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Armin Laschet {*}

Pragmatischer als vor ein paar Jahren

Ein Gespräch mit dem nordrhein-westfälischen Integrationsminister

 

Aus: Herder Korrespondenz, 9/2007, S. 445-449

 

    Beim zweiten Integrationsgipfel Ende Juni wurde ein umfangreicher so genannter Nationaler Integrationsplan präsentiert. Was Integration überhaupt bedeutet und wie sich Integrationsbereitschaft fördern lässt, darüber sprachen wir mit Armin Laschet, in Nordrhein-Westfalen Minister für Integration, Generationen, Familien und Frauen. Die Fragen stellte Alexander Foitzik.

 

HK: Herr Minister Laschet, sind die Auseinandersetzungen über den geplanten Bau einer repräsentativen, großen Moschee in Köln-Ehrenfeld symptomatisch für die Selbstfindungsversuche einer neu bekehrten Einwanderungsgesellschaft?

Laschet: Ein solcher Moscheebau macht sichtbar, was sich vor allem in unseren Städten verändert hat. Dass dabei ein gewisses Unbehagen entsteht, wenn Moscheen gebaut und zeitgleich beispielsweise im Bistum Essen fast 100 Kirchen geschlossen werden, ist verständlich. Das kann nicht kalt lassen, wem seine christliche Überzeugung und sein Glaube wichtig sind. Nur dürfen wir es nicht den Muslimen anlasten, dass die Christen nicht mehr in die Kirche gehen, die Bindung zur Kirche immer weiter abnimmt. Deshalb muss auch sehr genau hingeschaut

 


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werden, was das eigentlich ist, was man den Muslimen in besonderer Weise abverlangt. Zudem gewährt nicht nur die Verfassung Religionsfreiheit und damit auch das Recht zum Bau eines Gotteshauses. Gerade ein überzeugter Christ sollte verstehen, dass man nicht in einem Hinterhof oder, wie etwa in Aachen, in einer ehemaligen Tankstelle seine Gebete vollziehen will, sondern in einem schönen, angemessenen Gebäude.

HK: Wie lässt sich ein solcher Bau aber dann möglichst konfliktfrei in einer Stadt wie Köln umsetzen?

Laschet: Da gibt es sehr unterschiedliche Beispiele. In Duisburg etwa wird gerade Deutschlands bislang größte Moschee gebaut. Auch hier ist der Bauherr DITIB, der Dachverband für türkisch-islamische Moscheengemeinden, korrekt: die türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion. Von Anfang an hat man in Duisburg das Gespräch mit den Nachbarn, auch den angrenzenden Pfarrgemeinden gesucht, ein interkulturelles Zentrum integriert. Dort gab es überhaupt keine Proteste. In Köln ist man von Seiten der Religionsgemeinschaft auf die Stadt zugegangen, hat einen Architekturwettbewerb ausgeschrieben, den der renommierte Kirchenbauarchitekt Gottfried Böhm gewonnen hat.

HK: DITIB ist auch in Köln Bauherr und gibt sich dort gleichermaßen offen und dialogbereit. Warum kommt es trotzdem zu solchen massiven Protesten?

Laschet: Interessant ist eine Umfrage des Kölner Stadt-Anzeigers, die ergibt, dass im unmittelbaren Umfeld der geplanten Moschee die Zustimmung zu dem Vorhaben am größten, im Rest der Stadt geringer ist. Bemerkenswert finde ich auch, dass die Kölner Muslime beispielsweise darauf verzichten wollen, den Muezzin-Ruf nach außen zu übertragen - das Bundesverfassungsgericht würde ihnen dies im Gerichtsfall wohl zugestehen. Man will aber bewusst die Nachbarschaft nicht provozieren. Und so hat man mehrere Signale der Integrationsbereitschaft ausgesandt. Überhaupt ist DITIB fast das schlechteste Beispiel, nun kritisch über den Islam zu diskutieren, denn DITIB steht beispielsweise für die konsequente Trennung von Staat und Religion. Wenn Sie in das bisherige Gebäude in Köln hineingehen, fällt Ihnen als Erstes das Bild des Bundespräsidenten ins Auge. Dort finden Integrations- und Deutschkurse statt - alles, was man sich eigentlich wünscht. Wir haben andere muslimische Verbände, die mehr Probleme bereiten.

HK: Politiker und Migrationsexperten begrüßen den Moscheebau als Zeichen, dass die Muslime in unserer Gesellschaft angekommen sind, weil sie jetzt auch ihre Religion hier wirklich leben wollen. In Teilen der Bevölkerung befördert dies offenbar aber eher Ängste und Ressentiments, die Sorge etwa, im eigenen Stadtviertel zu einer Minderheit zu werden ...

Lachet: "Der Islam ist Teil der deutschen Gesellschaft", so hat Bundesinnenminister Schäuble diese Entwicklung auf den Punkt gebracht. Jetzt merken wir in der Praxis, was das bedeuten kann. Drei Millionen Muslime leben in Deutschland, eine beachtliche Minderheit. Diejenigen, die hier geboren sind, werden hier auch bleiben. Und weil sie hier bleiben wollen, bauen sie jetzt auch anspruchsvollere, schönere Gebetshäuser. Aber auch die Ängste in der Aufnahmegesellschaft müssen ernst genommen werden. Sie gehören zu dem Selbstverständigungsprozess eines Einwanderungslandes dazu. Man muss diese Ängste auch aussprechen dürfen. Nicht jeder, der gegen einen Moscheebau spricht, darf gleich als rechtsradikal verurteilt werden, und die Auseinandersetzung darf keinesfalls nur rechtsradikalen Gruppen überlassen bleiben. So ist es auch gut, dass es innerhalb der demokratischen Parteien Diskussionen gibt, so etwa in Köln, wo die CDU nach einem offenen Mitgliederparteitag Ja zur Moschee mit Bedingungen gesagt hat. Das Thema bewegt, und deshalb gehört es auch in die Parteien; in die Union noch mehr als in eine sich nur säkular verstehende Partei.

HK: Beim zweiten "Integrationsgipfel", zu dem die Bundeskanzlerin Ende Juni geladen hatte, wurde ein umfangreicher "Nationaler Integrationsplan" vorgestellt, der die Weichen für die künftige deutsche Integrationspolitik stellen soll. Herrscht aber auch nur annähernd Einigkeit darüber, was Integration überhaupt bedeutet, was Zuwanderern an Integrationsbereitschaft legitimerweise abverlangt werden darf oder welchen Beitrag auch die Aufnahmegesellschaft in diesem Prozess zu erbringen hat?

Laschet: Beim Gipfel und bei der Erstellung des Nationalen Integrationsplans saßen die Migranten selbst mit am Tisch und haben Selbstverpflichtungen für sich formuliert. Alle gesellschaftlichen Bereiche haben mitgewirkt, von den Kirchen bis zum Sport und der Wirtschaft. Jeder hat für seinen Bereich gesagt, was jetzt dringend in Sachen Integration passieren soll. Auch die Parteien sind in diesem Thema spürbar näher aneinandergerückt. Die Union hat endlich erkannt, dass wir ein Einwanderungsland sind, und die Linke, dass man auch Anforderungen an die Migranten formulieren muss. Der Integrationsplan beinhaltet so beide Aspekte, das Fördern und das Fordern - fraglos ein großer Erfolg. Wir führen heute einen öffentlichen Diskurs über Zwangsverheiratungen oder über Deutschkenntnisse, die man Kindern abverlangen muss, weil sie sonst keine Chance haben in unserer Gesellschaft. Insgesamt spricht man viel pragmatischer über diese Dinge als noch vor ein paar Jahren.

HK: Konzentriert sich diese Diskussion aber nicht immer noch zu sehr auf die Integrationsbereitschaft beziehungsweise Integra-

 


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tionsverweigerung der Zuwanderer? Müsste es jetzt nicht mehr darum gehen, was die so genannte Aufnahmegesellschaft leisten muss, um die Zuwanderer, die sie ja braucht, an sich zu binden?

Laschet: Der Schwerpunkt im Programm und in der ganzen Debatte liegt eher auf dem Fördern von Chancen. Ich habe nicht den Eindruck, dass zu viel gefordert wird, auch mit dem Nationalen Integrationsplan nicht. Alle Ebenen überlegen, wo können wir Menschen mit Zuwanderungsgeschichte neue Chancen geben. Innerhalb der Aufnahmegesellschaft ist der Teil, den beispielsweise jeder individuell zu leisten vermag, natürlich eher gering, und es geht vor allem darum, was der Staat tut, wie sich die Zahl der Ausbildungsplätze für Jugendliche aus Zuwandererfamilien erhöhen lässt, wie bessere Bildungschancen erreicht werden können. Bei den Zuwanderern geht es eher um den individuellen Beitrag. Jeder muss für sich täglich entscheiden, wie komme ich in die Gesellschaft hinein, wie erziehe ich meine Kinder, welche Bildungschancen gewähre ich ihnen, wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Die Rollen sind da ungleich verteilt. Als Deutscher kann ich mich immer noch irgendwo in der Mehrheitsgesellschaft einrichten und brauche mich überhaupt nicht mit Integrationspolitik zu beschäftigen.

HK: Angesichts eines spektakulären Ehrenmordprozesses, dem Brandbrief einer Berliner Hauptschule und mit bangem Blick auf die revoltierende Migrantenjugend in der Pariser Banlieue hieß es auch in Deutschland vor einem Jahr, die Integrationspolitik sei völlig gescheitert; überall wollte man Parallelgesellschaften entdecken. Wie lassen sich Erfolg und Misserfolg der Integrationspolitik überhaupt messen, wie wird die Umsetzung der über 400 Selbstverpflichtungen im Nationalen Integrationsplan kontrolliert?

Laschet: Noch fehlen solche Kontrollmechanismen, aber wir sind dabei sie zu schaffen; dies habe ich auch zum Integrationsgipfel angeregt. Wir brauchen Indikatoren, an denen man überprüft, ob diese oder jene Integrationsmaßnahme ein Erfolg war oder nicht. Wenn sich alle im nächsten Jahr zum dritten Integrationsgipfel bei der Kanzlerin treffen, wird man sich einig sein, wie großartig alles geworden ist, nur ist das kein Ergebnis. Der von der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und dem Migrationsexperten Klaus Bade geleitete Zuwanderungsrat hatte angeregt, ein solches Indikatorenmodell zu entwickeln. Der damalige Bundesinnenminister Otto Schily hat den Zuwanderungsrat 2004 aufgelöst. Wir sind aber mit Wissenschaftlern momentan dabei, ein ähnliches Indikatorenmodell zu entwickeln: Wie viele Zuwandererkinder mehr besuchen jetzt das Gymnasium, wie viele gibt es weniger, die ohne Hauptschulabschluss bleiben, sind die Deutschkenntnisse der Kinder besser oder schlechter, wie steht es um die Chancen auf Ausbildungsplätze? Ein ganzer Katalog an Indikatoren also, der durch eine dritte Instanz wie den Zuwanderungsrat geprüft werden muss, ähnlich etwa wie bei PISA. Ein solcher Mechanismus ist für die Integrationspolitik unverzichtbar.

HK: Was sind für Sie in einem solchen Katalog die entscheidenden Kriterien?

Laschet: Für mich ist Integration dann gelungen, wenn jeder seine Bildungschance hat, und wenn es ihm danach gelingt, mit dieser Bildungschance einen Ausbildungsplatz zu finden und eine Arbeitsstelle. Derjenige, der Arbeit hat, ist am weitesten integriert. In einem beruflichen Umfeld gelingt soziale Integration viel leichter, als wenn einer nur von Sozialhilfe lebt; er entwickelt ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Integration scheitert aber, das ist in Frankreich so oder in Berlin, wo Menschen für sich selbst perspektivlos sind.

HK: Die so genannten PISA-Studien haben gezeigt, dass Kinder vor allem aus sozial schwachen Zuwandererfamilien in Deutschland deutlich weniger Bildungschancen haben als in den meisten anderen der gleichfalls untersuchten Staaten. Sind diese Kinder in das bestehende deutsche Schulsystem überhaupt einzugliedern?

Laschet: Ich glaube, ja. Wir haben in Nordrhein-Westfalen versucht, ungefähre Startchancengleichheit als Erstes dadurch zu ermöglichen, dass jeder Deutsch spricht, wenn er in die Schule kommt. Dazu haben wir verpflichtende Sprachtests ab dem vierten Lebensjahr eingeführt und bieten schon im Kindergarten zwei Jahre Sprachförderung an. Damit beginnen jetzt auch andere Bundesländer wie beispielsweise Baden-Württemberg. Dieser Weg ist auch Bestandteil des Nationalen Integrationsplans. Weiterhin muss man das Schulsystem insgesamt durchlässiger machen, Schulwechsel nicht nur nach dem vierten Schuljahr und nach dem zehnten ermöglichen. In unserem neuen Schulgesetz steht, dass jedes Jahr auch in der Hauptschule überprüft werden muss, ob ein Kind nicht vielleicht doch auf eine höhere Schule gehen könnte. Hier muss individuell genauer hingeschaut werden. Und nicht zuletzt brauchen wir für Kinder aus sozial schwächeren Familien überhaupt Ganztagsschulangebote, damit diese beispielsweise auch musische und künstlerische Bildung erhalten. Deshalb bauen wir in Nordrhein-Westfalen derzeit sehr stark die Ganztagshauptschulen aus.

 

"Die Sprache ist der Schlüssel für Bildungschancen"

HK: Die Vermittlung von Sprachfähigkeit galt als die große Schwachstelle der bisherigen Integrationspolitik. Gegen die jüngste Verschärfung des Zuwanderungsgesetzes in punkto Sprachfähigkeit gab es im Vorfeld des Integrationsgipfels deutliche Proteste von Seiten der Migrantenverbände. Legt man hierzulande zu großes Gewicht auf die Sprache als Integrationsfaktor? Klassische Einwanderungsländer wie die USA sehen dies lockerer ...

Lachet: Bei uns hat jemand ohne Sprachfähigkeit im Bildungssystem keine Chance - das gilt auch für deutsche Kinder, die ihre Muttersprache zunehmend schlechter beherrschen. Das mag in den USA anders sein, wo man in

 


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bestimmten Bereichen eben mit Spanisch allein durchs Leben kommt. In Deutschland wird dies nicht funktionieren. Insofern ist und bleibt die Sprache der Schlüssel für Bildungschancen und für beruflichen Erfolg, wer kein Deutsch spricht, scheitert im deutschen Schulsystem und findet danach keine Arbeit. Aber natürlich erschöpft sich nicht die ganze Integrationspolitik in Sprachförderung. Frankreich ist das Gegenbeispiel: Die Kinder und Jugendlichen der Zugewanderten sprechen Französisch und sind trotzdem perspektivlos, weil sie nicht in die französische Gesellschaft hineinkommen.

HK: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Einbürgerungen erstmals wieder gestiegen. Seit dem Inkrafttreten des neuen Einbürgerungsrechtes im Jahr 2000 war diese Zahl Jahr für Jahr gesunken. Die Experten vermuten jedoch, dass 2006 eine Ausnahme bleibt und weiterhin sich viele nicht einbürgern lassen wollen, obwohl sie berechtigt wären. Brauchen wir erneut eine Diskussion über Einbürgerung und Integration?

Laschet: Die Einbürgerung kann sicher nicht ganz am Anfang stehen. Oder anders herum: Jede Einbürgerung ist schon ein Integrationserfolg, denn der, der eingebürgert wird, lebt eine lange Zeit im Land, hat Arbeit, verdient seinen eigenen Lebensunterhalt, hat sich von seiner alten Staatsbürgerschaft getrennt und die neue angenommen, spricht deutsch. Das sind alles Integrationserfolge, nur davon brauchen wir mehr. Es könnten ja deutlich mehr Menschen eingebürgert werden, die es aber nicht tun. Deshalb haben wir uns in Nordrhein-Westfalen eine Einbürgerungskampagne vorgenommen, um mehr Menschen davon zu überzeugen, dass sie mit einer Einbürgerung auch mehr Rechte erlangen, unter anderem das Wahlrecht.

HK: Sind die Hürden zur Einbürgerung nicht doch zu hoch, das Verfahren zu aufwändig und zu kompliziert, wie potenzielle Aspiranten immer wieder beklagen?

Laschet: Ich glaube nicht. Für mich ist das Entscheidende am neuen Staatsbürgerschaftsrecht, dass Kinder mit der Geburt die Staatsbürgerschaft erlangen, man für die Zeit der Kindheit auch die doppelte Staatsbürgerschaft in Kauf nimmt. Das ist ein sehr einladendes Angebot, und es stellt einen ungeheuren Bruch zum alten Staatsbürgerschaftsrecht dar: Bislang galt ja das ius sanguinis, nach dem Deutscher ist, wer von Deutschen abstammt. Jetzt gilt das ius soli; wer in Deutschland geboren ist, ist Deutscher. Das muss sich noch in den Köpfen durchsetzen, aber das war ein ganz wichtiger Schritt. Wer hier lebt, erlangt relativ einfach die Staatsbürgerschaft.

HK: Die ersten Jahrgänge, die in das so genannte Optionsmodell hineingeboren wurden, werden sich demnächst für eine Staatsbürgerschaft entscheiden können und müssen ...

Laschet: Ich bin bislang zuversichtlich, dass das gut funktionieren wird.

HK: Welche Rolle spielt der religiöse Aspekt in dem ganzen Integrationsgeschehen, für die Integrationspolitik?

Laschet: Keine entscheidende. Es gibt auf der einen Seite sehr viele säkulare Muslime und auf der anderen Seite viele Aussiedler, die keine Muslime sind, aber dennoch Integrationsprobleme haben. Es geht darum, wer welche Bildungschancen hat und wie man am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Aber Religion ist insgesamt heute sehr viel stärker zu einem öffentlichen Thema geworden; das war vor zehn oder zwanzig Jahren anders. So wie Muslime ihre Religionszugehörigkeit heute sehr selbstbewusst formulieren, findet auch unter Christen wieder eine engagiertere Diskussion über die eigenen Positionen und Überzeugungen statt.

HK: Eine ausdrückliche Belastung stellen verschiedene Religionszugehörigkeiten also nicht dar?

Laschet: Nein, das kocht höchstens einmal ein bisschen hoch, wie eben im Fall eines Moscheeneubaus. Man spricht heute nur engagierter über Religion - auf Seiten der Muslime ebenso wie auch die Christen wieder stärker über ihre eigenen Überzeugungen und Werte sprechen, und die beiden großen Kirchen wieder stärker Profil zeigen. In den letzten Jahren klang da einfach vieles sehr niedlich und friedlich - jetzt gibt es eine intellektuelle Debatte. Das halte ich für sehr hilfreich, auch für den Integrationsprozess.

 

"Die Kirchen bleiben mit ihrer spezifischen Kompetenz gefragt"

HK: Und jenseits dieser intellektuellen Debatte - vermischen sich da nicht doch gelegentlich auch integrationspolitische Fragen beispielsweise mit der Angst vor einem gewalttätigen Islamismus, stellen muslimische Zuwanderer eine vermeintliche, wie immer geartete Bedrohung dar?

Laschet: Unsere ganze Integrationsdebatte wird an keinem Punkt - das war früher auch anders - unter Sicherheitsaspekten, Fragen der Terrorabwehr oder Ähnlichem geführt, von niemandem und völlig zu Recht! Unsere größte Zuwanderungsgruppe sind die Türken. Und deren Islamverständnis ist nun einmal völlig unverdächtig, mit dem Islam im arabischen Raum nicht zu vergleichen. Von dieser Gruppe geht so gut wie keine Gefahr aus. So gibt es mit einer Ausnahme kein Beispiel eines türkischen Selbstmordattentäters.

HK: Eine Ende Juni veröffentlichte Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien hat ergeben, dass die Religiosität der türkischen Zuwanderer in Nordrhein-Westfalen zurückgeht. Die Verfasser der Studie haben die Ergebnisse als gelungene Integration gewertet. Sie wollten sich, wohl auch zur Überraschung der anwesenden Journalisten, darüber nicht freuen ...

 


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Laschet: Es ist doch auch komisch, wenn wir positiv empfinden, wenn es heißt, das religiöse Engagement nimmt ab, dies gar noch als Integrationserfolg gewertet wird. Für mich als Christen ist eine solche Reaktion zumindest ungewöhnlich.

HK: Bei muslimischen Zuwanderern gilt Religiosität eben doch als Integrationshemmnis ...

Laschet: Wir messen da mit zweierlei Maß. Wenn einer sich in der Moscheegemeinde engagiert, befürchten wir die Unterstützung einer Parallelgesellschaft, im Fall der Pfarrgemeinde gilt dies als ausgesprochen wünschenswert. Und nur am Rande: Beim so genannten Freiwilligen-Survey des Bundes-Familienministeriums, in dem ehrenamtliches Engagement erfasst und untersucht wird, fragt man erst gar nicht nach dem Engagement in einer Moscheegemeinde. Wenn ein deutscher Mann aus Eifersucht seine Frau umbringt, ist das ein Familiendrama, wenn ein Türke es macht, ist es ein Ehrenmord. Mir geht es nicht darum, Ehrenmorde zu banalisieren, aber wir müssen lernen, genau hinzusehen. Und so ist das mit dem religiösen Engagement auch. Eigentlich sollte man Respekt davor haben, und wenn dieses religiöse Engagement nachlässt, können wir das nicht als Integrationserfolg verkünden.

HK: Welche Erwartungen hat vor diesem Hintergrund ein Integrationsminister an die Kirchen in Deutschland?

Laschet: Die Kirchen machen gute Integrationsarbeit seit 30 Jahren. Danach war das Thema in der Politik noch gar nicht angekommen. Sie tun dies aus eigener Motivation heraus. Die gesamte Migrationssozialarbeit wird im Wesentlichen auch von den großen kirchlichen Verbänden, Caritas und Diakonie, getragen. Deshalb erwartet der Integrationspolitiker in erster Linie, dass die Kirchen so weitermachen wie bisher. Dabei würde ich mir wünschen, dass man sich gerade im frühkindlichen Bildungsbereich, in den Kindertagesstätten auch weiter engagiert, selbst wenn die Zahl der evangelischen und katholischen Kinder noch weiter sinkt. Dies ist ein ganz entscheidender Ort kirchlicher Präsenz, wobei niemand verlangen kann, dass ein katholischer Kindergarten 100 Prozent türkische Kinder betreut. Natürlich ist es auch sehr wichtig, dass sich die Kirchen weiter am Dialog der Religionen beteiligen - selbstbewusst und klar in ihrer eigenen Überzeugung und Position.

HK: Beide große Kirchen sind auch Träger weiterführender Schulen. Sollten sich diese nicht gezielt sehr viel stärker für Kinder und Jugendliche aus Zuwanderungsfamilien öffnen?

Laschet: Diese weiterführenden Schulen haben natürlich das "Problem", dass sie aufgrund ihres hohen Qualitätsstandards stark nachgefragt sind. Deshalb müssen sie auch heute schon selbst katholische Kinder zurückweisen. Das erste Ziel ist, dass deutlich mehr Zuwandererkinder auf das Gymnasium gehen, und da gibt es auch sehr viele gute staatliche Angebote. Allerdings täten sich die katholischen Schulen auch selbst einen Gefallen, wenn sie einen bestimmten Prozentsatz von Kindern mit anderem kulturellen Hintergrund aufnehmen würden; alle Beteiligten könnten dabei sehr viel lernen, gerade an interkultureller Kompetenz. Meine Kinder sind beispielsweise auf einem bischöflichen Gymnasium, auf dem es so gut wie keine Zuwanderer gibt.

HK: Engagierte integrationspolitische Erklärungen von Seiten der Kirchenleitung oder rührige kirchliche Wohlfahrtsverbände sind das eine - spielen Protestanten und Katholiken aber insgesamt im Integrationsprozess so etwas wie eine Avantgarde-Rolle?

Laschet: Sie haben diese Avantgarde sicherlich in den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden. Für die kirchlichen Bildungseinrichtungen würde ich mir dies noch stärker wünschen. Trotz aller finanziellen Zwänge darf man nicht dazukommen, sich nur noch um die "eigenen" Kinder zu kümmern. Die Gemeinden haben augenblicklich wohl meist genug mit sich selbst zu tun. Insgesamt ist die Integration jetzt endlich zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema geworden. Jetzt kommt es auf die Substanz an, darauf, dass die vielen Integrationsbemühungen auf allen Ebenen wirklich zu einem Erfolg führen. Da bleiben die Kirchen zweifelsohne mit ihrer spezifischen Kompetenz gefragt.

 

    Der Jurist und Journalist Armin Laschet (geb. 1961) ist seit 2005 in Nordrhein-Westfalen Minister für Integration, Generationen, Familien und Frauen. Von 1994 bis 1998 war er Mitglied des Deutschen Bundestags, von 1999 bis 2005 des Europäischen Parlaments. Von 1991 bis 1994 war Laschet Chefredakteur der Kirchenzeitung für das Bistum Aachen und seit 1995 leitete er den Einhard-Verlag.

 

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