Albert Keller SJGeistige Auseinandersetzung oder Toleranz?
Aus: Stimmen der Zeit, 4/2007, 217f.
Im November 2006 veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Schrift "Klarheit und gute Nachbarschaft", in der auf Unterschiede zwischen Islam und Christentum hingewiesen wird. Die Vertreter muslimischer Verbände sahen in ihr den Islam abgewertet und sagten daraufhin ein mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber geplantes Treffen ab. Dies läßt erkennen, daß die Bereitschaft zum Dialog zwischen Weltanschauungen nicht mit der Bereitschaft zur Kontroverse gleichgesetzt werden darf. Der Ausdruck "fauler Friede" kann nämlich auch als Hinweis verstanden werden, daß geistige Auseinandersetzung anstrengender ist als verschlafene oder gönnerhafte Uninteressiertheit, zumal wenn die Debatte weltanschauliche oder religiöse Themen betrifft. Dieser Mühe gehen wir gern aus dem Weg. Es hieß, einer der Attentäter, der das Flugzeug in einen der beiden Zwillingstürme in New York steuerte, habe jahrelang unauffällig als Student in Hamburg gelebt. Das verwundert durchaus nicht, wenn man bedenkt, was in unserer Gesellschaft üblich ist: Wohl keiner seiner Mitstudenten oder Mitbewohner kam auch nur auf den Gedanken, er solle sich mit ihm einmal über seine religiöse Überzeugung unterhalten. Offenbar gilt die Anstandsregel: Man kann mit einem anderen - unabhängig davon, ob er Deutscher oder Ausländer ist - über alles reden: über Sport und Politik, über Sexpraktiken oder gesunde Ernährung, nur über eines nicht, nämlich über Weltanschauung und Religion. Der falschen und gefährlichen Gleichsetzung von Islam und Fanatismus oder gar Terrorismus ist sicher mit Nachdruck zu widersprechen. Dennoch darf das nicht unser Urteil trüben, daß Terrorismus und Ausschreitungen gegen Andersgläubige sehr viel mit Religion zu tun haben - sei es auch mit deren völlig fehlgeleiteten Form, die sich als Fanatismus äußert. "Fanatismus" leitet sich nämlich vom lateinischen, "fanum" her, das Heiligtum bedeutet. Wem etwas wirklich heilig ist, dem gilt das als höchster unbedingter Wert, und er ist bereit, ihm alles andere zu opfern und dafür über Leichen zu gehen, auch sein eigenes Leben dafür zu opfern. Gewiß ist hier Religion in einem weiten Sinn verstanden. Sie meint dann die Haltung, die irgendein Ziel in der Welt absolut setzt, demgegenüber alles andere zweitrangig und gegebenenfalls auszuräumen oder auszurotten ist. In diesem Sinn gab es fanatische Nazis ebenso wie fanatische Kommunisten oder Nationalisten; auch fanatische Kapitalisten, die für ihre Profite über Leichen zu gehen bereit sind, ließen sich aufweisen. Leider gibt es aber in vielen Religionen im engeren Sinn immer wieder Beispiele eines derart menschenverachtenden Fanatismus - das Christentum liefert in seiner Geschichte dafür selbst beklagenswerte Beispiele, auch wenn diese sämtlich darauf
218zurückzuführen sind, daß das Grundanliegen des christlichen Glaubens nicht begriffen wurde, dem allein der Mensch als "heilig", nämlich als höchster Wert in dieser Welt gelten müßte. Das Wort Jesu: "Der Sabbat ist um des Menschen willen da" (Mk 2,27), belegt jedenfalls, daß für Jesus der Mensch auch über den religiösen Werten rangiert. Wir sind in unserer säkularisierten Gesellschaft einer religiösen Einstellung so sehr entwöhnt, daß wir uns kaum in das Denken fundamentalistisch-islamistischer Attentäter versetzen können. Das aber erschwert jede ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen und macht uns diesem Phänomen gegenüber ratlos. Vom deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte stammt der Satz: "Wer sterben kann, wer kann den zwingen?" Wer bereit ist, sein Leben zu opfern, den kann keine Todesdrohung schrecken. Hier liegt ein entscheidender Grund für die Hilfslosigkeit der westlichen Welt gegen todesbereite fanatische Attentäter: Wer ihnen mit Krieg oder Raketen droht, kann sie nicht beeindrucken. Denn das Ärgste, was ihnen passieren könnte, wäre, daß man sie umbringt. Eben das aber nehmen sie als Fanatiker anscheinend in Kauf, zumal nach ihrer Glaubensüberzeugung ein solcher Tod nur den Übergang in ein besseres paradiesisches Leben darstellt. Daher gehen alle Drohungen bei ihnen ins Leere. Allein dadurch aber, daß man Menschen umbringt, kann man die Ideen nicht beseitigen, die ihr Handeln bestimmen. Wir unterschätzen vielfach die Bedeutung des Geistigen - auch machtpolitisch, obwohl uns die Geschichte eines Besseren belehren könnte. Der Einsatz von technischen und militärischen Mitteln, auch von noch so viel Geld, genügt nicht, solange wir die geistige Auseinandersetzung scheuen und nicht versuchen, unmenschliche Mentalitäten zu bekämpfen und zu korrigieren. Echte Toleranz gesteht jedem Menschen zu, seine eigene Lebensform und Weltanschauung zu vertreten und wird nie einer Gewalt zustimmen, die den anderen zwingen möchte, seine Überzeugung aufzugeben. Aber sie wird anderseits durchaus nicht alle Auffassungen billigen, die der andere vertritt. Gerade wenn mir am anderen liegt, muß ich versuchen, ihn nicht einfach bei seiner Meinung zu belassen, wenn diese für seine Mitmenschen oder ihn selbst gefährlich ist. Vielmehr müßte er es mir wert sein, mit ihm zu diskutieren und zu versuchen, ihn vom Besseren zu überzeugen. Unmenschlichkeiten und Ungerechtigkeiten sind, gerade wenn andere darunter zu leiden haben, keineswegs "um des lieben Friedens willen" tatenlos hinzunehmen. Wer ihnen nicht ihren Lauf läßt, schafft sich Feinde. Aber er wird, wenn er sich am Christentum orientiert, diese nicht gehässig bekämpfen. Seine Empörung wird sich auf das Unrecht konzentrieren - nicht auf diejenigen, die es verüben. Nur wer sich bemüht, das gewiß nicht leichte Gebot Christi zu befolgen: "Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen" (Mt 5,44), kann einen Weg finden, der zu einem echten engagierten Frieden und zu wahrer Toleranz führt und zuletzt allein jedem Terrorismus den Boden entzieht.
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