies wäre naiver Intuitionismus. Wenn sich der Übende mit allem eins fühlt, beruht dies wohl auf einer Entdifferenzierung des Denkens, die er lange eingeübt hat. Und wenn er in der mystischen Einheitserfahrung nicht mehr zwischen dem eigenen Ich und dem Göttlichen unterscheiden kann, erklärt sich dies wahrscheinlich aus einer hochgradigen Absorption der Aufmerksamkeit, in der einem nur noch das bewußt ist, worin man sich gerade versenkt, aber nicht mehr das eigene Ich mit seinen Grenzen. Die erlebte All-Einheit ist also zunächst subjektiv, bedingt durch einen veränderten Bewußtseinszustand.

Ob die erlebte Einheit monistisch als Erfahrung einer wesensmäßigen Nicht-Zweiheit ("Ich bin du du bist ich") auszulegen ist oder theistisch als Vereinigung der erschaffenen menschlichen Person mit dem ganz anderen, erschaffenden Du Gottes ("Ich bin in dir du bist in mir"), ist im normalen Wachbewußtsein zu überlegen. Und dieses persönliche wie auch interreligiöse Erwägen mit Argumenten und Gegenargumenten sollte man nicht als erkenntnisunfähiges "dualistisches" Denken abtun. Denn es gibt keine reine, kognitiv unvermittelte religiöse Erfahrung, von der man ausgehen kann: Unsere Auffassungen vom Menschen und vom Transzendenten beeinflussen jeweils die Erwartung, mit der wir in die Meditation gehen, und bestimmen damit die Meditationserfahrung. Der Übende versenkt sich stets in das, was er annimmt und glaubt. Darum gehört zum östlichen Zen-Weg auch das Sutra-Studium und eine klare Auffassung, was das Absolute ("Nichts") nicht ist: Es gibt eine gegenstandslose, auf einzelne Erwägungen verzichtende, aber keine inhaltslose Meditation.

Das, worin sich ein gläubiger Christ versenkt, wird nicht nur vom Schöpfungsglauben, sondern auch vom Glauben an die besondere Selbstoffenbarung Gottes in Jesus bestimmt, weshalb er das Zeugnis der Bibel als maßgebliches "Sutra-Studium" betrachten wird. Angebote, die in diesem Sinn einen "christlichen Zen" vermitteln manche verbinden sie mit einer täglichen Eucharistiefeier , verdienen ohne Zweifel Unterstützung von kirchlicher Seite. Man sollte die Integration des Zen in die christliche Spiritualität nicht behindern, sondern fördern. Allerdings mit Unterscheidungsgabe und auch nicht ausschließlich, sondern in einer Vielfalt von spirituellen Angeboten, die von christlicher Kontemplation über Bibelkreise bis zu Exerzitien im Alltag reichen und damit den individuellen Ansprechbarkeiten und Bedürfnissen spirituell anspruchsvoller Christen gerecht werden. Schon Hugo M. Enomiya-Lassalle meinte, ein Christ könne mit dem an den Atemrhythmus gekoppelten Jesusgebet wahrscheinlich "alles erlangen, was einem das Zen geben kann und in gewissem Sinne auch noch mehr." Das gilt wohl auch für andere Wege.

 

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